Britische Museen beantworten Fragen nach Restitution meist mit Schweigen oder sehr dünnen Auskünften - in Britannien ist die Restitutionsdebatte noch kaum angekommen. Um so bemerkenswerter der Guardian-Artikel der freien Kunsthistorikerin Alice Procter, die weitgehende Rückgabe fordert und gleich ein sehr dezidiertes Bild der Institution Museum mitliefert: "Die ganze Idee des Museums ist eine kolonialistische, imperialistische Fantasie, die aus dem Irrtum geboren wurde, dass die ganze Welt irgendwie ordentlich katalogisiert und in ein einzelnes Gebäude gesteckt werden kann, in dem sich das alles dann leicht verdauen lässt. Es gibt keine Objekte, die aus dem Nichts kommen, jedes Stück in einem Museum wurde aus seinem ursprünglichen Kontext entfernt. Es mag als unangenehm und grob gelten, sich genauer anzusehen, was damit verbunden war."
Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier ist Vorsitzender der Limbach-Kommission, die ich mit Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter befasst. Im Gespräch mit Jörg Häntzschel von der SZ beklagt er mangelnde Befugnisse und Wirksamkeit der Kommission: "Wozu verhandeln wir diese Fälle überhaupt, wenn ein Rechtsstreit später vor amerikanischen Gerichten geführt wird? Diese Fälle gehören vor deutsche Gerichte, denn es sollte um Akte deutscher Wiedergutmachung gehen, nicht um solche, die von ausländischen Gerichten aufgezwungen werden. Belässt man alles, wie es ist, kann die Kommission die Gründe, die in der Öffentlichkeit zu ihrer Delegitimierung immer wieder angeführt werden, nicht ausräumen."
Mit der Provenienzforschung in ethnologischen Museen soll nur Zeit geschunden werden, glaubt in der SZ der Hamburger Globalhistoriker Jürgen Zimmerer, für den alle während des Kolonialismus erworbene Kunst Raubkunst ist - bis zum Beweis des Gegenteils: "Für den Umgang mit kolonialen Sammlungen bedeutet dies, dass die Beweislast umgekehrt werden muss, ein Objekt sollte also als unrechtmäßig erworben gelten, bis das Gegenteil erwiesen wird. Die gängige Annahme, alles sei rechtmäßig erworben, bis das Gegenteil erwiesen ist, schreibt dagegen die koloniale Rechtfertigungslogiken fort, zumal die Dokumentation fast vollständig aus der Feder der Kolonisierenden stammt."
Restitutionsforderung hier, Kulturgutschutzgesetz und Koordinationsprobleme zwischen den Bundesländern dort - Konzept: Fehlanzeige, schreibt Thomas E. Schmidt in der Zeit und fragt: "Welche Objekte gehören zwingend in afrikanische, genauer gesagt: in noch zu gründende afrikanische Museen? Und was könnte aus diesem Übertragungsprozess darüber hinaus folgen? Bloße Rückgabe ist ja kein Austausch. Austausch müsste die Geste mit weiter reichender Fantasie begleiten, mit außen- und kulturpolitischer. Danach sieht es nicht aus. Die letzten Einlassungen der zuständigen Kulturstaatsministerinnen Grütters und Müntefering zum Thema erwecken nicht den Eindruck, die beiden hätten dazu ein schlüssiges Konzept. Sie sind eher von der Furcht geprägt, in der aufgeregten Debatte als Bremserinnen dazustehen."
Jörg Häntzschel fürchtet in der SZ, dass die von Bénédicte Savoy geforderte mehr oder weniger umstandslose Restitution von Kolonialkunst in Deutschland nicht schnell genug von statten geht. Das derzeit viel Geld - 1,9 Milliarden Euro - in die Provenienzforschung gesteckt wird, befriedigt ihn nicht: "Von Restitutionen ist nirgends die Rede. In erster Linie geht es darum, aufzuklären, wie die Gegenstände in deutsche Museen kamen, nicht darum, die engere Frage zu beantworten, ob auf rechtmäßige oder unrechtmäßige Weise. Was will man also? Geschichte und Umstände des kolonialen Kunstraubs erforschen? Oder, wie Savoy und Sarr, pragmatisch Restitutionen einleiten?"
