9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2021 - Kulturpolitik

Deutschland war nur ein "Zwerg" unter den Kolonialmächten. Deutschland hat die Afrikaner nicht als "Sklaven", sondern höchstens als "Untertanen" geknechtet. Und Deutschland "hat die Opfer seines Kolonialismus jetzt immerhin so großherzig entschädigt wie kein Staat je zuvor" - alles Lüge!, schimpft Ronen Steinke in der SZ und schaut vor allem auf die von der Bundesrepublik zugesagten 30 Millionen Euro, die Nambia pro Jahr "zur Versöhnung" erhalten soll: "Das Papier, das die Regierungsdelegationen beider Länder Ende Mai unterzeichnet haben, ist eines, in dem Deutschland sich nicht zu Zahlungen verpflichtet, sondern sie lediglich in Aussicht stellt. Von den Regierungen wird dieses Papier weiterhin unter Verschluss gehalten. Aber von der Organisation 'Mission Lifeline' ist das sechsseitige Dokument gerade geleakt worden. 'Germany commits herself', heißt es da: Deutschland binde sich selbst. Juristen wissen, was das heißt. Die Formulierung 'is obliged to', mit der Staaten echte Pflichten eingehen, ist auffällig abwesend."

Unumstritten waren die an ermordete Juden erinnernden Stolpersteine nie, auch weil ihr Erfinder Günter Demnig ein Unternehmen daraus machte, schreibt Alan Posener in der Welt: Die Steine müssen bei Demnig beantragt werden, ein Stein wird per Hand gefertigt und kostet 120 Euro plus Auslagen. Nun weitet Demnig sein Konzept aus, im luxemburgischen Lunglinster erinnern jetzt elf Stolpertsteine an Gemeindemitglieder, die im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht zwangsrekrutiert wurden, so Posener weiter: "Ob junge Männer, die zum Militär zwangseingezogen wurden, in derselben Weise als Opfer zu betrachten sind wie etwa Studenten, die wegen eines Flugblatts mit dem Fallbeil hingerichtet, geistig behinderte Kinder, die in Heilanstalten vergast, Sinti, Roma und Homosexuelle, die in KZ zu Tode gearbeitet und gequält, jüdische Frauen, die nackt mit ihren Kindern in baltischen Sandgruben erschossen wurden - das darf man denn doch fragen, zumal die Luxemburger in der Wehrmacht den gleichen Sold erhielten und die gleichen Beförderungschancen hatten wie die deutschen Soldaten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2021 - Kulturpolitik

Die Zeit hat nun noch ein neues Ressort, "Umwelt". Man glaubt kaum, dass nach 59 Seiten überhaupt noch ein Feuilleton beginnt. Olaf Scholz und Carsten Brosda, Kultursenator in Hamburg, richten einen Brief an die Kulturschaffenden, die sie mit folgender Perspektive konfrontieren: "Die vor uns liegenden Aufgaben betreffen uns alle gleichermaßen und sind so groß, dass wir sie in ihrer Größe und Grundsätzlichkeit annehmen, diskutieren und bewältigen müssen. Wir können in anderen Ländern sehen, wie das gelingen kann, wenn zum Beispiel in den USA etliche Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit Michelle und Barack Obama kleine Clips produzieren, um unter dem Titel 'We the People' für die freiheitliche Demokratie zu werben." Auch um mehr Sozialstaat für die Künstler wollen sich die beiden kümmern.

Außerdem: Hubert Wetzel freut sich in der SZ über die Schleifung der monumentalen Robert-E.-Lee-Statue in Richmond, Virginia - ein Erfolg der "Black Lives Matter"-Bewegung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2021 - Kulturpolitik

