Die Buchmacher

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Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
28.10.2002. Heute lesen Sie: Wann BOL.de vom Netz geht. Wann Marquez auch in Deutschland von seinem Leben erzählt. Wann und wo die ARD es noch einmal mit einer Literatursendung versucht. Und was Dieter Bohlen und Daniel Goldhagen gemeinsam haben. Von Hubertus Volmer

Börsenblatt

Das Internet genießt bei Bertelsmann nicht mehr so hohen Stellenwert wie zu Middelhoff'schen Zeiten: Der Online-Buchhänder BOL.de verschwindet zum Jahresende aus dem Netz, 50 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz, bestätigte der Sprecher der DirectGroup, Gerd Koslowski, dem Börsenblatt. Ursprünglich hatte Bertelsmann BOL.de verkaufen wollen. "Während die Verhandlungen für BOL Niederlande noch laufen und ein Abschluss in Schweden laut Koslowski unmittelbar bevorsteht, wurde in Deutschland nun ein Schlussstrich gezogen." Erst Mitte 2001 war BOL.de in das Club-Geschäft integriert worden. Nach eigenen Angaben hatte BOL.de zuletzt rund eine Million Kunden.

Vivendi Universal Publishing - bisher die größte französische Verlagsgruppe - wird zerschlagen. Der hoch verschuldete Medienkonzern Vivendi Universal wolle seine europäischen Verlage an Hachette Livre verkaufen, über den US-Schulbuchverlag Houghton Mifflin solle später entschieden werden. "Durch den Zukauf übernimmt Hachette Livre die Führungsrolle auf dem französischen Buchmarkt. Die Verlagsgruppe stellt dann rund 70 Prozent der gesamten Buchproduktion; bezogen auf Schulbücher und Taschenbücher sind es jeweils sogar 80 Prozent. Wegen der aus Brüssel zu erwartenden Bedenken gegen eine monopolartige Position auf dem Schulbuchmarkt soll sich Hachette verpflichtet haben, einen Teil der Schulbuchverlage unverzüglich weiterzuverkaufen."

Weitere Beiträge: Um die Abwicklung des Könemann-Verlags gibt es erneut Streit zwischen Insolvenzverwalter, Gläubigern und Autoren. Mladen Jandrlic, Lektor beim Kinderbuchverlag Nord Süd, schreibt über gute und schlechte Bilderbuchillustrationen. Mehr als 600.000 Euro sind auf den Spendenkonten für die von der Flutkatastrophe geschädigten Buchhändler eingegangen. Der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren (AKEP) hat eine neue Webseite. Reinhold Gondrom rezensiert das Buch "Der Kunde ist Gast. Engagiertes Verkaufen im kundenorientierten Buchhandel" von Jörg Winter. Buchhändler Gondrom findet in diesem Titel seine eigenen Überzeugungen "so treffend zusammengefasst, dass ich allen meinen Mitarbeitern ein Exemplar geschenkt habe". Und schließlich lobt Nils Kahlefendt das Ausstellungsprojekt der Leipziger Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur zum 100. Geburtstag des Typographen Jan Tschichold. Mehr hier.
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Stichwörter: Buchmarkt, Medienkonzerne

buchreport.express

In Folge der Spar- und Steuerpläne der Bundesregierung rechnet der buchreport - noch nie ein Freund von Rot und Grün - im Weihnachtsgeschäft mit einem Preiskrieg im Einzel- und miesen Umsätzen im Buchhandel: "Die rot-grünen Steuerpläne dürften den erhofften Kauflust-Aufschwung im Keim ersticken. (...) Der Einzelhandel stellt sich auf einen beispiellosen Preiskrieg ein. In der Werbung der Handelsriesen ist der Preis fast flächendeckend als einziges Argument übrig geblieben." Viele Buchhändler beobachteten den Schnäppchen-Wettlauf mit Sorge. "Unverhohlene Freude herrscht dagegen beim Billig-Buchversender Weltbild. 'Teuro-Debatte, Rezessionsangst, Talfahrt der Börsen - all das hilft uns', jubilierte Weltbild-Chef Carel Halff vor kurzem im einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung." Sehr einfallsreich und immer wieder gern gelesen: "In dieser Situation könnte der Buchhandel einen neuen Harry Potter sehr gut brauchen." Statt dessen heiße der Hoffnungsträger Bohlen. Leider werde der auch in "Verbrauchermärkten wie Real" verkauft. Und als Weihnachtsgeschenk für Kinder eigne sich das Buch auch nur begrenzt.

Ausverkauf beim Süddeutschen Verlag: Die Medical-Tribune-Gruppe, die Medizinsparte der SV Hüthig Fachinformation, steht zum Verkauf. "Dem Vernehmen nach" verhandele der Süddeutsche Verlag mit der britischen Investorengruppe Triton. "Damit setzen die SV-Manager das Filetiermesser in einem Verlagsbereich an, der als durchaus profitabel gelten darf: SV-Hüthig belegte mit einem Umsatz von 275,6 Millionen Euro im buchreport-Ranking 'Die 100 größten deutschsprachigen Verlage 2001' mit einem Plus von 11,6 Prozent gegenüber Vorjahr den 3. Platz."

