Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
04.11.2002. Diese Woche lesen Sie: Wer am Halloween-Rummel nicht so gut verdient hat. Wie viele Städte in Deutschland mehr als 100.000 Einwohner, aber keine Buchketten-Filiale haben. Wo Wolf Wondratschek gut gelaunt ist. Und was zu einem perfekten Essen gehört. Von Hubertus Volmer

buchreport.magazin

Dem Heft liegt der "Filialatlas 2003" bei, eine Deutschlandkarte mit bunten Punkten, die Auskunft gibt über die Verteilung der Buchhandelsketten. Im begleitenden Artikel schreibt Hermann Heckmann, die deutschen Filialisten hätten "das Tempo gehalten, das die Struktur des deutschen Sortimentsbuchhandels in den letzten zehn Jahren von Grund auf verändert hat". Kurzer Rückblick: "Nach zögerlichem Beginn in den 70er Jahren und einem erstmals erkennbaren Trend gegen Ende der 80er bzw. zu Beginn der 90er Jahre sind die Filialisten seit 1997 in ihren neu eröffneten Buchhandlungen Jahr für Jahr - zusammengerechnet - um mindestens 20.000 qm gewachsen. In den Jahren 1998 und 2000 waren es jeweils mehr als 30.000 qm neue Verkaufsfläche." Kein Ende absehbar, obwohl Heckmann zufolge die Kiepert-Pleite und die Kurzarbeit bei Hugendubel erste Hinweise auf "Grenzen des Wachstums" waren. Unter den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern blieben nur Leverkusen und Herne vom Expansionsdrang der Ketten verschont, ein Umschwenken auf die kleineren Städte sei daher wahrscheinlich, heißt es. Dem Sonderfall Weltbildplus widmet der buchreport eine eigene Karte und einen eigenen Artikel. In Deutschland hat der Spezialist für Schnelldreher und Modernes Antiquariat mittlerweile 188 Filialen.

Die drei Holtzbrinck-Verlage Rowohlt, Fischer und Kiepenheuer & Witsch "reiten im Buchhandel jetzt eine Niedrigpreis-Attacke": Nach dem Weihnachtsgeschäft bieten sie Bücher zum Preis von einem Euro an. "Nach massiver Kaufzurückhaltung des Publikums im Buchhandel infolge der Euro-Umstellung waren wir der Meinung, dass ein deutliches Signal gesetzt werden muss", sagt Rowohlt-Marketingchef Lutz Kettmann. 50 Titel wird es insgesamt geben, die Hälfte davon von rororo. Zu den Ein-Euro-Büchern gehören Klassiker wie "Tristan" von Thomas Mann, "Der Feind" von Erich Maria Remarque, "Flucht in die Unsterblichkeit" von Stefan Zweig, aber auch Krimis wie "Der Ausbruch" von Petra Hammesfahr und "Der Osterhase und die Leiche" von Janwillem van de Wetering.

Wolf Wondratschek ist jetzt "viel öfter als früher gut gelaunt". Das sagt er im Interview mit David Wengenroth. Vor allem in Wien ist er "bester Laune". Das Interesse an erzählender Prosa habe einen Namen: Vladimir Nabokov. "Ihm verdanke ich einiges, die Entdeckung meiner Fähigkeit zur Geduld, meine Freude am Handwerk, meine Begeisterung, wenn in einem Satz, einem Abschnitt, einer ganzen Seite voll mit Sätzen das Licht angeht, die Trance beim Zaubern mit Sprache, mit erzählerischen Details, mit Rätseln und dem Versuch eleganter Lösungen. Mit ihm als Schutzheiligen erbitte ich die Erlaubnis, genial sein zu dürfen."

Nach dem Enthüllungsbuch "Fisch am Montag" hat Anthony Bourdain ein neues Buch geschrieben: "Ein Küchenchef reist um die Welt", eine Reise auf der Suche nach dem perfekten Essen. "In Mexiko und Marokko, in Japan, Vietnam und Kambodscha, in Frankreich, Spanien, Portugal und England probierte er viel Wunderbares wie Ekelhaftes und stellte dabei fest, dass zu einem perfekten Essen mehr gehört als frische Zutaten und eine kunstvolle Zubereitung: die Stimmung, die Umgebung, Erinnerungen und vor allem die Menschen, mit denen man den Moment genießt." Aus seiner Reise hat Bourdain zugleich eine TV-Serie für den US-Sender Foodnetwork gemacht. Die Produzenten versuchten derzeit, die Serie auch nach Deutschland zu verkaufen, schreibt Andrea Czepek.

