Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
26.08.2002. In dieser Woche lesen Sie: Was Joanne K. Rowling umtreibt. Warum HarperCollins wächst. Warum Geschenkbücher sich immer ähnlicher werden (und was für hübsche Titel sie haben). Und wie der Bertelsmann Club mit Intellektuellen Geld machen will. Von Hubertus Volmer.

Börsenblatt

Bei der Hochwasserkatastrophe sind in Sachsen nach einer ersten Bestandsaufnahme rund 40 Buchhandlungen Opfer der Flut geworden, meldet das Börsenblatt. Die Zahl ist allerdings nur vorläufig (hier eine aktualisierte Liste). In Niedersachsen stehen drei Buchhandlungen unter Wasser. Die Solidarität in der Branche sei beachtlich: "Die Liste der Verlage, die die betroffenen Buchhandlungen unterstützen, ist seit der vergangenen Woche länger geworden, und die Hilfsangebote gehen längst über verlängerte Zahlungsziele und Freiexemplare hinaus". (Mehr zur Hochwasserhilfe beim Börsenverein.)

Nils Kahlefendt ist für das Börsenblatt nach Dresden gefahren. Im Haus des Buches traf er Buch-und-Kunst-Einkaufsleiter Tom Kirsch, der seit einer Woche mit seinem Schlafsack in der Buchhandlung kampiere (warum er dies tut, steht im buchreport: "wegen der Plünderer", so Kirsch). Die Filialen in Freital, Pirna und Meißen, in denen mehr als zwölf Mitarbeiter beschäftigt waren, seien komplett zerstört, berichtet Kirsch, der Sachschaden betrage mehr als eine Million Euro. Fast fataler seien die Folgeschäden. "Allein im Haus des Buches verlieren wir mit jedem Tag Einnahmen in fünfstelliger Höhe", sagt Kirsch. Grund: Es gibt keinen Strom. Der ausbleibende Umsatz ist auch für kleinere Buchhandlungen ein Problem. Nur stundenweise könne die Buchhandlung Ungelenk in der Kreuzstraße öffnen, am Vortag seien 100 Euro in die Kasse gekommen.

Zum Thema Hochwasser gibt es außerdem ein Interview mit Georg Hoffmann von der Versicherungsagentur Wulff & Partner sowie eine Umfrage unter elbabwärts wohnenden Buchhändlern: Die Befragten hatten zumeist "Glück im Unglück", müssen allerdings starke Umsatzeinbrüche hinnehmen: "Zum Shoppen hat hier keiner Lust", sagt etwa Andrea Stein von der Buchhandlung Doris Rusch in Lauenburg. "Wir verkaufen zurzeit nicht viel mehr als Tageszeitungen." - In seiner Online-Ausgabe meldet das Börsenblatt, dass sich Spezialisten des Leipziger Zentrums für Bestandserhaltung um die Rettung der durch das Hochwasser geschädigten Bücher und Dokumente bemühen.

Wenn es um Geld geht, verstehen Joanne K. Rowling und Warner Bros. keinen Spaß. Im Streit um die Nutzung von Textpassagen und Romanfiguren aus "Harry Potter"-Büchern haben beide beim Kammergericht Berlin Berufung gegen ein Landgerichtsurteil vom 4. Juli eingelegt. Damals war eine Einstweilige Verfügung aufgehoben worden, die dem Verlag an der Ruhr verboten hatte, Unterrichtsmaterialien zum Thema "Harry Potter" zu vertreiben. Rowlings und Warners Anwalt argumentiert, die Bücher würden die Geschichten nutzen, ohne eine Interpretation oder Analyse vorzunehmen. Dies sei keine freie Benutzung im Sinne von Paragraf 24 des Urheberrechtsgesetzes. Unter dem Deckmantel eines Schulbuchs habe der Verlag "geistigen Diebstahl" begangen. "In der Begründung der einstweiligen Verfügung galt noch die Umwandlung der Romanvorlage in ein Schulbuch als Stein des Anstoßes", schreibt das Börsenblatt. Ruhr-Verleger Wilfried Stascheit vermutet als Motiv der Klage "hanebüchene Geldgier".

