9punkt - Die Debattenrundschau

Beruhigender Vater der Nation

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2021. Monika Grütters zieht in der FAZ eine Bilanz ihres segensreichen Wirkens. Und sie attackiert ihre Untergebenen aus den Kulturinstitutionen und deren "Weltoffen"-Aufruf. SZ und New Statesman beruhigen die deutsche Wählerschaft: Olaf Scholz kann Kanzlerin. Und Xi Jinping kann Mao: An die Stelle von Online-Spielen und effeminierten Männern aus Casting Shows setzt er das neue Schulfach Xi-Jinping-Kunde, berichten verschiedene Medien. Der Economist macht sich Sorgen über die "illiberale Linke".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2021 finden Sie hier

Kulturpolitik

Monika Grütters zieht im Gespräch mit Andreas Kilb in der FAZ Bilanz ihrer achtjährigen Amtszeit als Bundeskulturministerin. Und die war segensreich, meint sie und verweist auf erhebliche Budgetsteigerungen um siebzig Prozent. Hinzukommt, dass sich kulturpolitische Debatten globalisieren. Und hier hat für Grütters "vielleicht nur der Bund die Autorität, siehe Benin-Bronzen, zumindest als Moderator oder Katalysator zu fungieren." Grütters nimmt auch zum ersten Mal Stellung zum "Weltoffen"-Aufruf, in dem die Intendanten oft gerade vom Bund finanzierter Kulturinstitutionen forderten, auch Israelboykotteure einladen zu dürfen (was ihnen nie verboten war). "Natürlich gab es auch Verbindungslinien zwischen dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus. Wir müssen aber sehr darauf achten, dass die Menschheitsverbrechen der NS-Zeit nicht schleichend relativiert werden. Auch beim Thema Antisemitismus und Israel-Kritik bin ich besorgt. Debatten, wie sie derzeit im Kulturmilieu geführt werden - zum Beispiel die der 'Initiative Weltoffenheit' -, sind Anlass für Verletzungen und Missverständnisse. Gerade in Deutschland müssen wir aufpassen und sensibel sein, dass wir nicht in eine erinnerungskulturelle Schieflage geraten. In der Geschichte sind manche Dinge nicht so eindeutig, wie sie scheinen oder es manche gerne hätten."

Gesellschaft

Colin Goldner hat ein Buch über den letzten Zirkus-Schimpansen geschrieben, "Robby". Er wrd nach wie vor in einem Zirkus in Norddeutschland vorgeführt - auch wenn er nicht mehr in der Manege auftreten muss. Im Gespräch mit Sabine Hufnagl von hpd.de erklärt Goldner sein Anliegen: "Ganz grundlegend geht es um das kategorische Macht-Ohnmacht-Verhältnis zwischen Mensch und Tier, das die Gefangenhaltung und Ausbeutung selbst eines kognitiv so hochentwickelten und dem Menschen so ähnlichen Individuums wie ein Schimpanse es ist, rechtfertigt und erlaubt, solange es nur auf der anderen Seite der Speziesgrenze steht. Bezeichnenderweise endet humanistischer, marxistischer oder sonstwie linker Einsatz für die Geknechteten und Unterdrückten dieser Erde regelmäßig an ebendieser Speziesgrenze."

Der SZ-Journalist Ronen Steinke hat ein Buch über Antisemitismus in der Sprache geschrieben. Darin analysiert er auch den Gebrauch jiddischer Wörter im Deutschen. Im Prinzip bereichert es die Sprache, schreiben Jonas Klüter und Weronika Peneshko in der Jüdischen Allgemeinen, aber manche Wörter seien mit Bedacht zu gebrauchen, etwa das Wort "Mauscheln" oder "Mauschelei": "Dabei ist Mauschel lediglich die jiddische Form des jüdischen Vornamens Moses, wie Steinke betont. Im 17. Jahrhundert habe es sich dann eingebürgert, das Wort für arme Juden zu benutzen. 'Aus Mauschel wurde auch ein Verb, mauscheln, was abfällig gemeint war und bedeutete: reden wie ein Jude', so Steinke. Heutige Journalisten und Journalistinnen wüssten womöglich nicht mal, was sie für ein Wort benutzen würden, wenn sie schrieben, dass es 'Mauschelei bei der Bankenfusion' gegeben habe. 'Aber eigentlich verbietet sich das Wort', betont er."
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Europa

Die EU muss gegenüber den populistischen Regimes in Ungarn, Polen und jetzt auch Slowenien wesentlich deutlicher agieren, fordert der Politologe Jan-Werner Müller in der SZ: "Die Autokraten sind keineswegs marginale Player", durch ihr Gewicht in den europäischen Institutionen beeinflussen sie das Geschehen in ganz Europa: "Wenn die EU immer wieder auf Dialog statt auf Sanktionen setzt, bedeutet das: Man verrät die Ungarn und Polen, die so naiv waren, an das normative Versprechen der EU zu glauben. Die Furcht, entschlossenes Auftreten würde eine nationalistische Gegenreaktion auslösen, ist unbegründet: Europa ist laut Umfragen weiterhin populär in beiden Ländern, weder ein Polexit noch ein Huxit sind realistische Drohungen."

