Bücherbrief

Intrigen und Herzflimmern

06.02.2017. Ales Stegers Logbuch der Gegenwart erschließt uns die Welt. Alexander Goldstein führt uns in Zeiten der UdSSR nach Baku. Charlie-Hebdo-Zeichnerin Catherine Meurisse liefert "Bewusstseinsanschauungen in Tusche". Michael Lewis erzählt die Geschichte der Verhaltenspsychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky - dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Februar.
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Weitere Anregungen finden Sie in unseren Büchern der Saison, der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen


Literatur

Alexander Goldstein
Denk an Famagusta
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2016, 535 Seiten, 30 Euro

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Schwer beeindruckt sind die Kritiker von Alexander Goldsteins Roman "Denk an Famagusta": wie virtuos und komplex der Autor hier ein autobiografisch fundiertes Netz aus Geschichten um seine zwischenzeitliche Heimatstadt Baku webt, das sich mit der Geschichte der Sowjetunion und jener von jüdischer Emigration verbindet, ringt ihnen höchste Anerkennung ab. Daran, dass es sich um eine fordernde, aber lohnende Lektüre handelt, lassen sie keinen Zweifel. Eine "leuchtende Zumutung" ist das Buch für Nicole Henneberg (FAZ), die Goldsteins Genauigkeit und psychologische Feinheit, seine politische Prägnanz und seinen historischen Scharfblick auf die Brüche des russischen Imperiums hervorhebt. Als "ein großer, mitunter über die Ufer tretender Strom von Geschichten, Gedanken und Geistesblitzen" beschreibt Christian Schröder im Tagesspiegel das Erstlingswerk des in Tallinn geborenen, in Baku aufgewachsenen und 2006 mit nicht einmal fünfzig Jahren in Israel verstorbenen Autors. Für Brigitte van Kann (DLF) ist es nicht weniger als ein Meisterwerk, "ein hochgelehrtes, aber auch ein lebenspralles Buch, das sich weder für die tristen und noch für die deftigen Niederungen der sowjetischen Zivilisation zu schade ist". Und im Freitag schließt Lennart Laberenz seine begeisterte Besprechung mit dem Aufruf: "Lesen Sie Goldstein!"


Elena Ferrante
Die Geschichte eines neuen Namens
Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 624 Seiten, 25 Euro

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Die Kritiker stürzen sich auf den zweiten Teil von Elena Ferrantes neapolitanischer Saga und werden nicht enttäuscht: Hier geht es um die Jugendjahre der Freundinnen Lila und Lenu in den sechziger Jahren, um den Männlichkeitskult und die Armut der unteren Schichten und den Versuch, sich dem durch Bildung zu entziehen, resümiert Andreas Fanizadeh (taz), für den die Tetralogie "spannender als jede noch so gute Fernsehserie" ist. Maike Albath schwärmt sowohl in der SZ als auch im DLF in den höchsten Tönen von diesem zweiten Band, während sie im Gespräch mit Frank Meyer (DradioKultur) die Enttarnung der unter Pseudonym schreibenden Autorin durch einen italienischen Journalisten als "langweilig und geschmacklos" verurteilt. Die Lektüre erfordert übrigens nicht die Kenntnis des ersten Bandes, versichert Sabine Dultz im Merkur: "Die Geschichte eines neuen Namens" ist ein "eigenständiger, großer literarischer Wurf". Auch Franz Haas (NZZ) hatte große Freude an diesem "souverän filigranen Erzählgewimmel aus Intrigen und Herzflimmern, Freundschafts- und Liebesverrat". Im Tagesspiegel hebt Andrea Dernbach die "angenehm flüssige, wo nötig auch flapsige" Übersetzung durch Karin Krieger hervor. Lediglich Irene Binal (DradioKultur) mag sich nicht in die Reihe der Begeisterten einreihen: für sie ist der Roman "nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, eine solide erzählte Geschichte ohne große Höhepunkte".


