Kann man tatsächlich sagen, dass die
Corona-Maßnahmen übertrieben waren?
Martin Hellwig, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, setzt sich in der
FAZ mit dem Argument auseinander, dass
der Staat übervorsichtig und all zu repressiv agiert habe: "Nur wegen einer Krankheit, an der in Deutschland
noch keine zehntausend Menschen gestorben sind? Es wird doch auch kein Aufhebens davon gemacht, dass Jahr für Jahr dreitausend Menschen im
Straßenverkehr sterben oder vor zwei Jahren fünfundzwanzigtausend an
Grippe starben! Jedoch liegen die Zahlen der Verkehrstoten und der Grippetoten Jahr für Jahr in derselben Größenordnung. Die Größenordnung der Zahlen für Covid-19-Tote bei ungehinderter Ausbreitung
kennen wir nicht."
Im
Interview mit
Zeit online erklärt die Max-Planck-
Forscherin Viola Priesemann, Physikerin und Spezialistin für neuronale Netzwerke, warum sie die
Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Deutschland für verfrüht hält: Sinnvoller wäre es gewesen, die Zahlen noch weiter zu drücken, bis dahin, wo eine Nachverfolgung der Ansteckungsverläufe
in Einzelfällen möglich wäre, wie es in diesem
Positionspapier einer Reihe von Wissenschaftlern gefordert wurde, sagt sie. Auch neue Beschränkungen erst
ab 50 Neuinfektionen innerhalb von einer Woche zu erlassen, findet sie unzureichend: "Man sollte den Fokus auf solche Neuinfektionen legen, die
unerwartet auftreten, die sich also nicht auf eine bekannte Infektionskette zurückführen lassen. Eigentlich sind nur solche Ansteckungen wichtig, um zu bewerten, wie gut die Epidemie unter Kontrolle ist. Infektionen von Menschen, die schon in Quarantäne sind, wenn sie Symptome entwickeln, braucht man nicht auf die 50 anzurechnen. Diese Menschen sind für das Infektionsgeschehen fast irrelevant, weil sie mit großer Sicherheit keine weiteren Personen anstecken. Das betrifft zum Beispiel früh erkannte Ausbrüche in Betrieben, aber auch in Seniorenheimen. Relevanter sind die Fälle, die neu auftauchen, ohne dass wir wissen, woher sie kommen. Basierend auf der Anzahl dieser verdeckten Neuinfektionen hätte man eine Obergrenze definieren sollen, die niedriger als 50 liegen sollte."