Außer Atem: Das Berlinale Blog

Ibrahim liegt hier nicht: Mohamed Al-Daradjis 'Son Of Babylon'

Von Anja Seeliger
13.02.2010.

In "Son of Babylon" reisen eine alte Frau und ihr 12-jähriger Enkel Ahmed durch den Irak, um den Vater des Jungen zu suchen, den Musiker Ibrahim, der 1991 von der Republikanischen Garde verschleppt worden war. Die beiden sind Kurden und ihre Reise führt vom Nordirak über Bagdad in den Süden Babylons, nach Nasiriya. Hier soll Ibrahim im Gefängnis sitzen. Doch die Gefängnisse sind leer. Männer mit langen Listen sitzen heute davor, die versuchen, den Angehörigen bei der Suche nach Verschollenen zu helfen. Ibrahim steht auf keiner Liste. Und irgendwann begreift die Großmutter: nicht in den Gefängnissen, in den Massengräbern muss sie suchen, die überall im Land ausgehoben werden.


In "Son of Babylon" reisen eine alte Frau und ihr 12-jähriger Enkel Ahmed durch den Irak, um den Vater des Jungen zu suchen, den Musiker Ibrahim, der 1991 von der Republikanischen Garde verschleppt worden war. Die beiden sind Kurden und ihre Reise führt vom Nordirak über Bagdad in den Süden Babylons, nach Nasiriya. Hier soll Ibrahim im Gefängnis sitzen. Doch die Gefängnisse sind leer. Männer mit langen Listen sitzen heute davor, die versuchen, den Angehörigen bei der Suche nach Verschollenen zu helfen. Ibrahim steht auf keiner Liste. Und irgendwann begreift die Großmutter: nicht in den Gefängnissen, in den Massengräbern muss sie suchen, die überall im Land ausgehoben werden.

Die Pressevorführung gestern abend war eine hochoffizielle Angelegenheit. Nach der Vorführung wurde noch ein 3-minütiges filmisches Grußwort gezeigt, in dem ein Politiker - wenn ich recht verstanden habe, war es der irakische Ministerpräsident Nuri al Maliki - seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass sich bald mehr Künstler "verantwortungsbewusst" der Aufklärung der jüngeren irakischen Geschichte widmen. Und die leibhaftig anwesende irakische Ministerin für Menschenrechte Wijdan Salim berichtet engagiert von einer neuen Kampagne zur Identifizierung der Toten, die in den 2.500 Massengräbern liegen, die man bisher gefunden hat.

"Son of Babylon" ist ein kleines Wunder. Kein bebender Entwicklungshilfebericht, sondern ein wunderbarer, quasi neorealistischer Film über ein zerstörtes Land, der dennoch mehr Witz hat als Angela Schanelecs "Orly". Das liegt auch an Hauptdarsteller Yassir Taleeb, der bei den Dreharbeiten 2003 12 Jahre alt war, also genauso alt wie Ahmed im Film. Er ist frech und so gewitzt, wie nur irgendein 12-Jähriger. Auf dem Markt in Bagdad, wo die beiden auf den Bus warten, freundet er sich im Handumdrehen mit einem kleinen Jungen an, der einzelne Zigaretten verkauft. Die Verkaufssprüche könnten aus einem Billy-Wilder-Film sein: "War is on, but I stay open."

Man sieht die Landschaft des Irak, wie man sie im Fernsehen nie sieht. Endlose weite Geröllwüste. Hier wächst kaum ein Baum. Alles ist staubig. Die Menschen in ihren graubraunen und schwarzen Kleidern fügen sich nahtlos ein in diese triste Landschaft. Die einzigen Farbkleckse sind die rote Baseballmütze des kleinen Zigarettenverkäufers und der rote Pick-Up, in dem die beiden ein Stück mitgenommen werden. Man sieht das Ischtartor im Vorbeifahren, aus einem Busfenster, und die Mauern von Babylon, in denen Ahmed bei einem kurzen Stopp herumklettert, bevor er "mal eben zu Saddam geht". Das heißt pinkeln.



