Außer Atem

Hämen und Höhnen

Ein Resümee der Berlinale 2004. Von Ekkehard Knörer
15.02.2004. Fatih Akin erhielt den Goldenen Bären für seinen Film "Gegen die Wand" völlig zu Recht. Die 54. Berlinale war der Ausgang des Menschengeschlechts aus der selbstverschuldeten Langeweile. Nur die Kritiker sahen das anders.
Was für eine Berlinale: Es begann mit einer Lachnummer, als zum grottenschlechten "Cold Mountain" (Kritik) noch nicht einmal die Stars, deretwegen man ihn zum Eröffnungsfilm gemacht hatte, aufkreuzen wollten. Nicole Kidman schmollte, weil sie nicht für den Oscar nominiert wurde, wenigstens Renee Zellweger kam ein paar Tage später nach, oscar-nominiert, obwohl ihr für ihren Auftritt in "Cold Mountain" eher die goldene Himbeere für schamloses Overacting zustünde. Zum allgemeinen Eindruck, dass die erste Hälfte des Wettbewerbs doch einiges zu wünschen übrig ließ, kann ich, da ich mich vor allem in den anderen Reihen herumgetrieben habe, nur sagen, dass Patrice Lecontes "Confidences trop intimes" (Kritik) außer einer hübschen Grundidee und Sandrine Bonnaire wenig und John Boormans bemühte, aber unbeholfene Südafrika-Story "Country of My Skull" (Kritik) auch nicht mehr zu bieten hatte.


Von den elf Filmen, die ich dann aber sah, scheinen mir nicht weniger als sieben durchaus preiswürdig. Es war, keine Frage, insgesamt der stärkste Wettbewerb der letzten Jahre. Vor allem war die Diversität des Gelingens erfreulich: von Richard Linklaters fast schwereloser romantischer Komödie "Before Sunset" (Kritik) (bei der Preisverleihung leider ganz leer ausgegangen), über Filmkunst alten Schlages (Rohmer, Angelopoulos) bis zu - international jedenfalls - noch Unbekannten wie Fatih Akin, der den Goldenen Bären zur allgemeinen Überraschung, aber völlig zu Recht erhielt. Sein "Gegen die Wand" (Kritik) ist ein kraftvoller, mutiger und - obwohl er die beiden Hauptfiguren durch Selbstmordversuche aneinander geraten lässt - auch höchst lebendiger, alle Genrezuordnungen schlicht sprengender Film. Kein anderer Wettbewerbsbeitrag, den ich gesehen habe, konnte einen von Anfang bis Ende derart davon überzeugen, dass er gemacht werden musste, unbedingt und mit Notwendigkeit. Es ist der erste Goldene Bär für einen deutschen Film seit Reinhard Hauffs "Stammheim" im Jahr 1986.

Es mag sein, dass das ganz große Meisterwerk in diesem Jahr nicht darunter war - jedoch ist es ohnehin so, dass eine wirklich verlässliche Entscheidung darüber in einer Situation, in der man drei, vier, fünf Filme am Tag sieht, eigentlich nicht möglich ist. Man ist müde und gelegentlich nicht besonders aufnahmefähig, denkt noch über eine paar schiefe Sätze nach, die man gerade geschrieben hat, man hat zu wenig gegessen oder zuviel oder ärgert sich über die Kollegen, die ihren Unwillen über das Geschehen tief unten auf der Leinwand unbedingt während der Vorstellung demonstrieren müssen. Nicht selten ändern sich die Urteile über die Filme bei einer zweiten Sichtung unter ruhigeren Umständen, und zwar in aller Regel zum Positiven. Man denke an die vernichtenden Kritiken zu Dominik Grafs "Der Felsen" (mehr) im vorletzten Jahr - beim Kinostart waren plötzlich weithin Hymnen zu lesen (und beim Publikum genützt hat das dann wieder gar nichts.)

Besonders schwer haben es deshalb, naturgemäß, die schwierigen Filme, die Geduld, Aufmerksamkeit, Reflexion verlangen. So kann man von Theo Angelopoulos' fast dreistündigem Geschichtswerk "Die Erde weint" (Kritik) eigentlich nur überfordert sein - das Bedauerliche ist nur, dass Überforderung schnell in Ablehnung umschlägt. Eric Rohmer konzentriert sich in "Triple Agent" (Kritik) ohne alle Kompromisse auf einen Spionagefall und seine Undurchsichtigkeiten, und zwar in einer Konzentration all dessen, was sein Kino von Beginn an ausgemacht hat: Aushandlung im Dialog, Entfernung alles Überflüssigen, Kunst der Darsteller ohne falsches Spiel. So ist die an entscheidender Stelle eingesetzte doppelte Irisblende die klügste formale Entscheidung in den Wettbewerbsfilmen, die ich gesehen habe, und der Film als ganzer ein abgeklärtes Alterswerk, dessen Dialog-Reflexionen und Spiegelkorridoren man sich nur anvertrauen musste, um es überaus spannend zu finden.