Ales Steger

Logbuch der Gegenwart

Taumeln
Haymon Verlag, Innsbruck 2016, 168 Seiten, 19,90 Euro

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Seit 2012 führ Aleš Šteger ein "Logbuch der Gegenwart", für das sich der slowenische Schriftsteller, Übersetzer und Lektor an einem bestimmten Tag im Jahr an einen öffentlichen Ort begibt und dort exakt zwölf Stunden lang seine Eindrücke niederschreibt, ohne Internetzugang, ohne vorherige Recherche, ohne nachträgliche Korrektur. Im ersten Band "Taumeln" - es sollen bis 2024 zwei weitere Bände folgen - hat sich Šteger zu sozialen und politischen Brennpunkten nach Mexico City, Ljubljana, Fukushima und Belgrad begeben und übersetzt seine Eindrücke in "sprachliche Verdichtungen, die, so unterschiedlich sie sind, immer von einer berührenden Unmittelbarkeit geprägt sind", meint Carsten Otte im SWR. In der SZ bewundert Nico Bleutge, wie Šteger Wahrnehmungen, Fotos, Gedanken und O-Töne miteinander verknüpft. "Hier wird nicht 'beschrieben', sondern wahrgenommen, für wahr genommen, voller Empathie und Respekt", staunt Herbert Wiesner in der Welt. Im Standard hält Adelheid Wölfl fest, dass der Autor bei allem Selbstversuchhaften dieses Projekts "vor allem ein Poet" bleibt. "Es handelt sich hier um ein Experiment in Wachheit, Wachsein in der Sprache", erläutert Šteger in dem Porträt, das Christine Hamel für den br von ihm aufgenommen hat.


Catherine Meurisse
Die Leichtigkeit

Carlsen Verlag, Hamburg 2016, 144 Seiten, 19,99 Euro

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Am Morgen des 7. Januar 2015 kommt die Karikaturistin Catherine Meurisse zu spät zur Redaktionssitzung von Charlie Hebdo - und bleibt dadurch am Leben. In "Die Leichtigkeit" erzählt sie, wie sie seitdem nach einem Umgang mit der Tragödie und einem neuen Zugang zu ihrem Leben sucht. Eine "Meditation über Schrecken und Schönheit" nennt Christian Bos (FR) das Buch, das einmal mehr die Macht der Kunst als "Trösterin der Untröstlichen" beschwöre. Alex Rühle hebt in der SZ Meurisses künstlerische Meisterschaft hervor, die in karikaturhaft zurückgenommenen Federzeichnungen, aber auch in prallen Aquarellen und Buntstiftskizzen zum Ausdruck kommt. Keine Graphic Novel, sondern tiefste "Bewusstseinsanschauungen in Tusche" hat Hannah Lühmann (Welt) gelesen, während es Else Graton (taz) bisweilen vorkommt, als nähme die Autorin "sich selbst therapeutisch auf die Schippe". Auf "grandios leichtfüßige Weise" und mit "atemberaubend makabrem Witz" schildert Meurisse ihre Erfahrungen, schwärmt Pieke Biermann in DradioKultur. Im Tagesspiegel staunt Christian Meyer-Pröpstl, wie sich "das innere Chaos und die Orientierungslosigkeit anfänglich in einem wilden Stilgemenge Bahn bricht", um sich dann allmählich "zu einem rhythmischen Erzählfluss" zu formieren. In Interviews mit Julia Brummert (Intro) und Moritz Piehler (SpOn) spricht die Autorin über ihre Traumabewältigung und die Bedeutung von Satire und Kunst.


Michail Ossorgin
Zeugen der Zeit. Zeuge der Geschichte und Buch vom Ende

Zwei Romane in einem Band
Die Andere Bibliothek, Berlin 2016, 552 Seiten, 42 Euro

