Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 33

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - Times Literary Supplement

Mit großem Vergnügen hat Gabriel Josipovici die Briefe gelesen, die Samuel Beckett zwischen 1929 und 1940 schrieb, noch unsicher, was er mit seiner Kunst und seinem Leben anfangen sollte: "Am Ende dieses Jahrzehnts zeigten ihm Freunde Gemälde, die sie gekauft hatten und stellten ihm Fragen zu Provenienz und Authentifizierung. Aber Beckett konnte genauso wenig ein Kunsthändler sein wie Französischlehrer, kommerzieller Pilot, Student bei Einstein oder irgendetwas anderes, dass ihm kurz in den Sinn gekommen war, bevor er es fallenließ oder einfach in die Gefilde einer anderen Möglichkeit driftete. Es gab nur eine einzige Sache, die Beckett wirklich wollte und dass war Schreiben. Sogar die Briefe über Kunst befassen sich im wesentlichen mit der selben Sache, von der auch seine Briefe über Musik, Philosophie und Literatur handelten: dem Versuch zu verstehen, was er zu erreichen hoffte und wie die fragliche Kunst ihm dabei helfen konnte. Darum seine Leidenschaft für das unwahrscheinliche Trio Watteau, Cezanne und Jack B. Yeats."

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - Times Literary Supplement

Richie Robertson geht anhand eines Buchs über Hitlers private Bibliothek der Frage nach, ob der Diktator womöglich ein Bücherwurm war. Mit Literatur und Philosophie hatte er jedenfalls nicht viel im Sinn: "Bemerkenswert ist Hitlers Bibliothek vor allem wegen der Bücher, die sie nicht enthält. Schopenhauer und Nietzsche fehlen, was den Verdacht bestätigt, dass Hitler sie nur aus zweiter Hand kannte. Es gibt eine schöne Fichte-Edition, ein Geschenk von Leni Riefenstahl, um Hitler nach einem unglücklichen Zusammentreffen versöhnlich zu stimmen, aber die enthaltenen Anmerkungen sind von jemand anderem. ... Ein weiterer frappierender Mangel zeigt sich in der Literatur. Oechsner zufolge besaß Hitler alle Wild-West-Abenteuergeschichten von Karl May, alle Detektivromane von Edgar Wallace und viele Liebesgeschichten von Hedwig Courths-Mahler (einer deutschen Barbara Cartland), aber nichts, was die Einbildungskraft auf unbekannte Wege führen konnte. In Hitlers mentaler Welt scheint es keinen Platz für Imagination gegeben zu haben." Kritisch fügt Robertson hinzu, dass Teile des Bandes "Hitler's Private Library" nachlässig geschrieben seien. Hitler hingegen habe zumindest den Wert von Nachschlagewerken gekannt.

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - Times Literary Supplement

So vertraut wie der Historiker Keith Thomas wird nie wieder jemand mit dem England der frühen Moderne sein, konstatiert David Wootton. Für sein Buch "The Ends Of Life" hat sich Thomas durch die Oxforder Bodleian Bibliothek gekämpft, um zu dokumentieren, wie dem Konzept der Selbstverwirklichung zwischen 1530 und 1780 begegnet wurde. Das Ergebnis dieser Recherche ist ein umfassendes Mosaikwerk aus Verweisen und Zitaten, das Wootton ganz wunderbar zu lesen findet, auch wenn er mitunter eine Kommentierung der zusammengetragenen historischen Materials vermisst. Eine ähnlich umfangreiche Arbeitsweise möchte er den Lesern dieses Wälzers unterdessen nicht empfehlen: "Sein Buch trägt in dem Sinne einige Charakteristika von Robert Burtons 'Anatomie der Melancholie' (1621), als es umfassend, tolerant und unendlich gebildet ist, allerdings ist es dünner, geschmeidiger und benutzerfreundlicher als dieses aufgebauschte Sammelwerk. Es ist in der Tat schwer, sich eine bessere Einführung in die frühe moderne Welt vorzustellen. Es wird sofort und allgemein als unentbehrlich erkannt werden, nicht nur für Historiker, sondern für jeden, der ein Interesse an der Vergangenheit hat. Alles, was auf den ersten Blick zu fehlen scheint, ist eine Gesundheitswarnung - Thomas' Arbeitsweise zu imitieren, könnte Ihr Leben in Gefahr bringen."

Außerdem: David Aberbach untersucht die Wurzeln des britischen Dichters Stephen Spender.
Stichwörter: England, Bibliotheken

Magazinrundschau vom 24.02.2009 - Times Literary Supplement

Jon Garvie hat sich durch eine Reihe von Büchern zur Globalisierung geackert und stellt fest, dass kulturelle Globalisierung ohne wirtschaftliche Globalisierung nicht zu haben ist. Auch wenn das Autoren wie J. MacGregor Wise ("Cultural Globalization") oder David Singh Grewal ("Network Power") zu glauben scheinen. "MacGregor Wises Mäandern durch Musik- und Jugendkultur zeigt das Bild eines kostenlosen globalen Süßigkeitenladens, in dem modische Kinder sich ihre Identitäten aussuchen und mischen können. Theoretischer Fachjargon strömt frei umher. Individuen 're-territorialisieren' ihre Gesellschaften und Machtverhältnisse zerfallen zu 'grenzgängerischen' kulturellen Räumen. MacGregor beginnt diese 'Wieder-Imaginierung' mit der Erklärung, dass sein Interesse nur kulturelle Globalisierung gilt. Aber der Ausschluss der Wirtschaft funktioniert nicht. Hinterfragen koreanische Teenager in Hiphop-Kleidung wirklich fundamentale Aspekte ihrer Kultur oder befriedigen sie nur eine Marktnische?"

