Bücherbrief

Resümieren, Sterben und Morden

11.03.2017. Andrej Platonow beschreibt in "Die Baugrube" beispielhaft den Zusammenhang von Totalitarismus und Utopie. Juliana Kálnay führt in ein geheimnisvolles Mietshaus. Joachim Radkau erzählt die Geschichte der Zukunft und Tom Burgis beschreibt den Fluch des Reichtums - dies alles und mehr in den besten Büchern des März.
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Weitere Anregungen finden Sie der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Andrej Platonow

Die Baugrube
Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 240 Seiten, 24,00 Euro

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Die in den 1920er Jahren geschriebenen Romane des russischen Schriftstellers Andrej Platonow konnten in der Sowjetunion nicht erscheinen, erst in den 1980er Jahren, rund dreißig Jahre nach Platonows Tod, setzte seine Wiederentdeckung ein. Als sein Hauptwerk gilt der dystopische Roman "Tschewengur", doch die Rezensenten sind sich einig, dass ihm "Die Baugrube" in nichts nachsteht. Das liegt nicht zuletzt an Gabriele Leupolds Übersetzung, die die als unübersetzbar geltende Vielstimmigkeit des Romans kongenial ins Deutsche überträgt, staunen die Kritiker einhellig. Es geht um die Zeit des ersten Fünfjahresplans in der Sowjetunion, der forcierten Industrialisierung unter Stalin, die der Autor "tiefschwarz", aber wirklichkeitsgetreu schildert und das Geschehen zugleich in "phantasmagorischen", poetischen Bildern voller Drastik so beschreibt, dass es geradezu zeichenhaft "entrückt" erscheint, schwärmt Katharina Granzin in der FR. Für Tim Neshitov (SZ) ist die Geschichte um Arbeiter, die einen eindrucksvollen kommunistischen Bau errichten wollen, dabei jedoch nicht über die Grube hinauskommen und sich stattdessen in Gefasel, im Resümieren, im Sterben und Morden verfangen, eindeutig Platonows "Meisterwerk"; für Karla Hielscher (DLF) ist das Buch "in seiner ergreifenden Merkwürdigkeit einzigartig in der Literaturgeschichte". Hochaktuell nennt den Roman in der Welt Florian Schmiedler, den die Kluft zwischen politischen Ideen und der davon betroffenen unbeachteten Arbeiterschicht an die Wutbürger von Pegida und AfD-Wählern denken lässt. In der FAS hat Andrzej Stasiuk ein großartiges Porträt von Platonow geschrieben, in dem es über "Die Baugrube" heißt, es sei "im 20. Jahrhundert kein schöneres, furchtbareres und klügeres Buch über Totalitarismus und Utopie geschrieben worden."

Paul Auster
4 3 2 1
Roman
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 1264 Seiten, 29,95 Euro

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Pünktlich zu seinem siebzigsten Geburtstag legt Paul Auster seinen bislang umfangreichsten Roman vor, und wenn man den Kritikern glauben mag, ist ihm damit ein wirklich großer Wurf gelungen. Vier verschiedene Varianten der Lebensgeschichte seines Protagonisten Archibald Ferguson erzählt der Autor und lotet so die große Frage aus, ob Charakter oder Zufall den Lebensweg bestimmen, fasst Adam Soboczynski in der Zeit zusammen und versichert, "seit Langem keinen so guten, so durch und durch widersprüchlichen, so anrührenden, so verspielt leichten und zugleich philosophisch ambitionierten Roman" gelesen zu haben. Ähnlich klingt das bei Peter von Becker im Tagesspiegel ("ein Meisterwerk"), Gabriele von Armin im DradioKultur ("ein grandioses Werk") und Christoph Schröder im DLF ("über weite Strecken ein großes Buch"). Dass die Geschichte zur Zeit der Rassenunruhen, Vietnamkriegsproteste, Bürgerrechtsbewegung und Studentenunruhen angesiedelt ist, macht die Lektüre in den ersten Trump-Tagen zu einer gespenstischen Lektüre, meint Judith von Sternburg in der FR: "So nah und fern zugleich". In der FAZ staunt Andreas Platthaus, wie es den Übersetzern Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl gelingt, einen einzigen, unverkennbaren Ton zu treffen. Einzig Burkhard Müller (SZ) findet das Buch "ziemlich öde" und "für das, was es liefert, definitiv zu lang".

