9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2022 - Internet

Twitter ist einfach zu bedienen, aber natürlich ist es im Hintergrund sehr komplex. Darum sind die "site reliability engineers" so wichtig, die so eine Plattform zuverlässig am Laufen halten, schreibt Chris Stokel-Walker in einem viel retweeteten Artikel der MIT Technology Review, für den er mit dem Experten Ben Krueger gesprochen hat. Elon Musk hat bekanntlich die Hälfte der Twitter-Belegschaft gefeuert. "Die verbleibenden Twitter-Ingenieure waren in den letzten Tagen weitgehend damit beschäftigt, die Website stabil zu halten... Während das Unternehmen versucht, zu einem gewissen Grad an Normalität zurückzukehren, geht ein Großteil der Zeit dabei verloren, Musks (oft anstrengenden) Launen in Bezug auf neue Produkte und Funktionen nachzukommen, anstatt das Bestehende am Laufen zu halten. Dies ist laut Krueger besonders problematisch für eine Website wie Twitter, bei der es zu unvorhergesehenen Spitzen in Bezug auf Nutzerzahlen und Interesse kommen kann."
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon, Normalität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2022 - Internet

In der SZ ist Julia Jäkel - ehemals Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr und Vorsitzende der Bertelsmann Content Alliance, heute in in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem von Holtzbrinck, - entsetzt über das erratische Verhalten von Elon Musk bei Twitter. Der soll beispielsweise nach dem Anschlag auf den Ehemann Nancy Pelosis auf eine Verschwörungswebseite mit Fake News verlinkt haben. Um das zu ändern, wünscht sich Jäkel von Werbung schaltenden Firmen eine stärkere "Corporate Media Responsibility", die mit Anzeigenboykott droht: "Der Werbeumsatz von Twitter ist in den letzten Tagen massiv eingebrochen. Ob Musk, dieser herausragende Erfinder von Autos und Raketen, darüber hinaus ein ökonomisch erfolgreicher Medienmogul mit abseitigen politischen Meinungen wird - darüber können viele mitentscheiden. Die Gesetzgeber, die Unternehmensverantwortlichen. Und: die Nutzer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2022 - Internet

Während Elon Musk Tausende Twitter-Angestellte feuert und die Werbetreibenden die Plattform in Scharen verlassen, meldet das Wall Street Journal (ausnahmsweise mal online), dass Mark Zuckerberg in seinem Meta-Konzern aus Facebook und Instagram ebenfalls große Entlassungen plant: "Es wird erwartet, dass die Entlassungen mehrere Tausend Mitarbeiter betreffen werden, und eine Ankündigung soll bereits am Mittwoch erfolgen, heißt es. Meta hatte Ende September mehr als 87.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat seine Mitarbeiter bereits aufgefordert, nicht unbedingt notwendige Reisen ab dieser Woche zu stornieren, hieß es." Über Twitter wird inzwischen etwa von Bloomberg gemeldet, dass Musk einige ehemalige Angestellte schon wieder bekniet zurückzukommen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2022 - Internet

Viele Menschen erklären zur Zeit, dass sie Twitter verlassen, weil Elon Musk nun dort regiert. Aber eigentlich war es schon vor Musk ein Fehler, Twitter allzu ernst zu nehmen, meint Jonathan Kay bei Quillette: "Am freudlosesten und wütendsten wirken immer die Hohepriester, die sich auf Twitter als Hüter heiliger Wahrheiten präsentieren und von ihren Anhängern erwarten, dass sie die Rolle gehorsamer Gemeindemitglieder übernehmen. Da auf Twitter nichts heilig ist, ziehen ihre Predigten vorhersehbar Spott und Kritik auf sich. Dieser Spott und diese Kritik werden wiederum zum Hauptthema des Priesters und setzen damit weitere Zyklen der Lobhudelei, des Spottes und des Selbstmitleids in Gang. Kein Wunder, dass sie immer so 'erschöpft' sind."

In Atlantic erklärt David Frum, dass er Twitter verlässt. Sein Anlass war, dass Musk einen verschwörungstheoretischen Tweet über den Hammeranschalg auf Paul Pelosi retweetet hatte. Und doch liest sich Frums Artikel auch als Hommage auf Twitter: "Twitter bietet eine Fülle von Informationen, aber auch Schnelligkeit. Auf diese Weise erhalte ich Zugang zu allem, von technischen Diskussionen über Inflation bis hin zu Streitigkeiten darüber, wie Geschichte geschrieben werden sollte. Und hier finde ich Experten und erfahre, wer sich mit wem über was streitet. Ich habe Twitter auch als eine Art Notizbuch benutzt: ein Ort, an dem ich Ideen ausprobiere oder manchmal Witze erzähle. Die erzwungene Kürze von Twitter kann eine gute Disziplin für einen Schriftsteller sein. Und, als eine der zweideutigeren Gaben, bietet Twitter eine virtuelle Gemeinschaft: oft boshaft, aber auch überraschend offen und egalitär. Ich habe an einem einzigen Tag auf Twitter mehr originelle Ideen von Leuten gehört, die ich vorher nicht kannte, als in manchem Monat auf Washingtoner Konferenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2022 - Internet

