Außer Atem: Das Berlinale Blog

Horribel märchenhaft: Till Kleinerts 'Der Samurai' (Perspektive Deutsches Kino)

Von Thomas Groh
09.02.2014.


"Wir sind doch keine Schwulentruppe", sagt der Fußballtrainer zu dem jungen Dorfpolizisten Jakob (Michel Diercks). Dieser trägt zwar die Insignien phallokratischer Macht weithin sichtbar, ist aber schon im Gesicht eigentlich viel zu zart, um zumindest vom Filmklischee her als deutscher Polizist durchzugehen. Ein "echter", ein "ganzer Kerl" ist er eigentlich nicht. Er kommt von hier, man kennt ihn hier: Ein Dorf im Brandenburgischen. Dass seine Autorität von den meisten Leuten faktisch nicht anerkannt wird, hat - das merkt man rasch - nicht nur damit zu tun, dass dörfliche Gemeinschaften öffentlichen Strukturen meist eh nur zum Schein folgen, während man die Angelegenheiten in der Regel intern klärt. Sondern auch damit, dass Jakob offenbar noch nie sonderlich zu den Alpha-Männchen des Dorfrudels zählte. Dafür kümmert er sich draußen im Wald um den Wolf, den man nachts heulen hört.

Mit wenigen Strichen bekommt Regisseur Till Kleinert in seinem Abschlussfilm für die dffb zu packen, was es heißt, in der Provinz gängigen Vorstellungen von Männlichkeit nicht zu entsprechen. Nicht im Sinne eines Problemfilms, sondern tatsächlich mit den allegorischen Mitteln des Genrekinos: Bald nämlich macht eine eigenartige - im Wortsinne also: queere - Gestalt die Straßen des Dorfs unsicher: Ein hünenhafter, viriler Kerl im weißen Frauenkleid mit Samuraischwert (Pit Bukowksi), der es auf die Konfrontation mit Jakob anlegt und dabei den üblichen Ablauf der Dinge in diesem Spießernest nach allen Regeln der Kunst aufmischt. Hinter den geschlossenen Jalousien zittert man bald ängstlich.



Die Tristesse solcher Käffer fängt "Der Samurai" gut ein (Kamera: Martin Hanslmayr). Sehr schön wird es aber, wenn der Film damit beginnt, die Gegebenheiten ins horribel Märchenhafte zu rücken, ihre Potenziale für eine entrücktere Form des Kinos abzuklopfen. Wenn die spärliche Nachtbeleuchtung der Straßen diese Welt nochmal auf ganz eigene Weise zum Glühen bringt, wenn nachts Rehe durchs Gehölz huschen und das Haus, in dem der "Samurai" auf Jakob wartet, geradezu enigmatisch in sich leuchtet. Schön, wie Kleinert und sein Team sich freimachen vom Gebot eines ästhetisch realistischen Erzählens und verschüttete Linien des hiesigen Kinos wieder freilegen, ohne sich dem deutschen Gegenwartsfilm ganz zu verschließen. Sehr unaufgeregt geschieht das alles, ganz ohne das nervige Pathos, mit denen andere Protagonisten des deutschen Films den "deutschen Genrefilm" einfordern.

Dass der mysteriöse Samurai als eine Allegorie für ein homosexuelles/queeres Begehren steht, wird rasch deutlich. Leute, die Kino vor allem als Ort der pädagogischen Deklamation richtiger Standpunkte verstehen, mögen sich vielleicht daran stören, dass dieses Begehren nun ausgerechnet als Bedrohung auftritt. Nur ist es nun mal so, dass ein anderes Begehren unter dem Druck heteronormativer Zwangsgemeinschaften, wie sie (nicht nur) in der Provinz noch immer bestehen, rasch als etwas Beängstigendes erscheint, das umso hartnäckiger auf seine Entfesselung drängt Erst kürzlich hat Louis Peitzman einen in diesem Zusammenhang sehr interessanten Essay über Slasherfilme und Homosexualität geschrieben.



Und "Der Samurai" entfesselt einiges - und am Ende ein Blutbad, das durchaus in Sichtweite zu den bizarren Sudeleien eines Takashi Miike steht. Wie sich der Film dabei nach und nach enthemmt, buchstäblich ein Coming-Out zelebriert, das ist - trotz mancher Unebenheiten, die aber leicht verzeihbar sind - schon ziemlich toll. Es spricht daraus eine sympathische Lust und Kunst, von der man oft glaubt, dass sie einem an den hiesigen Filmhochschulen eher abgewöhnt wird. Schöne Ekstasen, die hier ins Bild schießen, insbesondere wenn der Samurai seinem Programm - die Köpfe, die er abtrennt, sieht er als Pfropfen, die die Lust im Körper halten, weshalb man die Körper gewissermaßen wie geschüttelte Champagnerflaschen öffnen muss - Taten folgen lässt.

Auch traut sich Kleinert, ein Bild zu zeigen, das unter hiesigen Regularien noch immer größte Sanktionswut hervorkitzelt: Einmal blickt ein erigierter Penis in Großaufnahme von der Leinwand in den Saal hinab. Das alleroffensichtlichste Indiz männlicher Lust erregt die Gemüter in den Stuben der Regulation auch weiterhin und wird den Film wohl ins vermarktungstechnisch unattraktive 18er-Sortiment rücken, meint nach der Projektion einer vom Verleih. Umso mehr zu begrüßen ist das Beharren auf diesem Bild und vielen anderen.

Thomas Groh

"Der Samurai". Regie: Till Kleinert. Mit: Michel Diercks, Pit Bukowski, Uwe Preuss, Ulrike Hanke-Hänsch, Kaja Blachnik u.a. Deutschland 2014, 79 Min. (Perspektive Deutsches Kino, alle Vorführtermine)