Die Kollegen wollten freilich zum großen Teil nicht und buhten aus selbst verschuldeter Langeweile. Gänzlich fassungslos musste allerdings jeden seriösen Betrachter machen, was während der Pressevorführung des zweiten deutschen Wettbewerbsfilms, Romuald Karmakars "Die Nacht singt ihre Lieder" (Kritik) geschah: Große Teile der Kritik hämten und höhnten aus frustrierter Realismuserwartung gegen einen Film, dem höchstens ein Übermaß an Kunstverstand vorzuwerfen ist und sonst gar nichts. Karmakar wiederum ging während der Pressekonferenz schon mit dem ersten Satz frontal auf vermeintlich hollywoodhörige Journalisten los und hätte man ihm eine Waffe in die Hand gedrückt, er hätte vermutlich den einen oder anderen abgeknallt.

Besonders gern genommen sind - schon gar seit Dieter Kosslicks Amtsantritt - Themenfilme, die sich nicht allzu dumm anstellen; dazu zählten in diesem Fall der nette, aber gänzlich belanglose "Maria voll der Gnade" (Kritik) genauso wie Ken Loachs bestürzend schlichter "Ae Fond Kiss" (Kritik). Kolumbianische Drogenschmugglerin hier, pakistanische Immigrantenfamilie in Glasgow da, wirklich außergewöhnlich ist an beiden Filmen nur ihre ästhetische Biederkeit und die Vorhersehbarkeit des Geschehens. Dass nun ausgerechnet "Maria voll der Gnade", ein gänzlich konventioneller Fernsehfilm, den Alfred-Bauer-Preis für Innovation erhält, deutet sogar darauf hin, dass eine gewichtige Minderheit der Jury eher den Goldenen Bären für ihn im Sinn hatte. Klarer Fall von "art follows message", von dem auch die Hauptdarstellerin Catalina Sandino Moreno mit einem Silbernen Bären profitierte. Sie teilt ihn sich mit Charlize Theron, die sich für ihre Rolle in "Monster" in wenigen Wochen voraussichtlich auch den Oscar abholen darf.

Gänzlich unter ging dagegen Kim Ki-duks für seine Verhältnisse sehr stille Elegie "Samaritan Girl" (Kritik), die sich weit von einer außerhalb der selbst erzeugten Konstellationen nachvollziehbaren Geschichte entfernte und einen Vater zum Rächer seiner als Prostituierte tätigen Tochter macht. Es schien, dass der koreanische Regisseur seine alten, Rabiateres gewohnten Fans vergraulte, ohne - unter den Kritikern jedenfalls - neue gewinnen zu können. Dabei ist "Samaritan Girl" ein schönes, trauriges, reifes Werk. Die Jury-Entscheidung, den Silbernen Bären für beste Regie an Kim Ki-Duk zu verleihen, ist so eine notwendige Wahrnehmungskorrektur.

Die weiteren Preise: Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung an das gesamte Ensemble von "Morgengrauen" (Björn Runge) und Silberner Bär für die beste Filmmusik an Banda Osiris für den allgemein vernichtend besprochenen italienischen Film "Primo Amore" von Matteo Garrone. Und zu guter Letzt: Silberner Bär für den besten Darsteller an Daniel Hendler, der im mit dem Großen Preis der Jury und damit dem zweitwichtigsten Preis, bedachten "El Abrazo Partido" (Kritik) die Hauptrolle spielt. Über den argentinischen Film von Daniel Burman schrieb Thekla Dannenberg beim Perlentaucher dies: "All diese kleinen Dramen um verpatzte Geschäfte, untreue Geliebte und verlorene Väter erzählt Burmann mit Tempo und Witz, die Kamera wirbelt einen mehrmals durch die Passage wie durch die halbe Weltgeschichte. Am Ende freut man sich, dass sie wieder hergestellt ist, die kleine, etwas schäbige, aber heile Welt. Aber man hätte es auch ganz gut verkraften verkönnen, wenn einem der eine oder andere Witz mal im Halse stecken geblieben wäre."


Nebenbei beschlich einen bei dieser Berlinale wieder einmal der seltsame Eindruck, dass die Hollywood-Dominanz über das Erzählen von Geschichten im Kino schon gebrochen ist, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Burmanns Film ist nur ein Beispiel - die weitaus meisten Beweise für diese kleine These aber kommen aus Asien: In Filmen wie "Infernal Affairs" (Kritik), "Baober in Love" (Kritik) oder "One Missed Call" (Kritik) zeigen die Chinesen und die Japaner, dass sie gerade in Hollywoods ehemals ureigener Domäne - dem Genrekino - hundert Mal mehr Einfälle haben als die amerikanischen Regisseure. Auch hier also war diese Berlinale der Ausgang des Menschengeschlechts aus der selbstverschuldeten Langeweile!

(Alle Bären auf einen Blick finden Sie hier.)