In einem weiteren Artikel freut sich John Bowen über ein Buch, das die philantropischen Ambitionen von Charles Dickens dokumentiert: der hatte seinerzeit ein Frauenasyl eröffnet und versuchte dort mittels selbst erdachter Gesprächstherapie die Fehlgeleiteten zu resozialisieren. Mary Beard hat Stephen Halliwells Geschichte des Lachens in der griechischen Literatur und Philosophie gelesen und gelernt, dass Humorlosigkeit ein Wesenszug von Tyrannen ist, sich die alten Griechen besonders gerne über "Eierköpfe" amüsierten und der Maler Zeuxis sich buchstäblich totlachte, als er eines seiner eigenen Bilder betrachtete.

Magazinrundschau vom 17.02.2009 - Times Literary Supplement

Wenn überhaupt etwas wahr ist auf dieser Welt, dann ist es die Evolution, befindet der Biologe Richard Dawkins. In einem bissigen Artikel tritt der Autor kreationistischen und islamischen Weltbildern entgegen und zeigt sich begeistert von Jerry Coynes Buch "Why Evolution is true": "Woher kommt das oft nachgeplapperte Gerücht, 'Evolution sei nur eine Theorie'? Vielleicht von einem Missverständnis der Philosophen, die behaupten, dass Wissenschaft niemals die Wahrheit beweisen kann. Sie könne allenfalls eine Hypothese nicht widerlegen. ... Evolution ist wahr, in dem Sinne, dass man akzeptiert, dass Neuseeland in der südlichen Hemisphäre liegt. Wenn wir es ablehnen würden, ein Wort wie 'wahr' zu benutzen, wie könnten wir unsere alltäglichen Unterhaltungen führen? Oder einen Fragebogen ausfüllen: 'Was ist Ihr Geschlecht?' 'Die Hypothese, dass ich männlich bin, ist noch nicht widerlegt, aber lassen Sie mich das noch einmal überprüfen.' ... In diesem Sinne ist Evolution wahr - vorausgesetzt natürlich, dass das wissenschaftliche Beweismaterial überzeugend ist. Es ist sehr überzeugend, und Professor Coyne unterbreitet es uns auf eine Weise, dass kein objektiver Leser umhin könnte, es zwingend zu finden."

Magazinrundschau vom 20.01.2009 - Times Literary Supplement

Mit großen Interesse hat George Bornstein Eric J. Sundquists Buch über Martin Luther Kings Traum gelesen. Es geht auch darum, wie dieser Traum von der Linken in sein Gegenteil uminterpretiert wurde. "Die aufschlussreiche letzte Illustration in 'King's Dream', ein Titelbild des linksliberalen Magazins Nation zur Zeit von George W. Bushs erster Inauguration im Januar 2001, ist eine Zeichnung des einflussreichen Cartoonisten Art Spiegelman, die sich Kings Vision auf eine fragwürdige Art aneignet. Sie zeigt Kings Traum, der sich in einen Albtraum verwandelt, als Bush Colin Powell und Condoleezza Rice als erste schwarzen Außenminister und Nationale Sicherheitsberater umarmt. 'Die Implikation ist natürlich, dass King entsetzt gewesen wäre, nicht nur über Bushs Wahl, sondern auch und ganz besonders über seine Ernennung konservativer Schwarzer in sein Kabinett', schreibt Sundquist treffend. 'Allein die Existenz von Schwarzen wie Powell und Rice schien hier der Erwartung zu widersprechen, dass Rasse - zumindest bei Afroamerikanern - den Glauben und die politischen Ansichten vorbestimmt.' Diese Version von Kings Traum verbannt ideologische Unterschiede in die Rasse und ordnet den Charakter der Hautfarbe unter. Damit verkehrt sie Kings berühmten Aphorismus, dass Kinder nicht nach 'ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter' beurteilt werden sollen, in sein Gegenteil."

Besprochen werden außerdem Robert Crawfords Biografie des schottischen Dichters Robert Burns und ein Gesprächsband des schottischen Malers Alexander Moffat und des Dichters Alan Riach, "Arts of Resistance".

