Außer Atem: Das Berlinale Blog

Und wer zahlt jetzt? Thanos Anastopoulos' 'Die Tochter' (Forum)

Von Thekla Dannenberg
10.02.2013.

Mit Holz kann man gut arbeiten, auch als Filmemacher. Bäume werden gefällt und zersägt, Bretter gestapelt und gehobelt, mitunter fallen Späne, mal fängt man sich einen Splitter ein, mal kracht die ganze Chose zusammen. Und wenn das Holz erst einmal Feuer gefangen hat, brennt es natürlich wunderbar. Angesichts dieser symbolischen Qualitäten ist es kein Wunder, dass sich Thanos Anastopoulos für seine Parabel auf die griechische Krise "Die Tochter" ein Holzdepot als Ort der Handlung ausgesucht hat.


Mit Holz kann man gut arbeiten, auch als Filmemacher. Bäume werden gefällt und zersägt, Bretter gestapelt und gehobelt, mitunter fallen Späne, mal fängt man sich einen Splitter ein, mal kracht die ganze Chose zusammen. Und wenn das Holz erst einmal Feuer gefangen hat, brennt es natürlich wunderbar. Angesichts dieser symbolischen Qualitäten ist es kein Wunder, dass sich Thanos Anastopoulos für seine Parabel auf die griechische Krise "Die Tochter" ein Holzdepot als Ort der Handlung ausgesucht hat.

Der Vater der vierzehnjährigen Myrto ist spurlos verschwunden. Offenbar hat er sich aus dem Staub gemacht, um seinen Schulden zu entkommen. Überall wo Myrto nach ihm sucht, bekommt sie offene Rechnungen präsentiert, von der geschiedenen Mutter ebenso wie vom Vermieter, und immer wieder hört sie den Satz: "Und wer zahlt jetzt?" Myrto beschließt, dass der achtjährige Angelos dafür zahlen muss. Sein Vater ist der Geschäftspartner ihres Vaters und hat wahrscheinlich mit seinen Mauscheleien die Holzfirma in den Bankrott getrieben. Myrto entführt den Jungen und sperrt ihn in das Holzdepot. Während sie unter den Erwachsenen niemanden findet, der Verantwortung übernimmt respektive die Schulden zahlt, beginnt sie, den Jungen zu bestrafen, wobei sie durchaus einen gewissen Sadismus entfaltet. Angelos in seiner Unschuld nimmt das alles hin, ohne es zu verstehen. Tag für Tag malt er seine Drachenbilder. "Es gibt keine Monster", faucht Myrto ihn dann an, "nur Menschen".

"Die Tochter" ist ein Film über die Krise, aber man darf ihn sich nicht als einen in Fiktionale gewandelten EU-Gipfel vorstellen. Auch wenn Hauptdarstellerin Savina Alimani für ihr junges Alter beängstigend streng blicken kann, ist sie weder Angela Merkel noch die personifizierte Europa. Sie ist ein Mädchen, das unter den erdrückenden Bedingungen der Krisenhaftigkeit groß wird, in einer Zeit, da die Zuweisung von Schuld nicht unbedingt mit der Übernahme von Verantwortung einhergeht. Im Gespräch mit dem Publikum erklärte Regisseur Anastopoulos, er wollte ein Land unter Druck zeigen, und wie Angst und Druck, die die erwachsene Generation erlebt, bei Kindern in wahren Psycho-Terror umschlägt.

Bei aller Sinnbildhaftigkeit entwickelt dieser sympathische Film aber eine ganz eigene ästhetische Qualität, und die ist vor allem dem Holz geschuldet. Erkennbar fasziniert zeigt sich die Kamera von dem Material. Und als würde sie sich selbstständig machen, fährt sie sie immer wieder die Bohlen und Dielen auf und ab, die mal vertikal, mal diagonal das Bild durchlaufen und dabei die durchaus warme Kulisse einer Welt bilden, die aus den Fugen geraten ist. Sie lässt sich die unterschiedlichen Hölzer erklären, Eiche, Buche und Linde zeigen und fährt in den Wald, um zu sehen, wo das Ganze herkommt. Nicht immer hat das alles den letzten Schliff, aber das macht nichts. Holz arbeitet und dunkelt ja auch immer noch ein bisschen nach.

Thekla Dannenberg

"I kóri" (The Daughter). Regie: Thanos Anastopoulos. Mit Savina Alimani, Aggelos Papadimas, Yorgos Simeonidis, Ieronymos Kaletsanos u.a., Griechenland / Italien 2012, 87 Minuten (alle Vorführtermine)