Bücherbrief

Erzähler von Gnaden

10.10.2016. Goran Vojnovic löst mit seinem Romandebüt eine slowenische Staatsaffäre aus. Olga Martynova verführt uns mit Engeln. Ian Kershaw beschreibt den Höllensturz Europas in den Ersten Weltkrieg. Anja Meyerrose betrachtet Männer im Anzug. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Oktober.
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Weitere Anregungen finden Sie in unserer Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen


Literatur

Goran Vojnovic
Vaters Land
Roman
Folio Verlag, Wien - Bozen 2016, 256 Seiten, 22,90 Euro

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Der Autor und Regisseur Goran Vojnović ist ein enfant terrible, sein Romandebut "Čefurji raus!" löste in Slowenien eine Staatsaffäre aus, die zum Rücktritt des Innenministers führte. Auch in seinem neuen Roman fasst der Slowene mit kroatischen Wurzeln ein noch immer heißes Eisen an, geht es doch darin um einen jungen Mann, der feststellen muss, dass sein Vater, ein untergetauchter General, ein gesuchter Kriegsverbrecher ist. Als ein Buch zwischen Glauben, Schmerz, Wut, Scham und Trauer, gefasst in eine große kindlich verspielte Leichtigkeit, beschreibt Birgit Veit "Vaters Land" in der NZZ, Marina Bolzli preist es in der Berner Zeitung als einen "lesenswerten Roadtrip, mit der richtigen Dosis Schwermut" und Jeannette Villachica schreibt in der Wiener Zeitung, Vojnović habe einen "fesselnden, unsentimentalen und dennoch berührenden Roman über die Auseinandersetzung mit den Erlebnissen während der Balkankriege" vorgelegt. In der FR lobt Norbert Mappes-Niediek das Vermögen des Autors, in treffsicheren filmreifen Szenen zu demonstrieren, wie Sprache, Manieren, schlimme Erinnerungen und die Last der Geschichte in der jugoslwawischen Nachkriegsgeneration wirken. Dabei hebt Mappes-Niediek auch die Leistung von Klaus Detlef Olof hervor, den derben "Jugo-Slang" der Ljubljaner Jugend angemessen ins Deutsche übertragen zu haben.

Olga Martynova
Der Engelherd
Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 368 Seiten, 23 Euro

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Keine Sorge, auch wenn es in Olga Martynovas Roman "Der Engelherd" um Engel geht, die unter den Menschen existieren, ist mit Frömmelei oder esoterischen Anwandlungen nicht zu rechnen, versichern die Rezensentinnen. Zwar liebäugele die Autorin in der Geschichte um einen alternden Schriftsteller und seine junge Geliebte "auf intelligente Weise mit dem Kitsch", wie Meike Feßmann im Tagesspiegel feststellt, dennoch handelt es sich um ein "hochambitioniertes Projekt, in dem das Triviale mit dem Wunderbaren versöhnt werden soll". Der Stoff ist schwer und der Roman durchaus anspruchsvoll konstruiert - mit doppeltem Boden und mehreren Erzählebenen -, versichert Judith von Sternburg in der FR, doch Martynova führe dabei "mit federleichter Hand an existenzielle Abgründe". Auch Rose-Maria Gropp (FAZ) steht staunend vor diesem unheimlichen und komplexen Gebilde von einem Roman, muss grausame Bilder und den Blick in Abgründe ertragen und einer "metaphysischen" Struktur folgen, die jede intellektuell erfahrbare Realität transzendiert. Für die Literarische Welt hat sich Britta Heidemann mit der Autorin unterhalten.