"Vivir para contarla" von Gabriel Garcia Marquez kommt in Deutschland wahrscheinlich Ende November auf den Markt. "Wir haben das Manuskript zwar als erster Lizenznehmer überhaupt erhalten, doch es will auch gut übersetzt sein", zitiert der buchreport Gaby Callenberg von Kiepenheuer & Witsch. In der spanischsprachigen Welt erschien das Buch am 9. Oktober. "Marquez hatte bis zum letzten Moment Korrekturen an dem 579 Seiten umfassenden Werk (ursprünglich waren es 900) vorgenommen und den Titel von 'Vivir para contarlo' ('Leben, um es zu erzählen') in 'Vivir para contarla' ('Leben, um davon zu erzählen') geändert. Es umspannt die ersten 30 Jahre seines Lebens, zwei weitere Bände sollen folgen." Mehr hier und hier.

Am 31. Oktober feiert das Berliner KulturKaufhaus Dussmann sein fünfjähriges Jubiläum. Trotz guten Erfolgs kommt Expansion nicht in Frage: "Das Konzept KulturKaufhaus funktioniert nur auf 5000 qm in einer Großstadt. Die Branchensituation und die Besetzung der Standorte durch Mitbewerber lässt solche Gedanken nicht aufkommen", sagt Geschäftsführerin Martina Tittel.

Nach dem Ende von BOL.de bleiben in Deutschland nur drei reine Online-Buchhändler mit Vollsortiment übrig, schreibt der buchreport: Marktführer Amazon.de, immerhin drittgrößter deutscher Buchhändler (Umsatz 2001 laut buchreport: 150 Millionen Euro), Booxtra (35 Millionen) und buch.de (zehn Millionen). Anders als Amazon.de und Booxtra setzt buch.de mit den Thalia-Filialen auf eine "Multichannel-Strategie".

Die Büchersendung "Solo" von Marcel Reich-Ranicki verliert Zuschauer: Nur noch 490.000 schalteten am 1. Oktober ein, berichtet der buchreport. Kein Grund zur Häme: Gegen die anderen Buchsendungen ist "Solo" noch immer sehr erfolgreich. "Willkommen im Club" lockte am 29. September gerade einmal 60.000 Zuschauer vor den Fernseher, "Bücher, Bücher" "krebst seit Monaten in kaum noch messbaren Bereichen herum" - 30.000 Zuschauer am 19. Oktober. "Trotzdem lassen sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht entmutigen: Ab Anfang nächsten Jahres wird Literaturkritiker Denis Scheck jeden Sonntag nach den 'Tagesthemen' über Neuerscheinungen und Bestsellerlisten plaudern."

Weitere Meldungen: Der ADAC-Verlag macht seine Reiseführer billiger. Ullstein Heyne List legt seine Hörbuch-Labels zusammen. In Trier zieht die Akademische Buchhandlung Interbook im kommenden Jahr an den Kornmarkt. Den diesjährigen Booker-Preis hat der kanadische Schriftsteller Yann Martel für seinen Roman "The Life of Pi" erhalten.

Hier die Bestseller.

Börsenblatt

Was haben Daniel Goldhagen und Dieter Bohlen gemeinsam? Beide mussten einen Satz aus ihren Büchern streichen. Im Falle von Goldhagens "Die katholische Kirche und der Holocaust" bat der Verlag die Buchhändler per Brief, die entsprechende Stelle in der ersten Auflage selbst zu schwärzen. Die einstweilige Verfügung habe offenbar viele Buchhändler stark verunsichert, so das Börsenblatt. "Der Siedler Verlag kann indes offenbar zumindest auf die Kooperationsbereitschaft seines Autors zählen: Nach einer Lesung im Literaturhaus München signierte Goldhagen nicht nur, sondern übernahm die Schwärzung der beanstandeten Textstelle gleich selbst."

Einen Nachruf auf den langjährigen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld enthalten die Branchenmagazine der vergangenen Woche natürlich noch nicht. Statt dessen ein Bericht über den Rechtsstreit zwischen Unseld und seinem Sohn Joachim: "Joachim Unseld, Chef der Frankfurter Verlagsanstalt, muss nach einem Entscheid des Frankfurter Oberlandesgerichts der zum 1. Januar 1999 erfolgten Veränderung der Gesellschafterverhältnisse bei Suhrkamp und Insel zustimmen. Das Gericht wies damit die Berufung Joachim Unselds gegen das Urteil der ersten Instanz zurück." Unseld senior hatte 1999 seine Anteile am Suhrkamp Verlag auf 51 Prozent erhöht und die Leitung des Verlags später einer eigens gegründeten Stiftung übertragen. Unseld junior, der 20 Prozent der Suhrkamp-Anteile hält, beansprucht einen Beiratssitz für sich.

