Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 33

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Times Literary Supplement

1943 richteten deutsche Truppen im weißrussischen Khatyn ein Massaker an, das in der sowjetischen Erinnerung einen großen Platz einnahm - im Gegensatz zum sowjetischen Massaker im polnischen Katýn. Timothy Snyder erkennt darin kalten Zynismus: "Für die Sowjetunion bestand der Zweite Weltkrieg aus zwei Kriegen, der eine wurde gänzlich vergessen, der andere nur selektiv erinnert. Zwischen 1939 und 1941 kämpfte die Sowjetunion als deutsche Alliierte und marschierte in Polen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Rumänien ein. In dieser Zeit verübten die Sowjets einen Massenmord unter den bis dahin nicht sowjetischen Bevölkerungen, wie an den Polen in Katýn 1940. Zwischen 1941 und 1945, nachdem Hitler Stalin verraten hatte und Deutschland in die Sowjetunion einmarschiert war, verübte Deutschland einen Massenmord in noch größerem Umfang, so wie den im weißrussischen Khatyn 1943. Von Kriegsende bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, versuchte die sowjetische Propaganda den ersten Krieg durch den zweiten zu verdrängen, so dass die Sowjetunion und ihre Bewohner einzig als Opfer und Sieger dastehen. Die deutschen Verbrechen sollten die sowjetischen aufheben. Khatyn sollte Katýn ersetzen. 1969 wandelte die Einweihung des Denkmals für die ermordeten Weißrussen von Khatyn das unvorstellbare Leid der Menschen in Weißrussland in geopolitische Propaganda."

Weiteres: Davis Hanson blickt auf die Geschichte der Kriegstechnik, die immer Gesellschaften verändert hat, aber wenig das Wesen des Krieges. Schön abenteuerlich findet Robert Irwin David Triggers Geschichte "Red Nile", aber leider auch voller Fehler und Fiktionen.

Magazinrundschau vom 02.07.2013 - Times Literary Supplement

Paul Seabright liest Alison Wolfs "The XX Factor" und Sheryl Sandberg "Lean In", die beide - trotz aller Unterschiede - die Vermutung nahelegen, dass sich die Genderfrage mit steigender Bildung von selbst erledige. Seabright glaubt das nicht und erklärt, dass es nicht nur um Gerechtigkeit gehe: "Verglichen mit dem globalen Skandal, dass Millionen von Mädchen unter der Beschneidung leiden müssen, nicht zur Schule gehen dürfen, geschlagen werden und als Erwachsene ökonomisch um ihre Rechte gebracht werden, sollten die Leiden wohlhabender qualifizierter Frauen, die etwas weniger als ihre ebenso talentierten männlichen Kollegen verdienen, niemandem den Schlaf rauben. Es geht aber um die Verteilung ökonomischer Macht in unseren fortgeschrittenen Gesellschaften. Wenn sich weniger als ein Zwanzigstel der 500 größten amerikanischen Unternehmen als kompetent erwiesen haben, einen CEO in der weiblichen Hälfte des Talent-Pools zu finden, welches Vertrauen können wir dann in ihre übrigen Fähigkeiten haben? Wenn ein Mann, der niemals ernsthaft erwogen hat, für eine Vorstandsvorsitzende zu arbeiten, einem erklärt, sein Multimillionen-Dollar-Bonus sei notwendig, um das größtmögliche Talent auf dem Markt zu halten, dann sollte jedes Bullshit-o-Meter durchdrehen."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - Times Literary Supplement

Mit einem bösen Verriss quittiert Terry Eagleton den Briefwechsel von Paul Auster und J.M. Coetzee, in dem sich die beiden Großautoren über Rotkohl, Radfahren und Sex mit der Mutter unterhalten: "Coetzees Bemerkungen über die aktuelle Wirtschaftskrise sind nicht nur eigenwillig, sondern einfältig. Mit der Weltwirtschaft sei eigentlich nichts weiter passiert, schreibt er sorglos an Auster, als dass sich ein paar Statistiken geändert haben. Die Bank von England dürfte von diesem Argument nicht sonderlich beeindruckt sein, noch weniger diejenigen, die von den Finanzgangstern um ihr Hab und Gut gebracht worden sind. Seiner zurückhaltenden Antwort nach zu urteilen, ist es auch Paul Auster nicht, allerdings legt er seinem berühmten Kollegen gegenüber zuviel Respekt an den Tag, um ihm dies auch deutlich zu sagen. Seltsamerweise schlägt Coetzee daraufhin vor, man müsste ein ganz neues Wirtschaftssystem schaffen, um die Zahlen wieder zu korrigieren - eine Logik, die sein Briefpartner weise unbeachtet lässt. In Wahrheit hat keiner von beiden Ahnung von Wirtschaft, und es gibt keinen Anlass zu glauben, dass die gekonnte Handhabung von Metaphern solche Einsichten gewährt."

