9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2022 - Internet

Elon Musk und Mark Zuckerberg erträumen sich die sozialen Medien als Dorfplatz. Das suggeriert friedliches Beisammensitzen und Plauschen auf einer Parkbank, aber der Dorf- oder Marktplatz war so idyllisch nie, meint Joshua Beer in der SZ. "Forschende an der Medizinischen Universität in Wien - Abteilung: Wissenschaft komplexer Systeme - legten 2020 in einer Studie dar, wie Menschen sich übervernetzen. In sozial ausbalancierten Gesellschaften stärke Konnektivität den Zusammenhalt nur bis zu einem kritischen Schwellenwert, darüber hinaus 'zerfällt Gesellschaft in Gruppen von Individuen, die untereinander positive Verbindungen und zwischen den Gruppen negative haben'. Ein Weg aus der Fragmentierung sei es, 'die Anzahl der Interaktionspartner zu reduzieren (social distancing)'." Das ginge über die Twitter-Alternative Mastodon, so Beer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2022 - Internet

Da Elon Musk Twtter zu zerstören droht, muss sich die Öffentlichkeit nach Alternativen umsehen. Johannes Drosdowski fragt in der taz, ob mit der Open-Source-Idee eine ähnlich lebendige Szenerie entstehen kann und erklärt den Dienst Mastodon, zu dem viele Twitter-Nutzer abgewandert sind, und das "Fediverse", in dem sich Mastodon mit anderen alternativen Diensten verbindet. Noch klingt, was er über Mastodon erzählt, ein wenig trocken aktivistenhaft: "Die Server dieses Dienstes werden von vielen Einzelpersonen und Gruppen betrieben und betreut. Sie werden Instanzen genannt und wer sich auf Mastdon rumtreiben will, muss sich bei der Registrierung für eine Instanz entscheiden. Manche dieser Instanzen haben ein bestimmtes Interessengebiet, das die Teilnehmenden teilen, sind regional oder bieten Schutzräume etwa für LGBT*QI. Die Instanzen sichern auch, dass die Last des Dienstes auf vielen verschiedenen Schultern ruht."

In der New York Times schreibt Yoel Roth, ehemals Chef von "Trust and Safety" bei Twitter, der nach der Übernahme durch Elon Musk gekündigt hat. Noch hält das alte System der Sicherungen, wenn auch notdürftig: "Die Werbetreibenden haben bisher die stärkste Rolle dabei gespielt, die Ambitionen von Herrn Musk in Bezug auf die Meinungsfreiheit zu bremsen. Solange 90 Prozent der Einnahmen des Unternehmens aus Anzeigen stammen (wie es der Fall war, als Musk das Unternehmen kaufte), hat Twitter kaum eine andere Wahl, als so zu agieren, dass die Einnahmequellen, die das Unternehmen am Leben erhalten, nicht gefährdet werden. Dies hat sich bereits jetzt als Herausforderung erwiesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2022 - Internet

Man fragt sich ja fast, ob Elon Musk von Putin geschickt wurde, um Twitter zu zerstören - oder von den Mullahs, denn Twitter ist für die iranische Protestbewegung sehr wichtig. Alex Heath and Mia Sato informieren bei The Verge über den deprimierenden neuen Stand: Musk stellte dem Rest des Personals per Google Vote ein Ultimatum: Entweder sie machen bei "Twitter 2.0" mit, oder sie gehen. "Twitter hatte vor dem Stichtag am Donnerstag noch etwa 2.900 Mitarbeiter, da Musk bei seinem Amtsantritt kurzerhand etwa die Hälfte der 7.500 Mitarbeiter entließ und spontane Kündigungen folgten. Verbleibende und ausscheidende Twitter-Mitarbeiter sagten gegenüber The Verge, dass sie angesichts des Ausmaßes der Entlassungen in dieser Woche davon ausgehen, dass die Plattform bald zusammenbrechen wird. Einer sagte, dass sie 'legendäre Ingenieure' und andere, zu denen sie aufblicken, einen nach dem anderen haben gehen sehen."

