Das Deutsche Historische Museum rekonstruiert in seiner Schau "Gewalt ausstellen" die ersten, zwischen 1945 bis 1948 gezeigten europäischen Ausstellungen über die nationalsozialistischen Verbrechen (unser Resümee der FR-Besprechung). Jetzt erinnern wir schon an das Erinnern. Ist das noch sinnvoll? Absolut, erklärt Raphael Gross, Direktor des DHM, im Gespräch mit der FAS: "Diese Ausstellungen hatten noch ein europäisches Narrativ. Auch in Frankreich wurde gezeigt, was in Osteuropa passierte. Und andersherum. Insofern sind sie ein interessantes, tatsächlich vollkommen übersehenes Phänomen in der Geschichte. Darum hat es mich so gereizt, das genauer anzuschauen", so Gross, der außerdem hofft, dass die neue Bundesregierung an der 2023 beschlossenen Errichtung eines Okkupations-Museums festhält.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ empfiehlt der Afrikanist Andreas Eckert Ravi Ahujas Studie "Shipping Lords and Coolie Strikers - Class, Race, and Maritime Capitalism in the Early Twentieth Century" über das "rassifizierte" (so Eckert) "Arbeitsmanagement in der britischen Handelsflotte im Zeitalter des Imperialismus". Der Historiker Jochen Hellbeck erzählt in der NZZ nochmal die Geschcihte der Schlacht von Stalingrad - gespiegelt auch in vielen Zitaten des damaligen Kriegsberichterstatters Wassili Grossman.
Malcolm X würde heute hundert Jahre alt. Sebastian Moll schildert ihn in der taz als eine widersprüchliche Persönlichkeit, die in ihrer Radikalität ein Vorbild war - und manche bizarre Wege ging. Auch auf die Rolle des Islams für X geht Moll ein: "X wurde dank seines Charismas nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zum wichtigsten Anführer der 'Nation of Islam'. Mit ihm wuchs die vorher marginale Organisation auf mehrere Hunderttausend Mitglieder an und nahm eine stark politische Wendung. Die Macht, die X dadurch gewann, wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Er wurde von der Nation of Islam, deren Anführer sich bedroht fühlten, verstoßen und schließlich ermordet. Der Tod von X mit nur vierzig Jahren war tragisch. Er stand am Ende seines Lebens vor einer erneuten Konversion. Nach Reisen nach Ägypten und Mekka bekam er ein tieferes Verständnis für den Islam und wandte sich von vielen Dogmen der Nation of Islam ab." Diese religiöse Wende hätte ihn wohl zu einer Annäherung an Martin Luther King geführt, so Moll.
Vor 500 Jahren wurde Thomas Müntzer hingerichtet (mehr zum Bauernkrieg von Uta Ruge im Perlentaucher). Luther hasste ihn als Schwärmer und Aufrührer und wohl auch als Konkurrenten, schreibt der Historiker Thomas Kaufmann auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ. Und "die marxistische Müntzer-Deutung setzte die lutherische Fixierung auf den Bauernkrieger Müntzer und seine finale Lebensphase unter umgekehrter Bewertung fort. In der Nachfolge von Friedrich Engels' Studie über den 'deutschen Bauernkrieg' (1850) sah die sozialistische Geschichtswissenschaft allein den Müntzer des Bauernkriegs im Zenit seiner historischen Bedeutung. Engels' Überhöhung des thüringischen Revolutionärs war es geschuldet, dass sein handschriftlicher Nachlass heute in Moskau liegt; gegen geltendes Archivrecht war er Josef Stalin 1949 zum 70. Geburtstag geschenkt worden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Heute vor 500 Jahren wurden die Bauern besiegt, die Thomas Müntzer 1525 gegen die Landsknechtheere der deutschen Fürsten in die Schlacht geführt hatte. Wenn die Bauernkriege ein höheres Gewicht hatten als frühere Revolten, dann lag es auch am Internet jener Zeit, schreibtUta Ruge, Autorin von "Bauern, Land", in einem Essay für den Perlentaucher: "Der entscheidende Unterschied zu früheren Erhebungen lag 1524/25 wieder im Wort, und zwar dem gedruckten Wort. Denn die Druckerpresse hatte sich inzwischen so weit verbreitet, dass sich dank des Mainzer Kaufmannssohns Johannes Gutenberg alle Ankündigungen, auch die Schriften Luthers und die zwölf Artikel der Bauernrebellen in zuvor unerreichbar hoher Auflage und kürzester Zeit verbreiten konnten. In Ochsenkarren, auf Eselrücken und in den Kiepen wandernder Pilger und Händler erreichten sie die Schenken, Marktplätze und geheimen Versammlungen der Bauern und konnten dort vorgelesen werden. Und erst nachdem die vielen, vielen lokalen Verhandlungsversuche der Bauern mit Bischöfen und Grafen, mit Äbten und Äbtissinnen zu nichts geführt hatten, gründete man vielerorts bewaffnete Haufen und verabredete sich zur gemeinsamen Aktion."
