Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 33

Magazinrundschau vom 04.09.2012 - Times Literary Supplement

David Hawkes liest neue Bücher von, mit und über Noam Chomsky, "How the World Works" und "The Science of Language", und stellt kulturkritisch fest, dass der große Widerspruch in Chomskys Denken bleibt: "Tatsächlich ist das 'Chomsky Problem' der grundlegende Widerspruch des kapitalistischen Zeitalters. Mit der Aufhebung des Wucherverbots in der europäischen Frühmoderne wurde das Geld zu einer autonomen Macht, die eigene Beteiligungen erwirbt und Forderungen erhebt, als wäre es lebendig. Geld verhält sich wie ein lebendes Wesen, wenn es das bestimmende Merkmal des Lebens annimmt: die Fähigkeit, sich zu reproduzieren. Aber Geld ist nicht Teil des natürlichen Universums. Niemand kann einen finanziellen Wert berühren oder schmecken. Geld ist nur ein Zeichen für entfremdetes menschliches Lebens, und Kapitalismus ist der Name, mit dem wir den Prozess unserer eigenen Verdinglichung bezeichnen. Chomsky versteht, dass dieser Prozess der Ursprung des quasi-metaphysischen Übels ist, das er in seinen politischen Arbeiten beschreibt. Aber er will nicht anerkennen, dass er auch die ideologische Bedingung der Methoden ist, die er in seiner Wissenschaft praktiziert."

Magazinrundschau vom 07.08.2012 - Times Literary Supplement

Das TLS veröffentlicht auf Englisch erstmals einen frühen Text von Vladimir Nabokov, den es bisher offenbar nur auf Russisch zu lesen gab. "Breitensträter - Paolino" erzählt vom Boxkampf zwischen dem Deutschen Hans Breitensträter und dem Basken Paolino Uzcudun im Berliner Sportpalast 1925. Man muss sich dabei nicht erschrecken, nicht einmal, wenn einer der Boxer k.o. geht, versichert der damals 26-jährige Nabokov. "Ich muss mich beeilen hinzuzufügen, dass ein solcher Schlag, der zu einem augenblicklichen Black-out führt, nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil. Ich habe es selbst erlebt und kann bescheinigen, dass so ein Schlaf eher angenehm ist. In der äußersten Spitze des Kinns ist ein Knochen, wie der im Ellbogen, den die Engländer 'lustiger Knochen' und die Deutschen 'Musikknochen' nennen. Wie jedermann weiß, wenn man heftig mit der Spitze seines Ellbogen anstößt, hat man sofort danach ein taubes Gefühl in der Hand und fühlt ein kurzes Erschlaffen der Muskeln. Dasselbe passiert, wenn man sehr hart auf die Kinnspitze geschlagen wird. Es tut nicht weh."

Magazinrundschau vom 26.06.2012 - Times Literary Supplement

Mit der Absetzung des populären Parteiführers Bo Xilai, der als marxistischer Hardliner ein Vermögen von 160 Millionen Dolar zusammenraffen konnte, sieht Rosemary Righter eine für Chinas Zukunft entscheidende ideologische Schlacht aufziehen: "Die 'Öffnung' ohne Verantwortlichkeiten und Rechtsstaatlichkeit hat zu den schlimmsten Exzessen von Filz, ungezügelter Korruption, Misswirtschaft und empörender Ungleichheit geführt, begleitet von allgemeiner Wut, Misstrauen und Unzufriedenheit. In der Partei gibt es eine Legitimitätskrise, die sich in einer Fixierung auf die 'Stabilität' widerspiegelt, die in jeder abweichenden Stimme eine Bedrohung sieht, in jeder Reform ein Risiko. Chinas Budget für die innere Sicherheit übersteigt jetzt das für die militärischen Ausgaben, da die Partei mit einem Anstieg von dem zu kämpfen hat, was sie euphemistisch 'Massen-Vorfälle' nennt. Fast 200.000 Proteste gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch, einige von großem Umfang und gewalttätig, werden für dieses Jahre erwartet. Die chinesische Atmosphäre ist verdorben, im buchstäblichen Sinne durch Verschmutzung, im übertragenen durch den moralischen und intellektuellen Niedergang der Partei."