Und man sieht die Menschen, die in den leeren Gefängnissen stehen und am Rand der Massengräber. Frauen in langen schwarzen Schleiern, die singen und rhythmisch in die Hände klatschen, was im ersten Augenblick ziemlich unpassend wirkt, bis man versteht, dass es ein Abschiedslied ist für ihre Liebsten. Irgendwann kniet die Großmutter in einem der - realen - Gräber vor einem noch halb im Sand vergrabenen Skelett und weint um ihren Sohn, während ihr Enkel Ahmed verzweifelt von Skelett zu Skelett läuft um Ausweispapiere zu finden, die der Großmutter beweisen, dass Ibrahim hier nicht liegt. Der kleine Yassir Taleeb spielt das genauso überzeugend wie er fünf Minuten zuvor den streetsmarten Bengel gespielt hat, der mit anschaulichen Beschimpfungen einen Busfahrer zur Rückgabe des Fahrgelds genötigt hat. Auch die Großmutter ist nicht einfach nur eine zeichenhaft leidende alte Frau. "Immer sagst du, er ist nicht hier, bevor ich auch nur fragen konnte", meckert sie, die nur kurdisch spricht, einen jungen Araber an, der ihr eine Zeitlang bei der Suche hilft.

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Den Anfang der Pressekonferenz zu Roman Polanskis "Ghost Writer" (Kritik hier) habe ich verpasst, weil mein Taxifahrer einen verliebten Monolog über seine Freundin und die schwierige Frage des richtigen Geschenks zum Valentinstag hielt - ("Sie geht so gern shoppen. Ich dachte an einen Gutschein über 50 Euro. Finden Sie das zu wenig? Oder ist es eher zu viel?) - den ich unmöglich unterbrechen konnte. In der PK dann versagte der schöne, coole Ewan McGregor, Hauptdarsteller in "Ghost Writer": Auf die Frage, was er bei den Dreharbeiten von Polanski gelernt hat, fiel ihm keine Antwort ein. Mit einer intelligenten Frage hatte er nicht gerechnet. Er rettete sich in Anekdötchen.

Abgebrochen: Constantin Popescus Film "Portrait of the Fighter as a Young Man" über eine Gruppe antikommunistischer Kämpfer im Nachkriegsrumänien. Nach dem dritten gezogenen Fingernagel musste ich raus. Aber wer solche Szenen aushält, sieht ein antikommunistisches Lehrstück wie aus dem Bilderbuch und einige wunderbare Gesichter junger Männer. (Ekkehard Knörers ausführliche Kritik zum Film her)

In der kleinen Buchhandlung im Cinemaxx kaufe ich mir, um die Wartezeit zu Angela Schanelecs "Orly" zu unterbrechen, Werner Herzogs Tagebuch über die Dreharbeiten zu "Fitzcarraldo" und versinke eine gute Stunde in Herzogs Beschreibung des Dschungels, der Streitereien, der Unfälle. Einmal wurde dem Kameramann Thomas Mauch die Hand von einer aufprallenden Kamera "zwischen Ringfinger und kleinem Finger auseinandergespalten, bis weit in die Handwurzel hinein". Ein Arzt operierte ihn, hatte aber nur noch Vereisungsspray als Betäubungsmittel. "Ich ließ schließlich einer Eingebung folgend nach Carmen rufen, einer der beiden Prostituierten, die wir wegen der Waldarbeiter und Bootsleute hier hatten. Sie schob mich kurz zur Seite, begrub Mauchs Kopf zwischen ihren Brüsten, tröstete ihn mit ihrer schönen, weichen Stimme. Sie wuchs zu einer ihr innewohnenden Pieta über ihren Alltag hinaus, und Mauch verstummte bald. Während der fast zwei Stunden dauernden Operation sagte sie immer wieder 'Thomas, mi amor' zu ihm, während der Patient sich in sein Schicksal ergab. Ich empfand für beide, wie ich sie vor mir hatte, eine tiefe Zuneigung."

Angela Schanelecs "Orly" hat mich fast von der ersten Sekunde an abgestoßen. In einer der ersten Szenen telefoniert ein Mann mit einer Frau, die wohl einmal seine Geliebte war. Es ist ein trauriges Gespräch, denn sie möchte nicht mit ihm sprechen. Die Kamera klebt in seinem Gesicht und entblößt jede Warze, jedes Muttermal, jede Hautunreinheit im aufgewühlten Gesicht dieses ziemlich unattraktiven Fremden, so dass man sich beim Hingucken zu Tode schämt. Danach geht's zum Flughafen von Orly, wo Fremde Banalitäten austauschen. Ich bin nach vierzig Minuten geflohen, um mit einer alten Frau und ihrem Enkel durch den Irak zu reisen. (Lukas Foersters ausführliche Kritik zu "Orly" hier)

Mohamed Al-Daradji: "Son Of Babylon". Mit Yassir Taleeb, Shehzad Hussen, Bashir Al-Majid u.a. Irak, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Palästinensische Autonomiegebiete 2009, 90 Minuten. (Vorführtermine)