Außer Atem: Das Berlinale Blog

Ein eingelöstes Versprechen: Ly Bun Yims '12 Sisters' (Forum)

Von Lukas Foerster
14.02.2012.

Es war von Anfang an ein großes Versprechen: Drei Filme aus der klassischen Phase des kambodschanischen Kinos hat das Forum dieses Jahr in seinem Programm. Drei Filme aus einem Kino, das kaum überliefert ist, weil die Roten Khmer nach der Machtübernahme in den Siebzigern mit dem filmischen Erbe so gründlich aufgeräumt hatten, dass die Archivlage dort heute noch verheerender ist als in anderen südostasiatischen Ländern. Die Kopien (in einem Fall leider nur eine DVD-Kopie) gelangten unter abenteuerlichen Bedingungen nach Berlin, vorgeführt werden können sie nur ein einziges Mal, da eine Restaurierung und Sicherung der kostbaren Rollen noch aussteht.


Es war von Anfang an ein großes Versprechen: Drei Filme aus der klassischen Phase des kambodschanischen Kinos hat das Forum dieses Jahr in seinem Programm. Drei Filme aus einem Kino, das kaum überliefert ist, weil die Roten Khmer nach der Machtübernahme in den Siebzigern mit dem filmischen Erbe so gründlich aufgeräumt hatten, dass die Archivlage dort heute noch verheerender ist als in anderen südostasiatischen Ländern. Die Kopien (in einem Fall leider nur eine DVD-Kopie) gelangten unter abenteuerlichen Bedingungen nach Berlin, vorgeführt werden können sie nur ein einziges Mal, da eine Restaurierung und Sicherung der kostbaren Rollen noch aussteht.

Der erste der drei Filme lief gestern abend: "12 Sisters" von Ly Bun Yim, aus dem Jahr 1968. Und schon der alleine, vorgeführt in einer trotz einiger erkennbarer Mängel wunderschönen, farbsatten Cinemascope-Kopie, hat das eingangs erwähnte Versprechen voll und ganz eingelöst. Gleich nach dem Vorspann, der mit sonderbaren Zooms auf die Namen der Verantwortlichen überrascht, tauchen die zwölf titelgebenden Schwestern auf. Zwölf Frauen, die einst vor ihrer Stiefmutter, einer Menschenfresserin, flüchteten, jetzt Zuflucht bei einem Herrscher suchen und ihn kurzerhand alle zwölf heiraten. Die Menschenfresserin (man könnte sie auch eine Hexe nennen, aber es ist schon sehr wichtig, dass sie, magischer Firlefanz hin oder her, in erster Linie genau das macht: Menschen fressen) nimmt die Fährte auf, zieht die Vampirzähne ein, verwandelt sich in eine junge Frau und wird die dreizehnte Braut des Herrschers.

Es entwickelt sich dann ein hinreichend komplexer, aber alles in allem sehr leicht zu überblickender Plot. Die Kulissen sind fantasievoll und abwechslungsreich, die Kostüme bunt und überbordend, der Herrscher zum Beispiel trägt ein Glitzerkostüm unter dem Glitzerkostüm. Allerdings ist das alles, nicht nur verglichen mit Kostümfilmen aus Hollywood, ein prekärer Prunk, hinter den funkelnden Ornamenten der Paläste sind die Pappwände, auf denen sie aufgeklebt sind, fast greifbar, auch in "Massenszenen" zählt man kaum einmal mehr als zehn, fünfzehn Komparsen. Direkt nachfühlbar wird hier, was es heißt, vom Kino als von der Kunst des "schönen Scheins" zu sprechen.

Vielleicht kann man schon heute abend, nach dem zweiten Film der Miniretro, dem Klassiker "The Snake Man", ein wenig besser einschätzen, was an "12 Sisters" auteuristischer Eigensinn ist und was aus der Produktionslogik des klassischen kambodschanischen Kinos heraus zu erklären ist. Soviel ist klar: kein Film kommt ganz aus dem Nichts. Auch im Fall der kambodschanischen Schwestern kann man sicherlich, wenn man sich nicht gleich in die kamboschanische Folklore einarbeiten möchte (was mit Sicherheit ebenfalls eine überaus lohnende Beschäftigung wäre), mit einigem Gewinn filmhistorischen Verwandtschaftsbeziehungen nachspüren. Vieles, der Aufbau der Geschichte zum Beispiel, oder auch die naiven, knallbunten Spezialeffekten, erinnert an die Hongkong-Fantasyfilme aus den Sechziger und Siebziger Jahren (die, rein handwerklich betrachtet, freilich viel runder und routinierter wirken). Die melodramatische Eskalation im letzten Filmdrittel dagegen hat ihre Wurzeln möglicherweise im populären indischen Kino. Eine Nähe zum ebenfalls sehr reichhaltigen phantastischen Kino Indonesiens oder Thailands ist noch wahrscheinlicher; der, freundlich ausgedrückt, großzügige Umgang mit dem Urheberrecht auf der Tonspur, hat in diesem Bereich beispielsweise ebenfalls Tradition. Einen Großteil des “technischen” (filmsprachlichen, erzählökonomischen, die Machart der Spezialeffekte betreffenden) Verwirrungs- und Verstörungspotentials des Films kann man auf diese Weise vermutlich wegerklären, wenn man dies denn unbedingt will. Und man wird vielleicht auch feststellen, dass "12 Sisters" aus dieser technischen Perspektive doch nicht das wildeste Ding unter der Sonne ist.