Magazinrundschau vom 06.01.2009 - Times Literary Supplement

Mit Erschütterung hat Adam Hochschild das Buch "The Forsaken" von Tim Tzouliadis gelesen, das die Geschichte der Amerikaner erzählt, die während der Großen Depression in die Sowjetunion ausgewandert waren - und dort, als sie nicht mehr für Propagandazwecke nützlich waren, zu Zehntausenden im Gulag endeten: "Tzouliadis' überraschendster Beitrag zu dieser traurigen Geschichte ist, wie die verzweifelten Hilferufe der gefangenen Amerikaner, von denen einige aus den Gefängnissen geschmuggelt wurden, andere von den Familienmitgliedern unter Lebensgefahr direkt an die scharf überwachte amerikanische Botschaft gerichtet wurden, von den Diplomaten in Moskau und den Beamten in Washington ignoriert wurden. Tzouliadis hat sich für diesen Nachweis durch Hunderte von State-Department-Akten gegraben und ist dabei sogar auf ein aus einem Lager geschmuggeltes Holzschild gestoßen, auf dem in Englisch die Wörter standen: 'Retten Sie mich und alle die anderen.' Während selbst der konservative Botschafter des kleinen Österreichs das Leben von mehr als zwanzig österreichischen Linken retten konnte, indem er sie in seinem Keller versteckte, taten die amerikanischen Behörden buchstäblich nichts für die von ihnen verachteten Amerikaner, die aus naivem Idealismus nach Russland gekommen waren."

Magazinrundschau vom 13.01.2009 - Times Literary Supplement

Jane Yager stellt neue deutsche Romane vor: Uwe Tellkamps "Der Turm", Marcel Beyers "Kaltenburg", Ingo Schulzes "Adam und Evelyn" und "Hundert Tage" des Schweizers Lukas Bärfuss. Sie schließt: "'Geschichte aus einem versunkenen Land' ist der Untertitel von Tellkamps 'Turm'. Die Beschreibung der Geschichte und Geografie eines Verlusts war lange eine Stärke der deutschen Literatur. Tellkamp, Beyer und Schulze haben die DDR mit lobenswerter Tiefe und Komplexität untersucht. Bärfuss' Buch unterdessen zeigt in eine vielversprechende neue Richtung für die deutsche Literatur. Die nächste Schriftstellergeneration wäre gut beraten, wenn einige ihrer besten Autoren seinem Beispiel folgen und ihre beachtlichen Fähigkeiten auf den Blick nach draußen konzentrieren würden, auf die Verluste, die von deutschen Autoren nur selten aufgezeichnet werden."

Magazinrundschau vom 23.12.2008 - Times Literary Supplement

Beschwingt von der Lektüre stellt Susannah Clapp Michael Holroyds Buch "A Strange Eventful History" über das dramatische Leben der Schauspieler Ellen Terry, Henry Irving und ihrer Familie vor: "Er war ein elektrisierender Hamlet und ein Impressario, der das Publikum in Scharen ins West End zog. Sie war eine Schauspielerin, die 'Kritiker in Liebhaber verwandelte'. Sein Manager schrieb 'Dracula'. Ihr Sohn erfand das Bühnenbild neu. Und ihr Großneffe, John Gielgud, nutzte die Innovationen dieses Hamlets und den eloquenten Charme seiner Verwandten, um einer der vornehmsten Schauspieler des 20. Jahrhunderts zu werden. Michael Holroyds unglaubliches neues Buch beschreibt eine Dynastie von Dramatikern, eine Dynastie, die zum Teil aus dem Erbgut und zum Teil aus der Imitation geformt wurde. Während er das Leben von Ellen Terry, Henry Irving und ihrer (biologisch nicht gemeinsamen) Kinder erzählt, erhellt er eine Theaterperiode, in der die Ästhetik der britischen Bühne umgewandelt wurde, und Schauspieler einen neuen Status errangen: Irving war der erste theatralische Ritter."

Besprochen werden außerdem Mary Beards für den Besucher "unentbehrliches" Buch über Pompeji und Jean-Pierre Ohls Dickens-Roman "Mr. Dick or the Tenth Book".

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Times Literary Supplement

Platzt nach der Immobilienblase auch die Kunstblase? Geradezu dankbar dafür wäre der Diplomat, Politiker und Autor George Walden. Vielleicht würden dann etwas mehr Qualität und Realitätssinn in die britische Kunstszene einziehen? "Wir haben fast ein Jahrhundert gebraucht, um den Duchamp/Dada-Witz zu kapieren, und jetzt, wo wir ihn verstanden haben, reiten wir ihn mit Wiederholungen zu Tode. Die Behauptung, das zugkräftige Werk von heute beruhe auf der gewagtesten, esoterischsten Kunst von gestern, torpedierte der Erzmodernist Clement Greenberg, als er schrieb: 'Natürlich ist nichts davon wahr. Gemeint ist, dass wenn die fetten Zeiten vergehen, das Neue für neue Varianten bestohlen wird, die dann verwässert und als Kitsch serviert werden.' Greenbergs Beobachtung gilt für das meiste des bewusst 'Gewagten' in der britischen Literatur, für Theater- oder Opernproduktionen ebenso wie für die Kunst. Hedgefonds-Manager haben jetzt die Muße, ihn zu lesen, ihr schrulliges Video oder ihre Büchse mit Exkrementen zu betrachten und soviel Trost daraus zu beziehen wie sie können."

Außerdem: Lucy Dallas stellt vier neue französische Bücher vor, von denen nur EINS in Paris spielt.