Spätaffäre

Realismus mit Beulen

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
19.05.2014. Als Nachlese zum Berliner Theatertreffen ist bei 3sat Robert Borgmanns Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" zu sehen. Diedrich Diederichsen spricht im WDR-Feature "Über Pop-Musik". Arte zeigt David Sievekings bewegende Doku "Vergiss mein nicht". Und die Jerusalem Post erklärt, warum nur Viagra die asiatische Kragentrappe noch retten kann.

Für die Augen



Als bei seiner Mutter eine Alzheimererkrankung festgestellt wird, zieht der Filmemacher David Sieveking zur Pflege bei ihr ein und lernt sie auf ganz neue Weise kennen. Sein preisgekrönter Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" ist das liebevolle Porträt einer starken, politisch engagierten Frau. Hier zu sehen in der Arte-Mediathek (87 Minuten).

Nachlese zum Berliner Theatertreffen: 3sat zeigt Robert Borgmanns aus Stuttgart nach Berlin eingeladene Inszenierung von Anton Tschechows "Onkel Wanja". Zur Stuttgarter Aufführung schrieb Wolfgang Behrens für Nachtkritik: "Borgmanns Realismus hat Beulen. Bildstarke, ungebärdige Auswüchse treiben plötzlich aus der grundsätzlichen Unterspanntheit der Aufführung hervor... In ihrer aufgerauten Eiseskälte buhlt diese Inszenierung nicht gerade um die Liebe der Zuschauer. Eindruck aber hinterlässt sie schon." Hier kann man sich die Berliner Aufführung online ansehen (173 Minuten).

Für die Ohren

Am vergangenen Samstag trauerten die Feuilletons um Rolf Boysen, der am Freitag 94-jährig verstorben ist (mehr in unserer Kulturrundschau vom 17.5.). Aus diesem traurigen Anlass hat der Bayerische Rundfunk nochmals ein Gespräch online gestellt, das der Sender im Jahr 2008 mit dem Theaterschauspieler geführt hat. Hier kann man es nachhören (39 Minuten).

Kaum ein Sachbuch ist in den Feuilletons zuletzt so breit besprochen und diskutiert worden wie Diedrich Diederichsens Herzblut-Wälzer "Über Pop-Musik" (unsere Buchnotizen). Was dem Buch naturgemäß fehlt - der Sound - liefert nun Tobi Müllers gleichnamiges WDR-Feature nach. Gleichzeitig stellt es die wichtigsten Theorien des Autors vor und lässt ihn zudem ausführlich zu Wort kommen. Hier kann man sich das Feature herunterladen (54 Minuten).

Für Sinn und Verstand

Dass Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern in den USA im Schnitt viel häufiger ihren Collegeabschluss machen als "Arbeiterkinder", hat weniger mit Begabung zu tun hat als mit Selbstvertrauen, hat man an der Universität von Texas herausgefunden, wie Paul Tough im New York Times Magazine berichtet: "Die Studenten haben Zweifel, ob sie wirklich aufs College gehören. Und sie glauben, dass Intelligenz eine fixe Größe ist, die sich durch Lernen nicht verändern lässt. Wenn sie Erfahrungen machen, die sie glauben lassen, sie seien nicht schlau genug, eine schlechte Note etwa, interpretieren sie das als Zeichen dafür, dass sie es niemals schaffen werden... Studenten aus wohlhabenden oder akademischen Verhältnissen nehmen Rückschläge viel entspannter hin. Nur Studenten mit den speziellen Ängsten und Exklusionserfahrungen von Minoritäten haben offensichtlich ein Problem damit. Sie missinterpretieren momentane Rückschläge als dauerhaften Beleg dafür, dass sie es auf dem College nicht schaffen können."

Eleni Panagiotarakou erzählt in der Jerusalem Post, warum sie auf change.org eine Petition einreichte, um dem Prinzen Fahd bin Sultan bin Abdul Aziz Al Saud lebenslang Viagra zu spendieren. Er war mit seinem Jagdgefolge nach Pakistan geflogen, um mit seinen Falken die asiatische Kragentrappe zu jagen, einen Vogel, dessen Fleisch aphrodisierende Qualitäten zugeschrieben werden. Dieser Vogel ist geschützt, auch in Pakistan, auf der arabischen Halbbinsel wurde er durch die Falknerei längst ausgerottet. Auf die pakistanische Connection stieß Panagiotarakou durch einen Artikel in der pakistischen Zeitschrift Dawn: Hier wurde "Jaffar Baloch zitiert, ein Bezirksförster des Walds von Balutschistan, der die Strecke des Prinzen aus dem Hause Saud in einem Bericht detailliert auflistete. Inklusive der Zahl, der Daten und der Orte der erlegten Trappen. Die Jagstrecke lag bei erschütternden 2.100 Vögeln." Die Geschichte, so Panagiotarakou, ging wegen des aphrodierenden Aspekts auch international durch die Medien - aber das Thema ist nicht neu. Schon 1992 schrieb Mary Anne Weaver für den New Yorker die Geschichte "Hunting with the Sheikhs" (hier als pdf).
Stichwörter: Falknerei, Saudi-Arabien