Hubertus Knabe hatte vor dem 8. Mai in der FAZ einen der wichtigsten Artikel zum Kriegsende vor achtzig Jahren geschrieben (unser Resümee). Als "Befreiung" betrachtet er es nicht, wie er in seinem Blog nochmal betont: "Was wirklich am 8. Mai 1945 in Deutschland geschah, interessiert heute dagegen nur noch wenige. Ausgeblendet wird auch, dass die Alliierten bis heute an diesem Tag den Sieg über Deutschland feiern - nicht dessen Befreiung. Menschen, die das Kriegsende persönlich erlebt haben und das holzschnittartige Geschichtsbild korrigieren könnten, gibt es kaum mehr. Umso ungebremster erklären sich die später Geborenen zu Befreiten und damit zu Hitlers Opfern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Bauernrevolution von 1525 war vor allem eine Medienrevolution, schreibt Christian Thomas in der FR, der sich unter anderem auf das Buch von Lyndal Roper zum Thema bezieht. Flugschriften seien das probate Mittel zur Kommunikation gewesen und wesentliches Organ, die Forderungen der Revolutionäre über das eigene Gebiet hinaus zu kommunizieren. "Die Abläufe wurden angeheizt durch einen Meinungskampf, der eine ungeheure Dynamik freisetzte. Es ist keine Evolution in den Medien, die nicht zugleich eine an Aufklärung oder des Aberglaubens wäre, des Arguments oder der Aggression. Der Medienkrieg erklärt die Energien, den Furor für die Freiheit, ebenso wie die Eskalation an Unerbittlichkeit. Alles ging rasend schnell. Das Jahrhundertereignis war ein auf nicht einmal zehn Monate zusammengeballter Tumult. Die Verhältnisse überstürzten sich, so dass man meinen könnte, dass die Menschen, damals nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. Eine Analogie? Bei aller Vorsicht vor anachronistischen Aktualisierungen, so ist dies die vielleicht unheimlichste Vergegenwärtigung, die sich unserer Tage aufdrängt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor 500 Jahren zogen Bauern durchs Land und stellten politische Forderungen. Ihr Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Thomas Müntzer hingerichtet. Die Historikerin Lyndal Ropererklärt im Interview mit Stefan Reinecke von der taz, wie im Bauernaufstand in den "zwölf Artikeln" Politisches religiös begründet wurde: "Es ging um die religiöse Überzeugung selbst, eine bäuerliche Theologie. Im dritten der zwölf Artikel fordern die Bauern die Abschaffung der Leibeigenschaft und damit ihre Freiheit. Die Begründung lautet: Christus hat alle mit seinem 'kostbarlichen Blutvergießen erlöst', Arme wie Reiche. Deshalb 'ist mit der Schrift bewiesen, dass wir frei sind und sein wollen'. Das ist fantastisch formuliert. Die Abschaffung der Leibeigenschaft wird religiös begründet. Weil nur Gott der Herr ist, darf kein Mensch Herr eines anderen sein. Diese religiös begründete Ablehnung der Leibeigenschaft ist übrigens prinzipiell, während sich die aufklärerische Vorstellung von Freiheit bekanntlich zumindest anfänglich mit der Praxis der Sklaverei vereinbaren ließ."
Außerdem: Etwas antizyklisch erinnert der HistorikerOlaf Jessen in der NZZ an die Schlacht von Verdun.
