Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

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Magazinrundschau vom 27.10.2009 - Times Literary Supplement

Die Gefahr für Trotzki-Biografen liegt immer darin, bei all dem Charisma und Genie Trotzkis dessen Indifferenz gegenüber dem Leid anderer zu übersehen, erläutert Donald Rayfield, selbst Professor für Russisch und Georgisch in London. Mit Robert Services "Trotsky" hat er jetzt die erste Trotzki-Biografie eines Nicht-Trotzkisten gelesen, die denn auch Trotzkis rücksichtslose Seite nie vergessen lässt: "Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Trotzki weniger Bauern oder Mitglieder der Bourgeoisie ermordet hätte, wenn er Stalin hätte überlisten und an seiner Statt die Macht an sich reißen können. Angesichts seiner Überzeugung, die Revolution nach außen zu tragen, hätte Trotzki Osteuropa und China womöglich sogar ein Jahrzehnt vor Hitler in den Krieg gestürzt. Service lässt seinen Leser niemals die Gefühlskälte Trotzkis vergessen, und das zurecht: während der wenigen Aktionen, für die Trotzki mit Stalin zusammengearbeitet hat - bei der Unterdrückung der Orthodoxen Kirche, bei der Deportation von dissidenten Intellektuellen - tat er es dem Georgier in Sachen Rücksichtslosigkeit zumindest gleich, wenn er ihn nicht gar übertraf." Sehr empfehlen kann Rayfield auch Bertrand Patenaudes "Stalin's Nemesis", das die letzten Jahre Trotzkis und dessen Ermordung nacherzählt und auch die "öbszön-primitiven" Liebesbriefe würdigt, die der alternde Trotzki noch vom Krankenbett aus schreiben konnte.

Weiteres: Elizabeth Lowry arbeitet sich mit Laura Cummings "A Face To The World" durch etliche Künstlerselbstporträts von Van Eyck, Dürer, Rembrandt und Courbet bis zu Rothko.

Magazinrundschau vom 29.09.2009 - Times Literary Supplement

Es mag Autoren geben, die schon ab der ersten Zeile wissen, wie das Ende ihres Romans sein wird. Oder deren Figuren die Geschichte gewissermaßen selbst schreiben, wie es manchmal heißt. Bei William Golding war das ganz anders, und am deutlichsten zeigte sich das bei seinem Buch "Darkness Visible - Feuer der Finsternis", an dem er über zehn Jahre gearbeitet hat, lernt Allan Massie aus John Careys Golding-Biografie. "John Carey erzählt den Plot im Detail nach und hält fest, wie oft sich die Geschichte während des Schreibens änderte. 'Windover', notierte Golding im Januar 1974, 'ist möglicherweise ein farbiger Gentleman', der in ein anderes Land ausgeliefert wird, das ihn 'einbuchtet', vielleicht Portugal. Zwei Jahre später, bemerkt Carey, kommt ihm der Gedanke 'dass die richtige Person, die von der britischen Regierung gegen Öl ausgetauscht wird, ein Jude sein würde', deshalb könnte Windover ein 'farbiger Jude' sein, der vom MI5 und vielleicht ebenso von der CIA 'hereingelegt' wird. ... Zu seinem Verleger Monteith sagte er einmal: 'Die größte Schwierigkeit ist, dass ich auch nicht weiß, worum es in dem verdammten Ding geht.' Er hatte so viele Versionen geschrieben, 'dass ich mich nicht mehr erinnern kann, welche welche ist'."
Stichwörter: Portugal, Ausgeliefert

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - Times Literary Supplement

Peter Green annonciert Anthony Graftons Essays "Worlds Made by Words", die mit Blick auf die Renaissance und die Gelehrtenrepublik das Für und Wider der Digitalisierung unseres Wissens behandeln: "Grafton kommt zu dem Schluss, dass die Gegenwart online 'überwältigend zugänglich' werden wird, während wir für die Vergangenheit noch mühsame Handarbeit in den Archiven werden leisten müssen. Die Übertragung selbst der amerikanischen und britischen Archive ins Netz steckt noch immer in den Kinderschuhen, und Grafton liefert starke Argumente für die Notwendigkeit, Originale und nicht nur digitalisierte Bilder anzusehen: Ein Forscher konnte die Geschichte von Cholera-Ausbrüchen verfolgen, indem er in einem 250 Jahre alten Archiv an den Büchern roch, um zu sehen, welche zum Desinfizieren mit Essig besprenkelt waren. Ja, wird der junge Wissenschaftler ermutigt, nutze jeden Vorteil der neuen elektronischen Schatzhöhle. Aber - und hier zeigt Grafton einen seltenen Moment echten und tiefen Gefühl - all die Datenströme, so reich sie auch sind, werden die einzigartigen Bücher, Drucke und Manuskripte, die nur eine Bibliothek bereithalten kann, eher erleuchten als ersetzen."

