Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Western - 6 Artikel

in jeder Hinsicht tief gehängt: Kelly Reichardts "First Cow" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 22.02.2020 Der Westen war eine männliche Welt, besonders oben im kalten Norden, in Oregon. Hierhin verschlug es nur Heimatlose und Trapper, die sich um die Forts herum ansiedelten, in selbst zusammengehauenen Bretterverschlägen. Frauen nahmen sie sich mit List oder Gewalt von den indianischen Bewohnern Amerikas oder ließen sie aus New Orleans und Saint Louis kommen, mit der Bahn oder dem Schaufelraddampfer. Das war oft, wenn auch nicht immer, ein Geschäft zum gegenseitigen Nutzen. Mit den Frauen kamen die Hoffnung auf eine Familie, das Gefühl von Zuhause, der Duft gebackenen Kuchens. Von Thekla Dannenberg

Bleibt ein Unvollendeter: George Sluizers 'Dark Blood' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2013 George Sluizers "Dark Blood" blickt auf eine bewegte Produktionsgeschichte zurück. Zehn Tage vor Drehschluss starb Hauptdarsteller River Phoenix an einem drogeninduzierten Herzinfarkt; das abgedrehte Material wurde von der Versicherungsgesellschaft in Verwahrung genommen. Das war im Oktober 1993. 2012 gelang es Sluizer, der vor einige Jahren ein Aneurysma erlitten hatte, die existenten Aufnahmen zu sichern und "Dark Blood" doch noch fertigzustellen – allerdings ohne den Film zu vollenden: Die Lücken, die Phoenix’ Tod ins Narrativ gerissen hat, sind nicht trickreich kaschiert, sondern mit einem voice-over markiert. Sluizer verliest mit unmerklichem Akzent (er ist gebürtiger Niederländer) und fast ohne Emphase die nicht realisierten Drehbuchpassagen, manchmal über eine ausklingende Spielfilmszene gelegt, manchmal über ein Still gesprochen. Ganz zu Beginn erläutert er dieses Konstruktionsprinzip. Das Bild dazu zeigt ihn Arm in Arm mit einem verkniffen dreinblickenden River Phoenix. "Dark Blood" ist – und bleibt – Sluizers Unvollendeter. Von Nikolaus Perneczky

Post-Berliner-Schule-Western: Thomas Arslans 'Gold' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013 Keine Emphase: Der dem Strom entrissene Nugget liegt auf einer Hand, bestaunt von einer Gruppe Pioniere. Es fällt kein und damit auch nicht dieses Wort - Gold. Darin liegt, im Norden Amerikas des späten 19. Jahrhunderts, auch ein Versprechen: Die Aussicht darauf, beengtesten und elendsten Verhältnissen (beschrieben wird einmal eine Unterkunft in New York: Vier Leute, ein Zimmer, dunkel, Feuchtigkeit und Kälte nagen an der Gesundheit) zu entkommen - sofern man die Strapazen meistert, die zwischen den jungen städtischen Zentren und dem Goldvorkommen in unwirtlichem Gebiet lauern. So finden sich in Thomas Arslans Post-Berliner-Schule-Western denn auch eine Gruppe deutscher Migranten ein, die dem Ruf des Goldes, genauer: der Annonce eines windigen Reiseführers, der zum geringen Preis eine weniger strapaziöse Passage zum neuen Reichtum in Aussicht stellt, folgen. Von Thomas Groh

Neigt zur Makellosigkeit: 'True Grit' von den Coen-Brüdern

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2011 Ist "True Grit", der Eröffnungsfilm der Berlinale, nun ein Remake von "True Grit" (1969), Henry Hathaways spätem Hollywoodwestern mit einem 62-jährigen John Wayne, der für diese Rolle mit dem einzigen Oscar seines Lebens ausgezeichnet wurde, oder eine weitere Verfilmung des beiden Filmen zu Grunde liegenden Romans von Charles Portis? Für die Coen-Brüder, die mit "True Grit" gerade den größten kommerziellen Erfolg ihrer bisherigen Karriere feiern, liegt die Antwort klar auf der Hand: Mehrfach betonen sie auf der Pressekonferenz, dass der John-Wayne-Western für sie nur eine blasse Kindheitserinnerung darstelle, der Roman sie aber sehr fasziniert und gereizt habe. Und dennoch, stets aufs Neue, die Fragen nach ihm, dem einzigen, dem großen: John Wayne. Wie man sich in dessen Fußstapfen fühle, was er für das heutige Kino bedeute, wie man denn persönlich zu ihm stehe und was nicht noch. Es ist eine sonderbare Pressekonferenz: Enorm gute Stimmung auf dem Podium (mit 10 Oscarnominierungen locker leistbar), dann wieder ausweichende Antworten, allgemeine Verwirrung, manche Fragen werden gar nicht erst beantwortet und um jede Ecke lugt John Wayne. Von Thomas Groh