Bernhard Schlinkliest für den TagesspiegelHorst Bredekamps neues Buch über Aby Warburg und seine kulturethnologischen Forschungen und meldet am Schluss recht deutliche Kritik an der gerade tosenden Restitutionsdebatte an: "Die koloniale europäische Vergangenheit wird beurteilt, als finde sie heute statt, und weil Kolonialismus heute insgesamt und rundum unmoralisch wäre, soll auch alles, was in der kolonialen europäischen Vergangenheit geschah, unmoralisch sein, nicht nur die Überwältigung indigener Völker und Kulturen, sondern auch die völkerkundliche Beschäftigung mit ihnen... In den schlichten Argumenten der Forderung nach Restitution wird diese schlichte Wahrnehmung der kolonialen europäischen Vergangenheit politisch zugespitzt."
Vielleicht klären die "Entkolonisierungsaktivisten" vor ihren "Reinigungsaktionen" erstmal, wohin in Afrika sie die Kulturgüter eigentlich geben wollen, schreibt die Göttinger Ethnologin BrigittaHauser-Schäublin, die das Projekt "Umstrittene Sammlungen" im Rahmen der DFG-Forschergruppe Cultural Property leitete, in der FAZ. Fast alle afrikanischen Staaten sind Vielvölkerstaaten, in denen traditionelle Hierarchien noch über der - durch europäische Kolonisierung entstandenen - Organisation als Nationalstaaten stehen, meint sie: "Artefakte aus Afrika, die während der Kolonialzeit (und auch danach) erworben wurden, sind typischerweise kulturelle Güter, die für die unterschiedlichen ethnischen Gruppen charakteristisch beziehungsweise Ausdruck ihrer kulturellen Vorstellungen und Praxen waren. In vielen Fällen verstehen die Nachfolger der ehemaligen Besitzer oder Hersteller eines Artefakts, das sich heute in einem europäischen Museum befindet, den Gegenstand als ein Dokument ihrer eigenen tribalen Vergangenheit und nicht der Geschichte des Staates, dem sie seit der Unabhängigkeit untergeordnet sind. Eine Rückgabe an ein staatliches Museum in der Hauptstadt lehnen sie deshalb ab."
Als das Buch "Dinosaurierfragmente", das sich der Geschichte der Tendaguru-Expedition unter dem Kolonialregime der Deutschen in Tansania widmet, im Berliner Naturkundemuseum vorgestellt wurde, wollten sich weder der Direktor des Museums, Johannes Vogel, noch Benedicte Savoy, die den Abend moderierte, zur Frage äußern, ob das Skelett des Brachiosaurus brancai im Museum nach Tansania zurückgegeben werden müsse, schreibt Ronald Düker in der Zeit und hat bei beiden noch einmal nachgehakt. Savoy wäre für eine Rückgabe: "'Lasst uns darüber nachdenken! Das brächte neue Energien, neue Gelüste.' Es könne aber nicht ihre Rolle sein, so etwas zu fordern. 'Das Museum muss dafür schon selbst eine Sensibilität entwickeln.'" Vogel dagegen unterscheidet klar zwischen Fossilien und künstlerischen Artefakte: "Die am Tendaguru ausgegrabenen Fossilien seien doch nur der Rohstoff der eigentlichen Konstruktionsleistung gewesen: 'Eine Maske oder ein Thron - die sind für mich der Ausdruck der Identität und der handwerklichen Fähigkeit jeweils einer bestimmten Ethnie. Andererseits ist der Brachiosaurus hier in Berlin ebenfalls der Ausdruck der Kunstfertigkeit und der Identität einer bestimmten Ethnie. Das ist die Ethnie der Berliner Paläontologen.'"
Im Tagesspiegelhält Nicola Kuhn zwar nicht viel von Savoys Vorschlag, meint aber: "Ein Hinweis auf die Kolonialgeschichte, wenigstens ein klitzekleines Schild am Riesentier, wäre trotzdem mal angebracht."