"Krachend langweilig" findet der Historiker A. N. Wilson Isaiah Berlins Briefe, die Henry Hardy and Jennifer Holmes unter dem Titel "Enlightening" herausgegeben haben. Nur einige davon sind wenigstens boshaft. Am meisten freute sich Berlin über die Pleite, die der Historiker Hugh Trevor-Roper bei seiner Antrittsvorlesung in Oxford erlebte: "Es war schrecklich mitanzusehen, wie betagte Dozenten und weißhaarige Damen rüde von den leeren Stühlen weggedrängt wurden, die darauf warteten, von eleganten Personen aus London gefüllt zu werden. Am Ende kam niemand außer dem Herzog von Wellington und acht Mitgliedern der Familie Astor sowie seiner Frau und seiner Schwester Doria. Die restlichen Stühle wurden von Plebejern besetzt."

Magazinrundschau vom 14.07.2009 - Times Literary Supplement

Gefesselt hat Frederic Raphael "Le Lievre de Patagonie" , die Erinnerungen Claude Lanzmanns an seine vielen Leben und nicht weniger Lieben gelesen. "Der gruseligste Moment der Erzählung beschreibt, wie Lanzmanns Schwester Evelyne ihr Bühnendebüt gab. Simone de Beauvoir und Lanzmann, zu dem Zeitpunkt offiziell als Liebespaar von Sartre gutgeheißen, gingen ins Theater, um sie in Sartres Stück 'Geschlossene Gesellschaft' ('Die Hölle, das sind die anderen') zu sehe. Lanzmann spürte sofort, dass Sartre sich darauf vorbereitete, die Rolle des Teufels zu übernehmen. Je mehr er Evelyne Auftritt lobte, so sicherer war Lanzmann, dass Sartre vorhatte, sie (im üblichen Appartement in der rue Jacob) zu seiner Geliebten zu machen: Er und Le Castor würden dann jeder ein Schoßhündchen Lanzmann haben."

Magazinrundschau vom 07.07.2009 - Times Literary Supplement

In einem umfangreichen Hintergrund-Artikel empfiehlt Rosemary Righter Amir Taheris Buch "The Persian Night", der mit zahlreichen Mythen in der Geschichte des Iran aufräume. Selbst den Putsch der CIA gegen den demokratischen gewählten Premier Mohammed Mossadeq ziehe er in Zweifel: "1953, schreibt er, hatte der ach so große Demokrat Mossadeq, heillos mit dem Schah zerstritten, das Parlament aufgelöst, die Wahlen verschoben, das Kriegsrecht verhängt und regierte nur noch per Dekret. Nur unter Schwierigkeiten erhielt der Schah von den USA die Garantie, ihn zu unterstützen, sollte er Mossadeq des Amtes entheben; dann aber floh er aus dem Land, als Mossadeq seine Entlassung ablehnte. Zu der Zeit, schreibt Taheri, war die CIA, zusammen mit britischen Agenten, tatsächlich in eine Reihe schmutziger Machenschaften involviert, um die öffentliche Stimmung gegen den Premier zu wenden und Furcht vor einer kommunistischen Machtübernahme zu schüren. Aber wie die Prawda damals freudig meldete, vermasselten die USA den Job, denn ihre Pläne hingen von Mossadeqs Rücktritt ab und zerplatzen, als er ihn ablehnte. Die CIA kabelte nach Washington: Die Operation wurde versucht und ist missglückt."

Außerdem: Besprochen werden Alain de Bottons neues Buch "The Pleasures and Sorrows of Work", dem Toby Lichtig unter anderem entnimmt, dass das internationale Prekariat zwar leichter auszubeuten, aber auch schwerer zu kontrollieren ist, sowie David Watkins Studie "The Roman Forum".

