Bestellen Sie bei eichendorff21!Das Thema ist nicht neu, aber eine Studie der Historikerin Anne Sudrow hat eine Menge neuer Aspekte zutage gefördert, berichtet Andreas Speit in der taz: Die Anthroposophie und besonders auch deren prominente Firma Weleda standen den Nazis um einiges näher als sie selber je zugaben: "In ihrer Studie mit über 800 Seiten erhärtet Sudrow zudem die Kritik an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Im Sommer 1933 beschlossen biodynamische Verbände die Eingliederung in den NS-Staat. Erhard Bartsch, ein prominenter Anthroposoph, gründete den 'Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Landwirtschaft und Gartenbau', der das 'Führerprinzip' einführte und jüdische Menschen ausschloss. In einer Rede würdigte Bartsch, der in Brandenburg 1928 einen bis heute bestehenden Demeterhof gründete, Adolf Hitler: 'Deutscher Geist und deutsches Schwert werden dem kulturschaffenden Bauern die Zukunft sichern. Heil dem Führer.'" Übrigens gab es in der taz schon 1983 die "taz-Weleda-Kontroverse", merkt Speit an: Der Historiker und ehemalige tazler Götz Aly hatte KZ-Versuche der Firma nachgewiesen. Auch der Spiegelberichtete letzte Woche über Sudrows Studie.
Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz wird vielfach mit der Industriellen Revolution verglichen. Aber auch die verlief nicht ohne Schattenseiten, erinnert Alexander Wulfers auf der "Digitalwirtschaft"-Seite der FAZ. Er unternimmt einen historischen Ausflug um zu ermessen, welches die Kosten der KI-Revolution sein werden. Die Industrielle Revolution brachte den Arbeitern zunächst Arbeitslosigkeit und Elend - und sie führte zu den ersten Aufständen gegen "Big Tech", den Weberaufständen. "In Nottingham taten sich ab dem Jahr 1811 Textilarbeiter zusammen, um gegen die Automatisierung ihres Gewerbes gewaltsam zu protestieren. Die Aufrührer, die sich nach ihrem fiktiven Anführer Ned Ludd als Ludditen bezeichneten, zogen sich schwarze Masken über, marschierten zur nahegelegenen Textilfabrik und zerschlugen 60 Spinnrahmen. Weitere Attacken folgten in den nächsten Tagen. Nacht für Nacht fielen weitere Fabriken den Ludditen zum Opfer. Innerhalb weniger Monate verbreitete sich die Bewegung im ganzen Land. Zwei Jahre nach ihrem Beginn, im Jahr 1813, schlug die Regierung den Aufstand gewaltsam nieder."
Weiteres: In der NZZzeichnet der Historiker Ronald D. Gerste die Geschichte der politischen Attentate in den USA nach.
In der NZZgibt der Sozialwissenschaftler Matthias Messner Chinas Staatspräsident Xi Jinping, der bei der Militärparade auf dem Tiananmen-Platz vor einigen Tagen vom "80. Jahrestag des Sieges des chinesischen Volkes im Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression und im weltweiten antifaschistischen Krieg" sprach, Nachhilfe in Geschichte: "Acht Jahre lang hatte China gegen das Kaiserreich Japan gekämpft. Allein hätte China gegen die industrielle, technologische und militärische Übermacht Japans kaum gewinnen können. Schließlich war es die japanische Kapitulation im Gefolge der amerikanischen Atombombenabwürfe, die diesen grausamen Krieg beendete. Andererseits waren es gerade die Japaner mit ihrem Angriffskrieg gewesen, die in China ein Vakuum geschaffen hatten, in das die Kommunisten eindrangen, als Chiang Kai-shek die Kräfte ausgingen. Der amerikanische Historiker und Diplomat George Kennan schrieb 1962: 'Es ist kaum anzunehmen, dass Mao Zedong ohne den Zweiten Weltkrieg erfolgreich gewesen wäre.' Die von den Potentaten Xi Jinping, Wladimir Putin und Kim Jong Un am diesjährigen 80. Gedenktag zelebrierte Solidarität im Zeichen des 'antifaschistischen' Sieges im Zweiten Weltkrieg ist blanker Zynismus."