Hannah Murphys Artikel in der Financial Times lässt ebenfalls nur den Schluss zu, dass hier ein Terminator am Werk ist: "Musk warnte vergangene Woche auch die Mitarbeiter, dass ein Konkurs nicht ausgeschlossen sei. 'Wie macht man ein kleines Vermögen in den sozialen Medien? Fang mit einem großen an', twitterte Musk, als die Kündigungen eintrudelten. In der Zwischenzeit wird Musk von Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt verstärkt unter die Lupe genommen." Mehr zum Thema bei Reuters.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Internet

Der Soziologe Armin Nassehi macht es mal anders als alle anderen und schimpft in der Zeit nicht einfach über die sozialen Medien, sondern denkt über sie nach. Besonders interessiert ihn natürlich vor dem aktuellem Hintergrund, wie Twitter funktioniert, das Elon Musk zu demontieren droht. Nassehi bleibt trotzdem: "Twitter dürfte die Plattform sein, in der die Logik der sozialen Medien am deutlichsten sichtbar wird: Es sieht in der Kommunikation so aus, als setze man etwas in die Welt und bekomme darauf Antwort. Oder man antwortet selbst, und es sieht aus wie ein Zwiegespräch. Aber es sieht nur so aus, denn jegliche Form der Kommunikation auf Twitter lebt davon, dass es stets einen dritten Adressaten gibt, die Beobachterposition: Man sieht den anderen beim Zusehen zu. Man beobachtet Beobachtungen." Und übrigens: "Auf Twitter stoße ich auf Dinge, die ich nicht gesucht habe. Ich hätte sie aber gesucht, hätte ich gewusst, dass es sie gibt. Das ist eins der produktivsten Urteile, die man über ein Ärgernis formulieren kann." Genauso hat man früher über Zeitungen geredet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2022 - Internet

Elon Musk scheint Twitter - trotz allem die wichtigste Plattform der internationalen Öffentlichkeit - systematisch zugrunde richten zu wollen. Die Washington Post (nicht online) und  Alex Heath in The Verge berichten heute, dass die Top-Datenschutz- und Sicherheitsingenieure Twitter verlassen haben. Heath zitiert aus einer Slack-Botschaft eines Firmen-Justiziars: "Elon hat gezeigt, dass seine einzige Priorität bei den Twitter-Nutzern darin besteht, sie zu monetarisieren. Ich glaube nicht, dass er sich um die Menschenrechtsaktivisten, die Dissidenten, unsere Nutzer in nicht monetarisierbaren Regionen und all die anderen Nutzer kümmert, die Twitter zu dem globalen Marktplatz gemacht haben, den Sie alle so lange aufgebaut haben und den wir alle lieben." Twitter hat zugleich Ärger mit der Federal Trade Commission (FTC), berichtet Heath. Musk scheint sich nicht an einen Vergleich zu Datenschutzfragen halten zu wollen und riskiert Klagen in Höhe von Milliarden von Dollar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2022 - Internet

Twitter ist einfach zu bedienen, aber natürlich ist es im Hintergrund sehr komplex. Darum sind die "site reliability engineers" so wichtig, die so eine Plattform zuverlässig am Laufen halten, schreibt Chris Stokel-Walker in einem viel retweeteten Artikel der MIT Technology Review, für den er mit dem Experten Ben Krueger gesprochen hat. Elon Musk hat bekanntlich die Hälfte der Twitter-Belegschaft gefeuert. "Die verbleibenden Twitter-Ingenieure waren in den letzten Tagen weitgehend damit beschäftigt, die Website stabil zu halten... Während das Unternehmen versucht, zu einem gewissen Grad an Normalität zurückzukehren, geht ein Großteil der Zeit dabei verloren, Musks (oft anstrengenden) Launen in Bezug auf neue Produkte und Funktionen nachzukommen, anstatt das Bestehende am Laufen zu halten. Dies ist laut Krueger besonders problematisch für eine Website wie Twitter, bei der es zu unvorhergesehenen Spitzen in Bezug auf Nutzerzahlen und Interesse kommen kann."
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon, Normalität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2022 - Internet

In der SZ ist Julia Jäkel - ehemals Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr und Vorsitzende der Bertelsmann Content Alliance, heute in in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem von Holtzbrinck, - entsetzt über das erratische Verhalten von Elon Musk bei Twitter. Der soll beispielsweise nach dem Anschlag auf den Ehemann Nancy Pelosis auf eine Verschwörungswebseite mit Fake News verlinkt haben. Um das zu ändern, wünscht sich Jäkel von Werbung schaltenden Firmen eine stärkere "Corporate Media Responsibility", die mit Anzeigenboykott droht: "Der Werbeumsatz von Twitter ist in den letzten Tagen massiv eingebrochen. Ob Musk, dieser herausragende Erfinder von Autos und Raketen, darüber hinaus ein ökonomisch erfolgreicher Medienmogul mit abseitigen politischen Meinungen wird - darüber können viele mitentscheiden. Die Gesetzgeber, die Unternehmensverantwortlichen. Und: die Nutzer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2022 - Internet