Und doch macht der Film Dinge, die mit all diesen Referenzrahmen nicht, oder nicht hinreichend, zu fassen sind. Schon die (vermeintlichen) Hauptfiguren, die zwölf Schwestern, sind eine sonderbare Entität. Eine ganze Zeit lang weigert sich der Film vollständig, die zwölf Schwestern auch nur irgendwie auszudifferenzieren, irgendwann wird eine - die jüngste - ein wenig abgesondert, nur um ganz am Ende dann wieder vollständig eingemeindet zu werden. Kaum einmal taucht eine der zwölf alleine im Bild auf, fast immer sind mehrere auf einmal zu sehen, oft sogar alle zwölf, obwohl man den Eindruck hat, dass mindestens vier oder fünf den ganzen Film über nur scheu im Hintergrund herumstehen. Die zwölf Schwestern sind, das ist auf den ersten Blick erkennbar, nur eine Partei in der Handlung, wie die sieben Zwerge bei den Grimms, aber sie spalten sich gleichzeitig und eben doch in zwölf verschiedene Gesichter, Körper und - im Unterschied zu Grimm - Individualitäten, man muss mit ihnen "als zwölf" verfahren oder gar nicht.

Auch gibt es dann zum Beispiel eine Tendenz zur Versprachlichung, die ich weder aus Bollywood, noch aus Hongkong kenne. Immer wieder halten die Figuren inne und erläutern die bisherige Handlung und ihre weiteren Pläne ausführlich. Es werden da allerdings nicht nur Plotpoints nacherzählt, es wird sachlich argumentiert. Die Figuren nehmen die Welt, in der sie sich bewegen, zwar mitsamt sprechenden Totenköpfen, riesenhaften Menschenfresserinnen und fliegenden Pferden beim Wort, sie verhalten sich zu ihr jedoch exakt wie zu einer Alltagswelt, sie verhalten sich rational in einer fantastischen Geschichte. Immer wieder wird man Zeuge regelrechter Beweisführungen, die gelegentlich auch Handlungen rechtfertigen, für die es in fast allen anderen Erzähltraditionen nicht den Hauch einer Rechtfertigung geben könnte: Wenn die zwölf Schwestern in der Höhle gefangen sind und vor dem Hungertod stehen, können sie selbstverständlich auch ihre neugeborenen Babys nicht versorgen, da sie wegen Nahrungsmangel keine Muttermilch produzieren. Und da die Babys nun also sowieso sterben müssen, kann man sie auch gleich aufessen und so das eigene Leben ein wenig verlängern. Das ist vollkommen logisch, das sieht am Ende sogar eines der Kinder ein, das einzige, das nicht aufgegessen wird (und dann in einem Schnitt um mehrere Jahre altert und zum professionellen Hahnenkämpfer heranwächst), das die Schwestern auffordert, es selbst ebenfalls zu verspeisen, wenn es denn gar nicht mehr anders geht.

Nur einige Einstellungen vorher findet sich eine der schönsten Szenen des Films. Wie sich die Schwestern anschicken, ein gutes halbes Dutzend lebendige Frösche zu verspeisen, wie sie deren Beine seltsam ungelenk auseinanderziehen und sich anschicken, in sie hineinzubeißen, bevor der Schnitt zwar nicht die Imagination der Zuschauer, aber immerhin die Tiere selbst erlöst: Auch das wird man gesehen haben müssen, wenn "12 Sisters" irgendwann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, auf einfacherem Wege und für ein größeres Publikum verfügbar sein wird.

Lukas Foerster

"Puthisen Neang Kongrey - 12 Sisters". Regie: Ly Bun Yim. Mit Vireak Dara, Ly Patanak, Nop Nem, Saksi Sbong, Yeak Nhorm, Kim Nova. Kambodscha 1968, 100 Minuten. (Vorführtermine)

Die anderen zwei Filme in dieser Reihe aus Kambodscha sind "Puos Keng Kang - The Snake Man" und "Peov Chous Sor".