Wolfgang Benz

Exil

Geschichte einer Vertreibung 1933-1945
Cover: Exil
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406829338
Gebunden, 407 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Eingepfercht auf einem Schiff hoffen jüdische Flüchtlinge auf ein neues Leben in Israel. Thomas Mann ist als berühmter Schriftsteller in den USA zwar privilegiert, aber auch er muss sich in einem Leben im Exil einrichten. Marianne Cohn gelingt die Rettung nicht. Sie wird auf der Flucht in die Schweiz geschändet und erschossen. Das Exil in der Zeit des Nationalsozialismus besteht aus unendlich vielen Geschichten und führt in alle Weltgegenden. Wolfgang Benz, einer der besten Kenner des Themas, legt nun die erste große Gesamtdarstellung vor. Das Dritte Reich zwang hunderttausende Menschen dazu, Deutschland zu verlassen. Jüdinnen und Juden mussten ebenso um ihr Leben fürchten wie solche Deutsche, die sich gegen die Nazis engagiert hatten oder nicht mit ihrer Weltanschauung übereinstimmten. In seiner grundlegenden Darstellung erzählt Wolfgang Benz ebenso eindringlich wie quellennah die Geschichte dieser gewaltigen Fluchtbewegung. Er zeichnet minutiös die Etappen und Orte des Exils nach, die oft demütigenden Umstände der Visabeschaffung und die schwierigen Lebensbedingungen als Fremde und häufig Unwillkommene in einem anderen Land. Dabei gibt er den "Berühmtheiten" wie Hannah Arendt, Sigmund Freud oder Thomas Mann eine Stimme, vor allem aber auch Menschen, denen sonst nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. So steht das Schicksal einer unbekannten jüdischen Kinderfürsorgerin gleichberechtigt neben dem Weg des weltberühmten Begründers der Relativitätstheorie.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2025

"Mit Gewinn" liest der hier rezensierende Historiker Ernst Piper die Darstellungen von Wolfgang Benz zum Exil zwischen 1933 und 1945, wenngleich er einige bedeutende Perspektiven darin vermisst: Dass etwa ein Großteil jüdischer Kulturschaffender in die USA und besonders nach Hollywood emigrierten, kommt nur am Rande vor, auch das Exil vieler Wissenschaftler und ihrer Institutionen wird kaum beleuchtet. Piper runzelt zudem die Stirn, wenn in Bezug auf Thomas Mann und Sigmund Freud von einer Art Freiwilligkeit des Exils ausgeht, was bei beiden nicht stimmt, Freuds Schwestern zum Beispiel sind als Jüdinnen vergast worden. Lobenswert findet der Kritiker aber insbesondere die Kapitel zu den "Orten des Exils", in denen sich zeigt, dass viele Emigrantinnen und Emigranten nicht nur einmal ein Land verlassen und neu anfangen mussten. Auch die Passagen zu den Kindertransporten, die 10000 jüdische Kinder nach Großbritannien retteten und zu den illegalen Einwanderungen nach Palästina sind für ihn aufschlussreich. Insgesamt lesen sich Benz' Schilderungen für Piper eindrücklich und facettenreich.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.03.2025

Dieses Buch hat seine Stärke in der Schilderung von Einzelschicksalen und gerade auch solchen von weniger bekannten Emigranten, schwärmt der hier rezensierende Philologe Eckart Goebel. Das würde aber nicht funktionieren, wenn Autor Wolfgang Benz nicht auch ein fulminantes Wissen über die Kontexte des Geschehens hätte, so der Rezensent. Am Ende seiner Karriere gelinge es Benz also, ein Standardwerk zu diesem nicht mehr selten abgehandelten Thema vorzulegen. Besonders wichtig ist es Goebel zu begreifen, wie häufig die Geschichten der Emigration in Krankheit, Tragik oder Tod endeten. Neun von zehn der zehntausend von Briten aufgenommen jüdisch-deutschen Kinder konnten nach dem Krieg ihre Eltern nicht wiederfinden - sie alle waren ermordet. Viele Schiffe mit Emigranten irrten über die Ozeane. Die "St. Louis" durfte ihre Passagier nicht in Kuba von Bord lassen und musste nach Deutschland zurückkehren, wo die meisten Insassen in KZs starben. Mit Interesse nimmt Goebel auch Benz' Nachwort zur Kenntnis, in dem der Autor offenbar über heutige Migrationsbewegungen und den grassierenden Rechtsextremismus nachdenkt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.02.2025

Ein starkes Buch über deutsche Exilanten in der Zeit des Nationalsozialismus legt Wolfgang Benz dem Rezensenten Florian Keisinger hier vor. Besonders angetan ist Keisinger davon, dass Benz sich weniger mit den Prominenten unter den Exilanten wie Lion Feuchtwanger oder Thomas Mann beschäftigt, als mit dem Schicksal unbekannterer Flüchtlinge. Exemplarisch zeichnet Keisinger mit Benz den beschwerlichen Weg Franz Feuchtwangers, Lions Cousins, ins schlussendlich mexikanische Exil nach, wo er sein Geld als Holzarbeiter verdiente. Benz stellt laut Keisinger dar, inwiefern sich die Exilschicksale während der NS-Zeit von den Erfahrungen früherer Exilanten unterschieden, unter anderem verweist er auf die Gefahr, die den Verfolgten selbst noch in vermeintlich sicheren Ländern wie der Schweiz drohte. Außerdem erzählt der Autor von der geringen politischen Schlagkraft der untereinander zerstrittenen Geflüchteten sowie dem besonders schweren Schicksal jüdischer Exilanten, die kaum irgendwo legal Aufnahme fanden. Das lesenswerte Buch plädiert außerdem, so endet die positive Besprechung, gegen eine Politik Abschottung in der deutschen Migrationspolitik der Gegenwart.

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