Weitere Beiträge: Stefan Lübbe, der kürzlich von der Geschäftsführung in den Beirat der Verlagsgruppe Lübbe wechselte, spricht im Interview über seine Ziele. Ein Doppelporträt stellt Jörg Bong (Programmgeschäftsführer S. Fischer) und Peter Lohmann (Programmgeschäftsführer der Fischer-Verlage Fischer Taschenbuch, Argon, Krüger und Scherz) vor (Überschrift mit Verweis auf Alexander Fest, Helge Malchow und Susanne Schüssler: "Bei den jungen Verlegern kommt Tradition in Mode", gemeint ist der nachhaltige Aufbau und das frühe Entdecken von Autoren). Ein sehr kurzer Artikel über den Lizenzhändler Robert Gottlieb weckt Appetit auf mehr Informationen. Peggy Voigt stellt die verbesserte Online-Version des VlB vor. Die Webrolle testet schließlich den Loewe-Verlag (2), die deutsche "Herr der Ringe"-Seite von Warner (2-) und eine Science-Fiction-Fansite (2+).

Schwerpunkt des Heftes sind Theologie und Religion. Darin erfahren wir, dass sich viele Verlage nicht sonderlich dafür interessieren, dass 2003 von den christlichen Kirchen in Deutschland zum "Jahr der Bibel" ausgerufen wurde. Zum wiederholten Male beschäftigt sich der buchreport mit umstrittenen Hardcore-Propheten wie Timothy LaHaye und Jerry B. Jenkins. Leider ist dem völlig unkritischen Artikel nicht viel mehr zu entnehmen, als die bekannte Tatsache, dass diese Art von Literatur in den USA sehr erfolgreich ist.

Börsenblatt

Den Nachruf des Börsenblatts für Siegfried Unseld hat der Züricher Verleger Egon Ammann geschrieben. "Glück und Fortune zeichneten den Kaufmann in ihm aus, Leidenschaft, Neugier und Phantasie den Leser; und beides zusammen, getragen von einem anscheinend unerschütterlichen Selbstvertrauen und einer unermüdlichen Schaffenskraft, bündelten sich in die Profession, für die er rücksichtslos gelebt hat: Verleger sein, Fürsprecher und Ermöglicher für ein 'Dichten und Trachten', wie er es von Peter Suhrkamp gelernt und auf seine eigene Weise mit beispiellosem Erfolg weitergeführt hat." Ammann erzählt von einer Wanderung auf den Uetliberg, auf der er Unseld von den Pleïade-Ausgaben vorschwärmte, "dieser unvergleichlichen Bibliothek der kanonisierten Literatur, die jedem Franzosen, der sich mit dem literarischen Erbe der französischen Sprachkunst vertraut machen wollte, in besten Editionen zur Verfügung steht. Dass ihn dies beschäftigte, dass er darüber schon länger nachgedacht und ihn die Idee einer ähnlichen Edition wohl schon länger beschäftigt hatte, konnte ich daran merken, dass wir, auf dem Gipfel angekommen, uns sogleich wieder an den Abstieg machten, und unten, beim Warten auf die Trambahn, sagte er: Die Klassiker! Wir brauchen eine Klassiker-Edition, die nicht nur ästhetisch schön präsentiert, sondern von den Besten ediert wird, und: Wir müssen die so erarbeiteten Texte weiterverwenden können - elektronisch, für die Schulen. Was hier am Uetliberg skizziert worden ist, sollte später in den Deutschen Klassiker Verlag münden." Weitere Stimmen aus der Buchbranche zum Tod Siegfried Unselds lesen Sie hier.