Magazinrundschau vom 12.06.2012 - Times Literary Supplement

Angelique Richardson feiert Darwin, den Autor, den ihr George Levine mit seinem gleichnamigen Buch näherbrachte. Auch wenn Marx und Engels sich über seinen "kruden englischen Stil" mokierten, die Literatur hat dem durch und durch viktorianischen Schriftsteller genauso viel zu verdanken wie die Wissenschaft, meint Richardson: "Darwin war, zeigt uns Levine in einem der bemerkenswertesten Kapitel, ein Meister des Paradoxen. 'The Origin of Species' ist immerhin ein Buch über Arten, das die Arten in Frage stellt und sich überhaupt nicht mit ihrem Ursprung beschäftigt... Wäre Oscar Wildes Witz ohne Darwins Paradoxe möglich gewesen? Der komische Darwin, der sich an Widersprüchen erbaute, steht laut Levine hinter Vivians Klage aus dem 'Verfall der Lüge', wonach der Rasen 'hart und bucklig und feucht und voll schrecklichem Ungeziefer' sei, womit sie eine Darwinsche Diskrepanz zwischen Natur und menschlichen Erwartungen veranschaulicht. Levine entdeckt auch Darwin hinter Wildes komplexer Verbindung von Kunst und Ethik, hinter einer Ästhetik, die gegen die herrschenden sozialen und politischen Form anging und den ethischen Wert des Paradoxen zelebrierte."
Stichwörter: Wissenschaft

Magazinrundschau vom 08.05.2012 - Times Literary Supplement

Der Jazzpianist Stephen Brown hat David Schiffs Buch "The Ellington Century" mit großem Vergnügen gelesen und doch eine Menge auszusetzen. Schuld daran ist das Internet: "Bücher über Musik machen im Zeitalter des Internets so viel mehr Spaß. Der Autor erwähnt ein Stück, man gibt es bei Google ein und stößt sofort auf Aufführungen bei Youtube. Für den Autor steckt darin jedoch auch ein potentieller Nachteil: der unmittelbare Zugang zu den Musikbeispielen ermächtigt den Leser, die Hypothesen des Autors innerhalb von Sekunden auf die Probe zu stellen, und entledigt ihn der Übung, sie wenigstens vorübergehend zu akzeptieren." Hier kann man in Stephen Browns aktuelles Album "Radio Songs" reinhören, und hier Duke Ellington and his Orchestra 1943 mit einer Live-Version von "It Don't Mean a Thing":



Der 1914 bei einem Attentat getötete Jean Jaurès ist so etwas wie der Säulenheilige der französischen Linken, doch eine differenzierte inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Positionen fand bisher kaum statt. Dass es in den letzten Jahren vermehrt Veröffentlichungen zu Jaurès gab, findet der Geschichtsprofessor Julian Wright überfällig: "Dass dieser politische Titan, der so dominant im Parlament, auf Parteikongressen und in der internationalen Politik auftrat, als apolitischer Heiliger angesehen wird, sagt einiges aus über die Ermüdung, zu der der Managerialismus moderner linker Politik seit Mitterand geführt hat."

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - Times Literary Supplement

Stanley Wells folgt mit Vergnügen den Windungen, die Sam Leiths Geschichte der Rhetorik "You talkin' to me?" nimmt: "'Hunderte von Jahren', so Leith, 'stand Rhetorik im Zentrum der westlichen Erziehung, doch jetzt ist sie als Studienobjekt praktisch verschwunden - aufgeteilt wie das Nachkriegs-Berlin zwischen Linguistik, Psychologie und literarischer Kritik. Sogar in Universitäten wird sie als kurioses und eher zimperliches Minderheiteninteresse betrachtet.' Leiths Buch tut einiges dafür, die Balance wieder herzustellen, indem es die Geschichte der rhetorischen Erziehung und Praxis durch die Jahrhunderte verfolgt und dabei die Techniken ihrer größten Meister untersucht - von Satan, 'dem silberzüngigen Teufel' (wie er von Milton und, weniger vorhersehbar, Peter Cook und Dudley Moore in dem 1967 gedrehten Film 'Bedazzled' gezeigt wurde) über Cicero, Lincoln, Hitler, Churchill, Martin Luther King bis hin zu Obama."

Magazinrundschau vom 28.02.2012 - Times Literary Supplement

Das TLS bringt noch einmal einen Bericht seiner getöteten Reporterin Marie Colvin aus dem Kosovo-Krieg von 1999, der sehr schön zeigt, wie sie gearbeitet hat: "Dass die Nato (irrtümlich) die UCK-Baracken in Kosare bombardiert hatte, hörte ich in einer jener Unterhaltungen, die man spät nachts führt und die nie als Unterhaltungen über den Krieg beginnen. Einer kommt aus Schlafräumen, in denen die Feldbetten aneinandergereiht sind und Kalaschnikows über den Bettstangen hängen, gießt etwas Öl in den Zinntopf oder was immer er findet, tränkt ein Stück Stoff darin und zündet erst den Fetzen an und dann eine Zigarette. Das lockt auch die anderen Nicht-Schlafenden an und wir stehen herum, bieten uns Zigaretten an und rauchen. Immer hörte man im Hintergrund die Einschläge der Artillerie, aber niemand erwähnte sie - sie waren nicht nah genug, um Besorgnis zu erregen. Wir hatten gelernt, dass man sich nur sorgen musste, wenn man ein Pfeifen hörte, das eine Granate nah herankam, und dann konnte man nichts anderes tun als sich auf den Boden zu werfen."

