Außer Atem: Das Berlinale Blog

Kein Entrinnen aus der Eskalationsmaschine: Radu Judes 'Everybody in Our Family' (Forum)

Von Thekla Dannenberg
13.02.2012.

Marius Vizereanu ist ein netter Kerl, Ende dreißig, etwas depressiv und heillos unerwachsen. Solche Männer haben jahrelang Berlin bevölkert, jetzt sind sie offenbar in Bukarest. In seiner Wohnung hängt noch ein Poster von Che Guevara, aber für sein Handy braucht er schon die Lesebrille. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die kleine Tochter darf er fünfzehn Tage im Jahr sehen. Jetzt will er mit ihr ein Wochenende zum Zelten nach Constanta ans Schwarze Meer. Mehr Urlaub bekommt er nicht, mehr Geld hat er nicht. Der Mann hat alle Sympathie, aber man weiß auch: Er hat keine Chance.


Marius Vizereanu ist ein netter Kerl, Ende dreißig, etwas depressiv und heillos unerwachsen. Solche Männer haben jahrelang Berlin bevölkert, jetzt sind sie offenbar in Bukarest. In seiner Wohnung hängt noch ein Poster von Che Guevara, aber für sein Handy braucht er schon die Lesebrille. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die kleine Tochter darf er fünfzehn Tage im Jahr sehen. Jetzt will er mit ihr ein Wochenende zum Zelten nach Constanta ans Schwarze Meer. Mehr Urlaub bekommt er nicht, mehr Geld hat er nicht. Der Mann hat alle Sympathie, aber man weiß auch: Er hat keine Chance.

Zuerst gibt es den üblichen Zoff mit den Eltern, bei denen er vorbeifährt, um sich das Auto auszuleihen, dann gibt es Knatsch mit der Ex-Schwiegermutter, weil er das kranke Kind weckt. Mit dem neuen Freund der Ex-Frau gibt es natürlich auch sofort Streit, der Mann ist ein schreckliches Exemplar stiefväterlicher Perfektion. Und natürlich ist auch der Krach mit der passiv-aggressiven Ex-Frau unvermeidlich, die ihn nicht mit dem Kind fortlassen will. Je mehr Steine ihm in den Weg gelegt werden, umso verzweifelter klammert er sich an das Kind, das er ganz offensichtlich mehr braucht als es ihn. Mit der Panik steigt zuerst seine Hilflosigkeit, dann leider auch sein Aggressionspegel.

Radu Jude, der vor drei Jahren schon mit der schönen Tragikomödie "The Happiest Girl in the World" im Forum zu sehen war, erzählt auch diese Geschichte von einem Mann, gegen den sich die Ex-Frau, die eigenen Eltern und eigentlich die ganz Welt verschworen haben, mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. Ansonsten trägt der Film aber kaum die Züge der rumänischen Nouvelle Vague. Lange, ruhige Einstellungen gibt es hier nicht, im Gegenteil. Die Kamera sitzt dem gehetzten Mann im Nacken, oder sucht sich eine freie Ecke in der engen Wohnung, in der sich das ganze Drama abspielt und in der es kaum genug Luft zum Atmen gibt zwischen all den Polstermöbeln und Topfpflanzen, verletzten Gefühlen und der aufgestauten Wut.

Mitunter fühlt man sich dabei so unbehaglich, als würde man bei den streitenden Nachbarn auf dem Sofa sitzen - oder von außen den eigenen Krach miterleben. Unaufhaltsam lässt Radu Jude die familiäre Eskalationsmaschine laufen, in ihrer ganzen bestürzenden, lächerlichen, tragischen und vielleicht auch etwas absehbaren Logik. Am Ende kommt man körperlich erschöpft aus dem Kino und wundert sich, dass die eigene Sympathie einem Halbwahnsinnigen gilt, der seine Ex-Frau fesselt, ihren Mann krankenhausreif schlägt und dabei säuselt, wie er das geliebte Kind die ganze Schönheit der Mathematik und Poesie gelehrt hat.

Thekla Dannenberg

"Toata lumea din familia noastra - Everybody in Our Family". Regie: Radu Jude. Mit: Serban Pavlu, Sofia Nicolaescu, Mihaela Sirbu und anderen. Rumänien / Niederlande 2012, 107 Minuten. Rumänisch mit englischen Untertiteln. (Vorführtermine)