Außer Atem: Das Berlinale Blog

Güte und Perfidie: Guillaume Nicloux' 'Die Nonne' (Wettbewerb)

10.02.2013.

Suzanne (Pauline Etienne), die jüngste von drei Töchtern, drängt es zum Noviziat. Guillaume Nicloux' "La religieuse" gibt zunächst wenig Hinweise, warum Suzanne diesen Weg einschlagen möchte, aber man kann überschlagen, dass sie die Alternativen, die einer Frau im Frankreich des 18. Jahrhundert offenstanden, nicht eben attraktiv findet. Rasch stellt sich heraus, dass Suzanne das Klosterleben nicht liegt, sie verweigert, zum Chagrin ihrer Eltern, das Ordensgelübde. Die können sich nach der Verheiratung ihrer beiden älteren Töchter für die jüngste aber keine Mitgift mehr leisten. Ein zweites Mal wird Suzanne ins Kloster verbracht. Diesmal gibt sie nach, ohne sich aber in ihr Schicksal zu fügen: In keinem Moment verlässt die großartige Pauline Etienne der Bartleby'sche Widerstandsgeist, leise, unnachgiebig und ohne falsches Pathos. Auch der Rest der Schauspielerriege kann sich sehen lassen: Martina Gedeck ist Suzannes Mutter, Isabelle Huppert eine Mutter Oberin und Lou Castel – in der Rahmenhandlung, die eine Erlösung für Suzanne bereithält – gibt ihren leiblichen Vater (Disclaimer: Die Rivette-Verfilmung desselben Stoffes, mit Anna Karina und Liselotte Pulver, habe ich leider nicht gesehen).


Suzanne (Pauline Etienne), die jüngste von drei Töchtern, drängt es zum Noviziat. Guillaume Nicloux' "La religieuse" gibt zunächst wenig Hinweise, warum Suzanne diesen Weg einschlagen möchte, aber man kann überschlagen, dass sie die Alternativen, die einer Frau im Frankreich des 18. Jahrhundert offenstanden, nicht eben attraktiv findet. Rasch stellt sich heraus, dass Suzanne das Klosterleben nicht liegt, sie verweigert, zum Chagrin ihrer Eltern, das Ordensgelübde. Die können sich nach der Verheiratung ihrer beiden älteren Töchter für die jüngste aber keine Mitgift mehr leisten. Ein zweites Mal wird Suzanne ins Kloster verbracht. Diesmal gibt sie nach, ohne sich aber in ihr Schicksal zu fügen: In keinem Moment verlässt die großartige Pauline Etienne der Bartleby'sche Widerstandsgeist, leise, unnachgiebig und ohne falsches Pathos. Auch der Rest der Schauspielerriege kann sich sehen lassen: Martina Gedeck ist Suzannes Mutter, Isabelle Huppert eine Mutter Oberin und Lou Castel – in der Rahmenhandlung, die eine Erlösung für Suzanne bereithält – gibt ihren leiblichen Vater (Disclaimer: Die Rivette-Verfilmung desselben Stoffes, mit Anna Karina und Liselotte Pulver, habe ich leider nicht gesehen).

Drei Oberinnen begegnet Suzanne im Laufe ihres Klosterlebens, die je unterschiedliche Aspekte der Macht akzentuieren. Am interessantesten scheint mir die erste. Sie ist es, die Suzanne während ihres Noviziats begleitet und noch nach dem missglückten Ausbruchsversuch aufzunehmen bereit ist, eine ältliche Frau mit unlesbaren, zwischen Güte und Perfidie changierenden Zügen. Ob sie ihren eigenen Worten glaubt, wenn sie Suzannes Tränen als Zeichen ihrer Nähe zu Gott begrüßt, ist ihrem Gesicht nicht einwandfrei zu entnehmen – und ihr Gesicht ist alles was uns die Ordenstracht sehen lässt, ein seltsam verfremdetes Oval, in dem totale Identifikation mit der Macht und machiavellische Manipulation unentwirrbar zusammenlaufen. Ihre Nachfolgerin, ein sadistischer Folterknecht mit vollen Laetitia-Casta-Lippen (Louise Bourgoin) ist da schon einfacher gestrickt. Und auch die dritte Äbtissin – obwohl Isabelle Huppert ihr alles gibt, was ihr ausgeschnittenes Gesicht zu geben vermag – erkennen wir sofort als Machthaberin in Liebesnöten wieder, die ihre Position missbraucht, um ihr Begehren zu befriedigen. Nur Suzannes Vater kann sie von diesen Qualen erlösen: In Nicloux' "La religieuse" ist die Aufklärung, problematisch genug, ein Mann.

Welche Farbe hat das Licht der Aufklärung? In "La religieuse" geht die Unvernunft nicht von der Dunkelheit aus; die Nacht gebiert keine Ungeheuer, sondern bietet Schutz vor ihnen. Das Unrecht, das Suzanne von religiösen Eiferern angetan wird, ereignet sich in nüchternem Tageslicht und gedeckten Farben. Auch Kadrierung und Montage spielen diesem Eindruck zu: Immer wieder werden Situationen in ihre Bestandteile zerlegt, in Aufnahmen, die, obwohl sie denselben Gegenstand umschreiben, nicht organisch, sondern analytisch vermittelt sind. Nicht heißglühender Fanatismus wird hier angeklagt, wie (dem Vernehmen nach) noch in Diderots Briefroman, sondern die Normalität, die Gewöhnlichkeit des Bösen. Dagegen helfen keine leuchtenden Fackeln: Suzannes Aufbegehren rührt nie so sehr wie wenn es ganz unheroisch, als wiederholtes, aber kaum moduliertes "Ich kann nicht", "Ich will nicht" ins ebenmäßig ausgeleuchtete Einschließungsmilieu des Klosters hallt.

Nicloux dreht in Schlössern und Klöstern und inmitten antiquarischen Inventars. Dass die Gobelins und Sitzbezüge oft schon ein bisschen fadenscheinig sind, wird nicht kaschiert, der Eindruck einer Ungleichzeitigkeit – zwischen der Gegenwart des Schauspiels auf der einen, der Geschichtlichkeit der Räume und mancher Gegenstände auf der anderen Seite – geradezu befördert. Während eines Cembalokonzerts, das Suzanne ganz zu Beginn des Films vor ihrer Familie und versammelter Gesellschaft gibt, beschreibt die Kamera eine Kurve durch den Raum, die auch kontingente Details der Ausstattung plastisch hervortreten lässt (dieser ansonsten oft unerwünschte Effekt tritt besonders häufig in digitalen HD-Bildern auf, laut imdb wurde jedoch mit einer Arricam Lite auf 35mm gedreht). Auch als Historienfilm verfolgt "La religieuse" ein aufklärerisches Projekt: Die Austreibung von Glanz und Aureolen aus der filmischen Geschichtsbetrachtung.

Nikolaus Perneczky

"La Religieuse" (Die Nonne). Regie: Guillaume Nicloux. Mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Louise Bourgoin, Martina Gedeck. Frankreich / Deutschland / Belgien 2012, 114 Minuten (alle Vorführtermine)