9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

369 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2020 - Wissenschaft

Etwas wirr und mit Verweis auf die mittelalterlichen Hexenverfolgungen formuliert der Schweizer Historiker Volker Reinhardt in der NZZ seine Zweifel an den wissenschaftlichen Forschungen zum Coronavirus und zum Klimawandel: "Außer einer sehr kleinen Gruppe von Klimaforschern, denen man dies zutrauen mag, kann niemand das Phänomen der globalen Erwärmung selbständig, mit eigenen Recherchen und damit unabhängig von fremden Meinungen, beurteilen oder gar überprüfen. Welchen Wert die in diesem Zusammenhang möglichen selbständigen Beobachtungen, etwa zu Temperaturen und Niederschlägen der letzten Jahre, haben, ist zudem immer unsicher: Handelt es sich um zufällige Oszillationen oder um signifikante Abweichungen, die Langzeitentwicklungen widerspiegeln? Eine ehrliche Bestandsaufnahme führt daher zu dem Ergebnis, dass man es selber nicht weiß - ein für jeden Wissenschafter, der eigentlich nur auf der Basis eigener Wahrheitsfindung urteilen und handeln darf, deprimierendes Fazit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2020 - Wissenschaft

Wissenschaftsskeptikern, die aktuell jeden Irrtum der Virologen zum Anlass nehmen, Kritik and der Forschung zu äußern, rät der Soziologe Wolf Lepenies in der Welt zur Lektüre von Max Webers Text "Wissenschaft als Beruf", in dem Weber daran erinnerte, dass wissenschaftlicher Fortschritt aus einer "Folge von Korrekturen und Selbstkorrekturen" besteht. Gleichwohl warnte Weber vor einer Vermischung von "Erkenntnissphäre und Wertungssphäre", von Wissenschaft und Politik: "Für ihn hatte der Wissenschaftler sich damit zu bescheiden, ein 'Impresario der Sache' zu sein: 'Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.' Gurus, Propheten und Möchte-Gern-Politiker hatten in der Wissenschaft nichts zu suchen. Wissenschaftler durften nicht den Anspruch erheben, 'Führer in Angelegenheiten der Lebensführung zu sein'. In der Corona-Krise aber wurden manches Mal Virologen und Epidemiologen zu Experten der 'Lebensführung'. In diese Rolle wurden sie von der Öffentlichkeit und den Medien gedrängt - und manche Wissenschaftler haben diese Rolle gerne angenommen oder sogar gesucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2020 - Wissenschaft

Im Interview mit Zeit online erklären die Forscher Andreas Thiel und Claudia Giesecke-Thiel, warum vergangene Erkältungen vielleicht vor einem schweren Corona-Verlauf schützen könnten: "Unsere Ergebnisse sind ein Startpunkt, um das herauszufinden (MedRxiv: Braun et al., 2020)", sagt Claudia Giesecke-Thiel. "Ein Teil der Lösung könnte in der sogenannten Kreuzimmunität liegen. Bei einem Drittel der von uns untersuchten gesunden Menschen haben wir bestimmte T-Gedächtniszellen im Blut gefunden, die das neue Coronavirus erkennen können. Und das, obwohl diese Menschen bisher noch gar keinen Kontakt zu Sars-CoV-2 hatten. Wir vermuten, dass diese Zellen vorhanden sind, weil sich der Körper dieser Personen früher schon einmal mit anderen Coronaviren auseinandergesetzt hat, die nur Erkältungen auslösen. Nach so einer Infektion könnten die T-Zellen im Körper verbleiben und bei erneutem Viruskontakt sofort eine effiziente Immunantwort in Gang setzen." Jetzt führen die beiden, die nur wenige Menschen untersucht haben, aber dabei die kreuzreaktiven T-Zellen in Blutproben messen konnten, "große Nachfolgestudien" durch, um ihre Ergebnisse zu überprüfen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2020 - Wissenschaft

