Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
09.09.2002. In dieser Woche lesen Sie: Warum der buchreport die neuen Zahlen von Bertelsmann undeutlich und die Zahlen der Buchmesse wenig konkret findet. Was an der neuen Preisbindung anders ist. Und wie stark der Umsatz bei Eichborn zurückgeht.

Börsenblatt

"Bertelsmann zieht eine positive Bilanz für das erste Halbjahr 2002", meldet das Börsenblatt, aber der Umsatz ging zurück. Das Magazin meldet zugleich den Rückzug des Konzern aus dem Internetgeschäft und vor allem die Aufgabe des Medienkaufhauses BOL. Hierzu äußert sich Chefredakteur Hendrik Markgraf: "Die Träume von einem hohen Marktanteil des Online-Buchhandels haben sich nicht erfüllt. Die apersonale Internet-Erlebniswelt entspricht eben nicht den Erwartungen der Kunden ans Einkaufen. Solange dies so bleibt, sind die Chancen des Online-Buchhandels begrenzt." Nun gehöre jedenfalls dem potenziellen Käufer Amazon "die Handelsmacht - der wird sie nutzen, um durch neue Kostenmodelle Profit zu machen."

Auch Vivendi, der französisch-amerikanische Medienkonzern, stößt Teile seiner Verlagssparte ab. Der "Presse-Pool" des Unternehmens soll verkauft werden. Hierzu gehören unter anderen das Nachrichtenmagazin L'Express und die Literaturzeitschrift Lire. Käufer wird die französische Zeitungsgruppe Socpresse sein, die unter anderem die überregionale Zeitung Le Figaro herausbringt.

Der Berliner Verlag Nicolai reduziert sein Programm. Die Buchproduktion soll um rund ein Viertel zurückgefahren werden. Begründet wird dies seitens des Verlages mit dem schleppenden Verkauf insbesondere der teureren Bücher."

VLB-Abonnenten haben in Zukunft das Privileg, die Bestseller-Listen des deutschen Buchhandels als erste einzusehen. Die vom Marktforscher Media Control erstellte Liste kann online schon dienstags abgerufen werden und hat somit einen erheblichen zeitlichen Vorsprung vor der Focus- und der Buchreport-Bestsellerliste.

Die Personalberaterin Ellen Schneider, Betreiberin Jobbörse Bookjob.de, fragt in einem Hintergrundartikel, was der deutsche Buchhandel mit den Vorschlägen der Hartz-Kommission anfangen könnte. Für die Praxistauglichkeit hinsichtlich der Einstellung neuer Mitarbeiter blieben in dem Programm zu viele Frage offen: "Echte Erleichterungen und finanzielle Anreize für Verlage und Sortimente sind aus dem Hartz-Bericht nicht abzulesen. Wie und vor allem Dingen wer die Vorschläge anwendet, das ist derzeit noch völlig offen."

Außerdem wird berichtet, was die am 1. Oktober gesetzlich angeordneten festen Buchpreise für Pflichten für Verleger und Buchhändler mit sich bringen; dass der Berlin Verlag Arno Spitz GmbH seit dem 1. August BWV (Berliner Wissenschafts-Verlag) heißt; sowie was sich an steuerlichen Konsequenzen der Hochwasserschäden ergibt.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Die vorgelegten Halbjahres-Daten von Bertelsmann "geben kein sehr genaues Bild von der wirtschaftlichen Lage" des Konzerns ab, sie seien wenig aussagestark, heißt es im Buchreport. Das Motto des neuen Chefs laute lediglich: "Notfalls auch mit weniger Umsätzen, aber auf jeden Fall wieder Gewinne machen." Die Zahlen, die Bertelsmann bekannt gibt, beschränkten sich nur auf den operativen Gewinn, und seien noch von Veräußerungsgewinnen aus dem Vorjahr (Verkauf von AOL Europe) geprägt. Zum Abschied von den Internet-Aktivitäten durch die Direct Group und der Musiksparte BMG , sowie zum Verkauf des Internet-Buchhandels BOL kommentiert Andreas Czepek: "Mit dem Platzen einer Seifenblase kann nur unzulänglich verglichen werden, was da bei Bertelsmann passiert. Gunter Thielen kann nur noch den Scherbenhaufen, der von den hochfliegenden Plänen seines Vorgängers Middelhoff übrig geblieben ist, zusammenkehren."