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Als im vergangenen Jahr "Eine Straße in Moskau", der Debutroman des russischen Schriftstellers Michail Ossorgin (1878-1942), in neuer deutscher Übersetzung erschien, löste er unter den Rezensenten einhellige Begeisterung aus. Nun kommen unter dem Titel "Zeugen der Zeit" zwei weitere Romane Ossorgins heraus: "Zeuge der Geschichte" (1932) und "Buch vom Ende" (1935), wiederum von Ursula Keller übersetzt und mit einem instruktiven Anmerkungsapparat versehen. Die Romane erzählen die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause entfaltet, die sich zunächst einer Terrorgruppe anschließt und schließlich zur Emigration nach Frankreich und Italien gezwungen ist. Die literarische "Wucht", mit der Ossorgin von Terror und zaristischer Geheimpolizei, Untergrund und Exil, Gefängniszellen und Schützengräben im Ersten Weltkrieg, Auf- und Abschwung der revolutionären Energien zwischen 1905 und 1917 erzählt und den Leser dabei auf einen beeindruckenden Streifzug durch russische Landschaften mitnimmt, ist atemberaubend, versichert Lothar Müller in der SZ und attestiert dem Autor ein Talent für Bilder, die lange nachhallen. Auch wenn die beiden Bücher für Olga Hochweis (DradioKultur) nicht ganz an die "Tiefe und formale Raffinesse" der "Straße in Moskau" heranreichen mögen, sind sie "als packende Geschichtsstunde in Romanform außerordentlich lesenswert". Nicht recht überzeugt zeigt sich hingegen Klaus Ungerer (Welt), dem es an Handlung und überzeugenden Figurenintrospektive mangelt.


Sachbuch

Otfried Höffe
Geschichte des politischen Denkens

Zwölf Porträts und acht Miniaturen
C. H. Beck Verlag, München 2016, 416 Seiten, 27,95 Euro

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Was Otfried Höffe auszeichnet, ist seine Fähigkeit, "stupendes Wissen" in "klare Sprache" zu überführen, schreibt der Schriftsteller Otto A. Böhmer in der FR und findet sein Urteil in der "Geschichte des politischen Denkens" bestätigt: Die Porträts und Miniaturen zu politischen Denkern wie Platon, Aristoteles, Cicero, Dante, Machiavelli, Rousseau, Kant, Hegel, Marx oder Rawls, die der Band vereint, lehren den ihn, dass politisches Denken stets neu ansetzt, aber stets auch auf Bewährtes rekurriert. Die Frage nach dem Fortschritt hin zu einer besseren Welt wird dabei neu gestellt, meint Böhmer. Gerade der Rückbezug auf jene Denker und Ideen befähigt Höffe, auf die geistige Situation der Gegenwart und ihre Anforderungen philosophisch zu reagieren und eine Philosophie zu betreiben, die fähig ist, ein "zeitadäquates Leitbild für die Politik" der Moderne zu liefern, glaubt Georg Kohler (NZZ), der den Autor zu den "maßgebenden politischen Philosophen der Gegenwart" zählt. Beide Rezensenten sind sich einig, dass die Lektüre Mut und Hoffnung mache: Dass es sich unbedingt lohnt, die Errungenschaften der letzten hundert Jahre, die Demokratie, den modernen Rechts- und Verfassungstaat zu erhalten und weiterzuentwickeln.


Barbara Beuys
Maria Sibylla Merian
Künstlerin - Forscherin - Geschäftsfrau. Eine Biografie
Insel Verlag, Berlin 2016, 285 Seiten, 18,95 Euro

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Als Geschäftsfrau, berufstätige Mutter, renommierte Künstlerin und Pionierin der Insektenkunde war Maria Sibylla Merian (1647-1717) eine Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit. Zu ihrem 300. Todestag legt Barbara Beuys eine gut recherchierte Biografie vor, freut sich Bettina Wolff in der FAZ und lobt den Ansatz der Autorin, angesichts der bisweilen unklaren Faktenlage lieber verschiedene Möglichkeiten zu präsentieren als ins Spekulieren zu verfallen. Besonders die Rolle der Religion für das Werk der Calvinistin Merian findet Beuys aufschlussreich. In der SZ hebt der Schriftsteller und Schmetterlingskenner Peter Henning den weiblichen und sehr persönlichen Ansatz der Biografie hervor: Vorsichtig tastend, in biografischer Nahaufnahme, entsteht für ihn so das Bild einer jungen Forscherin und ihrer innersten Motivationen und Gefühle, "auch die Geschichte einer weiblichen Emanzipation, einer exemplarischen schmetterlingshaften Selbstentfaltung". Für DradioKultur hat sich Sigrid Brinkmann mit Barbara Beuys über Maria Sibylla Merian unterhalten.