Schockierend! Bodo Schäfer soll abgekupfert haben. Für sein Buch "Endlich mehr verdienen" solle der "Finanzguru" (Börsenblatt) Teile aus "Durchstarten zum Traumjob" von Richard Nelson Bolles abgeschrieben haben, so die Financial Times Deutschland. Mit dem Plagiatsvorwurf beschäftigten sich derzeit die Rechtsabteilungen der beiden beteiligten Verlage. Im folgenden Börsenblatt weist Schäfers Verleger Rainer Moritz (Hoffmann und Campe) den Vorwurf empört zurück. "Es bedarf unserer Auffassung nach nicht einmal eines juristisch geschulten Blickes, um zu erkennen, dass die seitens des Campus Verlags präsentierten 'Belege' den Plagiatsvorwurf nicht im Entferntesten erhärten."

Horst Heidtmann, Leiter des Instituts für angewandte Kindermedienforschung, plädiert für mehr Spaß beim Lesen. Er diagnostiziert: "Offenkundig haben traditionelle Funktionen der Kinder- und Jugendliteratur an Bedeutung verloren. Hilfestellung bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt wie auch bei der Erweiterung ihrer Weltsicht erhalten Kinder vorrangig aus den elektronischen und audiovisuellen Medien. Den intellektuellen Diskurs, Belehrung zu ethischen oder sozialen Problemstellungen erwartet allenfalls noch ein sehr kleiner Kreis junger Leser von belletristischer Lektüre." Die Bibliotheken sind Heidtmann zufolge dabei, sich auf das Leseverhalten der Kinder und Jugendlichen einzustellen; dort finde gegenwärtig ein "Paradigmenwandel" statt: "Junge Bibliothekarinnen orientieren sich zunehmend an den tatsächlichen Medien- und Lesebedürfnissen ihrer Klientel, betonen Spaßaspekt und den Genuss an der Lektüre." Nur die Schule bleibt todernst: "Selbst für Grundschüler stehen beim Lesenlernen nicht Spaß, Vergnügen oder Genuss im Vordergrund - sie haben sich im Deutschunterricht Bücher zu 'erarbeiten'. Es kann daher kaum überraschen, dass laut 'Pisa'-Studie 42 Prozent der 15-Jährigen nicht mehr zum Vergnügen lesen. Das ist ein Anteil, der in keinem anderen Land der Vergleichsstudie übertroffen wird."

In der Debatte um den Konditionenstreit zwischen Verlagen, Buchhändlern und Barsortimenten betont Christian Preuss Neudorf die Unterlegenheit der Händler: "Knapp 75 Prozent der 4.779 Buchhändler des Börsenvereins erreichen nicht einmal einen Jahresumsatz von 500.000 Euro! Dem Handel fehlt es wirklich erkennbar an ausreichender Marktmacht, um Einkaufspreise und Lieferbedingungen zu verhandeln, die der Verlag durch Zuweisung der Rabatte, unveränderbare Lieferqualität und willkürliche Versandkostenaufschläge einseitig bestimmt." Neudorf weist darauf hin, dass das neue Preisbindungsgesetz dem Händler für seine Leistung einen Anspruch auf "angemessene Verkaufspreise und Verkaufskonditionen" gibt. Nun müsse ein verbindliches Rahmenwerk erarbeitet werden, "in dem sich die Händlerkonditionen bewegen müssen, um der Anforderung des BuchPrG zu entsprechen". Ansonsten werde diese Festlegung nach und nach durch die Gerichte erfolgen.

Weitere Meldungen: Die italienische Verlagsgruppe Panini hat die Dino entertainment AG gekauft. Der Börsenverein führt eine "Seniorenstudie" durch: "Wir werden etwa fragen, ob es älteren Menschen wichtig ist, dass sie sich in der Werbung für Bücher wiederfinden. Oder wie ein Titel gestaltet sein muss, damit sie sich angesprochen fühlen. Greifen Senioren als finanzkräftige Konsumenten eher zu teureren Hardcovern als zu Taschenbüchern? Sind sie zufrieden mit der Schriftgröße der Bücher? Möchten sie in der Buchhandlung von Sortimentern in ihrem Alter bedient werden?" - diese und andere Frage will Christoph Kochhan von der Kommunikationsabteilung des Börsenvereins beantworten lassen. - Umsatz stagniert: Im September hatten die Buchhandlungen ebenso volle bzw. leere Kassen wie im September letzten Jahres; für den Oktober hofft der Handel auf Bohlen. Schließlich stellt Sabine Schwietert den 200 Jahre alten Verlag Philipp von Zabern vor, dessen Schwerpunkte die Archäologie sowie Kunst- und Kulturgeschichte sind.
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