Vertreterbörsen bleiben trotz Teilnehmerschwund weiter im Trend, ist in der Titelgeschichte des buchreport.express zu lesen. Thalia überlegt, erstmals eine eigene Vertreterbörse zu veranstalten, und schwächt somit die Existenz herkömmlicher Börsen. Die Hamburger Vertreterbörse, bislang im Congress Centrum Hamburg (CCH) zuhause, muss sich deshalb für 2004 nach einem kleineren Veranstaltungsort umsehen. Aufgrund der veränderten Bestellgewohnheiten der Buchhändler werden Neuansätze für das Vertretersystem gefordert.

Keine konkreten Zahlen gibt es bisher zur Frankfurter Buchmesse, meckert das Magazin. Man sei auf Vermutungen angewiesen. Der Sprecher der Messe, Holger Ehling, könne auf die wichtigsten Fragen nur tendenzielle Antworten geben. "Führungswechsel, Terminstreitigkeiten und Querelen um die Platzierung einzelner Aussteller haben offenbar organisatorische Schleifspuren hinterlassen."

Ebenso unklar sei, was aus dem Zukunftskongress Frankfurt Futura Mundi werden soll, auf dem zum Beispiel Kofi Annan und Mary Robertson sprechen sollen. Entgegen anderslautenden Berichten der Kongress zumindest stattfinden.

Wie es mit den 216 Libro-Filialen nach der Übernahme durch Thalia weitergehen soll, ist noch nicht auszumachen. Nachdem die ebenfalls übernommenen und besser dastehenden 22 Amadeus-Filialen aus der Konkursmasse herausgenommen sind, drohen der Hälfte der jetzt noch bestehenden Libro-Filialen zum Jahresende die Schließung.

Die Frankfurter Eichborn AG schließt ihre Halbjahresbilanz mit einem Minus ab, "eine Routineuntersuchung mit unangenehmen Folgen." Nach einem hoffnungsvollen ersten Quartal liege der Verlust im Verlagsgeschäft bei 665.000 Euro, der Konzernverlust beläuft sich im selben Zeitraum sogar auf das doppelte. Die Umsätze fielen im ersten Halbjahr 2002 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18,5 Prozent.

Außerdem wird berichtet, dass es nun einen festen Termin gibt für die von dem Schweizer Autor Matthyas Jenny initiierte Buchmesse, die am 2. und 3. Mai nächsten Jahres in Basel stattfindet. Nach Plänen des Vorstandes soll die Zahl der Abgeordneten in der Abgeordnetenversammlung des Börsenvereins reduziert werden. Regionale Buchhändler in den Hochwasser-Regionen werden durch die Geschenke der Schulbuchverlage an Schulen geschädigt. Schließlich finden sich Berichte vom Umzug des Literaturhauses in Frankfurt, sowie vom New Yorker Buchfestival New York is Book Country.

Börsenblatt

Das erst vor 15 Monaten ins Leben gerufene und seitdem skeptisch beäugte Projekt Deutsche Bücherdatenbank der Barsortimente KNO und Libri ist nun endgültig gescheitert, wie das Börsenblatt berichtet. Der Grund: Zu geringe Resonanz. "Die Akzeptanz und Beteiligung der Verlage hat die Erwartungen nicht erfüllt", so Libri-Chef Markus Conrad gegenüber dem Börsenblatt. Die Quellendatenbank war konzipiert worden, um gleichzeitig einen Katalog lieferbarer Titel in Deutschland erstellen zu können. Laut Börsenblatt hatten seit November letzten Jahres rund 700 Verlage Meldung an die Bücherdatenbank erstattet, doch das war offensichtlich nicht genug, wie Conrad dem Börsenblatt eröffnete: "Ohne die Teilnahme der marktführenden Verlage fehlte die Perspektive, um der Buchbranche eine attraktive Ergänzung zum VLB anzubieten." So konnte die Datenbank von den zurzeit mehr als 800 000 lieferbaren Titeln nach Branchengerüchten nur einen geringen Anteil aufführen. Das Börsenblatt vermutet, dass die Datenbank von den großen Verlagsgruppen "durchaus nicht nur als Ergänzung, sondern als Konkurrenz" zum Verzeichnis lieferbarer Bücher wahrgenommen worden war und diese daher ihre Teilnahme am Projekt verweigerten.