Das MIT beendet seine Verträge mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier, berichtet Sebastian Grüner bei golem.de. Elsevier ist für seine exorbitanten Preise für die Publikation wissenschaftlicher Texte bekannt - vor allem aber konnte sich das MIT mit Elsevier nicht auf eine Open-Access-Publikation seiner Papiere einigen, unter anderem weil Elsevier auch noch eine Übertragung von Urheberrechten verlangt: "Das MIT veröffentlichte für seine Verträge mit Wissenschaftsverlagen Ende vergangen Jahres ein Framework mit Richtlinien für die Zusammenarbeit. Dieses 'gründet in der Überzeugung, dass der offene Austausch von Forschungs- und Bildungsmaterialien der Schlüssel zur Mission des MIT ist, Wissen weiterzuentwickeln und dieses Wissen für die größten Herausforderungen der Welt einzusetzen'. Einer der wichtigsten Punkte dabei ist die Möglichkeit zur Open-Access-Publizierung, was wiederum nur möglich ist, ohne das eigene Urheberrecht komplett an den Verlag abzutreten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2020 - Wissenschaft

Gesellschaften sind keine physikalischen Körper, exakte Schlussfolgerungen sind selten möglich, betont Sibylle Anderl in der FAZ, doch allen Studien zu Folge, in denen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung untersucht wurden, kommen zu dem Schluss, dass sie wirksam waren. Und: "Modellrechnungen des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zusammen mit dem Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung zeigen allerdings, dass gesundheitspolitische und wirtschaftliche Interessen weit weniger im Widerspruch stehen, als das gemeinhin angenommen wird: Die Kombination epidemiologischer und ökonomischer Simulationen weist demnach darauf hin, dass vorsichtige, schrittweise Lockerungen der Maßnahmen sowohl die Opferzahlen von Covid-19 als auch die wirtschaftlichen Gesamtkosten minimieren. Der Grund ist einfach: Auch die Wirtschaft profitiert schließlich davon, wenn die Epidemie möglichst schnell unter Kontrolle und das Vertrauen von Konsumenten und Investoren wiederhergestellt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2020 - Wissenschaft

Dass Menschen bei der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) immer die Oberhand behalten und also "in the loop" bleiben, ist keineswegs ausgemacht, schreibt Stefan Krempl bei heise.de unter Bezug auf die Forscherin Louise Amoore, die dargelegt habe wie die Beziehungen KI-Anwendern "geprägt würden durch ihre Kollaboration mit Algorithmen. Die Einwände der Datenforscherin beziehen sich keineswegs nur auf Operations- oder Killer-Roboter, sondern auch auf automatisierte Entscheidungssysteme wie Predictive Policing, Scoring bis hin zum chinesischen 'Sozialkreditwesen' oder die in den USA im Justizwesen eingesetzte Technik Correctional Offender Management Profiling for Alternative Sanctions (Compas), die Rückfallwahrscheinlichkeiten von Kriminellen abschätzt. Der Mensch und seine Überlebenschancen werden ihr zufolge generell immer stärker von Algorithmen abhängig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2020 - Wissenschaft

In der taz unterhält sich Jan Feddersen mit Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar über mentale Krisenbewältigung, das Auseinanderklaffen von Verstand und Emotion und die Frage, was unser Verhalten steuert: "Mit den Bildern aus Italien ging diese Mobilitätskurve dramatisch nach unten. Das war diese Phase, in der es noch keine Kontaktsperre gab, wo aber einfach die Bilder übers Fernsehen dazu führten, dass wir alle Angst bekamen. Die Städte waren bereits Mitte März wirklich leer, obwohl es noch keine Kontaktsperre gab. Nachdem diese Kontaktsperre ganz offiziell verkündet wurde, das ist das Interessante, ging dies fast mit einem Schwinden der Angst einher. Und was man dann sieht, ist, dass mit der Kontaktsperre das Mobilitätsverhalten wieder hochgeht und wir inzwischen in einem Zustand sind, der sich immer mehr einer Normalität - auch wenn wir das vielleicht gar nicht so sehr glauben - nähert. Das heißt: Das Motiv allen Handelns ist Angst. Und diese Angst hat immer eine Halbwertszeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Wissenschaft

