Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
02.09.2002. Heute lesen Sie: Was McKinsey-Beraterin Annet Aris über die Krise der Buchbranche denkt. Ob die Hilfen für überflutete Buchhandlungen ausreichen. Wie bei Bertelsmann aufgeräumt wird. Und was die Flächenoffensive der großen Buchhandelsketten bedeutet. Von Kerstin Beckmann, Christoph Mayerl, Thekla Dannenberg

buchreport.magazin

Im Interview mit David Wengenroth prophezeit Annet Aris, die für McKinsey Buchverlage und Medienunternehmen berät, dass sich die Buchbranche zwar bald von der gegenwärtigen extremen Schwäche erholen wird, aber auch auf längere Sicht der Markt stagnieren werde. "Das Wachstum der Vergangenheit wird sich nicht fortsetzen." Aris' Ansicht nach hat auch die gegenwärtige Titelflut zur Krise in der Buchbranche beigetragen: "Die Verlage sind in einen Teufelskreis geraten. Weil die Umsätze schmelzen, bringen sie mehr Titel heraus und hoffen, dass ein großer Knaller dabei ist. Tatsächlich kommt dann gar kein Buch vernünftig zum Zug, abgesehen von wenigen Bestsellern. Die bringen wiederum kein Geld, weil die Autorenhonorare zu hoch sind." Aris empfiehlt den Verlagen, sich von dieser "falschen Sicherheitsstrategie" zu verabschieden. " Insgesamt täten sich sowohl die Verlage als auch der Buchhandel einen Gefallen, wenn sie mehr Mut hätten, auf bestimmte Titel zu setzen und die auch vernünftig aufzubauen." Sorge um die Titelvielfalt müsse man sich im übrigen nicht machen: "Das Problem ist nicht irgendein Gedichtband, sondern es sind die "Me-too"-Produkte. Wenn ein Ratgeberthema oder ein literarisches Genre erfolgreich ist, springen viele Verlage rasend schnell auf den Zug auf, um auch ein Stück von dem Kuchen abzubekommen."

In ihrem Kommentar zur Hochwasserkatastrophe schreibt Peggy Voigt, dass die bisher bekundete Hilfbereitschaft nicht ausreichen wird, den betroffenen Buchhändlern aus ihrer Misere zu helfen. Angesichts der Situation sei der Börsenverein gefragt, nicht nur zu beraten oder Spendenkonten einzurichten, meint Voigt: "Die dritte Umlage zu beschließen und den Geschädigten für den Wiederaufbau zu überreichen, wäre ein denkbarer Weg."

Weitere Berichte widmen sich der Werbeleiterin des Rowohlt Verlags Kerstin Reitze de la Maza, die das neue Marketingkonzept für den Verlag durchgesetzt hat - seitdem werden die Titel mit jeweils einem kurzen und klaren Kernsatz beworben, von britischen Butlern dargeboten oder als Instant-Suppenterrine gereicht. Oder der Hysterie, in die die schreibgehemmte Joanne K. Rowling Großbritannien gestürzt hat - die Verlagen suchen verzweifelt nach einem Nachfolger für Harry Potter. Dem ehemaligen Kinderbuchlektor Jonathan Stroud sind bereits die Buch- und Filmrechte seiner geplanten Fantasy-Trilogie für zwei Millionen Pfund abgekauft worden - auf der Basis eines Exposes.

Neugierig macht der buchreport vor allem auf zwei Neuerscheinungen des Herbstes: Zadie Smith ("Zähne zeigen") hat ihr zweites Buch fertig, es heißt "The Autograph Man", ist zwar noch nicht erschienen, aber trotzdem in letzter Minute in die Vorauswahl zum Man Booker Prize aufgenommen worden. Vorgestellt wird auch die Autorin Jurga Ivanauskaite aus Litauen, dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Ihr Roman "Die Regenhexe" erscheint demnächst bei dtv, in Litauen selbst galt es als pornografisch und antichristlich, so der buchreport, und durfte deswegen nur in Erotikläden verkauft werden.

Sehr lesenswert ist natürlich der Artikel über die Buchmaschine des Internet- und Kulturmagazins Perlentaucher! Schließlich können Verlage noch viel lernen, was die Nutzung des Internets für das Marketing betrifft - zum Beispiel wie man bei 70.000 Neuerscheinungen pro Jahr ein einzelnes Buch zu einem Ereignis macht. Und wie der buchreport schreibt, zeigen die beiden vom Perlentaucher erstellten Seiten zu Nelly Arcan und V.S. Naipaul (und demnächst Reich-Ranickis "Kanon"), "dass trotz einfacher Struktur und leichter Navigation eine individuelle Gestaltung möglich ist".