Juliana Kalnay
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Roman
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2017, 192 Seiten, 20,00 Euro

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Eine magisch-realistische "Wunderkugel" von einem Roman hat Juliana Kálnay mit ihrem Debüt "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" vorgelegt, staunt Simon Strauss in der FAZ: wie die Autorin in kurzen, leichthändig verknüpften und stimmungsvollen Vignetten vom Leben in einem geheimnisvollen Mietshaus erzählt, findet Strauss fantasievoll, achtsam und geradezu "romantisch dicht". In der FR freut sich Cornelia Geißler, dass Kálnay ihre im Studium des Kreativen Schreibens in Hildesheim erworbenen Fähigkeiten nicht dazu nutzt, eigene Erfahrungen zu verarbeiten, sondern um die Sprache selbst zu erforschen. Cornelius Wüllenkemper (SZ), beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der die Autorin Tonlagen, Erzählhaltungen und Formen variiert, fühlt sich an ein Wimmelbild erinnert. Laut Rainer Moritz (Welt) findet Kalnay dabei trotz unverkennbarer Vorbilder - etwa Joyce, Cortázar und Perec - einen "ganz eigenen, sympathisch skurrilen Ton". Der SWR hat den Roman in seine aktuelle Bestenliste aufgenommen. Und für Lettrétage hat sich Michael Lösch mit der Autorin unterhalten.

Lukas Bärfuss

Hagard
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2017, 174 Seiten, 19,90 Euro

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Fasziniert und verstört sind die Rezensenten von Lukas Bärfuss' Kurzroman "Hagard", in dem ein Immobilienmakler anderthalb Tage lang eine ihm unbekannte Frau durch Zürich verfolgt. Als "Zauberkünstler, der mit doppelten Böden und Spiegeltricks arbeitet", offenbart sich der Autor dabei für Richard Kämmerlings (Welt), der im Verhältnis vom Ich-Erzähler zum Protagonisten und von diesem wiederum zur weiblichen Zielperson raffiniert das Verhältnis vom Autor zu seinen Figuren gespiegelt sieht: sie alle sind Stalker. Philipp Theisohn (NZZ) versteht den Text dementsprechend als beredten Zweifel an seiner eigenen Legitimation, was den Roman für ihn zu einem "literarischen Erlebnis" macht. In der Zeit hebt Andreas Isenschmidt die "rhetorisch hinreißende Misanthropie" des Helden hervor, im DradioKultur bezeichnet Jörg Magenau das Buch als eine "kleine, brillante Geschichte mit einer großen Wirkung" und für Meike Fessmann (SZ) ist der Roman mit seinen meisterhaft eingeflochtenen zeitgeschichtlichen Bezügen ein "wildes", traumspielerisches "Wunder". Kritischer vernimmt sich Martin Ebel im Tages-Anzeiger: er meint, bei der Lektüre dem Kampf des Romanautors Bärfuss mit dem Leitartikler Bärfuss beizuwohnen und stellt enttäuscht fest: "Der Romancier hat ihn verloren."

Ingeborg Bachmann
Male oscuro
Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 259 Seiten, 34,00 Euro

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Ganz wohl ist nicht allen Kritikern dabei, dass die große Salzburger Gesamtausgabe der Werke und Briefe Ingeborg Bachmanns mit bisher unveröffentlichten - und auch nicht zur Publikation bestimmten - therapeutischen Traumaufzeichnungen, Briefentwürfen und Bachmanns fiktiver Rede an die Ärzteschaft beginnt. Daran, dass die Texte von hoher Qualität und ebenso hoher werkgenetischer Bedeutung sind, lassen die Rezensenten jedoch keinen Zweifel. Für Paul Jandl (NZZ) handelt es sich dabei nicht nur um "Prosaminiaturen, deren böse Bilder vom richtigen Leben bis in den Schlaf leuchten", sondern um "zitternde Nachbilder der Angst", die in ein literarisches Bewusstsein geholt wurden und nur über einen kurzen Umweg in "Malina" wieder auftauchen. Für Iris Radisch (Zeit) sind die nach Bachmanns Trennung von Max Frisch verfassten Texte nicht weniger als eine "Sensation", gewähren sie doch ganz neue Einblicke nicht nur in die produktive Beziehung zwischen Leiden und Schreiben im Leben der Dichterin, sondern auch in Werke wie "Malina" oder den "Todesarten-Zyklus". "Durch diese Edition werden neue, fundiertere Bachmann-Analysen möglich", freut sich Helmut Böttiger im DLF und referiert einige neue Erkenntnisse zur schwierigen Beziehung zu Frisch. Im DradioKultur präsentiert Elke Schlinsog den Auftakt zur Gesamtausgabe mit zahlreichen Zitaten aus dem Band sowie O-Tönen von den Herausgebern und Heinz Bachmann, dem Bruder der Dichterin. Frank Meyer hat außerdem mit den Herausgebern Hans Höller und Irene Fussl gesprochen.