Cesar Aira
Eine Episode im Leben des Reisemalers
Roman
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2016, 128 Seiten, 16 Euro

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Der Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas steht im Mittelpunkt von César Airas Kurzroman "Eine Episode im Leben des Reisemalers". Es geht um eine Lateinamerikareise mit Alexander von Humboldt, bei der Rugendas einen schweren Unfall erlebt, aufs Fürchterlichste entstellt wird, aber im Morphiumrausch zu ungeahnter malerischer Wucht findet. Da ist er also wieder, dieser "Überwältigungskünstler ohne Angst vorm Schleudertrauma", freut sich Jörg Plath in der NZZ und rät den Lesern, sich vorsorglich besser anzuschnallen. Wie der Autor die Genres der Reisebeschreibung und der Biografie auseinandernimmt und die Landschaftsmalerei gleich mit, hat Plath imponiert. Ralph Hammerthaler (SZ) findet großes Vergnügen an den Widersprüchen, dem Fantastischen und Unwahrscheinlichen des Romans: Airas "monströse" Einbildungskraft kommt drin gut zur Geltung, meint er. Mathias Schnitzler (Berliner Zeitung) hält den Roman gar für "Airas Meisterstück". Tobias Wenzel ist fürs DRadioKultur mit dem argentinischen Autor durch Schöneberg spaziert. Und für den Merkur haben sich Ekkehard Knörer und Samir Sellami ausführlich mit Aira unterhalten.


Anna Weidenholzer
Weshalb die Herren Seesterne tragen
Roman
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2016, 192 Seiten, 20 Euro

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Ein Glücksforscher auf Feldforschungsreise in einem eher glücklosen Kaff - der Protagonist von Anna Weidenholzers Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen" könnte glatt von Loriot stammen, stellt Christoph Schröder in der taz entzückt fest. Er zeigt sich beeindruckt, wie es der Linzer Autorin gelingt, ihren Text in der Schwebe zu halten, sein Geheimnis nicht anzutasten und statt eines gut verzahnten Plots auf Abschweifungen, feine Beobachtungen und die genaue Schilderung von alltäglichen Skurrilitäten zu setzen. In der FAZ hebt Sandra Kegel die Kontrastierung von allerhand absonderlichen Situationen und hinreißenden Beobachtungen mit der nüchternen Sprache der Autorin hervor. Auch die Offenheit des Textes gefällt ihr. Und der traurige Ernst, der die Hauptfigur umgibt, verweist Kegel auf ein weiteres Thema des Buches: Angst. Für Zeit Online hat die Autorin eine fünfminütige Videolesung aufgenommen.


Hanna Diyab
Von Aleppo nach Paris
Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwig XIV.
Die Andere Bibliothek, Berlin 2016, 492 Seiten, 42 Euro

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1993 tauchte in der Vatikanischen Bibliothek das Manuskript eines Reiseberichts aus der Zeit Ludwig XIV. auf. Von Aleppo über Tripolis, Saida, Zypern, Ägypten, Libyen, Tunis nach Livorno, Genua und Marseille, von dort durch das Rhonetal nach Paris führt der Weg des zwanzigjährigen syrischen Weltenbummlers Hanna Diyab, dessen Aufzeichnungen nun bei den Rezensenten für Begeisterung sorgen. Als ein "Erzähler von Gnaden" erweise sich der Autor, schwärmt Tilman Spreckelsen in der FAZ von der Fabulierlust und dramaturgischen Rafinesse des Textes, die ihn an "Tausendundeine Nacht" erinnert - was gut passt, denn deren Aufzeichnungen durch den französischen Philologen Antoine Galland fallen in diese Zeit, und Diyab konnte sogar einige Geschichten beisteuern, wie Spreckelsen erfährt. Hans Pleschinski (SZ) verzaubern die Neugier und der fremde Blick unter anderem auf europäische Gepflogenheiten, etwa am Hof des Sonnenkönigs, bei Hinrichtungen in Paris und Abenteuern in Marseille und Istanbul. Bei Faustkultur ist das Vorwort des Übersetzers Gennaro Ghirardelli zu lesen.