Kann man tatsächlich sagen, dass die Corona-Maßnahmen übertrieben waren? Martin Hellwig, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, setzt sich in der FAZ mit dem Argument auseinander, dass der Staat übervorsichtig und all zu repressiv agiert habe: "Nur wegen einer Krankheit, an der in Deutschland noch keine zehntausend Menschen gestorben sind? Es wird doch auch kein Aufhebens davon gemacht, dass Jahr für Jahr dreitausend Menschen im Straßenverkehr sterben oder vor zwei Jahren fünfundzwanzigtausend an Grippe starben! Jedoch liegen die Zahlen der Verkehrstoten und der Grippetoten Jahr für Jahr in derselben Größenordnung. Die Größenordnung der Zahlen für Covid-19-Tote bei ungehinderter Ausbreitung kennen wir nicht."

Im Interview mit Zeit online erklärt die Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann, Physikerin und Spezialistin für neuronale Netzwerke, warum sie die Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Deutschland für verfrüht hält: Sinnvoller wäre es gewesen, die Zahlen noch weiter zu drücken, bis dahin, wo eine Nachverfolgung der Ansteckungsverläufe in Einzelfällen möglich wäre, wie es in diesem Positionspapier einer Reihe von Wissenschaftlern gefordert wurde, sagt sie. Auch neue Beschränkungen erst ab 50 Neuinfektionen innerhalb von einer Woche zu erlassen, findet sie unzureichend: "Man sollte den Fokus auf solche Neuinfektionen legen, die unerwartet auftreten, die sich also nicht auf eine bekannte Infektionskette zurückführen lassen. Eigentlich sind nur solche Ansteckungen wichtig, um zu bewerten, wie gut die Epidemie unter Kontrolle ist. Infektionen von Menschen, die schon in Quarantäne sind, wenn sie Symptome entwickeln, braucht man nicht auf die 50 anzurechnen. Diese Menschen sind für das Infektionsgeschehen fast irrelevant, weil sie mit großer Sicherheit keine weiteren Personen anstecken. Das betrifft zum Beispiel früh erkannte Ausbrüche in Betrieben, aber auch in Seniorenheimen. Relevanter sind die Fälle, die neu auftauchen, ohne dass wir wissen, woher sie kommen. Basierend auf der Anzahl dieser verdeckten Neuinfektionen hätte man eine Obergrenze definieren sollen, die niedriger als 50 liegen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 - Wissenschaft

Mehr Risikokompetenz und vor allem mehr statistisches Denken und Kenntnis von der Mathematik der Ungewissheit wünscht sich der Psychologe und Risiko-Experte Gerd Gigerenzer im Interview mit der FR angesichts der Aufregungen um Zahlen zur Coronakrise. Wieviel Unsicherheit man mit Zahlen verbreiten kann, erklärt er so: "Vor einigen Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation gewarnt, dass durch jede 50 Gramm Wurst, die wir täglich essen, die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, um 18 Prozent steigt. Was glauben Sie, was das heißt, wenn 100 Leute täglich 50 Gramm Wurst essen? ... viele - auch einige meiner akademischen Freunde - haben prompt aufgehört, Wurst zu essen, weil sie dachten, dass von je 100 Menschen 18 mehr Darmkrebs bekommen. In Wirklichkeit stieg das absolute Risiko von fünf Prozent auf 5,9 Prozent - das sind 18 Prozent mehr. Der absolute Anstieg betrug also weniger als ein Prozentpunkt. Doch damit können sie keine Aufmerksamkeit und Aufregung erzeugen. Also berichtet man nicht vom absoluten, sondern vom relativen Risiko."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2020 - Wissenschaft

Unser tägliches Interview mit Christian Drosten gibt uns heute der Guardian: "In Deutschland sehen die Menschen, dass die Krankenhäuser nicht überfordert sind, und sie verstehen nicht, warum ihre Geschäfte schließen müssen. Sie schauen nur auf das, was hier passiert, nicht auf die Situation etwa in New York oder Spanien. Das ist das Präventionsparadox, und für viele Deutsche bin ich der Bösewicht, der die Wirtschaft lähmt."