Nilüfer Göle
Europäischer Islam
Muslime im Alltag
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2016, 304 Seiten, 24 Euro

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Interessant an diesem Buch Nilüfer Göles ist offenbar vor allem, dass sie erstmals den Islam in Europa thematisiert, denn die Islamdebatte wird seltsamerweise in allen europäischen Ländern getrennt geführt (ausgenommen die vom Perlentaucher und signandsight vor zehn Jahren ausgelöste, europaübergreifende "Islam in Europa"-Debatte). Die Rezensenten in FAZ, SZ und Zeit loben, dass Göle ein sachlicher Blick auf heutige Realitäten und ein durchaus optimistisches Bild des Zusammenlebens gelingt. Ja, es gibt Reibungszonen, und es hat den Karikaturenstreit gegeben, aber dafür habe man kreative Lösungen gefunden. Die bisherigen Rezensenten begegnen dem europäischen Ansatz bei diesem so kontroversen Thema bisher einhellig aufgeschlossen. Im Interview mit DRadio Kultur skizziert Göle ihre These, wonach sich Kontroversen um den Islam vor allem aus dessen selbstbewusster Sichtbarmachung im öffentlichen Raum ableiten. Als begleitende Lektüre empfiehlt sich Samuel Schirmbecks wohl eher polemisch angelegter Essay "Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen" (bestellen), der unter anderem dafür plädiert, eine scharfe Religionskritik im Namen aufgeklärter Werte, nicht mit Rechtspopulismus gleichzusetzen.


Jörn Peter Hiekel (Hg.), Christian Utz (Hg.)
Lexikon Neue Musik
Bärenreiter Verlag, Kassel 2016, 686 Seiten, 128 Euro

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Ok, das ist ein Buch für Liebhaber. Aber es kostet auch nur schlappe 128 Euro! Und noch dazu ist es ist ein wissenschaftliches Werk: Damit die seiner Meinung nach scharfsinnigen, ausführlichen, lexikalisch sortierten Texte auf den knapp 700 Seiten dennoch zu einem umfassenderen Verständnis führen, empfiehlt Wolfgang Schreiber in der SZ Geduld. Dann führen die Themenkapitel im Band jedoch zu Erkenntnissen über die musikalische Moderne, ihre Entwicklung, über Themen wie Raumkomposition oder Klangorganisation. Für den WDR hat sich Ulrike Gruner in das Buch vergraben und würzt ihre sehr positive Rezension in der Audiodatei mit einigen sehr hübschen Musikeinsprengseln aus der Zeit, als "Neue Musik" noch wirklich neu war.


Michael Lewis
Aus der Welt
Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2017, 359 Seiten, 24,95 Euro

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Michael Lewis ist als Autor über wirtschaftliche Themen in Deutschland nach der Finanzkrise berühmt geworden - er schreibt allerdings schon seit den neunziger Jahren, unter anderem auch über Football. Im Jahre 2011 erschien der Spielfilm "Moneyball" mit Brad Pitt, Jonah Hill und Philip Seymour Hoffman, der auf Lewis' Sachbuch gleichen Titels von 2003 beruht. In "Aus der Welt" erzählt er die Geschichte der Verhaltenspsychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, die die Wirtschaftswissenschaften mit ihrer "Behavioral economics" auf den Kopf gestellt haben - und unter anderem die Chicago Boys entthronten. Das klingt alles etwas trocken und abstrakt, aber die bisherigen Kritiken sind hymnisch, auch weil Lewis es nicht bei der Theorie belässt und die Lebensgeschichten der beiden Freunde, beginnend bei der Flucht vor den Nazis, mit einflicht. Jens-Christian Rabe bekennt in der SZ, dass das Buch mit seinen psychologischen Einsichten seinen Blick auf den Populismus wie auch auf seine eigenen Überzeugungen geändert hat, ein seltener Fall, meint Rabe. Jesse Singal (New York Magazine) nennt das Buch "a must-read for behavioral psychology nerds".