Außer Atem

Versammlung des Lauen

Von Ekkehard Knörer
16.02.2008. Nur ein wirklich origineller Autorenfilmer hat es in den Berlinale-Wettbewerb geschafft: "Nacht und Tag" zeigt den koreanischen Regisseur Hong Sangsoo (Foto) als einen der großen Eigensinnigen des Kinos. Ansonsten dominierte in diesem Jahr abgemagerter Wischi-Waschi-Realismus.
Das Wetter war gut wie lange nicht mehr, frühlingshaft fast am ersten Wochenende. Fast konnte man meinen, die Götter seien der Berlinale in diesem Jahr wohlgesonnen, aber wahrscheinlich demonstrierten sie doch eher ihren Sinn für böse Ironie. Im Kinosaal nämlich war es auch im Jahr 2008 mal wieder alles andere als ein Vergnügen, sich als Kritiker auf den Wettbewerb dieses Festivals konzentrieren müssen zu dürfen. Nur auf dem Papier sah es in diesem Jahr besser aus als zuletzt, mit der Wiederkehr des verlorenen Sohns Erick Zonca, mit einem neuen Herzensprojekt von Johnnie To, mit dem Auftaktkonzertfilm von Martin Scorsese und insgesamt mit dem recht weit reichenden Verzicht auf den unter Berlinale-Leiter und Wettbewerbs-Auswahlchef Dieter Kosslick sonst dominierenden pseudopolitischen Quark.


Johnnie To: "Sparrow"

Dann aber: Tos leichtgewichtiger "Sparrow" (der, das sei nicht verschwiegen, seine Anhänger fand, nicht zuletzt bei der Perlentaucher-Kritikerin) und Scorseses Stones-Konzertfilm "Shine a Light" (der dann doch fast ausnahmslos jeden zu langweilen verstand) enttäuschten. Mit viel Vorfreude wurde Zoncas "Julia" erwartet. Was man zu sehen bekam, war eine Tilda Swinton, die durch einen Film erst torkelte, dann wirbelte, der weder als Charakterstudie einer Trinkerin noch als Genreübung noch gar als Cassavetes-Hommage irgendwie überzeugte (mehr hier). Auch sonst weithin die aus den vergangenen Jahren nur zu vertraute Mediokrität (am oberen Ende der iranische Beitrag "The Song of Sparrows" (mehr hier) und gelegentlich dank Nanni Moretti auch "Caos Calmo" (mehr hier), am unteren "Elegy", "Kabei", "Lady Jane"). Dazu teils sehr heftige Ausschlägen ins Bodenlose, am schlimmsten der völlig daneben gegangene Kindesmissbrauchsfilm "Gardens of the Night", der sein Anliegen unfreiwillig Bild für Bild denunzierte; auch der sturzbiedere deutsche Beitrag "Feuerherz" gehört nicht zu der Sorte Film, die auf einem A-Festival irgend etwas zu suchen hätte.


Fernando Eimbcke: "Lake Tahoe"

So viel Pech mit Jahrgang für Jahrgang der Weltkinematografie kann ein einzelner Mann gar nicht haben. Und deshalb ist der Niveaumangel natürlich auch kein Pech, sondern hat einen offen genug zu Tage liegenden systematischen Grund: Bei der Wettbewerbsauswahl herrscht das schiere Banausentum. Ein Banause ist schließlich in Dingen der Kunst einer, der keinen Sinn für ästhetische Kriterien hat und sich deshalb auf die bloßen Inhalte verlässt oder die Namen der Künstler. Einer, der ein Kunstwerk für wichtig hält, wenn es nur einen irgendwie bedeutsamen Gegenstand thematisiert. Einer, der weiß, welche Namen symbolisches Kapital besitzen, ohne dass er immer so genau begriffe, warum. Und natürlich hat der Banause, auch wenn er ihnen nicht recht über den Weg traut, seine eigenen Vorlieben. Er präferiert das Figurative, er findet, dass er sich, wo er doch so harte Arbeit an der Verbesserung der Welt leistet, auch mal was gönnen darf, und er versteht sich, weil er alles Schwierige als elitär verachtet, als Verteidiger des common sense.