Sachbuch

Ian Kershaw
Höllensturz
Europa 1914 bis 1949
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2016, 768 Seiten, 34,99 Euro

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Ausschließlich hymnische Besprechungen, wenn auch mit leicht apokalyptischen Untertönen. Das Beklemmende ist eben, meint Eckhard Fuhr in der Welt, dass Ian Kershaw es schafft, dem scheinbar abgedroschenen Thema höchste Aktualität zu geben - oder besser gesagt: Die Aktualität ist da, Kershaw macht sie deutlich. Denn es brodelt wieder an den gleichen Rändern Europas, mit denen das ganze Schlamassel 1914 anfing. Die ganze Erfahrung eines Forscherlebens steckt da drin, meint Hans-Peter Schwarz in der FAZ und erkennt, wie der Autor zwar dazu tendiert, Alltagsgeschichte zu schreiben, jedoch sich niemals ausschließlich auf eine Sicht der Dinge beschränkt. Auch wenn nichts grundlegend Neues dabei herauskommt, den Beleg, dass ein einzelner Gelehrter eine narrative historische Gesamtdarstellung aus einem Guss zu liefern imstande ist, erbringt der Autor laut Schwarz auf bravouröse Weise. Warum aber das Jahr 1949, fragt Thomas Kielinger in einem Interview mit Kershaw in der Welt, wegen der Gründung der Bundesrepublik? Nein, es war das Jahr, "in dem die Sowjets ihre erste Atombombe zündeten. Das atomare Wettrennen hob an, der Kalte Krieg entwickelte seine gestaltende Kraft - ein Ausblick auf den zweiten noch zu beendenden Band meiner Geschichte."

Christoph Bartmann
Die Rückkehr der Diener
Das neue Bürgertum und sein Personal
Carl Hanser Verlag, München 2016, 288 Seiten, 22,00 Euro

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Christoph Bartmann war im Lauf seiner Karriere Chef von Goethe-Instituten an verschiedenen Orten der Welt - er ist also in der Position, über "Personal" und seinen Status zu sprechen. Und so ist es auch: Basierend auf seinen Erlebnissen mit Portiers, Reinigungskräften und Kindermädchen in einem Apartmenthaus in der New Yorker Upper West Side hinterfragt Bartmann kulturell irritiert und essayistisch seine eigenen moralischen Serviceängste und stellt soziale Fragen der Gegenwart, erläutert Jens Bisky in der SZ. In der Tat ist das neue Bürgertum umgeben von "Personal", nur wesentlich anonymer als seinerzeit: Es kommt in Gestalt polnischer Putzfrauen, pakistanischer Taxifahrer oder studentischer Pizzaboten. Dahinter stecken laut Hannes Hintermeier in der FAZ die Zementierung sozialer Ungerechtigkeit und Schwarzarbeit einerseits und der Zugewinn von Zeit fürs zerstreute Nichstun nebst Verlust praktischer Alltagskompetenz andererseits. Für den Autor ein doppelt schlechtes Geschäft. Fragt sich nur, ob nicht auch das schlechte Gewissen ein Aspekt des bürgerlichen Komforts ist. Und die Frage, ob nicht das guatemaltekische Personal seinen Status als ersten Schritt eines Aufstiegs sieht, scheint Bartmann - zumindest wenn man den Rezensionen folgt - nicht zu stellen. Fürs DRadioKultur hat sich Christian Rabhansl mit Bartmann unterhalten.