Weitere Meldungen: Neuer Pressechef der Frankfurter Buchmesse wird Holger Ehling. Baumhaus-Titel sollen bald wieder lieferbar sein. Das VlB unterstützt die Preisbindung. In Berlin steht nach der Kiepert-Filiale in der Friedrichstraße nun auch das Geschäft hinter der Humboldt-Uni zum Verkauf (das ist sehr bedauerlich). Und in Frankreich "verdichten sich die Gerüchte, wonach bei dem angeschlagenen Medienkonzern Vivendi Universal der Verkauf der gesamten Verlagssparte bevorstehen könnte", so das Börsenblatt. Allerdings habe Konzernchef Jean-Rene Fourtou in einem offenen Brief an Aktionäre und Mitarbeiter um Vertrauen in das Unternehmen geworben. Eine Voraussetzung für die Sanierung sei der "unverzügliche Verkauf des US-Schulbuchverlags Houghton Mifflin".

Außerdem schreibt Ulla Behrendt-Roden vom Ravensburger Verlag am Beispiel der "Fünf Freunde"-Bücher über die CD-ROM-Verwertung von Jugendbüchern. Und schließlich macht das Börsenblatt auf ein 32-stündiges "Epos" aufmerksam, das am 10. September als 32-bändiges Hörbuch auf den Markt kommt: "One Million Years" heißt die Produktion von On Kawara, die auf der Documenta live inszeniert wird. Das Werk besteht "aus dem Wechselspiel zwischen einem Sprecher, der die geraden, und einer Sprecherin, die die ungeraden Jahreszahlen aus Vergangenheit und Zukunft lesen." Nach Angaben der Pressesprecherin des HörVerlages interessieren sich bisher vornehmlich Sammler und Galeristen für die 250 nummerierten Exemplare. Der Subskriptionspreis liegt bei 784 Euro.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Auch der buchreport berichtet natürlich über die Folgen des Hochwassers für die örtlichen Buchhandlungen, vor allem aber über die "Solidaritätswelle". Eine Liste der betroffenen Läden gibt einen Überblick über die Kosten. Totalschäden werden aus Döbeln, Dresden, Eilenburg, Freital, Grimma, Meißen, Olbernhau, Pirna und Waldheim gemeldet, schwere Schäden aus Aue, Burkhardtsdorf, Radebeul und wiederum aus Dresden. Dort waren eine Reihe von Buchhandlungen gar nicht erreichbar. Die oben bereits erwähnte Liste der geschädigten Buchhandlungen gibt es hier.

In der Schweiz haben Verleger und Buchhändler einen "Etappensieg errungen". Das Bundesgericht stimmte ihrer Beschwerde in Teilen zu und hob das Verbot der Buchpreisbindung auf. Der Fall wurde zur Neubeurteilung an die Wettbewerbskommission zurückverwiesen. Diese hatte die Buchpreisbindung 1999 als wettbewerbswidrig verboten.

HarperCollins hat seinen Umsatz um 4,8 Prozent gesteigert. "HarperCollins-Chefin Jane Friedman, die weiteres Wachstum durch Akquisitionen nicht ausschließen will, begründet das Rekordergebnis mit Wachstum an allen Fronten. (...) Mit 106 Titeln auf der Bestsellerliste der New York Times und 47 Bestsellern bei der englischen Sunday Times war HarperCollins so erfolgreich wie nie zuvor."