Börsenblatt

Der Axel-Springer-Verlag, im vergangenen Jahr noch in den roten Zahlen, kann zunächst aufatmen, wie das Börsenblatt berichtet. Während der Medienkonzern damals noch mit 198 Millionen Euro in den Miesen steckte, wurde bereits im ersten Halbjahr diesen Jahres ein Überschuss von 72 Millionen Euro erwirtschaftet. Grund für die zunächst positive Entwicklung: Die Umsatzrendite konnte um 4,3 Prozent gesteigert werden. Die Buchumsätze dagegen bereiten dem Verlag noch gravierende Probleme. Sie seien zwar "entgegen dem Markttrend stabil" geblieben, doch von einer positiven Bilanz ist die Buchsparte noch weit entfernt. Ob mit der leichten Erholungsphase die Verlagsgruppe Ullstein Heyne List über den Berg ist, bleibe jedenfalls noch abzuwarten, so das Börsenblatt. Trotz erfolgter Restrukturierungsmaßnahmen innerhalb der Buchsparte, die zu einer erheblichen Besserung der Finanzlage führte, schließe Vorstandschef Mathias Döpfner den Verkauf der Buchsparte nach wie vor nicht aus.

Auf Erfolgskurs befindet sich hingegen die Thalia Holding. Die Tochter des Hagener Douglas-Konzerns erhielt den Zuschlag für die Amadeus-Filialen in Österreich und hat damit beste Chancen, Marktführer unter den Buchhändlern im deutschsprachigen Raum zu werden, wie das Börsenblatt verkündet.

Das Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse für ausländische Verlage, die sich einen Stand nicht leisten können, hat schon Tradition: Auf mittlerweile 30 Jahre kann die vom Auswärtigen Amt und in diesem Jahr erstmalig auch vom niederländischen Prinz-Claus-Fund geförderte Aktion zurückblicken. Das Börsenblatt interviewt dazu Peter Ripken, Consultant der Buchmesse, und hakt nach, welchen Nutzen die Förderung sowohl für die betroffenen Verlage als auch für die Buchmesse selbst birgt. Die eingeladenen Verlage könnten hier "gute Kontakte" knüpfen, erklärt Ripken. Und die Buchmesse selbst profitiere von der "Chance zu erfahren, wie und in welche Richtung sich andere Buchmärkte entwickeln". Außerdem trage das Einladungsprogramm dazu bei, dass "der Anspruch der Messe, Plattform für Büchermenschen aus der ganzen Welt zu sein, ein bisschen wahrer wird". Auch der neue Schwerpunkt "Bridges für a world divided" soll Fragen erörtern, die "nicht nur uns Abendländer interessieren", so Ripken. (Nähere Informationen zum Förderprogramm und Kontaktadressen finden sich hier.)

Einige Haken weist der Gesetzentwurf zum Urheberrecht noch auf, der eigentlich die Bedürfnisse der Informationsgesellschaft stärker berücksichtigen sollte. Das monieren der Börsenverein und der VdS Bildungsmedien. So laufen die Regelungen für den Versand digitaler Medien durch Bibliotheken der EU-Richtlinie zuwider, glauben beide Verbände. Außerdem könnten Wissenschafts- und Zeitschriftenverlage Nachteile davontragen, weil die Regelung "ein echtes Investitions- und Innovationshemmnis" darstelle. Die Forderung der Kritiker besteht daher darin, "dass das Herstellenlassen von digitalen Kopien durch Dritte nicht zugelassen werden ", sowie ein juristischer Rahmen die Unterscheidung zwischen analogen und digitalen Kopien gewährleisten soll. Auch die Festlegung der kostenfreien Verwertung von Werken für Medien und Forschung wird kritisiert. Die Verbände befürchten, dass damit eine Beeinträchtigung der Schulbuch-, Fach- und Wissenschaftsverlage bis hin zur "Existenzgefährdung" einhergeht.