Eine ganze Artikelserie widmet das Börsenblatt dem ab 1. Oktober angewandten Buchpreisbindungsgesetz, das an die Stelle des privatrechtlich organisierten Sammelreverssystems tritt. Während die Neuerung den Verbraucher nicht merklich tangiert, sind die Veränderungen für die Buchbranche durchaus von Bedeutung, legt doch eine der zentralen Gesetzesbestimmungen fest, dass in Zukunft verbindliche Ladenpreise fixiert und verkündet werden müssen. Somit wird ein möglicher Preisspielraum enorm verengt. Unter das Gesetz fallen in erster Linie gebundene, kartonierte und Taschenbücher, Erzeugnisse also, die von Verlagen produziert und vom Buchhandel vertrieben werden. Die Novelle gilt ebenfalls für Musiknoten, kartografische Produkte und Wandkarten für Schulen. Auch elektronische Verlagsprodukte wie Nachschlagewerke auf CD-ROMs oder Disketten gehören in den Anwendungsbereich des Gesetzes. Was ändert sich - was bleibt? Eine Gesamtübersicht hier. Die zweite Folge der Börsenblatt-Reihe befasst sich mit den Änderungen für Verleger und Buchhändler.

Hochwasser und kein Ende: Tipps für die Finanzierung der anstehenden Schadensbeseitigung gibt der Mieterbund. Unterdessen laufen die engagierten Hilfeleistungen von Verlagen und Buchhandelsgesellschaften für überschwemmte Buchläden unermüdlich weiter. Dass das unter Umständen nicht ausreicht, zeigt das Beispiel von Buchhändler Stefan Hirsch in Passau. Da die Banken hartnäckig Kredite für den Wiederaufbau seines Ladens verwehren, muss der 62-Jährige Sortimenter nun schweren Herzens andere Finanzquellen anzapfen: "In einem halben Jahr bekomme ich meine Lebensversicherung ausbezahlt, die werde ich wahrscheinlich zu einem Großteil für die Fortführung des Geschäfts verwenden müssen", sagte Hirsch missmutig gegenüber dem Börsenblatt.

Weitere Meldungen: Nachdem die österreichischen Amadeus-Filialen der Thalia Holding zugesprochen wurden, sieht sich nun auch die schuldenbeladene Medien- und Handelskette Libro (rund 220 Filialen mit 1750 Beschäftigten) nach einem neuen Eigentümer um. Während bei Einzelhändlern eher praktische Überlegungen überwiegen, stößt die Tatsache, dass ausgerechnet Thalia, ein deutscher Filialist, den Zuschlag für die Übernahme der Amadeus-Läden erhielt, im deutschen Buchhandel nicht nur auf Zustimmung. So wundert sich Michael Kernstock, Obmann des Wiener Gremiums der Buch- und Medienwirtschaft, dass kein österreichischer Bieter den Kaufpreis von 9,3 Millionen Euro aufbringen wollte.

Aus allen Ecken Besorgnis erregende Nachrichten: Die Bertelsmann AG streicht im Rahmen des forcierten Umbaus des Konzerns 76 Stellen. Der Eichborn-Verlag verzeichnet erhebliche Verluste: Allein im Verlagsgeschäft entstand im ersten Halbjahr 2002 ein Minus von 23,9 Prozent. Die allgemeine Konsum- und Buchhandelsflaute, aber auch die hohe Ausgangsbasis des Vorjahrs kämen als Grund für den Einbruch in Frage, wie eine Verlagssprecherin dem Börsenblatt mitteilte. Und: Aus für die Morus-Buchhandlung in Berlin: Das für sein Angebot an theologischen Fachtiteln bekannte Geschäft muss wegen rückläufiger Umsätze in den Randsegmenten seine Türen schließen.
Archiv: Börsenblatt