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - Times Literary Supplement

Während des Kalten Krieges waren Totalitarismustheorien wenigstens nur umstritten, seufzt John Gray, heute sind sind sie, schlimmer noch, aus der akademischen Mode. Zu ihrer Revitalisierung empfiehlt er Vladimir Tismaneanus Werk "The Devil in History", das keinen Zweifel darüber lasse, dass der sowjetische Kommunismus von vornherein so mörderisch war wie der Faschismus: "Es ist unmöglich geworden, von einem relativ wohlgesinnten Lenin zu sprechen', schreibt er, 'dessen Ideen von dem Psychopathen Stalin übel verzerrt wurden.' Anders als Stalin zeigte Lenin keine Anzeichen von Psychopathologie. Gewalt als Methode und Terror als Erziehung waren weniger Ausdruck der Paranoia als vielmehr integrale Bestandteile der bolschewistischen Doktrin. Nach ihren eigenen Aussagen handelten Lenin und seine Anhänger gemäß ihrer Überzeugung, dass einige Gruppen von Menschen vernichtet werden müssten, um das Potenzial der Menschheit auszuschöpfen. Diese Tatsachen werden weiterhin von vielen ignoriert, die sich selbst für liberal halten, und man muss fragen, warum."

Magazinrundschau vom 02.01.2013 - Times Literary Supplement

Der englische Schauspieler und Komödiant Samuel Foote machte gern Witze über andere und über sich selbst - selbst, nachdem ihm nach einem Unfall ein Bein amputiert werden musste. Kein Spaß im 18. Jahrhundert. Ian Kelly, selbst Schauspieler, hat ihn in einer Biografie als den ersten "modernen urbanen Prominenten" beschrieben, erzählt Norma Clarke, die das ganz treffend findet: "Es gefiel ihm, als 'der junge Gentleman' eingeführt zu werden, 'dessen Onkel für den Mord an seinem Bruder gehängt wurde'. Er hatte ein Pamphlet über das Verbrechen geschrieben, das sich so gut verkaufte, dass es ihn aus dem Schuldturm befreite. Er war ein brillanter Mime und unwiderstehlicher Witzbold, geltungssüchtig, Risiken suchend, grob und begabt mit dem, was das 18. Jahrhundert 'animalische Instinkte' nannte. Foote wurde sehr schnell eine West-End-Berühmtheit. Selbst Dr. Johnson, der seine Zweifel hatte, musste in seiner Gesellschaft lachen."

Frederic Raphael liest sich durch die "adipösen" Tagebücher Richard Burtons. Michael Saler bespricht drei Bücher über Alan Turing. Und wer jetzt noch Urlaub hat und sich langweilt, könnte versuchen, Tony Lurcocks literarisches Weihnachtsquiz ohne Google zu lösen: "Who said to his teacher 'History is a raw onion sandwich, sir'?"
Stichwörter: Norma, Turing, Alan, Urlaub

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - Times Literary Supplement

Nicht rundum gelungen findet Lidija Haas Lois Banners Marilyn-Biografie, aber sie ist ihrer Ansicht nach doch ein Schritt auf dem Weg, Marilyn nicht nur als Opfer oder Dummchen zu begreifen, sondern als ganz reale Person. Eine schöne Passage zeigt, dass Monroe nicht einfach emotional und beruflich von anderen Personen abhing, sondern aus einem guten Rat das Beste zu machen wusste: Vor Drehbeginn von "Some like it hot" protestierte sie in einer Unterhaltung mit Lee Strasberg gegen die Dummheit ihrer Figur, die Jack Lemmons und Tony Curtis' Verkleidung nicht durchschaut. Strasberg dachte einen Moment darüber nach und bot ihr aus dem Stegreif eine Lösung an: Sie durchschaut sie nicht, weil sie es nicht will. Sugar Kane ist die Art von Frau, von der sich andere Frauen fernhalten, und zum ersten Mal 'sind hier plötzlich zwei Frauen, die ihre Freundinnen sein wollen'. Marilyn verstand, dass darin eine geniale Einfachheit lag, die funktionieren konnte."

Besprochen werden außerdem Tom Williams' neue Raymond-Chandler-Biografie und Johannes Graves Caspar-David-Friedrich-Monografie.