Wofür steht die Kanzlerschaft Angela Merkels, fragt Gustav Seibt in der SZ, der der Vorstellung von Ralph Bollmanns Merkel-Biografie in Anwesenheit Armin Laschets beiwohnte. Frühere Kanzler standen für "Ostpolitik" oder "Agenda 2010", Merkel vor allem für eine Abwehr von Krisen in unerschütterlicher Seelenruhe, und "der Kandidat der CDU ist mit dem kuriosen Umstand konfrontiert, dass auch seine Konkurrenten das 'Erbe' Merkels in Anspruch nehmen, jedenfalls gestisch. Die Frau (Annalena Baerbock) als Frau, und der Mann Olaf Scholz mit Raute und Zwinker-zwinker: Er kann Kanzlerin. Scholz kopiert geradezu Merkels lethargisch-wenigsagenden Sprachstil und kommt damit an. Krisen erzeugen einen erhöhten Bedarf an Sedativen."

Einen ganz ähnlichen Eindruck von Scholz als Angela Merkel 2.0 hat Jeremy Cliffe, der für den New Stateman ein langes und übrigens recht positives Porträt über Scholz schreibt: "Scholz selbst hat sich als der größte Trumpf seiner Partei erwiesen. Der sicherste Beweis dafür ist, dass er sich zu einer Art Merkel-Fortsetzer entwickelt hat. Deutschlands scheidende Kanzlerin ist nach wie vor die beliebteste Politikerin des Landes; ihre ruhige Solidität spricht grundsätzlich ein relativ bequemes Land an, das seit langem Stabilität schätzt. Dieser Stil liegt Scholz, dem trockenen, sanftmütigen und zurückhaltenden Hamburger, im Blut. Aber er hat ihn in den letzten Jahren auch ganz bewusst kultiviert. Nach einem Interview mit ihm für den Economist im Jahr 2018 schrieb ich: 'Herr Scholz scheint sich als beruhigender Vater der Nation zu stilisieren.'"
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Politik

Die orwellianische Gleichschaltung der real existierenden Dystopie namens Volksrepublik China schreitet unaufhaltsam voran. Vor drei Tagen meldeten die Medien, dass China Online-Spiele für Kinder fast völlig verbietet (unser Resümee). Dann folgte die Meldung, dass Grundschüler fortan ein neues Fach pauken müssen: Xi-Jinping-Kunde. Der ARD-Korrespondent Steffen Wurzel berichtet bei tagesschau.de über den Erlass des chinesischen Erziehungsministeriums: "Schülerinnen und Schüler in Xi-Jinping-Kunde zu unterrichten, sei von großer Bedeutung, um junge Menschen darin anzuleiten, auf die Kommunistische Partei zu hören und ihr zu folgen."

Und nun folgt die dpa-Meldung, etwa hier bei Spiegel online, dass in China Talentshows und feminine Männer verboten werden. "Die staatliche Fernseh- und Radioverwaltung (NRTA) in Peking hat TV-Anbieter am Donnerstag aufgefordert, keine männlichen Darsteller 'mit einem weiblichen Stil und andere abnormale Ästhetik' zu zeigen. Die Anweisung wendet sich offenbar gegen einen Trend zu einem eher weiblichen oder androgynen Aussehen von Sängern oder Schauspielern, der von Südkorea und Japan nach China überschwappt."
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Ideen

Die liberale Demokratie ist von mehreren Seiten bedroht. In Amerika "wo der Supreme Court in diese Woche entschied, ein drakonisches und bizarres Abtreibungsgesetz nicht zu annullieren" (unser Resümee), in erster Linie von rechts. Und doch gerade in Amerika auch von links, durch die "illiberale Linke", der der Economist ein Dossier widmet. Im Editorial (kostenlos nach Registrierung) heißt es: "Milton Friedman hat einmal gesagt, dass 'eine Gesellschaft, die Gleichheit vor Freiheit stellt, am Ende keine von beide hat'. Er hatte Recht. Illiberale Progressive glauben, sie hätten ein Konzept für die Befreiung unterdrückter Gruppen. In Wirklichkeit ist es eine Formel für die Unterdrückung des Einzelnen - und darin unterscheidet sie sich nicht so sehr von den Plänen der populistischen Rechten. Auf ihre je eigene Art und Weise stellen beide Extreme die Macht vor den Prozess, den Zweck vor die Mittel und die Interessen der Gruppe vor die Freiheit des Einzelnen."
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