In der Zeit warnt der Historiker Andreas Eckert vor einem Backlash für die Aufarbeitung des Kolonialismus. Vielleicht haben es die Kolonialismusforscher in den letzten Jahren ein bisschen übertrieben mit "überbordender Moralität" und auch die "fast zwanghafte" Konkurrenz mit dem Holocaust fand Eckert nicht hilfreich, aber das sei kein Grund, "kolonialkritische Positionen insgesamt zu desavouieren", meint er mit Blick auf Mathias Brodkorbs Buch "Postkoloniale Mythen": "Ein Rat des 2002 verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu könnte helfen: Man müsse sich bemühen zu verstehen, 'woran es gelegen hat, dass auch die Klarsichtigsten und Wohlmeinendsten [...] manches nicht verstehen konnten, was heute auch für die weniger Klarsichtigen und bisweilen sogar für die Böswilligsten evident ist'. Dieser Frage nachzugehen, würde vor manch überzogenem Urteil schützen - etwa im Streit über den Rassismus der Aufklärung. Häufiger zu beobachten ist gegenwärtig eine andere Tendenz: der Versuch, ein vermeintlich differenziertes Bild zu zeichnen durch eine Art historische Bilanzierung, die den 'schlechten Seiten' des Kolonialismus 'gute Seiten' entgegensetzt und darauf verweist, dass die Kolonisierten zum Teil auch selbst schlimme Finger gewesen seien."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Konrad Adenauers Besuch in Moskau, im Jahr 1955, bei dem er die Entlassung der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen erwirkte, galt als "diplomatisches Meisterstück", erinnert im SZ-Interview der HistorikerNorbert Frei, dessen neue Adenauer-Biografie im Oktober erscheint. Allzu "gedankenlos" wurde dieses Ereignis bejubelt, so Frei: "Weil sich herausstellte, dass es sich bei den Entlassenen keineswegs nur um gewöhnliche Kriegsgefangene handelte, die in der Sowjetunion zur Zwangsarbeit herangezogen worden waren. Vielmehr befanden sich darunter auch Leute wie der SS-Gruppenführer Bruno Streckenbach oder der Auschwitz-Arzt Carl Clauberg, die Kriegs- und NS-Verbrechen begangen hatten und deshalb nicht grundlos verurteilt worden waren. Unter den ersten, die am innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen ankamen, waren gut zwei Dutzend Generäle, einer davon sowie sieben einfache Soldaten hatten ihr Zuhause in der DDR und blieben dort. Übrigens hatte Moskau die Rückführungsaktion noch vor dem Adenauer-Besuch mit Ost-Berlin erörtert."
Der freie, in Havanna lebende Journalist Oscar Alba liefert in der NZZ eine umfassende, düstere Tour d'Horizon über den katastrophalen Niedergang Kubas - verantwortlich sind für ihn allein Fidel Castro und die Seinen. Die Bevölkerung des Landes sei heute ein Altersheim, innerhalb weniger Jahre ist sie von 11 auf 9 Millionen Einwohner gesunken. Am interessantesten ist aber fast sein wehmütiger Rückblick auf die Zeit vor Castro (und Batistas Militärdiktatur): Damals herrschte in Kuba Demokratie, wenn auch eine unvollkommene, so Alba: "fünfzig bewegte Jahre. Der Aufbau einer Nation. Amerika wachte wie ein großer, strenger Bruder über die kleine Insel, kaufte Zucker, Rum und Zigarren zu Vorzugspreisen und lieferte Fortschritt: Eisenbahnen, Telefonie, Autos, Fernsehen, Kühlschränke. Moderne Ware aus den USA hatte Kuba stets zuerst, bevor sie in andere Länder exportiert wurde. Eine vielschichtige Zivilgesellschaft wuchs heran: Parteien, Gewerkschaften, Unternehmer, Intellektuelle, eine freie Presse. Das Volk wählte in diesen fünfzig Jahren ein Dutzend Präsidenten unterschiedlicher politischer Couleur, anständige und korrupte. 1940 setzte das Land einen Meilenstein. Es gab sich eine neue Verfassung, die zu den fortschrittlichsten der Welt gehörte, mit zivilen, politischen und wirtschaftlichen Rechten, wie sie erst wenige Länder kannten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gespräche mit 68ern sind selten geworden. Heute arbeitet man sich an den Boomern ab, die aber keine so schönen Veteranengeschichten erzählen können. Der Verleger und ehemalige Frankfurter SDS-Vorsitzende KD Wolff hat seine Memoiren vorgelegt. In einem nicht allzu tiefschürfenden Gespräch mit Sebastian Moll von der tazerzählt er unter anderem, warum er gegen die Radikalisierung in den K-Gruppen gefeit war: "In Amerika habe ich als Austauschschüler die Bürgerrechtsbewegung kennengelernt. Der gewaltfreie Widerstand, die Freedom Riders, Martin Luther King, das war viel eindrucksvoller als die ganzen Radikal-Rhetoriker."
In der FRerinnert der Autor Fred Breinersdorfer an das erste Treffen von de Gaulle und Adenauer 1958, das wesentlich dazu beitrug, die auch nach dem Ende des Krieges noch virulente "Erzfeindschaft" zwischen Deutschen und Franzosen zu beenden. (In der Arte Mediathek findet man einen Film über dieses Treffen, zu dem Breinersdorfer das Drehbuch geschrieben hat.) Die beiden mochten einander, respektierten einander, auch wenn sie nicht einer Meinung waren, und sprachen beide die Sprache des anderen. "Ein politischer Prozess war angestoßen: Es folgte ein erster Arbeitsbesuch Charles de Gaulles mit seinem Kabinett in Bad Kreuznach, Konsultationen, Visiten und ein triumphaler Staatsbesuch de Gaulles als Präsident der V. Republik in Deutschland. Bewegend ist immer noch die Rede de Gaulles 1962 auf Deutsch vor hunderten Studenten in Ludwigsburg, die ihn geradezu frenetisch feierten."