Peter Moore
Das Wetter-Experiment
Von Himmelsbeobachtern und den Pionieren der Meteorologie
Marebuchverlag, Hamburg 2016, 560 Seiten, 26,00 Euro

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Eine Geschichte von Pionieren, die sich oft genug zum Gespött ihrer Mitwelt machten, weil sie die verrückte Idee hatten, das Wetter voraussagbar zu machen, erzählt Peter Moore in "Das Wetter-Experiment". Der Telegraf half ihnen bald dabei, dann wurden Korrespondentennetze aufgebaut und erste Wetterkarten gezeichnet - alles im 19. Jahrhundert. Wie der Autor in bester angelsächsischer Tradition "romanhafte" Lebensläufe erzählt, wissenschaftliche Ergebnisse referiert und das Abenteuer Meteorologie mit suggestiver Spannung und atmosphärischer, den Geist der Epoche erfassender Dichte vermittelt, hat die Rezensenten schwer beeindruckt: Für Günther Wessel (DRadioKultur) hat Moore eine "glänzende Wissenschaftsgeschichte" vorgelegt, die nicht zuletzt auch als Appell an Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu verstehen sei, die Klimakatastrophe zu verhindern. In der FAZ lobt Thorsten Gräbe besonders die Quellenausbeute des Autors, seine einfühlsamen Forscherporträts und Berichte über abenteuerliche Ballonfahrten und Regenmacherei.

Anja Meyerrose
Herren im Anzug
Eine transatlantische Geschichte von Klassengesellschaften im langen 19. Jahrhundert
Böhlau Verlag, Wien 2016, 359 Seiten, 40,00 Euro

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Anja Meyerrose sucht laut Rezensenten einen originellen und überraschenden Quereinstieg in die Moderne, indem sie sich einem ihrer symbolischen Gegenstände - dem Anzug - zuwendet und ihn historisch, technologisch und soziologisch untersucht. Zugleich erzählt die Autorin dabei eine angelsächsische Wirtschafts- und Fortschrittsgeschichte, von Web- und Färbeverfahren, und berichtet letztlich von der Umgestaltung einer ganzen Nation, meint Hannelore Schlaffer in der FAZ. Das gelingt laut Rezensentin, da Meyerrose den Mann als Konsumenten betrachtet, abhängig von der Textilindustrie. Laut Brigitte Werneburg (taz) gelingt Meyerrose nebenbei außerdem eine Revision der Modegeschichte, indem sie darlegt, dass maßgebliche Veränderungen in der Männermode im Aufstieg der Kaufleute wurzeln. Stilbildend war aber auch der britische Landadel, erzählt Christian Schröder im Tagesspiegel: "Landadlige bewegten sich viel draußen, reitend, jagend oder bei Landpartien, und benötigten eine Kleidung, die bequem war. Dazu passten keine Rüschen, Fransen, Borten und Litzen. Der riding coat wurde zum Vorbild des Fracks."

Kristin Helberg
Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns
Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2016, Gebunden, 272 Seiten, 24,99 Euro

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Kristin Helberg ist Radiojournalistin und erfahrene Syrien-Berichterstatterin. In diesem Buch will sie offenbar dem deutsche Publikum Angst vor den Flüchtlingen nehmen. Paul Munzinger lobt in der SZ die einfachen, pragmatischen Ratschläge für eine gelungene Integration, die die langjährige Syrien-Korrespondentin in ihrem Buch gibt: Einfach mal plaudern oder grillen, dann klappt das schon mit dem syrischen Nachbarn. Dass die Autorin sich an die Deutschen richtet, nicht an die Migranten, findet er sinnvoll. Zusätzlich vermittelt ihm die mit einem Syrer verheiratete Autorin, wie die Flüchtlinge "ticken". Anekdotenreich berichtet sie aus dem syrischen Alltag und schneidet den deutschen dagegen, erklärt Munzinger und versteht das als deutsch-syrische Landeskunde mit kühlen Thesen, streitlustigen Beiträgen zur Debatte und viel Sympathie und Trauer für ein zerstörtes Land und seine Menschen. In einem Beitrag für das Online-Magazin Qantara, das den "Dialog mit der islamischen Welt" sucht, plädierte Helberg jüngst an die höhere Vernunft Russlands, das international und diplomatisch besser dastehe, wenn es Baschar al-Assad fallenlasse. Im DLF hat sich Christiane Florin, im DRadioKultur Ute Welty mit Helberg unterhalten.