Mit den Folgen der Flutkatastrophe beschäftigen sich gleich mehrere Artikel im Börsenblatt. Obwohl das Thema sich langsam schon wieder aus den Medien schleicht, zeigt sich die Buchhändler-Abrechnungs-Gesellschaft (BAG) immer noch sehr engagiert. Mit individueller Hilfe in Form von Geldspenden, Rabatten und Patenschaften greift sie den geschädigten Buchhändlern tatkräftig unter die Arme. Auch Verlage lassen die Händler in Not nicht hängen. Einige liefern portofreien Ersatz für Exemplare, die den Wassermassen zum Opfer fielen, oder gewähren äußerst hohe Rabatte. Einen Überblick über die wichtigsten Regelungen zum arbeitsmarktpolitischen Sonderprogramm, das die Bundesregierung für die arbeitslos gewordenen Flutopfer in die Gänge gebracht hat, liefert das Börsenblatt ebenfalls.

Weitere Meldungen: Die Eichborn AG meldet einen Umsatzrückgang von 18,5 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2001. Gar nicht gut sieht es für die Universitätsbuchhandlung UniBuch Heidelberg aus: Die Geschäftsführer mussten zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres Insolvenz beantragen: "Verhandlungen mit potenziellen Käufern sind bereits angelaufen", teilte die Kanzlei des Insolvenzverwalters dem Börsenblatt mit. Die beiden Barsortimente KNO / KV und Libri haben beschlossen, den Betrieb und die Weiterentwicklung der Deutschen Bücherdatenbank einzustellen: Es haben sich einfach nicht genug Verlage beteiligt.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Die Titelgeschichte widmet der buchreport express den großen Buchhandelsketten, die zur Flächenoffensive ansetzen und damit dem Konzentrationsprozess im deutschsprachigen Buchhandel gehörigen Vorschub leisten: So wird Thalia die österreichische Buchhandelskette Amadeus aus der Konkursmasse der Libro AG übernehmen - zum Preis von 9,3 Millionen Euro. Von den 22 Filialen der Amadeus-Kette wird Thalia jedoch wohl nur diejenigen weiterbetreiben, die mehr als 600 Quadratmeter Verkaufsfläche haben. Die Schließung droht kleineren Geschäften in Braunau, Ried und Grießkirchen. Das Lübecker Unternehmen Weiland expandiert nach Süden. Im Zentrum von Hannover wollen die Nordlichter ihre bisher größte Filiale mit einer Verkaufsfläche von 3000 Quadratmetern eröffnen. Die Buchhändler in Hannover schwanken zwischen Zähneklappern ("Das ist reiner Kannibalismus") und demonstrativer Gelassenheit ("Die haben nichts, was wir nicht auch hätten"). In Aachen setzt die Mayersche an, einen regelrechten Bücherdom zu errichten. Die Verkaufsfläche wird auf 5.500 Quadratmeter verdoppelt, hinzukommen ein Literaturgarten mit Kinderspielplatz, ein Forum für 375 Besucher sowie Präsentationsflächen für Volkshochschule, Amnesty International und Greenpeace. Und schließlich wollen die Dresdner Filialisten Buch & Kunst westwärts wandern. Neben Magdeburg und Riesa sind neue Läden in Göttingen und Detmold geplant.

In den Hochwassergebieten wird das Ausmaß der Schäden immer deutlicher: "In 34 Buchhandlungen hat das Wasser Spuren hinterlassen, 18 Sortimentern ist nichts mehr geblieben, weder Bücher noch EDV, noch Ladeneinrichtung", schreibt der buchreport express. Zahlreiche Verlage haben inzwischen angekündigt, die beschädigten Bücher kostenfrei umzutauschen, Zahlungsziele zu verlängern oder Rechnungen bis zur Mitte des nächsten Jahres zu valutieren. Skeptisch betrachtet buchreport das Angebot der Kreditanstalt für Wiederaufbau, günstige Kredite zu vergeben. Die meisten Buchhändler haben schließlich noch nicht einmal die Kredite abbezahlt, die sie nach der Wende für die Eröffnung ihres Ladens aufgenommen hätten.

Weiter meldet der buchreport express: Die Verlagsgruppe Ullstein Heyne List schreibt zwar immer noch rote Zahlen, aber offenbar keine tiefroten mehr. Im ersten Halbjahr 2002 kommt die Buchsparte mit einem Verlust von 5 Millionen Euro (bei einem Umsatz von 77 Millionen) davon, im vorigen Jahr waren es insgesamt noch 45,8 Millionen Euro.