Henri Edmond-Cross "Regatta in Venice". 1903/1904. Museum of Fine Arts, Houston Das Bild "Regatten in Venedig" des Impressionisten Henri-EdmondCross, das derzeit in einer Retrospektive im Museum Barberini ausgestellt wird, soll NS-Raubkunst sein, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Warum die Familie des Sammlers Gaston Levy, dessen Impressionistensammlung im besetzten Paris von der Gestapo beschlagnahmt wurde, ihre Rückgabe-Forderung nicht bereits an den Leihgeber, das Museum of Fine Arts in Houston, stellten, erklärt deren Anwalt mit den hohen Anwaltskosten in den USA. Und: "Bei dieser Art Raubgut werde in Deutschland sehr viel konsequenter durchgegriffen. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sei nun gefordert. Sie hat erst jüngst angekündigt, dass die Washingtoner Prinzipien auch für Privatmuseen gelten müssten. Das Museum Barberini hält sich bislang zurück."
Streit um das Jüdische Museum Berlin in der Jüdischen Allgemeinen. Die Jerusalem-Austellung des Museums war schon von Alan Posener in der Welt kritisiert worden. Zugleich aber hatte Benjamin Netanjahu die Bundesregierung für diese Ausstellung angegrifffen - eine Dummheit so Michael Wuliger in der JA. Nur darf man auch nicht, wie Wuliger es dem Direktor des Museums, Peter Schäfer, vorwirft, jegliche weitere Kritik an der Ausstellung wegen ihrer angeblichen Nähe zur israelischen Regierung desavouieren: "Die Kritiker der Jerusalem-Ausstellung, allen voran Alan Posener in der Welt, fordern nicht, dass das Museum sich zum Propagandisten der israelischen Regierung macht. Was sie monieren, ist, dass in der Schau der israelischen Position - notabene: nicht nur die der Regierung, sondern der ganz überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung quer durch die politischen Lager - unverhältnismäßig wenig Raum gegeben wird, verglichen mit der dort vorherrschenden arabisch-muslimischen Sichtweise. Und dass Alan Posener Benjamin Netanjahu 'sehr nahesteht', wird alle überraschen, die ihn und seine Texte kennen."
Richard Hüttel weist in der FAZ darauf hin, dass auch viel geraubte deutsche Kunst in Amerika liegt. So habe die in Meißen geborene Alice Tittel nach Kriegsende zahlreiche Gemälde entwendet, darunter Gemälde von Louis de Silvestre aus dem Dresdner Schloss entwendet und später in Amerika verkauft: Heute hängen die Bilder "im Museum of Fine Arts in Floridas 'Sunshine City' Saint Petersburg. Sie gehören zu den zahlreichen Beutestücken des großen Kunstraubes 1945."
Während in Europa noch über die Restitution von Kolonialkunst diskutiert wird, geht China ganz eigene Wege in der Repatriierung von Raub- und Kolonialkunstwerken, schreibt Minh An Szabó de Bucs in der SZ. Laut Unesco sollen sich noch etwa 1,67 Millionen chinesische Kulturschätze in mehr als 200 Museen in 47 Ländern befinden, immer wieder ersteigerten chinesische Milliardäre auch Artefakte zu gigantischen Preisen, so Szabo de Bucs weiter. Sie verweist dabei auch auf einen GQ-Artikel des Journalisten Alex Palmer, der von zahlreichen Einbrüchen in die ostasiatischen Sammlungen europäischer Museen berichtet. Kompromisse will China in jedem Fall nicht eingehen: "Die Handels- und aufstrebende Weltmacht hat mittlerweile die nötigen Mittel, um die versprengten Schätze 'heim ins Reich zu holen', so die wörtliche Übersetzung der chinesischen Zeichen für Repatriierung. Schon vor zehn Jahren wurde die Repatriierung des chinesischen Kulturerbes zur Staatssache erklärt und seitdem massiv vorangetrieben. Denn nur so kann aus chinesischer Sicht die damals von westlichen Mächten zugeführte Demütigung wieder rückgängig gemacht werden. Nur so wird China als Weltmacht auf Augenhöhe respektiert werden."
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