Ari Kelman liest eine Reihe von Neuerscheinungen zum amerikanischen Bürgerkrieg, der vor 150 Jahren begann. Thea Lenarduzzi stellt Gedichte der Lyrikerin Antonia Pozzi vor.

Magazinrundschau vom 14.02.2012 - Times Literary Supplement

Marina Warner ist total in Wes Williams Geschichte "Monsters and Their Meanings in Early Modern Culture" versunken, die sie gelehrt hat, Monster als moralischen Kompass zu begreifen: "In einer Reihe subtiler und intensiver Analysen liest er den Kanon der französischen Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhundert – von Rabelais bis Racine, über Montaigne und Pascal -, um die Verbindungslinien freizulegen zwischen dem Reden von Monstern, Familienstreits, Krisen im Gemeinwesen oder im sozialen Gewebe sowie dem ewigen Kampf in der Literatur, in dem der Realismus mit der Fantasie, und die Tragödie und das Epos mit ihrem oft verleugneten Schatten, der Romanze, im Wettstreit stehen."

Außerdem: Alan Brownjohn stellt den neuesten Gedichtband von Poet Laureate Carol Ann Duffy vor. Claire Harman liest Briefe von Charles Dickens.

Magazinrundschau vom 31.01.2012 - Times Literary Supplement

Ins Herz der Englishness ist Helen Castor mit Adam Nicolsons Geschichte von 12 Familien des Landadels, "The Gentry", vorgestoßen: "Die Schwierigkeit, den Landadel klar zu definieren, rührt aus der Kluft zwischen Theorie - die treu an einem Adel festhielt, in dem Geburt, Manieren und Landbesitz natürlicherweise zusammentrafen - und der viel chaotischeren Praxis. Denn tatsächlich verbargen die ruhigen Fassaden einer beständigen sozialen Ordnung, in der jeder Mann seinen Platz kannte, den Tumult sozialer Mobilität: Ein Gentleman konnte darauf hoffen, in die erhabene Sphäre der Nobilität aufzusteigen, aber wenn er danebentrat, dann riskierte er, im Gedränge aufsteigender Männer niedergetrampelt zu werden."

Magazinrundschau vom 03.01.2012 - Times Literary Supplement

Und wenn man in der Übersetzung die selbstverliebtesten Phrasen rausstreicht, dann könnte Bernard-Henri Levys neues Buch sogar in der englischsprachigen Welt ein Erfolg werden, glaubt der britische Ex-Diplomat und Politiker George Walden, der mit einer Spur von Neid nicht nur auf BHL, sondern auch auf Frankreich blickt: "Nicht nur könnte Levy nirgends außer in Frankreich existieren; die Umstände, die es ihm erlaubten, den [libyschen] Krieg zu beeinflussen, wie er es tat, wären in jedem anderen westlichen Land undenkbar: Ein Regierungssystem, in dem freischaffende Philosophen etwas bewirken können (man denke an Regis Debray und Mitterand); ein Präsident, der nach intellektueller Wertschätzung schmachtet; ein Premierminister, Außenminister und Armeechef, die es akzeptieren, öffentlich von einem Autor im Rennen um das Ohr des Präsidenten geschlagen zu werden - wo würde man das sonst finden? Und Levy war nicht einmal ein Unterstützer Sarkozys oder gar ein Freund."

P.G. Wodehouse hat während seiner Kriegsgefangenschaft in Deutschland einige Radiosendungen gemacht, in denen er amüsante Anekdoten über das Gefängnisleben erzählte. Die Deutschen nutzen das zu Propagandazwecken, aber daraus kann man Wodehouse keinen Vorwurf machen, denn er war total unpolitisch, meint A.N. Wilson nach Lektüre der Briefe von Wodehouse: "Viele Leute glauben, es sei die Pflicht eines Autors, sich mit der 'Realität' zu beschäftigen. In den 30ern hielten es viele von Wodehouses Kollegen mit der Linken und 'identifizierten' sich mit der Spanischen Republik oder mit Stalins Sowjetunion. Eine kleinere Gruppe schloss sich Ezra Pounds, Henry Williamsons und Celines öffentlichem Bekenntnis zum Faschismus an. Aber die zentrale Anziehungskraft von Wodehouse, einem Meister der Sprache, liegt in seiner Fähigkeit, in Redewendungen und Absätzen zu leben, und nicht einen größeren Ausblick zu eröffnen."