Elon Musk hat bekanntlich Twitter übernommen und nicht nur einige ziemlich problematische Tweets abgesetzt (etwa eine Verschwörungstheorie zum Hammeranschlag auf den Ehemann von Nancy Pelosi), sondern baut den Laden auch um - mit unabsehbaren Konsequenzen. Die Tugendfraktion bei Twitter wandert darum inzwischen zum alternativen Netzwerk Mastodon ab und behauptet, sich in diesem Szenecafé (das hoffentlich noch entwickelt) wohl zu fühlen. Federica Matteoni erklärt in der Berliner Zeitung, warum sie vorerst bei Twitter bleibt: "Soziale Medien waren nie ein von Widersprüchen befreiter 'Safe Space'. Nichts gegen den Wunsch, unter sich zu bleiben. Aber das ist das Gegenteil von freier Debattenkultur, eher der narzisstische Wunsch nach Bestätigung, zu den 'Guten' zu gehören. Und das ist - neben Hetze und Fake News - einer der negativen Entwicklungen der vergangenen Jahren im Social Web."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2022 - Internet

Elon Musk hat Twitter jetzt übernommen, berichtet Spiegel online mit Reuters. Die Sache scheint recht staatsstreichartig abgelaufen zu sein: "In einem ersten Schritt setzte Musk unter anderem laut Washington Post die bisherige Führungsriege vor die Tür. Demnach verloren Chief Executive Parag Agrawal, Chief Financial Officer Ned Segal und Rechtsabteilungsleiter Vijaya Gadde ihre Jobs. Agrawal und Segal waren laut den Meldungen anwesend und wurden nach ihrer Entlassung aus dem Gebäude geführt." Mehr im Guardian.

Musk wendet sich mit einer Erklärung auf Twttter seltsamerweise nicht ans Publikum, sondern an die Werbetreibenden: "Ich habe Twitter erworben, weil es für die Zukunft der Zivilisation wichtig ist, einen gemeinsamen digitalen Marktplatz zu haben, auf dem ein breites Meinungsspektrum in einer gesunden Art und Weise diskutiert werden kann, ohne gewalttätig zu werden. Es besteht zur Zeit die große Gefahr, dass soziale Medien in rechts- und linksextreme Echokammern aufgespalten werden, die mehr Hass erzeugen und unsere Gesellschaft spalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2022 - Internet

In der SZ kann Michael Moorstedt dem neuen digitalen Büroleben im Metaverse von Mark Zuckerberg, das jetzt auch Office-Programme nutzbar macht, nur wenig abgewinnen: "Man blickt dann also durch die VR-Brille, die nichts anderes ist als zwei direkt vor die Augen montierte Displays, in einen künstlichen Raum, in dem man wiederum auf einen Bildschirm starrt. Viel mehr Entfremdung ist kaum vorstellbar. Noch dazu hat man statt fantastischer Landschaften doch nur wieder ein schnödes Büro vor Augen. Doch nicht genug der Dystopie: Im Inneren der Brille sind fünf Kameras auf das Gesicht des Nutzers gerichtet, um Augenbewegungen und Gesichtszüge auf den Avatar zu übertragen. Bei der Meta-Unternehmensgeschichte ist kaum vorstellbar, dass die so ausgelesenen Daten nicht irgendwann auch vermarktet werden."

Der amerikanische Investor Matthew Ball behauptet dagegen im Interview mit Zeit online, das Metaverse werde ganz anders sein: Er definiert es "als skalierendes und interoperables Netzwerk von in Echtzeit berechneten, virtuellen, dreidimensionalen Welten. Eine praktisch unbegrenzte Zahl von Nutzerinnen und Nutzern kann diese Welten gleichzeitig und dauerhaft erleben. Sie haben dabei ein Gefühl von physischer Präsenz und es findet ein ständiger Datenaustausch statt, beispielsweise hinsichtlich Identität, Geschichte, Gütern, Kommunikation und Zahlungen. Einfacher gesagt: Es handelt sich um ein synchrones, dreidimensionales Echtzeitinternet." Vorher müsste man allerdings die Tech-Giganten regulieren, denn "eine Entflechtung von Diensten würde der Innovation einen Schub geben".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Internet

Russlands Präsident Wladimir Putin hat dem ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden am 26. September 2022 die russische Staatsbürgerschaft verliehen, meldet unter anderem golem.de mit Reuters. "Spekulationen, wonach der 39-Jährige nun in die russische Armee eingezogen werden könne, wies dessen Anwalt Anatoli Kutscherena zurück. Snowden könne nicht rekrutiert werden, weil er bislang noch nicht in der russischen Armee gedient habe, sagte Kutscherena laut Medienberichten der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2022 - Internet