In der Zeit erinnert Michael Thumann an das Pogrom gegen die Griechen (auch Juden und Armenier waren betroffen) in Istanbul vor siebzig Jahren, das die Regierung von Ministerpräsident Adnan Menderes befördert hatte: "Das Pogrom hat am Tag zuvor mit einer False-Flag-Operation begonnen. Türkische Boulevardzeitungen und Hetzblätter titelten am Morgen des 6. September: 'Eine Bombe beschädigt das Haus unseres Führers!' Gemeint war das Geburtshaus des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk in der nordgriechischen Metropole Thessaloniki. Der türkische Rundfunk berichtete von einem Anschlag 'türkeifeindlicher Agenten'. Wenige Stunden später demonstrieren in Istanbul nationalistische Verbände und Studenten gegen Griechenland (...) Die Adressen von Griechen, Armeniern und Juden werden herausgegeben. Viele Häuser sind bereits markiert. An manchen verraten Aufkleber einer sogenannten türkischen Studentenunion: 'Landsmann, dieser Laden gehört einem Griechen! Jede Münze, die du hier ausgibst, richtet sich später gegen unsere Brüder!' (...) Jahre später kam in Gerichtsprozessen gegen den 1960 vom Militär gestürzten Premier Adnan Menderes heraus, dass alles geplant war." Das griechische Istanbul gibt es seit diesem Tag nicht mehr, so Thumann. Das Pogrom gehört übrigens zum Hintergrund der sehenswerten türkischen Netflixserie "Der Club" (mehr hier).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Seit knapp zwei Wochen blättern wir Götz Alys am Mittwoch erscheinendes Opus magnum "Wie konnte das geschehen?" vor, in dem sich der Historiker mit den Ursachen des Nationalsozialismus beschäftigt. Im Spiegel-Gespräch hält er den "Alarmismus", das wir derzeit wieder kurz vor 1933 stehen würden, für falsch: "In vielen europäischen Ländern hält sich die demokratische Mitte noch recht stabil, auch in Deutschland. Die Frage ist, ob der Ernst der Lage angesichts zwingender Reformen erkannt wird und eine gesellschaftliche Mehrheit dafür gewonnen werden kann. Verweigern die Politiker durch beharrliches Beschweigen grundlegende Reformen in der Gesundheits-, Pflege und Altersvorsorge, dann ist mit systembedrohenden Entwicklungen zu rechnen. In Demokratien, in denen viele Interessen austariert werden müssen, fallen Veränderungen schwer. Die Wähler werden unruhig und beginnen, dem Irrglauben anzuhängen, halb autokratische Staaten könnten ihnen bessere Lösungen anbieten. Denn wir dürfen eines nicht vergessen (…) Ohne Demokratie kein Hitler. (...) Im Kaiserreich wäre eine Massenbewegung, die einen Mann wie Adolf Hitler an die Staatsspitze getragen hätte, nicht möglich gewesen."
Heute veröffentlichen wir den letzten Teil unserer vorab erscheinenden Auszüge aus Götz Alys Buch, das morgen erscheint: Im Januar 1943, als die 6. Armee im Kessel von Stalingrad kapitulierte, war allen klar, dass die Niederlage unvermeidlich war. Im galoppierenden Untergang blieb nur ein Gefühl: eine überwältigende Angst vor der Rache der Alliierten.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sehr ausführlich rekonstruiert der HistorikerAndreas Rödder in der NZZ den Zusammenbruch der DDR, um schließlich zu dem Schluss zu kommen: "Aber wie hatte Michail Gorbatschow bereits im Mai 1990 gesagt? Niemand solle glauben, dass eine der Seiten den Kalten Krieg gewonnen habe. Die Revision der 'größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts', wie Wladimir Putin den Untergang der Sowjetunion später nannte, wurde vielmehr zum zentralen Antrieb der russischen Politik im 21. Jahrhundert. Auch China akzeptierte die liberale Ordnung von 1990 nur aus taktischen Gründen, um einen beispiellosen ökonomischen Aufstieg zu flankieren; unmittelbar nach seinem Amtsantritt erklärte Xi Jinping der westlichen Demokratie und universalen Werten den Kampf. Statt einer neuen Einheit war in der Ordnung von 1990 ein Ordnungskonflikt angelegt, den der globale Westen im Vollgefühl seines Sieges übersah und den der globale Osten im 21. Jahrhundert aktivierte, als der Westen das Hochgefühl seiner Überlegenheit längst verloren hatte. Aber das ist eine andere Geschichte, die 1989 noch niemand ahnte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: Think big! Boil the ocean! Die Nazis waren auch deshalb so erfolgreich, weil sie nicht auf Kadavergehorsam, sondern auf Eigeninitiative und flache Hierarchien setzten. Ihre Arbeitsweise ist ein Schulbeispiel für modernes Management, wie man am Beispiel des SS-Sturmbannführers Rolf-Heinz Höppner sehen kann.
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