Sachbuch

Götz Aly
Europa gegen die Juden
1880 - 1945
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, 432 Seiten, 26,00 Euro

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Den Holocaust nicht nur als spezifisch deutsches Phänomen zu verstehen, sondern in den Kontext eines europäischen Antisemitismus zu stellen, hat sich der Historiker Götz Aly in "Europa gegen die Juden" vorgenommen. Der Realität der Judenverfolgung kommt er dabei so nahe, dass sich das Buch nur in kleinen Abschnitten ertragen lässt, wie Arno Widmann in der Berliner Zeitung warnt: "Die Wirklichkeit ist ein Splattermovie". Für Michael Kuhlmann (DLF) kommt die Studie gerade zur rechten Zeit, führt sie doch vor, wie Nationalismus zu Diskriminierung führt - ein auch heute wieder zu beobachtender Vorgang. Dass der Autor Antisemitismus als antikapitalistischen Affekt beschreibt, der aus dem Neid auf den Erfolg der Juden im modernen Europa resultiert, findet Stefan Reinecke in der taz zwar nicht unzutreffend, bedauert jedoch, dass Aly zugunsten dieses einen Erklärungsmusters andere aufschlussreiche Aspekte ausblendet. Ähnlich äußert sich Sven Felix Kellerhoff (Welt), der dem Band gleichwohl "ausgearbeitete Gedankenblitze" attestiert. Im DradioKultur haben sich Vladimir Balzer und Axel Rahmlow, im NDR Ulrich Kühn mit Aly unterhalten. Der Perlentaucher hat den Abschnitt über die Konferenz von Evian 1938 vorgeblättert.

Joachim Radkau
Geschichte der Zukunft
Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute
Carl Hanser Verlag, München 2017, 544 Seiten, 28,00 Euro

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Wie sich Menschen die Zukunft vorstellen, sagt naturgemäß mehr über die Gegenwart als über die Zukunft aus. In "Geschichte der Zukunft" untersucht der Historiker Joachim Radkau Zukunftsvisionen und Prognosen in Deutschland seit 1945 und malt daraus ein "Wimmelbild" voller "Kuriositäten und Gedankenblitze", heiter, überraschungsreich und kunstfertig, freut sich Elisabeth von Thadden in der Zeit. Einen "gesunden Pessimismus" macht Wolfgang Luef (SZ) im Zukunftsbild der Deutschen aus, etwa was das Waldsterben angeht, und lernt, allzu sicheren Prophezeiungen grundsätzlich zu misstrauen. Dass der Autor dabei der Versuchung widersteht, "sich in einer hämischen Besserwisserei der Retrospektive zu ergehen", hebt Stefan Maas im DLF lobend hervor. Verhaltener zeigt sich Alan Posener in der Welt: Während er dem Autor exzellente Kenntnisse von technischen Themen wie Atomindustrie, Raumfahrt und Kybernetik bescheinigt, bietet ihm Radkau zu den Themen Globalisierung, Migration und "Multikulti" kaum mehr als Wikipedia-Wissen. Fürs DradioKultur haben sich Liane Billerbeck und Hans-Joachim Wiese mit Radkau unterhalten.