Russland pflegt am 9. Mai seinen Opferstatus, der Hitler-Stalin-Pakt wird wie immer ausgeklammert. Das nehmen die Osteuropäer zu Recht übel, erklärt der Historiker Gerd Koenen im Interview mit der FR. "Als Deutsche sollten wir uns allerdings klarmachen, dass erst der wahnwitzige Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitler-Deutschlands nach 1939 Stalin, zuerst als Komplizen, dann als Gegner, die Möglichkeit gegeben hat, nicht nur sein eigenes, geschundenes Vielvölkerreich noch einmal terroristisch zusammenzufügen und zu erweitern, sondern sogar ein Moskauer Mega-Imperium zu errichten, das dann bis zur Elbe reichte. Wenn wir von 'deutscher Schuld' reden, umfasst sie nicht nur den 'Holocaust' und die anderen zivilen Massenverbrechen, sondern auch die Eröffnung dieses wahnwitzigen Eroberungskrieges und aller seiner Resultate."
taz-Autor Jan Feddersen stellt sich im Kontext der Erinnerungen an den 8. Mai nochmals die quälende Frage, ob die britischen und amerikanischen Bombardements der Zivilbevölkerung zu rechtfertigen waren, etwa in Hamburg, wo 1943 40.000 Menschen ums Leben kamen: "Geschichtsanklagende, revisionistische Bewegungen wie in Dresden, wo Demonstrationen zum angeblichen 'Bombocaust' registriert werden mussten, gab es in Hamburg nie. Trauer um die Toten musste es, konnte es, auch stadtoffiziell in den Jahren nach 1945, geben. Darf man als Nachkomme einer bei der 'Operation Gomorrha' fast vollständig getöteten Familie zwar auch trauern, aber ebenso sagen: Das biblisch ('eine Operation, bei der Pech und Schwefel vom Himmel fallen') inspirierte Geschehen geschah recht?"
Vor achtzig Jahren kapitulierten die Deutschen vor den alliierten Streitkräften. Für uns heute ist es ein Tag der Befreiung. Doch das galt weder damals noch heute für alle, meint Ann-Kristin Tlusty bei Zeit online angesichts einer wachsenden Zustimmung für die AfD. "Fördert die Rede von der Befreiung die Lebenslüge Hunderttausender Nachkriegsfamilien, von allem nichts gewusst, den Nationalsozialismus niemals gewollt, nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun gehabt zu haben - eine Lüge, die auch Generationen später noch fortgeschrieben wird? Oder gilt es, ganz im Gegenteil, am Begriff der Befreiung festzuhalten angesichts des Versuchs von Rechtsaußen, den 8. Mai wieder zum 'Tag der Niederlage' umzudeuten, wie die AfD-Vorsitzende Alice Weidel es vor zwei Jahren im ARD-Sommerinterview tat", fragt sie sich und sucht Rat bei Max Czollek und dem Philosophen Christoph Menke. (Wir haben ja jetzt die gesammelten Hervorbringungen der deutschen Presse zum 8. Mai gelesen: Zum Begriff der "Befreiung" empfehlen wir Hubertus Knabe, mehr hier, zum "Nie wieder" Simon Strauß, mehr hier.)
Auch wer in den KZs befreit wurde, war nicht zwangsläufig frei, erklärt in der FAZ der jüdische Historiker Michael Brenner: "Befreit wurden sie in Auschwitz und Bergen-Belsen, in Dachau und Flossenbürg. Frei zu sein, das war für die meisten Juden aber nur weit weg von Europa vorstellbar: in Australien und Südamerika, in den Vereinigten Staaten und vor allem im eigenen nun erst ausgerufenen jüdischen Staat." Doch nicht alle schafften es raus aus Deutschland. Brenners Vater, dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden und der selbst in mehreren KZs gesessen hatte, schaffte es nicht, er blieb in Deutschland. "Wie viele Nachgeborenen erfuhr ich nicht viel von seinen Erlebnissen. Die Überlebenden wollten ihre Kinder 'normal' aufwachsen sehen und sie vor der grausamen Vergangenheit schützen. Zumindest tagsüber gelang dies ganz gut. Doch nachts hatten sie keine Kontrolle darüber, wenn die Vergangenheit sie im Traum einholte und wir alle im Haus gelegentlich von Schreien aufgeweckt wurden. Dann wussten wir, dass sie auch Jahrzehnte später zwar befreit, aber nicht frei waren."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im FR-Interview mit Michael Hesse erklärt der Historiker Peter Longerich, warum die immer beschworene große Unterstützung für die Nazis innerhalb der deutschen Gesellschaft nur ein Ergebnis der NS-Propaganda und der Angst vor Repressionen war. Außerdem spricht er darüber, wie ein Neuanfang nach 1945 für diese Gesellschaft möglich war: "Viele Milieus, die dem NS fernstanden oder sich innerlich abgesetzt hatten, lebten, wenn auch zum Teil unter der Oberfläche weiter: die sozialdemokratisch geprägte Arbeiterschaft, ein bürgerlicher Protestantismus, katholische Milieus. Diese Gruppen bildeten nach 1945 das Rückgrat der neuen Demokratie. Die Herausbildung einer Demokratie ist eben alles andere als ein Wunder, sondern es zeigt, dass eine Gesellschaft, die eine solche Katastrophe überlebt hat, sich erneut wieder zurechtfinden kann auf der Grundlage einer früheren Vielfalt. Die NS-Anhänger hielten sich überwiegend zurück - aus Opportunismus, aus Angst oder weil sie tatsächlich verstummten."