Monika Grütters zieht im Gespräch mit Andreas Kilb in der FAZ Bilanz ihrer achtjährigen Amtszeit als Bundeskulturministerin. Und die war segensreich, meint sie und verweist auf erhebliche Budgetsteigerungen um siebzig Prozent. Hinzukommt, dass sich kulturpolitische Debatten globalisieren. Und hier hat für Grütters "vielleicht nur der Bund die Autorität, siehe Benin-Bronzen, zumindest als Moderator oder Katalysator zu fungieren." Grütters nimmt auch zum ersten Mal Stellung zum "Weltoffen"-Aufruf, in dem die Intendanten oft gerade vom Bund finanzierter Kulturinstitutionen forderten, auch Israelboykotteure einladen zu dürfen (was ihnen nie verboten war). "Natürlich gab es auch Verbindungslinien zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus. Wir müssen aber sehr darauf achten, dass die Menschheitsverbrechen der NS-Zeit nicht schleichend relativiert werden. Auch beim Thema Antisemitismus und Israel-Kritik bin ich besorgt. Debatten, wie sie derzeit im Kulturmilieu geführt werden - zum Beispiel die der 'Initiative Weltoffenheit' -, sind Anlass für Verletzungen und Missverständnisse. Gerade in Deutschland müssen wir aufpassen und sensibel sein, dass wir nicht in eine erinnerungskulturelle Schieflage geraten. In der Geschichte sind manche Dinge nicht so eindeutig, wie sie scheinen oder es manche gerne hätten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2021 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel-Interview mit Christiane Peitz erklärt Christoph Rauhut vom Landesdenkmalamt Berlin, weshalb der Mäusebunker nicht unter Denkmalschutz steht: "Der Mäusebunker ist ein Spezialfall. Er stand auf unserer To-do-Liste, manchmal kommen wir aus Kapazitätsgründen aber zu spät. Der Charité wurde eine Abrissgenehmigung erteilt. Dennoch suchen wir jetzt im Modellverfahren eine gemeinsame Lösung für die schwierige Umnutzung: Es fehlt ja an Licht und Luft, und die Techniketagen sind nur zwei Meter hoch. Die Charité reißt nicht ab, wir setzen nicht unter Denkmalschutz - das verschafft allen Spielraum."
Stichwörter: Denkmalschutz, Mäusebunker

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2021 - Kulturpolitik

Sehr kritisch setzt sich Patrick Bahners in der FAZ mit den Forderungen des von der Bundesregierung in die "Expertenkommission Paulskirche" berufenen Herfried Münkler auseinander. Da die Paulskirche renoviert werden soll, besteht die Befürchtung, dass der beim Wiederaufbau 1948 ausgesparte Zierrat am Gebäude nun neu appliziert werden soll - auf Anraten Münklers, der doch bisher weniger als Demokratietheoretiker und eher als mit den ganz großen Bauklötzen spielender Geostratege hervorgetreten ist. Bahners bemängelt in Münklers Argumentationen denn auch Münklers demokratiehistorische Äußerungen: "Der von Münkler postulierte 'Unterschied zwischen der deutschen bürgerlichen Revolution von 1848 und der französischen von 1789' ist .. nicht nur empirisch, sondern auch geschichtspolitisch dubios. Die Neubewertung von 1848, die Steinmeier und Münkler anstreben, läuft auf die Identifikation der heutigen Bürger und Politiker mit der linken Seite der Paulskirche hinaus, den Republikanern, die in der Minderheit blieben." Hier unsere Resümees zur Paulskirchen-Debatte. Die Idee der universellen Geltung der Menschenrechte verabschiedete Münkler zuletzt unter anderem hier.

Ebenfalls in der FAZ kommentiert Marc Zitzmann Emmanuel Macrons Entscheidung, Josephine Bakers Überreste ins Pariser Pantheon zu überführen - eines der Argumente: Sie hat sich (anders als etwa die Kommunisten) gleich nach der Invasion Frankreichs durch die Nazis der Résistance angeschlossen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2021 - Kulturpolitik

Nirgends wirkt Berlin unwirtlicher als da, wo sich die heute komplett begrabene eigentliche Stadtmitte befand, im Areal zwischen Spittelmarkt, Leipziger Straße und Alexanderplatz - das heute aussieht, als befände es sich in Nischni Nowgorod. In der FAZ kann man mit dem ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann mitleiden, der einen Blick auf die achtspurige Mühlendammbrücke wirft. Hier müsste ein behutsam wenigstens Umrisse wiederherstellende Stadtplanung ansetzen. Der rot-rot-grüne Senat blieb untätig: "Passiert ist trotz des aktuellen politischen Ziels einer Verkehrswende nichts. Stattdessen wird der Frontalangriff der DDR-Planer auf das Gedächtnis der Stadt, den die Schneise vom Molken- zum Spittelmarkt einschließlich der beiden monströsen Brückenbauwerke bedeutet, von den heutigen Verkehrsplanern fortgeführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2021 - Kulturpolitik