Die führenden Buchhandelsketten der USA haben ihre Wachstumserwartungen noch einmal um 2 - 3 Prozent für dieses Jahr reduziert. Der britischen Buchbranche geht es nicht viel besser, dennoch greifen die Verlage im Königreich für Celebrity Books immer tiefer in die Taschen, wie sich der buchreport wundert. Vorschüsse in siebenstelliger Höhe sind mittlerweile die Norm. So zahlt HarperCollins etwa dem Fußballer David Beckham einen Vorschuss von 3 Millionen Pfund für seine Memoiren ("Mein Leben als Fußballer und Ehemann von Posh-Spice" oder so).

Und hier geht es zur Spiegel-buchreport-Bestsellerliste, die in dieser Woche zwölf Neueinsteiger verzeichnet.
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Börsenblatt

Hochwasser und kein Ende: In Sachsen sind etwa 40 Buchhandlungen überflutet worden (hier die aktuelle Liste, mit Spendenkonten), in Sachsen-Anhalt sind mittlerweile schon 15 Sortimenter in Mitleidenschaft gezogen worden (hier der Überblick). Die Hilfsbereitschaft innerhalb der Branche ist groß, berichtet das Börsenblatt. Verlage, Zwischenbuchhändler und Verbände helfen den Geschädigten mit Spenden, Zahlungsstundungen oder Umtauschaktionen von wassergeschädigten Büchern. So ersetzt etwa der Richard Boorberg Verlag alle an ihn zurückgesandten Bücher, CD-ROMS und Zeitschriften kostenlos und portofrei. (Mehr zur Hochwasserhilfe auch von Banken, Regierung und EU beim Börsenverein).Unbürokratisch hilft auch der Verband der Schulbuchverlage und Bildungsmedienhersteller VdS. Schulen können beschädigtes Material für den halben Preis neu bestellen. Und der Reclam Verlag in Leipzig hat sich zu Gunsten der Schule im überfluteten Grimma in die Leipziger Fußgängerzone gestellt und antiquarische Bücher verkauft.

In Grimma hat Niels Kahlenfendt die Buchhändlerin Marlies Ude besucht, die hilflos mitansehen musste, wie ihr "Bücherwurm" und damit ihre Existenz unter einer meterhohen Flutwelle begraben wurde. Am nächsten Tag zeigt sich das ganze Ausmaß der Katastrophe. Geborstene Schaufenster, "ein einziger Schlammhaufen in der Mitte der Buchhandlung, die schwere Kassentheke herumgewirbelt wie Kinderspielzeug". Auch im Kleinen ist die Solidarität groß: Stammkunden helfen beim Ausräumen, auch die Verlagsleiterin steht plötzlich vor der Tür. Der "Bücherwurm" soll wieder eröffnet werden. Irgendwann.

Das Großreinemachen bei Bertelsmann dauert an. Um die Unternehmensstruktur weiter zu straffen und dezentralisieren, werden die Führungsgremien Bertelsmann Capital, das Corporate Executive Council und das von Middelhoff eingerichtete Office of the Chairman aufgelöst. "Wir müssen die Arbeit vermehrt direkt in den Bereichen und Firmen erledigen", lautet das neue Credo des Vorstandsvorsitzenden Gunter Thielen.

Zum 40. Jubiläum setzt Knaur Taschenbuch auf Klasse statt Masse. Für sechs bestimmte Monate gibt es 2003 jeweils ein spezielles Jubiläumsthema, bei dem jeweils drei Bestseller beworben werden. Und zwar mit dem Leser von nebenan. Wenn also bespielsweise Filialleiter Manfred seinen Lieblingsautor verrät, erwartet Marketingchef Klaus Kluge "Begeisterung" bei Lesern - und Buchhändlern. Die bekommen für jedes georderte Jubiläumspaket nämlich eine exotische Kaffetasse plus ein Päckchen Bohnen.

Weitere Meldungen: Die Amadeus-Kette geht für 9,3 Millionen Euro wie erwartet an Thalia. Der Lübecker Filialist Weiland expandiert nach Hannover und wird im Frühjahr 2003 seine bisher größte Buchhandlung eröffnen. Optimismus auch bei VNU: Der niederländische Verlagskonzern mit Sitz in Amsterdam konnte sein Ergebnis im ersten Halbjahr um fünf Prozent auf 201 Millionen Euro steigern. Und gleich drei Unternehmen aus der Buchbranche sind in der Top 25 des deutschen Versandhandels vertreten. Außerdem verlässt Martin Bauer, Herausgeber der "Neuen Rundschau", den S. Fischer Verlag bis Ende August, und der VdS legt einen PISA-Forderungskatalog vor.
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