Der 8. Mai 2025 lässt den PolitikwissenschaftlerHerfried Münkler in der SZ nicht nur an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor achtzig Jahren denken, sondern auch daran, dass der Westen aufgehört hat zu existieren. "Der transatlantische Westen ist inzwischen mehr eine Erinnerung als ein politischer Akteur. Sein Zerfall wäre das definitive Ende dessen, was man als das 'Lernergebnis' aus dem Zerfall der Demokratie im Europa der 1920er- und 1930er-Jahre, dem Krieg und den in dessen Schatten verübten Menschheitsverbrechen sowie der Zerstörung des alten Europa bezeichnet hat. Der 80. Jahrestag des Kriegsendes steht darum - im Unterschied zum 40. Jahrestag - nicht als Anbeginn einer neuen Zeit da, sondern als das vorläufige Ende einer Ära des Friedens und Wohlstands."
Der HistorikerNorbert Freizeichnet im NZZ-Interview mit Marc Tribelhorn nach, wie lang der Weg zum Gedenken an dieses ambivalente Datum für die Deutschen war. Für die nächsten Jahre stünde die deutsche Erinnerungskultur vor weiteren Herausforderungen. Da wäre zum Beispiel das Ende der Zeitgenossenschaft, das durch eine gute Dokumentation des Materials von Zeitgenossen aber erhalten bleibe. "Zum anderen halte ich es mit Jürgen Habermas, der im Zusammenhang mit der Debatte um eine stärkere Beachtung der Kolonialgeschichte zu Recht festgestellt hat, unsere politische Kultur müsse sich erweitern, damit sich Zuwanderer 'mit ihrem Erbe und gegebenenfalls auch ihrer Leidensgeschichte darin wiedererkennen können'. Und weiter sagt er: 'Mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft akzeptieren die neuen Bürger die politische Kultur und das geschichtliche Erbe unseres Landes; davon ist die Ächtung des Antisemitismus ein unverzichtbarer Kern.' Ich denke, damit ist die Aufgabe historisch-politischer Bildung präzise umrissen."
Laurent Joffrin, Chef der Pariser Online-Zeitschrift Lejournal.info, schreibt: "Dies ist die eigentliche Lehre bei diesen Gedenken an den 8. Mai: Die Werte, für die damals so viele Frauen und Männer ihr Leben ließen, sind erneut in Gefahr. Die Verteidiger der Demokratie sind tatsächlich in der Defensive, der freie Handel weicht einer egoistischen Abschottung, und die internationale Zusammenarbeit ist zerbrochen... Wer heute den Sieg feiert und an der Idee der Freiheit festhält, weiß, dass wir in eine neue Ära der Gefahren und des Widerstands eingetreten sind." Was übrigens beim virtuellen Durchblättern der Weltpresse auffällt: In einer Zeitung wie der New York Times gibt es Nullkommanix zum 8. Mai.
Außerdem zum 8. Mai 1945: Hubert Spiegel hat für die FAZ deutsche Archive durchforstet und Stimmen aus den Tagen danach zusammengestellt, von Staatschefs, Müttern, Kindern, Soldaten, Schriftstellern und Zivilisten.