Martin Zenck
Pierre Boulez
Die Partitur der Geste und das Theater der Avantgarde
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016, 840 Seiten, 89,00 Euro

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Der im vergangenen Jahr neunzigjährig gestorbene Pierre Boulez gehörte zu den renommiertesten Dirigenten seiner Zeit und als Komponist zu den herausragenden Vertretern der musikalischen Avantgarde. Der Bamberger Musikwissenschaftler Martin Zenck legt nun die erste umfassende Studie über Boulez' Gesamtwerk in deutscher Sprache vor, die Olaf Wilhelmer in der FAZ sehr begrüßt. Besonders freut sich der Rezensent, dass der Autor Boulez nicht nur als Dirigenten und Komponisten begreift, sondern ihn auch als Theatermacher würdigt und seine Verbindungen zur zeitgenössischen Philosophie klug darlegt. Neben der überzeugenden Analyse, die das gängige Boulez-Bild mal bestätigt, mal revidiert, liest Wilhelmer hier nicht zuletzt eine formidable "Abenteuerreise" durch die Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Dennoch hätte der Kritiker dem Buch ein sorgfältiges Lektorat gewünscht, das Redundanzen kürzt und "komplizierte" Formulierungen und "Flüchtigkeitsfehler" ausbessert. Zum Einstieg ins Thema kann man Zencks Würdigung zum neunzigsten Geburtstag des Komponisten im März 2015 in der NZZ lesen.

Georg Forster
Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790
Die Andere Bibliothek, Berlin 2016, 450 Seiten, 79,00 Euro

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Georg Forsters Bericht der "Reise um die Welt", die er als erst zwanzigjähriger Begleiter der zweiten Weltumsegelung von Captain Cook 1775/1776 verfasst hatte, ist längst ein Klassiker der Reiseliteratur. Sehr viel weniger bekannt sind Forsters fünfzehn Jahre später entstandenen "Ansichten vom Niederrhein" - zu unrecht, wie die Rezensenten einhellig feststellen. Zur Erstveröffentlichung wenig beachtet, ist für Uli Hufen (DLF) jetzt die Zeit gekommen, Forsters zweitem "Meisterwerk" die gebührende Würdigung zukommen zu lassen. Alexander Kosenina (FAZ) zeigt sich fasziniert vom Scharfblick des Autors auf Details der Menschheitsgeschichte, der Revolution namentlich, die Forster in Analogien zwischen Natur und Politik, in spannenden Kontexten und in Abgrenzung zu moralphilosophischen Sichtweisen zeitlos verpackt - und das alles in einem "lockeren, auch heute noch leicht lesbaren Plauderton", wie Tobias Schwartz im Tagesspiegel betont. Nicht weniger als ein "Jahrhundertbuch" ist mit den in der Anderen Bibliothek als reich illustrierte Folio-Ausgabe neu aufgelegten "Ansichten" zu entdecken, versichert Benedikt Erenz in der Zeit: sie sind das politische Vermächtnis des wenig später in Paris verstorbenen Autors und aktueller denn je.

Tom Burgis
Der Fluch des Reichtums
Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2016, 352 Seiten, 24,00 Euro

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Ein Drittel der weltweiten Rohstoffvorkommen liegt unter der Erdoberfläche Afrikas, doch für den allergrößten Teil der Bevölkerung bewirkt dieser Reichtum nicht Wohlstand, sondern Armut, Kriminalität, Korruption und Gewalt. In "Der Fluch des Reichtums" beleuchtet Tom Burgis, Reporter der Financial Times, nicht nur die globalen wirtschaftlichen Zusammenhänge, sondern schildert auch konkrete Einzelfälle und benennt klar die Verantwortlichen, berichtet Isabel Pfaff in der SZ, die dem Buch "seltene empirische Tiefe" bescheinigt. Im Freitag hebt Jan Pfaff hervor, dass sich der langjährige Afrika-Korrespondent Burgis mit seinen Recherchen nicht auf Afrika beschränkt, sondern das internationale Geflecht von Spekulanten, Großkonzernen, Schmugglern und Warlords aufdeckt, in dem "Interessen von Hedgefonds und multinationalen Konzernen mit denen chinesischer Geschäftsleute kollidieren". Auf diese Weise kommen "Biografien und kunstvoll kaschierte Machtkonstellationen, die bisher der Öffentlichkeit größtenteils verborgen waren", ans Licht, meint Marko Martin im DradioKultur. In der Zeit rechnet Christiane Grefe es dem Autor hoch an, dass er "in bester britischer Journalismustradition" auf jedes "Empörungspathos" verzichtet.