Magazinrundschau vom 23.06.2009 - Times Literary Supplement

John Rogister hat zwei Bücher über Versailles gelesen - Tony Spawforth' "Biografie eines Palastes" und William Ritchey Newtons "Derriere la Facade" - und vermutet nun, dass die meisten Aristokraten froh gewesen sein dürften war, als sie 1789 aus diesem hoffnungslos rückständigen Schloss gejagt wurden: Es stank darin pestilenzartig! "Ein kurzes Waschen der Hände und des Gesichts genügte den meisten Höflingen, und die Parfums halfen selten gegen den anhaltenden Körpergeruch. Ein Bad war eher ein Mittel zum Sex als ein Akt persönlicher Hygiene. Bevor das Wasserklosett ein königliches Privileg wurde, war der chaise percee die Regel. Es gab 274 davon zur Zeit Ludwigs XIV.. Der König und seine führenden Höflinge gaben ihre Audienzen, während sie auf ihrem saßen. Der ehrgeizige Diplomat Alberoni erwies dem schwulen Herzog von Vendome seine Reverenz, indem er, als sich Letzterer von seinem chaise percee erhob, ekstatisch ausrief: 'O culo d'angelo', während sich seine Hoheit den Hintern abwischte. Die Bewohner des Hofs und ihre Diener urinierten in Ecken und auf Treppen, Abwasserleitungen waren inadäquat, Abfall und tote Tiere wurden einfach aus dem Fenster auf die Wege geworfen."

Richard Seaford, Gräzist in Exeter, erklärt, dass es die Einführung des Geldes war, wodurch das antike Griechenland zur Blüte kam: "Dieses neue und revolutionäre Phänomen des Geldes unterstrich und beförderte zwei große Erfindungen in der griechischen Polis des sechsten Jahrhunderts: Philosophie und Tragödie."

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - Times Literary Supplement

Ein weiteres Buch aus dem Nachlass von J.R.R. Tolkien ist in Großbritannien erschienen, nämlich sein Versuch, eine empfindliche Lücke der Nibelungen-Sage mit eigenen Gedichten zu stopfen. Wie wird das bei der Tolkien-Leserschaft ankommen, fragt Tom Shippey, der zuvor im Detail erläutert hat, was Tolkiens Konjekturen für das Epos bedeuten. "Viele werden Schwierigkeiten haben mit den Archaismen, schließlich sind die Gedichte siebzig Jahre alt, geschrieben noch dazu von einem Mann, der früheren Zeiten näher stand als seiner Gegenwart. Wer durchhält, wird viel über die Dichtung der Edda und die großen Legenden des Nordens lernen, und einiges von der 'dämonischen Energie', die sie ausstrahlen spüren. Dies ist die unerwartetste von Tolkiens vielen postumen Veröffentlichungen...; die Gedichte halten den Vergleich mit ihren Edda-Vorbildern aus - und immerhin gibt es wenig Poesie ihresgleichen."

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - Times Literary Supplement

Paul Binding feiert den hundertsten Geburtstag der Fotografin und Autorin des New Deal, Eudora Welty. Weltys Texte entstanden nach ihren frühen Fotografien, die sie als junge Mitarbeiterin für Roosevelts "Works Progress Administration" während einer Busreise durch Mississippi aufgenommen hatte, auf dem Höhepunkt der Depression. "Sie fotografierte Mississippians aller Art, junge und alte, schwarze und weiße, arbeitende und sich ausruhende. Viele der Porträtierten waren nie vorher fotografiert worden und dennoch nahm sie nie ein Foto mit einer konventionellen 'Pose' auf, und sie war eifrig darauf bedacht, soviel Hintergrund wie möglich auf dem Bild zu haben, damit 'die Menschen in ihrem Kontext stehen'. 'Ich habe schnell gelernt, wann ich auf den Auslöser drücken musste, aber nur langsam begriff ich, was die Wahrheit eines Erzählers ist: Auf den Moment zu warten, in dem Menschen sich selbst zu erkennen geben. Man muss bereit sein, in sich selbst. Man muss den Moment erkennen, wenn man ihn sieht. Das menschliche Gesicht und der menschliche Körper sind beredt, und ein Schnappschuss ist ein flüchtiger Einblick (so wie eine Geschichte ein langer Blick, ein wachsende Kontemplation sein kann) in etwas, das nie aufhört sich zu bewegen oder etwas von unseren Gefühlen auszudrücken. Jedes Gefühl wartet auf seinen Ausdruck." (Mehr Fotos hier)
Stichwörter: New Deal, Mississippi