Während Elon Musk Tausende Twitter-Angestellte feuert und die Werbetreibenden die Plattform in Scharen verlassen, meldet das Wall Street Journal (ausnahmsweise mal online), dass Mark Zuckerberg in seinem Meta-Konzern aus Facebook und Instagram ebenfalls große Entlassungen plant: "Es wird erwartet, dass die Entlassungen mehrere Tausend Mitarbeiter betreffen werden, und eine Ankündigung soll bereits am Mittwoch erfolgen, heißt es. Meta hatte Ende September mehr als 87.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat seine Mitarbeiter bereits aufgefordert, nicht unbedingt notwendige Reisen ab dieser Woche zu stornieren, hieß es." Über Twitter wird inzwischen etwa von Bloomberg gemeldet, dass Musk einige ehemalige Angestellte schon wieder bekniet zurückzukommen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2022 - Internet

Viele Menschen erklären zur Zeit, dass sie Twitter verlassen, weil Elon Musk nun dort regiert. Aber eigentlich war es schon vor Musk ein Fehler, Twitter allzu ernst zu nehmen, meint Jonathan Kay bei Quillette: "Am freudlosesten und wütendsten wirken immer die Hohepriester, die sich auf Twitter als Hüter heiliger Wahrheiten präsentieren und von ihren Anhängern erwarten, dass sie die Rolle gehorsamer Gemeindemitglieder übernehmen. Da auf Twitter nichts heilig ist, ziehen ihre Predigten vorhersehbar Spott und Kritik auf sich. Dieser Spott und diese Kritik werden wiederum zum Hauptthema des Priesters und setzen damit weitere Zyklen der Lobhudelei, des Spottes und des Selbstmitleids in Gang. Kein Wunder, dass sie immer so 'erschöpft' sind."

In Atlantic erklärt David Frum, dass er Twitter verlässt. Sein Anlass war, dass Musk einen verschwörungstheoretischen Tweet über den Hammeranschalg auf Paul Pelosi retweetet hatte. Und doch liest sich Frums Artikel auch als Hommage auf Twitter: "Twitter bietet eine Fülle von Informationen, aber auch Schnelligkeit. Auf diese Weise erhalte ich Zugang zu allem, von technischen Diskussionen über Inflation bis hin zu Streitigkeiten darüber, wie Geschichte geschrieben werden sollte. Und hier finde ich Experten und erfahre, wer sich mit wem über was streitet. Ich habe Twitter auch als eine Art Notizbuch benutzt: ein Ort, an dem ich Ideen ausprobiere oder manchmal Witze erzähle. Die erzwungene Kürze von Twitter kann eine gute Disziplin für einen Schriftsteller sein. Und, als eine der zweideutigeren Gaben, bietet Twitter eine virtuelle Gemeinschaft: oft boshaft, aber auch überraschend offen und egalitär. Ich habe an einem einzigen Tag auf Twitter mehr originelle Ideen von Leuten gehört, die ich vorher nicht kannte, als in manchem Monat auf Washingtoner Konferenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2022 - Internet

Elon Musk hat bekanntlich Twitter übernommen und nicht nur einige ziemlich problematische Tweets abgesetzt (etwa eine Verschwörungstheorie zum Hammeranschlag auf den Ehemann von Nancy Pelosi), sondern baut den Laden auch um - mit unabsehbaren Konsequenzen. Die Tugendfraktion bei Twitter wandert darum inzwischen zum alternativen Netzwerk Mastodon ab und behauptet, sich in diesem Szenecafé (das hoffentlich noch entwickelt) wohl zu fühlen. Federica Matteoni erklärt in der Berliner Zeitung, warum sie vorerst bei Twitter bleibt: "Soziale Medien waren nie ein von Widersprüchen befreiter 'Safe Space'. Nichts gegen den Wunsch, unter sich zu bleiben. Aber das ist das Gegenteil von freier Debattenkultur, eher der narzisstische Wunsch nach Bestätigung, zu den 'Guten' zu gehören. Und das ist - neben Hetze und Fake News - einer der negativen Entwicklungen der vergangenen Jahren im Social Web."