Und noch ein Jahrestag: Vor sechzig Jahren haben Israel und Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen. Aber wer will feiern, fragen in der ZeitShimon Stein und Moshe Zimmermann. Und müssen die Beziehungen nicht neu definiert werden? "In Bezug auf die historische Erinnerung hat sich gerade im vergangenen Jahrzehnt manches verändert: Spätestens seit dem Streit um die Documenta 15 im Jahr 2022 wird anders über Israel, Antisemitismus und die Schoah gesprochen. Laut der postkolonialen Historiografie, die stark an Popularität gewonnen hat, mindestens im Feuilleton, gehört Israel zu den Ausbeutern, die Schoah in die Kategorie kolonialistischer Massenmord, und der Zionismus wird als kolonialistisches Unternehmen bewertet. Israels Verhalten im Westjordanland gilt als 'Apartheid' und Israels Krieg in Gaza als 'Genozid' - nicht zuletzt wegen Israels Umgang mit der humanitären Versorgung, der schwer zu ertragen ist, selbst wenn man die Mitverantwortung der Hamas bedenkt. In einer Welt, die diese Sprache benutzt und verbreitet, ob zu Recht oder nicht, ist der Rahmen für die Diskussion um die deutsch-israelischen Beziehungen neu abgesteckt."
Der HistorikerAndreas Rödder erinnert in der NZZ mit Blick auf gegenwärtige postkoloniale Diskurse an die Konferenz von Bandung in Indonesien im Jahr 1955, bei der über 300 Repräsentanten aus 29 Ländern Asiens und Afrikas zusammenkamen. Hier wurden, so Rödder, die Weichen für den heutigen Israel-Diskurs gestellt: "Gilt der erst wenige Jahre zuvor gegründete Staat Israel als Opfer des Antisemitismus und des Holocaust - oder als weiße Siedlerkolonie und als Fortsetzung des Kolonialismus? Als Tribut an die arabischen Staaten schlossen die Akteure von Bandung Israel 1955 aus und setzten das Narrativ, wonach Israel Täter und die Palästinenser Opfer sind. Schon hier also etablierte sich die Doppelmoral: Das Opfer kann nicht Täter sein - es sei denn, es geht um Israel und die Juden. Diese Perspektive spielt auch siebzig Jahre nach Bandung eine zentrale Rolle. ... Bandung steht für die Imagination postkolonialer Solidarität, im Gegensatz zur historischen Realität tiefgreifender Differenzen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Dass für Menschen, die vor den Nazis ins Ausland fliehen mussten, ein Neuanfang möglich war, stellte eher die Ausnahme dar, erklärt der HistorikerWolfgang Benz, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, im FR-Interview mit Michael Hesse: "Die Regel war: Entwertung, Entwurzelung, Einsamkeit." An vielen Biografien zeige sich, "dass Exil kein romantischer Ort war, sondern ein existenzieller Ausnahmezustand. Dass selbst die Berühmten, die scheinbar Abgesicherten, auf Unterstützung angewiesen waren - sei es durch ihre Kinder oder durch ein wohlwollendes Gastland. Und dass das Schicksal der weniger Prominenten meist in Armut, Verbitterung oder Schweigen endete. Ja, das Scheitern im Exil ist ein zentraler, oft übersehener Teil dieser Geschichte und zugleich hochaktuell: Es entzaubert die Vorstellung vom Exil als bloßem 'Neuanfang' und zeigt, wie tief die Brüche waren, die Vertreibung hinterließ."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Bevor Breschnew ihn 1965 zum offiziellen Feiertag erklärte, war der 9. Mai in Russland ein stiller und privater Gedenktag, erzählt die Nobelpreisträgerin Irina Scherbakowa von Memorial in der taz: "Mein Vater und seine Freunde - wie er Frontkämpfer - trafen sich an diesem Tag nicht, um Siege zu feiern, sondern um derer zu gedenken, die gefallen waren. Das Erlebte lastete schwer auf ihnen. Schon als Kind verstand ich: Ihr Krieg war nicht von Triumph geprägt, sondern von blutiger, schmerzhafter Erfahrung. Sie hatten nichts gemein mit den bronzenen Soldaten, die Nazi-Standarten zu Füßen des Mausoleums warfen, auf dessen Tribüne Stalin thronte. Mein Vater trug seine Orden nie. Er sagte: 'Zu viele sind gefallen, bevor sie überhaupt einen Orden erhalten konnten.' Er selbst hatte überlebt - eine schwere Verwundung im August 1943 rettete ihm das Leben, machte ihn aber bereits mit 19 Jahren zum Kriegsinvaliden. Wie viele seiner Freunde - auch sie Literaten - widmete er sein weiteres Leben dem Kampf um die Wahrheit über den Krieg: eine Wahrheit aus den Schützengräben, fernab vom offiziellen sowjetischen Geschichtsbild." In den nächsten Tagen erscheint Scherbakowas Buch "Memorial - Erinnern ist Widerstand".