Weitere Meldungen: Die Architektur-Fachbuchhandlung Karl Krämer, bisher nur im Versand tätig, hat in Stuttgart ein Ladenlokal bezogen. Langenscheidt beliefert Siemens und Sun Microsystems künftig mit netzbasierten Lerninhalten. Die Verlagsgruppe Beltz kauft die Programme des Kinderbuchverlags Middelhauve und des Münsteraner Fachverlags Votum. Der Verlag Ars Edition bietet ein neues Shop-in-Shop-Modell für das Sortiment an. Und die Werbebranche hofft auf ein leichtes Umsatzplus.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Nach dem Tod von Siegfried Unseld geht der Suhrkamp Verlag in seine "dritte Ära". Der buchreport erklärt die "komplizierte Struktur" der künftigen Verlagsleitung: "In Zukunft müssen Entscheidungen zwischen drei Gremien abgestimmt werden: Der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung als Mehrheitsgesellschafterin, dem Beirat der Verlagsholding sowie der Geschäftsführung." Die Stiftung wurde erst im vergangenen April gegründet; ihr hat Unseld seine 51-prozentigen Suhrkamp-Anteile und sein Privatvermögen vermacht. (Die restlichen Anteile an den Suhrkamp-Verlagen liegen bei Joachim Unseld sowie bei der Schweizer Gebrüder Volkart Holding.) Stiftungsvorsitzende ist Ulla Unseld-Berkewicz, dem Stiftungsrat gehören Hans Magnus Enzensberger, Adolf Muschg, Jürgen Habermas, Wolf Singer und Alexander Kluge an. Die Verlagsholding wird zu 55 Prozent von der Stiftung, zu 45 Prozent von der Volkart-Holding kontrolliert. Im Beirat der Verlagsholding sitzen Unseld-Berkewicz und der Suhrkamp-Anwalt Heinrich Lübbert als Vertreter der Stiftung sowie Andreas Reinhart und Joachim Unseld als Vertreter der Gebrüder Volkart. Joachim Unseld scheiterte erst kurz vor dem Tod seines Vaters mit dem Versuch, einen eigenen Sitz im Beirat zu erhalten. Das Tagesgeschäft schließlich liegt in den Händen von Verlagsleiter Günter Berg, Geschäftsführer Philip Roeder und Programmleiter Rainer Weiss. "Sie stehen vor der Aufgabe, das Programm wieder attraktiver zu machen, denn der Umsatz der Suhrkamp Verlage stagniert seit etwa fünf Jahren. Von Martin Walser abgesehen verkaufen sich die Bücher von Hermann Hesse derzeit besser als die meisten aktuellen Titel."

Bodo Harenberg würdigt Siegfried Unseld in einem Nachruf als den wichtigsten Verleger der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Er war Samuel Fischer gefolgt, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen S. Fischer Verlag zum Leitstern gemacht hatte. Zwischen beiden wirkte Peter Suhrkamp wie eine Art Scharnier. Er hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom Fischer Verlag (unter Gottfried Bermann Fischer) gelöst, einen Teil der Autoren mitgenommen und für sie unter seinem Namen eine neue Verlagsheimat geschaffen." Für die Zukunft erwartet Harenberg keine Verleger dieses Formats: "Gäbe es einen Mann oder eine Frau, die mit ihren Fähigkeiten gleichzusetzen wären, so hätten sie den Nachteil, nicht (mehr) zur rechten Zeit geboren worden zu sein. Denn inzwischen hat die Wirtschaft ihre Größenordnung verändert: Auch der Einzigartige ist nicht mehr (ein) Unabhängiger, sondern auch er ist abhängig geworden von Zwängen im globalen Getriebe."

Die Kollegen vom buchreport haben das Börsenblatt vom 22. Oktober aufmerksam gelesen. Darin wies Christian Preuss Neudorf vom Sortimenterausschuss des Börsenvereins darauf hin, dass das neue Preisbindungsgesetz dem Händler für seine Leistung einen Anspruch auf "angemessene Verkaufspreise und Verkaufskonditionen" gebe. Preuss Neudorf sieht darin eine juristische Handhabe im Konditionenstreit der Sortimenter mit den Verlagen. Der buchreport: "In einem Gerichtsverfahren dürfte es vor allem für jene viel zitierten 'schwarzen Schafe' unter den Verlagen ungemütlich werden, die Buchhändler mit Kleinstrabatten abspeisen. Der Sortimenterausschuss des Börsenvereins führt eine 'Gelbe Liste' solcher Unternehmen: Sie sind heiße Kandidaten für einen Musterprozess über Mindestrabatte." Eine allgemeine Anhebung der marktüblichen Konditionen durch die Gerichte erwartet das Blatt allerdings nicht: "Das neue Gesetz kann schließlich auch nichts daran ändern, dass auch vielen Verlagen das Wasser bis zum Hals steht. Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten kleiner und mittelständischer Buchmacher wird auch unter ihnen die Forderung nach einer Revision der Konditionen laut - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen."

Die Mayersche Buchhandlung will ihr Engagement in den Real Supermärkten verstärken. Dort betreibt sie als Mehrheitsgesellschafter der Best of Books GmbH Shop-im-Shop-Filialen. Bislang gibt es 48 BOB-Shops. "Zwei Konzepte setzt BOB in den SB-Märkten um: Zum einen gibt es Shops, die auf einer Fläche von 80 bis 100 qm ein Grundsortiment von 2.000 Titeln anbieten. Nun sollen verstärkt Shops auf einer Fläche von 50 bis 60 qm mit einem Grundstock von rund 1.000 Titeln realisiert werden." 30 bis 40 dieser kleineren BOB-Shops sollen im kommenden Jahr eröffnet werden.