Christian Geyer verteidigt in der FAZ Twitter gegen seine Kritiker: Ausgerechnet Richard David Precht, der nicht bei Twitter ist, hat gesagt: "Der Begriff Twitter und substanzielle Debatte sind zwei Begriffe, die für mich nicht zusammenpassen." Geyer dazu: "Auf Twitter muss sich Precht dann freilich gefallen lassen, als jemand verhöhnt zu werden, der selbst keine substanzielle Debatte zustande bringe. Hat er etwa keinen substanziellen Begriff von Substanz? In einem Tweet heißt es: 'Etwas ironisch, aber Richard David Precht ist wohl das beste Beispiel dafür, dass 'traditionelle Medien' oder gar das Verfassen von Büchern nicht automatisch zu einer 'substanziellen Debatte' führen.' Hier wird die Stärke von Twitter fassbar: die pointierte Replik, das Luftrauslassen aus hochtrabender Rhetorik, die sprungbereite Geistesgegenwart."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2022 - Internet

Sam Biddle hat für Intercept das Transkript der Kongressanhörung von Facebook zum Cambridge- Analytica-Skandal  gelesen und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Es ging vor allem um die Frage: "Welche Informationen über uns speichert Facebook genau, und wo befinden sie sich? Die Antwort der Ingenieure wird für diejenigen, die sich um die Verwaltung von Milliarden digitalisierter Leben durch das Unternehmen Sorgen machen, wenig erfreulich sein: Sie wissen es nicht." Facebook "hat so viele Daten über so viele Milliarden Menschen angehäuft und sie so verwirrend organisiert, dass vollständige Transparenz auf technischer Ebene unmöglich ist. In der Anhörung im März 2022 beschrieben die Software-Ingenieure Eugene Zarashaw und Steven Elia Facebook als einen Datenverarbeitungsapparat, der so komplex ist, dass er sich dem Verständnis von innen heraus entzieht. Die Anhörung lief darauf hinaus, dass zwei hochrangige Ingenieure eines der mächtigsten und ressourcenstärksten Ingenieurbüros der Geschichte ihr Produkt als unverständliche Maschine beschrieben. ... Die Bemerkungen in der Anhörung spiegeln diejenigen wider, die in einem internen Dokument zu finden sind, das Motherboard Anfang des Jahres zugespielt wurde... 'Wir haben kein angemessenes Maß an Kontrolle und Erklärbarkeit darüber, wie unsere Systeme Daten verwenden, und können daher keine kontrollierten Richtlinienänderungen oder externe Zusagen wie 'wir werden X Daten nicht für Y Zwecke verwenden' machen', heißt es in dem Dokument von 2021. Das grundlegende Problem, so die Ingenieure in der Anhörung, ist, dass Facebooks Ausdehnung es unmöglich gemacht hat, zu wissen, woraus es besteht; das Unternehmen hat sich nie die Mühe gemacht, institutionelles Wissen darüber zu kultivieren, wie jedes dieser Komponentensysteme funktioniert, was sie tun oder wer sie benutzt."

"Befreit das Internet", ruft Sarah Leonard in The New Republic nach Lektüre von "Internet for the People", einem Buch des Tech-Journalisten Ben Tarnoff. "Es wird heute viel darüber diskutiert, auch im Kongress, warum Teile des Internets so giftig sind und was man dagegen tun kann - bessere Moderation von Inhalten? Aktualisierte Monopolgesetze? - aber es scheint, dass niemand das eigentliche Problem benennen will: Die Kommerzialisierung des Web. ... Tarnoff sagt unverblümt, warum die Dinge so schlecht sind: 'Das Internet', so schlägt er vor, 'ist kaputt, weil das Internet ein Geschäft ist'. Was, wenn es das nicht wäre?"

Das Bundeskartellamt hat eine 232-seitige "Sektoruntersuchung" für den Bereich Online-Werbung vorgelegt. Das ist schön, nützt aber im Grunde wenig gegen die Übermacht der Internetgiganten, meint Digital-Experte Martin Andree in der Welt. Denn am Kernproblem kann nur der Gesetzgeber etwas ändern: "Vereinfacht gesagt, können die Behörden in Deutschland und in der EU nur gegen zukünftige Zusammenschlüsse vorgehen. Dagegen können sie natürlich entstandene Vormachtstellungen wie etwa das Quasi-Monopol der Google Suchmaschine nicht angreifen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch unser deutsches Medienrecht zwar antimonopolistisch ist, es hier aber nur Konzentrationsbeschränkungen für redaktionelle Medien gibt, wie etwa für Presse oder Rundfunk. Angesichts der wuchernden digitalen Monopole ist es absurd: Bis heute existieren weder etablierte wissenschaftliche Methoden zur Messung von Marktmacht bei digitalen Medien, noch gibt es eine zuständige Behörde ähnlich der Bundesnetzagentur oder der KEK."