Klaus Hillenbrand besucht ebenfalls für die taz die Ausstellung "Vergessene Befreiung - Zwangsarbeiter in Berlin 1945" im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Schöneweide. Tatsächlich wird offenbar in Berlin zum ersten Mal in einer Ausstellung daran erinnert. "Vor der Befreiung standen die Verbrechen in der Endphase des Krieges. 'Viele Deutsche radikalisierten sich', sagt Co-Kuratorin Sarah von Holt. Gerade Zwangsarbeiter litten unter den Gewaltausbrüchen fanatischer Nazis. Andere Deutsche agierten nun auffällig freundlich gegenüber den Verschleppten - sie wussten, dass der Krieg verloren war. Vielleicht hatten einige von ihnen das Flugblatt der Alliierten gelesen, das aus Flugzeugen abgeworfen worden war und in der Ausstellung zu sehen ist. 'Deutsche! Befolgt keine Befehle zur Schikanierung, Misshandlung und Unterdrückung dieser Menschen', hieß es da, und es wurde mit 'schweren Strafen' gedroht."
In Balkan-Ländern spielt der 8. Mai als Gedenktag kaum eine Rolle, schreibt Michael Martens in der FAZ. Sie sind viel zu sehr mit ihrem jeweils eigenen Geschichtserzählungen beschäftigt. In Serbien ist etwa der 22. Oktober 1944 ein viel wichtigeres Datum: "Es ist der Tag der Befreiung Belgrads von deutscher Besatzung, um die in heftigen Straßenkämpfen gerungen worden war." Damit verknüpften die Serben die Behauptung, sie seien die einzigen, die sich aus eigener Kraft befreit hätten. Auch ein Mythos, so Martens: "Ohne den Vormarsch der Roten Armee, die im Oktober 1944 vor Belgrad die Hauptlast der Kämpfe gegen die geschwächten deutschen Einheiten trug, ohne den Seitenwechsel der Nachbarstaaten Rumänien und Bulgarien wenige Wochen zuvor, ohne die amerikanischen Bombenangriffe auf deutsche Stellungen und kriegswichtige Infrastruktur in Südosteuropa von 1943 an hätten die Partisanen weder Belgrad noch eine andere große Stadt ihres Landes dauerhaft und 'aus eigener Kraft' befreien können."
"Die ältere Kriegsgeneration hatte das Angebot des Schweigens angenommen, die jüngere nahm das Angebot an, dieses Schweigen zu brechen", schreibt die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann in Bezug auf das achtzigjährige Gedenken zum Kriegsende. Für die Deutschen sei es ein langer Weg bis zur Auseinandersetzung gewesen, heute "trifft das Befreiungsangebot des 8. Mai auf eine grundlegend veränderte Gesellschaft. Es kommt bei Menschen an, die aus anderen Herkunftsländern eingewandert sind und sich inzwischen als Europäer, als Weltbürger und zunehmend auch als Deutsche verstehen." Sie führt hier Beispiele verschiedener Initiativen migrantischer Personen an, Düzen Tekkal (#GermanDream), Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah ("Mein Nazi-Hintergrund"), die das Erinnern in der dritten und vierten Generation scheinbar konsequenter betreiben. Für die mit Großeltern aus der Nazi-Zeit blieben zwei Optionen: Entweder die Familiengeschichte ad acta legen oder "aber man macht sie zum Gegenstand einer persönlichen Recherche und künstlerischen Auseinandersetzung nach dem Motto: 'Opa oder Oma war ein Nazi!'"
Außerdem: In der tazberichtet Raweel Nasir über die Einweihung eines Gedenksteins für das Massaker in Dersim am Waterloo-Ufer in Berlin-Kreuzberg. 1937 beging das Atatürk-Regime das Massaker an den Aleviten, die heutige Regierung tut wenig zur Aufarbeiteung, die taz berichtete neulich (unser Resümee).
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