Ian Kershaw

Höllensturz

Europa 1914 bis 1949
Cover: Höllensturz
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2016
ISBN 9783421047229
Gebunden, 768 Seiten, 34,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Klaus Binder, Bernd Leineweber und Britta Schröder. Europa am Abgrund: Das europäische zwanzigste Jahrhundert war geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen. Europa erlebte gewaltige Turbulenzen, die Hölle zweier Weltkriege in der ersten Jahrhunderthälfte und tiefgreifende Veränderungen. Der britische Historiker Ian Kershaw erzählt die Geschichte dieses Kontinents vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit des beginnenden Kalten Kriegs Ende der vierziger Jahre, nachdem die europäische Zivilisation an den Rand der Selbstzerstörung gelangt war. Ethnische Auseinandersetzungen, aggressiver Nationalismus und Gebietsstreitigkeiten, Klassenkonflikte und die tiefe Krise des Kapitalismus waren die treibenden Kräfte, die Kershaw dabei besonders in den Blick nimmt. Neben den großen Entwicklungslinien in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft schildert er auch immer wieder Erlebnisse und Erfahrungen einzelner, die einen Eindruck geben vom Leben im Europa der ersten Jahrhunderthälfte.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.10.2016

Rezensent Klaus Hillenbrand wünschte, Ian Kershaw würde von jenen gelesen werden, die in der Krise der EU, der Annexion der Krim und der Unterhöhlung der Demokratie nichts Unheilvolles erkennen können. Wenn der britische Historiker die europäischen Katastrophen analysiert, springen dem Rezensenten durchaus die Parallelen zu den aktuellen Krisen ins Auge. Voller Überzeugung und Bewunderung für Kershaws "glänzend geschriebenes" Geschichtswerk, stellt sich Hillenbrand hinter dessen Thesen und dankt ihm für die Erweiterung des Blickwinkels um eine "europäische Dimension"auf die Geschehnisse damals und heute, mit Erkenntnispotential.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2016

Ulrich Herbert ist rundum zufrieden mit Ian Kershaws Blick auf die Vielfalt Europas. Dass es keine gemeinsame europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt, lässt ihn der Autor gut erkennen. Herbert folgt dem Autor bei seinem strukturell konventionellen, chronologischen und den Begriff Europas geografisch begreifenden Versuch, das Signum der Epoche zu bestimmen. Kershaw findet es laut Herbert in der Konfrontation von Demokratie und Diktatur. Die Frage, wieso sich Europa in den 40er Jahren selbst zerstörte, erörtert der Autor sodann anhand einzelner Länder, für Herbert sprachlich angenehm zurückhaltend wie präzise. Dass die Kolonialpolitik eher knapp abgehandelt wird, enttäuscht Herbert zwar etwas, allerdings entschädigt ihn die eingehende Betrachtung deutscher Verhältnisse im Buch. Hier kann Kershaw dem Rezensenten zeigen, dass es zum Aufstieg Hitlers durchaus Alternativen gegeben hätte und wie breit die Unterstützung der NS-Politik und des Krieges durch die Bevölkerung war. Die wesentlichen Ursachen für den Höllensturz stehen Herbert nach der Lektüre klar vor Augen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.10.2016

Der hier rezensierende Historiker Jörn Leonhard hat Ian Kershaws groß angelegtes Panorama der Jahre 1914 bis 1949 mit Gewinn gelesen. Wie der britische Historiker chronologisch die Zeitläufe von der Phase vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum "Aufstieg aus der Asche" nach 1945 durchmisst, konkrete Erfahrungsräume und strukturierende Leitmotive einflicht und sorgfältig Ergebnisse internationaler Forschung berücksichtigt, findet der Kritiker vorbildlich. Darüber hinaus gelingt es Kershaw nicht nur ganz ohne Abschweifungen, dicht, erhellend, schlicht brillant zu erzählen, sondern auch aktuelle Fragen aufzuwerfen, lobt der Rezensent, der diesem klugen, schonungslosen und im "besten Sinne beunruhigenden" Buch wichtige Einsichten in das vergangene Jahrhundert verdankt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.09.2016

Große Geschichtserzählungen sind beliebt, meint Kurt Kister. Mit Ian Kershaws neuem Buch über die Geschichte Europas zwischen 1914 und 1949 erkennt der Rezensent auch, warum. In bester angelsächsischer Tradition historischen Erzählens, ereignisvoll, im besten Sinne sprunghaft, analytisch, stets den großen Bogen spannend, berichtet Kershaw von der dunkelsten Phase Europas und verdeutlicht dem Rezensenten, wie wenig Zeit seitdem vergangen ist. Nationalismus, territoriale Ansprüche, Klassenkampf, das sind die großen Strömungen, auf die der Autor laut Kister abhebt und die er immer wieder auf die Gewaltherrschaft in Deutschland zurückführt. Wie die Wirtschaftskrise ab 1929 den Diktatoren Raum schuf, kann der Autor Kister schlüssig erläutern. England und das Empire oder der Balkan bleiben im Buch eher blass, meint Kister, aber wie Deutschland unter Hitler Europa zerschmetterte, lässt sich umso besser mit Kershaw erkennen. Für Kister ein Lehrbuch im besten Sinne.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 17.09.2016

Angesichts des gegenwärtigen Zustands Europas kann sich Eckhard Fuhr bei der Lektüre von Ian Kershaws "Höllensturz" einer "gewissen Beklemmung" nicht erwehren: war es nicht an demselben Ost- und Südostrand des Kontinents, der jetzt wieder brodelt, wo ethnischer Nationalismus und territoriale Revisionsansprüche die Verheerungen des zwanzigsten Jahrhunderts angebahnt hatten? Insofern kommt das Buch für den Rezensenten gerade zur rechten Zeit - und im richtigen Ton, nämlich "britischer Nüchternheit" - daher, kenntnisreich, eindringlich und auch für Laien gut verständlich geschrieben, freut sich Fuhr.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2016

Hans-Peter Schwarz kann nicht fassen, wie produktiv dieser Ian Kershaw ist. Dass der gestandene britische Historiker im fortgeschrittenen Alter nun noch den ersten Band einer zweibändigen großen Erzählung der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert vorlegt und damit alle Erwartungen sowohl der Forschergemeinde als auch des interessierten Lesers befriedigt, scheint Schwarz höchst bemerkenswert. Die Höllenjahre 1914-1945 kann Kershaw ihm analytisch weit ausholend, Leitthemen wie Nationalismus, Judenhass und Klassenkampf nutzend, höchst differenziert und detailreich und sprachlich nüchtern wie empathisch darstellen. Die ganze Erfahrung eines Forscherlebens steckt da drin, meint Schwarz und erkennt, wie der Autor zwar dazu tendiert, Alltagsgeschichte zu schreiben, jedoch sich niemals ausschließlich auf eine Sicht der Dinge beschränkt. Auch wenn nichts grundlegend Neues dabei herauskommt, den Beleg, dass ein einzelner Gelehrter eine narrative historische Gesamtdarstellung aus einem Guss zu liefern imstande ist, erbringt der Autor laut Rezensent auf bravouröse Weise.
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