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - Times Literary Supplement

Anlässlich zweier Mumbai-Reportagen denkt die Philosophin Martha Nussbaum darüber nach, wie sich sinnvoll über Armut schreiben lässt. Katherine Boos "Behind the Beautiful Forevers" ("Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben") und Siddhartha Debbs "The Beautiful and the Damned" findet Nussbaum ausgesprochen kraftvoll erzählt. Sie vermisst jedoch bei beiden eine historische und ökonomische Analyse, um die entfachten Emotionen in "konstruktives politisches Handeln" zu kanalisieren: "Vielleicht ist am fatalsten, dass Boos Erzählung keinen Sinn für Geschichte hat und uns daher nicht einmal zu fragen erlaubt, was von diesem Elend Folge eines liberalisierten Marktes ist und was schon seit langer Zeit da ist. Man muss nur Rohinton Mistrys Roman 'Das Gleichgewicht der Welt' lesen, der in der Hochphase sozialistischer Planwirtschaft spielt, um herauszufinden, dass die meisten der von Boo ausgemachten Nöte - allgegenwärtige Korruption, die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber den Slumbewohnern, das regelmäßige Niederreißen der Slum, das enorme Scheitern der Bildungspolitik - schon vor fünfunddreißig Jahren unter dem Sozialismus in Mumbais Slums vorherrschten, wobei unter Indira Gandhis diktatorischer Herrschaft noch einige Schrecken dazu kamen, wie etwa die Zwangssterilisation der Armen."

Magazinrundschau vom 02.10.2012 - Times Literary Supplement

Absolut überzeugt ist der Keynes-Biograf Robert Skidelsky von dem Buch "Economics After the Crisis", in dem der Ökonom Adair Turner für eine Abkehr von der Wachstumsideologie plädiert. Laut Turner führt Wachstum in den Industriestaaten nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit oder höherer Lebensqualität, denn das BIP messe nur höhere Produktionen und Transfers, nicht bessere: "Für die Zufriedenheit ist dagegen immer die Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft von Bedeutung. Studien zeigen, dass in jeder Gesellschaft die Reichen zufriedener sind als die Armen und dass auf den entsprechenden Einkommensebenen gleichere Gesellschaften ein höheres Maß an Zufriedenheit verzeichnen. Damit wird die Steigerung des Wohlstands oder der Zufriedenheit zu einer Sache der Verteilung."
Stichwörter: Ungleichheit, Zufriedenheit

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - Times Literary Supplement

Der britische, in Harvard lehrende Historiker David Armitage annonciert die Rückkehr der Großen Idee in die Geschichtswissenschaft: "Ideengeschichte konzentriert sich auf Synchronie und Kurzfristiges, nicht auf Diachronie und Langfristiges. Ihre Betonung einzelner Akteure ist auch weit entfernt von den zusammenfassenden und anonymisierenden Methoden einer seriellen Mentalitätsgeschichte. Die Trennung von Ideengeschichte und Longue Durée schien so absolut wie unumkehrbar. Wegen dieser gegenseitigen Ablehnung blieb die langfristige Ideengeschichte bis vor kurzem ein Widerspruch in sich, nahezu eine Unmöglichkeit, und Folge eines tiefen moralischen Fehlers. Doch das erste Gesetz der akademischen Dynamik lautet, dass es für jede Aktion und eine Reaktion gibt: Kinder werden mit dem Bade ausgeschüttet, aber sie besitzen die frappierende Fähigkeit, wieder auf die Füße zu kommen."

Philip French zeichnet anhand verschiedener Neuerscheinungen nach, wie Alfred Hitchcock zu dem Filmgenie wurde, als das er heute verehrt wird.

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - Times Literary Supplement

Zu schnell, zu ungeduldig sind die meisten Autoren, wenn sie Kafka interpretieren, meint der Autor und Literaturprofessor Gabriel Josipovici in einem sehr kritischen Artikel zu einer Reihe von Neuerscheinungen zum Werk Kafkas. Wie man vorgehen sollte, veranschaulicht ihm Ute Dengers in ihrem Essay über Kafkas Skizze "Zerstreutes Hinausschaun": "Sie zeigt, wie vorsichtig und mit welch feinem Gehör Kafka Sprache benutzte. Das Stück erzählt von einem 'wir', einem 'man', das zum Fenster geht und hinausschaut, während die Sonne nach einem grauen Tag untergeht, sieht, wie sie das Gesicht eines kleinen Mädchens erhellt, 'das so geht und sich umschaut', dann sieht man den Schatten eines Mannes auf ihr, der sie überholt. 'Dann ist der Mann schon vorübergegangen und das Gesicht des Kindes ist ganz hell', endet der Text. Der Mann, schlägt Degner vor, 'verkörpert den linearen Leser, der den Text rasch überfliegt; das Mädchen folgt einem ruhigeren Lesemodell' - lässt den Geist wandern, so wie wir den unseren über der Geschichte schweben lassen, Spiegelungen und Übereinstimmungen bemerken und keine schnellen Schlüsse ziehen."
Stichwörter: Skizzen