Magazinrundschau vom 31.03.2009 - Times Literary Supplement

Im Kopf von Puschkin: In seinem Buch "Pushkin's Lyric Intelligence" versucht Andrew Kahn, dem geistigen Horizont des russischen Nationaldichters nachzuspüren und hat sich dafür systematisch durch hunderte von Bänden gelesen, die Puschkin einst als Lektüre dienten. Damit beschreitet Kahn ganz neue Wege der Forschung, meint Rachel Polonsky. "Kahn benutzt B. G. Modzalevskys kommentierten Katalog der Bibliothek [Puschkins], der die ausgeschnittenen Seiten und die von Puschkin hinzugefügten Randbemerkungen und Kommentare verzeichnet. Er versucht nicht wie frühere Kritiker, Quellen zu identifizieren, sondern das Denken des Dichters durch Lyrik zurückzuverfolgen. Kahns Puschkin ist ein Dichter der Ideen, der intellektuelle Erbe eines 'langen achtzehnten Jahrhunderts', aber einer, der das 'Urteil suspendiert', der seine trügerisch einfachen und transparenten Gedichte als Gelegenheit nutzt für die Dramatisierung dieser Ideen und um einen 'lyrischen Sprecher zu schaffen, der laut denkt'."

Weitere Artikel: Gabriel Paquette erklärt, was Tabak und Schokolade mit dem symbolischen Universum der lateinamerikanischen Ureinwohner zu tun haben. Michael Downes hat in John Tyrrells zweitem Band einer Leos-Janacek-Biografie eine Menge über das Liebesleben des tschechischen Komponisten gelernt, etwa über seine Affäre mit der Schauspielerin Gabriela Horvatova, mit der die zwei nicht hinterm Berg hielten: "Horvatova selbst war wenig diskret: Sie unterzeichnete Postkarten, die Janacek seiner Frau Zdenka aus dem Urlaub in Luhacovice schickte, und als sie sein Haus in Brno besuchte, platzierte sie ihr eigenes Bild an der Wand, indem sie zwei Ölbilder von Janacek und Zdenka auseinanderhängte, die das Paar als Hochzeitsgeschenk erhalten hatte."

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - Times Literary Supplement

Eine Allegorie auf das zwanzigste Jahrhundert, die ganze Tragödie der mitteleuropäischen Länder und Völker liest Karl Orend in Josef Skvoreckys Roman "Ordinary Lives". Protagonist des Buches ist erneut der Tscheche Danny Smiricky; Dreh- und Angelpunkt der Handlung sind die Klassentreffen seiner Abschlussklasse. Von hier aus wirft Skvorecky einen Blick auf Smirickys Biographie und die seiner Mitschüler, auf jene titelgebenden "gewöhnlichen Leben" unter nationalsozialistischem und kommunistischen Terror. "'Ordinary Lives' enthüllt den Horror, der Leben im Totalitarismus innewohnt. Schulkinder, die in einer Zeit leben, als 'wenige Menschen eine Vorstellung hatten vom bodenlosen Übel Hitler', werden in Nazi-Ideologie geschult. Manche besuchen Sommerlager, um ihr Deutsch zu verbessern. Neunzig Prozent von ihnen sind Juden. Neunzig Prozent enden als Asche. (...) Eugenik ist Schicksal. Ein Student mit einem tschechischen Namen wird als Volksdeutscher klassiert. Er landet in Stalingrad. Verwundet, hat er Angst in Kostelec zu bleiben, er glaubt, dass seine Nachbarn in umbringen werden, wenn der Krieg vorbei ist. Madeleines und Tee rufen keine Proust'schen Erinnerungen wach. Jedes Mal, wenn Smiricky eine Schmeißfliege sieht, wird er an jene Schwärme erinnert, die von den Gräbern deutscher Soldaten, die von Partisanen totgeschlagen worden waren, auf seine Stadt niedergingen." (Hier nochmal der Link zu Randy Boyagodas Gespräch mit Skvorecky im Walrus Magazine)

Paul Gifford bedauert es ein wenig, dass in Michel Jarretys 1500-seitiger Biografie Paul Valerys nur das Leben des Lyrikers und Philosophen im Mittelpunkt steht und nicht die Wechselwirkung zwischen Vita und Werk. Dafür hat er Anekdotisches gelernt, etwa zu den permanenten "Geldsorgen" des Porträtierten: "Sein Bedauern den Nobelpreis 'verpasst' zu haben betraf das Preisgeld von 70.000 Francs: der Preis des Geschwaders von Sekretären, die er nie hatte, und des Autos, das er niemals besaß."