In zehn Jahren wird sich kaum noch jemand daran erinnern, dass Halloween in Deutschland eine reine Marketing-Erfindung ist. Allerdings kamen bislang nicht alle Branchen über die Halloween-Schiene ans Geld der Kunden: Im Buchhandel blieb der Absatz hinter den Erwartungen zurück. "Unsere Kunden haben den Halloween-Tisch zwar gern umlagert, doch die Bücherstapel haben nicht sehr stark abgenommen", zitiert der buchreport eine Buchhändlerin aus Erfurt. Eine Kollegin aus Saarbrücken bestätigt: "Von den zusammengestellten Büchern haben wir relativ wenig verkauft. Die Nonbook-Artikel waren hingegen ein Erfolg."

Die Bertelsmann Kalender & Promotion Service GmbH streicht 64 von 300 Stellen. Hintergrund ist laut buchreport das schlechte Kalendergeschäft mit Firmenkunden. Im Buchhandel seien die Absatzzahlen im Kalendergeschäft dagegen gut.

Der Wagenbach Verlag leidet unter dem Buchhandelssterben. "In den ersten drei Quartalen 2001 ist unser Umsatz deutlich gestiegen, im vierten Quartal dann eingebrochen", sagt Verlagsleiterin Susanne Schüssler. "Uns macht auch zu schaffen, dass von den Buchhandelsschließungen viele Wagenbach-Buchhandlungen betroffen sind." Der Verlag spart daher, schreibt der buchreport: "Statt 30 Titel erscheinen künftig nur noch 25 pro Halbjahr, Etats werden gekürzt und auch Personalabbau will die Verlegerin nicht ausschließen."

Weitere Themen: Für den österreichischen Insolvenz-Filialisten Libro ist "aller Voraussicht nach am 31. Dezember Schluss". Und das Internet-Portal Hoergold.de will Buchhändlern und Kunden einen Überblick über Hörbücher verschaffen.

Und hier die Bestseller.
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Börsenblatt

Die Ulmer Einzelhandelskette Müller hat vor einigen Jahren - "relativ unbemerkt", so das Börsenblatt - in vier ihrer 358 Filialen Buchabteilungen eingerichtet. "Ein offenbar ausbaufähiges Potenzial: Um die Filialen zu optimieren und zusätzliche Umsätze zu generieren, würden Aktionsgeschäft und Modernes Antiquariat stärker in das Sortiment einbezogen, sagte Einkaufsleiter Gerhard Kramer dem Börsenblatt."

Jörg Schweikart wechselt aus der Unternehmensentwicklung des Axel Springer Verlags in die Geschäftsführung der Springer-Buchverlage. "Spekulationen darüber, dass die Axel Springer Verlagsgruppe mit Schweikart ihre Buchverlage stärker kontrollieren wolle, wies Ullstein Heyne List-Sprecher Claus-Martin Carlsberg gegenüber dem Börsenblatt zurück. Der Wechsel in der Geschäftsführung legt dennoch die Vermutung nahe, dass die Konzernführung in Hamburg die Marschrichtung bei ihren Buchverlagen stärker mitbestimmen will. Diese hatten die Konzernbilanz zuletzt mit einem Minus von 46 Millionen Euro erheblich belastet." Gerüchte über einen Verkauf von Ullstein Heyne List habe Springer stets dementiert. "Immerhin: Einen Kandidaten gäbe es. 'Wenn die Gruppe zum Verkauf stünde, wären wir am Erwerb interessiert', sagte Arnold Kiel, Chef der deutschen Random House-Verlage auf Anfrage."

Ab Anfang Januar wird der Literaturkritiker Denis Scheck einmal monatlich nach den "Tagesthemen" über Bücher und den Buchmarkt sprechen. "Scheck wird sich an die Orte des Geschehens begeben, Bestenlisten in Buchhandlungen kommentieren und Autoren in ihrem Heimatort treffen."

Weitere Berichte: Buch & Kunst geht nach Eisenach; zwei kleinere Buchhandlungen in der Stadt schließen derweil. In Frankreich wollen unabhängige Verlage gegen den Verkauf von Universal Publishing an die Groupe Lagardere Protest bei der EU-Kommission einlegen. Dem umkämpften Markt der Sprachlern-Software widmet sich ein Artikel von Frank Magdans. Holger Ehling stellt den internationalen Fachverlag Wolters Kluwer vor. Noch bis zum 11. November laufen die Berlin-Brandenburgischen Buchwochen. Und am 24. Oktober wurde "genau 111 Jahre nach ihrer Eröffnung" in Leipzig das wiederaufgebaute Hauptgebäude der Universitätsbibliothek übergeben.
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