Im SZ-Gespräch mit Gerhard Matzig erklären Jens Thormeyer und Jochen Schulz vom Architekturbüro RKW, das ein neues Opernhaus für Düsseldorf plant, weshalb Baukosten immer wieder explodieren und was dagegen unternommen werden kann: "Um mit der Behörde anzufangen, da gibt es schon auch eine gewisse Regelungswut, die das Bauen zeitintensiver, die Planung unsicherer und die Projekte insgesamt teurer macht. Zu schweigen von Baugesetzen und Normen, die immer mehr, aber nicht immer klarer werden. Schneller bauen, das wäre in dieser Hinsicht auch: preiswerter bauen. Aber auch wir Planer können etwas tun: Wir müssen auf mehr Planungstiefe dringen."
Stichwörter: Baukosten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2021 - Kulturpolitik

Jena wird wieder zum "Experimentallabor für zeitgenössische Architektur", freut sich Kevin Hanschke in der FAZ. Gleich drei neue Hochhäuser sollen hier Akzente setzen: "Während Metropolen wie München und Berlin den Hochhausbau mit Auflagen versehen und Großstädte wie Dresden oder Potsdam ihre Altstädte rekonstruieren, will sich die Universitätsstadt ein modernes Stadtbild geben. Die Türme, 67, 50 und 33 Meter hoch, sollen sich zugleich in die historische Innenstadt einfügen und eine Skyline formen. 'Jena als Hightech- und Lichtstadt, das ist das Signal, das von diesem Entwurf ausgehen soll', sagt Stadtentwicklungsdezernent Christian Gerlitz (SPD). Der Rahmenplan ist ambitioniert, an der Ostseite des Eichplatzes soll ein Stadtgarten entstehen. Die Türme sollen Wohnungen, Büros und Ladengeschäfte beherbergen."

In der SZ fordert die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker die Wiedereinführung des abgeschafften Bauministeriums auf Bundesebene, mehr Ganzheitlichkeit in der Städteplanung, aber auch eine Verbindung von Ökologie und sozialem Frieden: "Ökologisches Wohnen in Städten ist jetzt schon kaum bezahlbar. Wie oft erlebe ich Menschen, die sanieren wollen, aber nicht das Geld aufbringen können, weil der Gesetzgeber eher 'Alles oder nichts'-Maßnahmen kennt und schon gar nicht ein anderes Tempo, nämlich das der betroffenen Menschen. Bei rund der Hälfte der Wohnungen haben die Mieter, die ja nicht Eigentümer sind, Sanierungen gar nicht in der Hand. Wir haben ganze Quartiere, wo sozial benachteiligte Menschen mit hohen Energiekosten leben. Ohne entsprechende Maßnahmen laufen wir weiter in eine Energiearmut. Das ökologische Bauen und Wohnen wird so zum Eliteprojekt - nichts wäre fataler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2021 - Kulturpolitik

In den vergangenen 16 Jahren ist "eine Kulturpolitik mit liberal-konservativer Handschrift betrieben worden (…), die gelegentlich ideologische Züge annahm", schreibt Harry Nutt, der in der FR vor allem die Grütters-Jahre bilanziert: "Am prägnantesten drückte diese im Zusammenhang mit der zähen Entwicklungsgeschichte des Humboldt-Forums aufs Papier, das zugleich Grütters' nachhaltigste Hinterlassenschaft ist - wie auch immer die neue Ausgestaltung fortgesetzt werden wird. Das Symbol, unter dem es im Verständnis einer befriedeten Weltkultur daherzukommen scheint, trägt die Züge eines religiös-paternalistischen Führungsanspruchs, der alle wohlmeinende kulturelle Offenheit konterkariert. (…) Monika Grütters hat die wenig dialogbereite Botschaft als historische Referenz an die wechselnden Schlossherren stets verteidigt und sich wohl auch zu eigen gemacht als Geste gegenüber einer parteipolitischen Klientel, dem jene kulturelle Offenheit, die Grütters und Merkel verkörpern, stets zuwider war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2021 - Kulturpolitik

In den Londoner Park Victoria Tower Gardens, einem kleinen Park an der Themse, soll ein Holocaust-Mahnmal mit Lernzentrum eröffnet werden, das offenbar keiner so recht haben will, berichtet Gina Thomas in der FAZ, zumal das Thma im Imperial War Museum bereits kompetent aufbereitet werde: "Die 96 Jahre alte Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, die sich als Überlebende von Auschwitz und Bergen-Belsen unermüdlich für die Aufklärungsarbeit eingesetzt hat, brachte die Einwände auf ihre direkte Weise auf den Punkt: 'eine unglaubliche Menge dummen Geldes, wofür denn genau?' Sie argumentiert, dass das Denkmal sogar kontraproduktiv wirken und Antisemitismus schüren könne."
Stichwörter: London, Holocaust-Mahnmal