Hermann Heckmann kommentiert die Situation der internationalen Fachverlage. "Als hätten sie sich verabredet, haben einige der großen Medienkonzerne öffentlich gemacht, dass sie sich von ihren Fachverlagen trennen wollen. (...) Dieser Kurswechsel ist nicht durch eine wirtschaftliche Fehlentwicklung der Töchter ausgelöst worden, denn in ihrer Gesamtheit schreiben die Fachverlage weiterhin schwarze Zahlen." Für die Manager der großen Konzerne seien die Fachverlage zu kleinteilig. Nach der "Flurbereinigung" würden die Fachverlage "größtenteils zu Konzernen gehören, die sich auf Fachinformationen spezialisiert haben" - wie Reed Elsevier, Thomson oder Wolters Kluwer. Dennoch werde sich der spezialisierte Fachverlag auch in Zukunft neben den großen internationalen Gruppen behaupten können.

Weitere Meldungen: Thalia könnte die österreichische Amadeus-Kette kaufen, spekuliert der buchreport. Es sei vielleicht nur noch eine Preisfrage. Die 22 Amadeus-Filialen gehören zur insolventen Libro AG; zu dem Separat-Verkauf könnte es kommen, nachdem kein brauchbares Angebot für den gesamten Libro-Bestand vorliege. Außerdem berichtet der buchreport von einer Meldung des manager magazins, derzufolge BOL zum Verkauf steht. Und wenn der Aktienkurs von barnesandnoble.com sich nicht bis zum 1. November erholt, droht der Rausschmiss aus der Nasdaq. 25 Millionen Aktien wurden im Mai 1999 für 18 Dollar pro Stück ausgegeben. Der vom buchreport genannte aktuelle Wert: 74 US-Cent.

Und hier die wöchentlichen Bestseller der Spiegel-Liste.
Stichwörter: Elsevier, Der Spiegel

Börsenblatt

Der Bertelsmann Club will Mitgliederzahl und Umsätze steigern und soll daher in drei Marken aufgeteilt werden. "Neben dem allgemeinen Angebot soll ein trendorientiertes Programm und ein Club für eine intellektuelle Zielgruppe eingerichtet werden", zitiert das Börsenblatt aus einem Handelsblatt-Interview mit Club-Geschäftsführer Wulf Böttger. "Durch die stärkere Ausrichtung auf einzelne Kundengruppen könnten eine Million neue Mitglieder gewonnen werden, wird Böttger zitiert. Derzeit hat der Club rund 4,2 Millionen Mitglieder - alle kleineren Buchgemeinschaften eingeschlossen." Das Segmentierungskonzept soll zunächst an 50.000 Haushalten getestet werden.

Ein Artikel über die Thomson Corporation bildet den Auftakt einer Serie über internationale Fach- und Wissenschaftsverlage. "Sexy sind sie nicht, Glanz und Glamour sind nicht ihre Stärke: Doch die auf Fachinformationen und Wissenschaft spezialisierten Verlage (...) gehörten in den vergangenen Jahren zu den profitabelsten Medienunternehmen überhaupt." Die Überzeugung werden von den Konzernchefs allerdings nicht durchweg geteilt. "Eine Rückbesinnung auf so genannte Kernkompetenzen macht die Runde. Viele Unternehmen erwägen, sich von ihren Wissenschafts- und Fachverlagstöchtern zu trennen." Thomson geht genau diesen Weg nicht - und ist dabei offenbar sehr erfolgreich.

Aus der Sicht der Kultur-Leser sind Geschenkbücher zwar igitt, Geld lässt sich mit ihnen dennoch verdienen. "Die Folge: Immer mehr Geschenkbuch-Reihen kommen auf den Markt - und viele sehen sich verblüffend ähnlich", schreibt Eckart Baier. "Großmutter. Herz der Familie" und "Dankeschön. Von ganzem Herzen". Klingt irgendwie mehr nach einem Tonikum für Senioren und einer aufwendig verpackten Schokolade als nach Büchern.

Außerdem schreibt Stefan Hauck über die Folgen der Flutkatastrophe für die Buchhandlungen in den Hochwassergebieten, Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann lobt die beeindruckende Solidarität, und Verlage wollen den Buchhändlern helfen.
Archiv: Börsenblatt