Jose Padilha: "Tropa de Elite"

Das Ergebnis ist Jahr für Jahr zu besichtigen: eine Versammlung des Lauen und des Mittelmäßigen; ästhetisch gesehen regiert ein abgemagerter Wischi-Waschi-Realismus, von keinem Gedanken über Potenziale und Grenzen bewegter Bilder angekränkelt, ein naives Dahinerzählen, eine fortgesetzte Bildgemütlichkeit, deren fernsehtauglicher Dummheit nach Möglichkeit kein abweichender Gedanke ins natürlich gekonnte Handwerk pfuscht. Entdeckungen sind so nicht zu machen und so hat der regelmäßige Wettbewerbsbesucher ausgerechnet das zu fürchten gelernt, was doch der Hauptgrund sein sollte, eine solche Veranstaltung zu besuchen: Filme nämlich von Debütanten oder bisher wenig Bekannten, die also ein Versprechen sein könnten und nicht eine Drohung. Umso insistenter hält man an Regisseuren wie Amos Kolleck, Yoji Yamada oder Robert Guediguian fest, die, bei aller Sympathie, mit den interessanteren Zonen des gegenwärtigen Filmemachens nun wirklich nicht in Berührung stehen.


Mike Leigh: "Happy Go Lucky"

Und ein paar wenige gute Filme bleiben doch. Wenig überraschend P.T. Andersons "There Will Be Blood", im internationalen Kritikerspiegel bis zuletzt in führender Position. Der ist zwar schon vor Monaten in den USA angelaufen, ist längst oscarverdächtig und hatte noch während der Berlinale auch seinen Deutschlandstart. Das nimmt ihm seinen Neuigkeitswert, an der Qualität ändert es freilich nichts. Der Film, der die Wahrheit übers kapitalistisch-religionsfanatische Amerika im finsteren Mythos sucht, hat - wenn auch nicht durchweg - Wucht und mit Daniel Day-Lewis die Sorte Hochleistungs-Schauspielerberserker, die es wenigstens bei solchen Gelegenheiten braucht. Anders als der größte Teil des Konkurrentenfelds will "There Will Be Blood" etwas zwingen und immer wieder gelingt ihm das auch. Unter den weiteren Favoriten war der lakonische "Lake Tahoe" des Mexikaners Fernando Eimbcke (mehr hier) den meisten sympathisch, wirklich geliebt - und zwar wohl als einziger Wettbewerbsbeitrag - wurde aber Mike Leighs "Happy-Go-Lucky" (Trailer), die Komödie über eine Frau, der nichts die Laune verdirbt. (Unser Kritiker war allerdings nicht so begeistert.) Von heftigen Kontroversen in der brasilianischen Heimat umrauscht reiste der Polizei- und Favela-Reißer "Tropa de Elite" von Jose Padilha (mehr hier) an - und erwies sich als erstaunlich intelligent gemachte, vielschichtig pessimistische und dann auch noch mitreißend gefilmte Quasi-Dokumentation. Regelrecht entsetzt dagegen waren viele Kritiker von den Re-Enactments in stilisierten Großaufnahmen, mit denen Errol Morris den furchtbaren Fotos von Abu Ghraib buchstäblich zu Leibe rückte (mehr hier).


Hong Sangsoo: "Bam Gua Nat - Nacht und Tag"

Und dann hat es mit Hong Sangsoo diesmal tatsächlich einer der großen Eigensinnigen, einer der wirklich orginellen Autorenfilmer des Gegenwartskinos in den Wettbewerb geschafft. "Nacht und Tag" (mehr hier) hat mit dem weitgehend reflexionsfreien Realismus des Wettbewerbsdurchschnitts nur für einen oberflächlichen Blick viel zu tun. Im Grunde sind seine Filme wie Mosaike, die sich zu konkreten Figuren und Geschichten nur formen, wenn man sie aus der Halbdistanz betrachtet. Wirklich belohnt wird aber, wer näher herangeht: Dann nämlich beginnen die Charaktere ebenso wie die Worte, die sie sprechen, seltsam zu flirren, dann lösen sich die einzelnen Bilder in eigenartige Zooms und Schwenks auf und gelegentlich klopft ein Schwein mit der Schnauze bedrohlich gegen ein Fenster wie gegen die Trennwand zwischen Traum und Realität. "Nacht und Tag" ist auf den ersten Blick und in vielen Details komisch und bösartig genug. Anders als all die Filme aber (und es sind die meisten), die sich mit naiven Abbildungsklischees begnügen, anders als all die ermüdenden Produktionen, die den Zuschauer immer nur glauben machen wollen, was er sieht, wird der Betrachter von Hong Sangsoos Film umso reicher belohnt, je genauer er hinschaut.