Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

865 Presseschau-Absätze - Seite 81 von 87

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - New Yorker

Kann man Hypochondrie heilen? Dieser Frage geht der Mediziner Jerome Groopman in einer Untersuchung des Phänomens nach. Das Problem für den Arzt beschreibt er so: "Das Verständnis der Hypochondrie ist so vage, dass die meisten Ärzte keine klare Vorstellung haben, wie sie mit Patienten umgehen sollen, die daran leiden. Für den erstbehandelnden Allgemeinmediziner ist sie eine knifflige Sache; er sieht oft Patienten mit nebulösen Beschwerden und muss beurteilen, wie tief er diese mehrdeutigen Symptome erforschen will. Der Arzt weiß, dass in seinem Wartezimmer eine beträchtliche Anzahl von Leuten sitzt, die ihm beweisen wollen, dass ihnen nichts fehlt - dennoch muss er für die Möglichkeit offen sein, dass jeder Patient ernsthaft krank ist. Hypochonder dagegen machen einen Arzt mit ihren unaufhörlichen Hintergrundsgeräuschen im Grunde taub."

Zu lesen ist die Erzählung "Runaway" von Alice Munro (mehr hier) und Hendrik Hertzberg beklagt den Mangel an liberalen Radiosendern.

Rebecca Mead stellt eine Polemik gegen die Liebe der Medienwissenschaftlerin Laura Kipnis vor (Pantheon). Kostprobe ihrer "gnadenlosen" Befunde aus dem modernen Paarleben: "Man kann den Abwasch nicht auf später verschieben, ihn nicht schlecht machen, keine Seife benutzen, direkt aus der Tüte trinken, Krümel machen, ohne sie gleich wieder wegzufegen oder die Geschirrspülmaschine so beladen, wie es einem selbst am sinnvollsten erscheint. (?) Man darf nicht im Bett essen. Man darf direkt nach dem Sex nicht sofort aufstehen. Man darf nicht schlaflos sein, ohne ausgequetscht zu werde, was einen wirklich quält." Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter einer Studie über bedrohte Sprachen.

Hilton Als stellt die Theaterproduktionen "Avenue Q" und "Edge" vor, und Anthony Lane sah im Kino "Buffalo Soldiers" von Gregor Jordan, der auf einer amerikanischen Militärbasis in der Nähe von Stuttgart spielt, und Peter Mullans Film "The Magdalene Sisters".

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über den blutigen Sommer im Irak, eine Betrachtung des Autos von morgen, ein Bericht über den Tumult um einen Golfplatz in einer wohlhabenden Stadt und Lyrik von Gerald Stern, Carl Phillips und Rachel Wetzsteon.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - New Yorker

Warum wurde Osama bin Laden nicht gefangen? Diese Frage untersucht Jane Mayer in einem dieser berühmten, mit Informationen nur so gespickten ellenlangen amerikanischen Artikel. Unter dem Titel Letter aus Washington - mehr Understatement geht nicht - erklärt sie uns erst einmal, warum der amerikanische Geheimdienst glaubt, dass bin Laden noch lebt. Gesehen wurde er zuletzt in dem Video vom 26.12.2001. Doch "schickt er pausenlos Bänder und Botschaften an seine Anhänger, mit Instruktionen, die niemand außer ihm geben kann", zitiert Mayer Yossef Bodansky (mehr hier), Direktor der Congressional Task Force on Terrorism and Unconventional Warfare. "Menschen von den Philippinen bis Indonesien und Südafrika stellen bin Laden Fragen und bekommen auch eine Antwort." Warum wurde er dann noch nicht geschnappt? Größtes Problem scheint Pakistan zu sein: "'Bin Laden ist ihre Get Out of Jail Free card,' sagt Yossef Bodansky. 'Jedesmal wenn wir uns über die Heroinproduktion beschweren, sagen sie, "hört mal, wir helfen euch bei bin Laden", und wir machen einen Rückzieher. Wenn wir uns beschweren, dass Pakistan den Terrorismus in Kaschmir unterstützt, berufen sie sich auf bin Laden, und wir machen einen Rückzieher. "Wir sind auf eurer Seite", sagen sie. Aber ich glaube, es gibt starke Hinweise, dass Pakistan ihn beschützt.'"

Weitere Artikel: John Updike bespricht Bücher, die zum 200. Geburtstag von Ralph Waldo Emerson erschienen sind (dazu gibt es einen Artikel mit Links zu Emerson). Peter Schjeldahl stellt die Ausstellung "The American Effect: Global Perspectives on the United States, 1990-2003," im Whitney Museum vor, die zeigt, wie die USA im Ausland gesehen werden. Und David Denby schreibt über den Film "Seabiscuit" von Gary Ross ("Pleasantville"). Lesen dürfen wir außerdem Edward P. Jones' Geschichte "A Rich Man".

Magazinrundschau vom 21.07.2003 - New Yorker

Warum folgen Menschen Diktatoren? Wie werden die Abstraktionen "Totalitarismus, Autoritarismus, der Mob und die Masse" zu Realitäten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Louis Menand in einer weit ausholenden Besprechung mehrerer Studien zum Thema, darunter "Dictators, Democracy, and American Public Culture" (North Carolina Press, hier ein langer Auszug) von Benjamin Alpers, "Talk of the Devil: Encounters with Seven Dictators" (Walker) des italienischen Journalisten Riccardo Orizio und "The Future of Freedom: Illiberal Democracy at Home and Abroad" (Norton) von Fareed Zakaria. Besonders interessant zu lesen ist Menands gegenüberstellender Abgleich etwa zwischen Orizios Befund ("Der sicherste Weg eines Möchtegern-Diktators besteht darin, den Menschen zu versichern, dass ihr Schicksal von Fremden bestimmt wird, die in ganz wesentlichem Maße anders sind als sie selbst") und verschiedenen Analysen zur Begründung des amerikanischen Kriegs gegen den Terror. Des weiteren gibt es Kurzbesprechungen, darunter einer Biografie des Fotografen Robert Capa.

In einem wunderbar nüchternen Text berichtet Judith Thurman von den Schauen für die kommende Männersommermode in Mailand und Paris. So beobachtete sie, dass es für die meisten Designer letztlich "am lohnendsten" sei, für "die begeisterte und kenntnisreiche Klientel zu arbeiten, die ihre Talente am besten zu schätzen weiß - Frauen".

Seymour M. Hersh untersucht, ob die Bush-Regierung in Syrien womöglich eine "nützliche Al-Qaida-Quelle verbrannt" hat. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "View from a Headlock" von Jonathan Lethem, und David Remnick kommentiert die anstehende Neubewertung der Gründe für den Irak-Krieg.

John Lahr stellt die Theaterinszenierungen "Henry V" und "Flesh and Blood" vor, und David Denby sah im Kino die Disneyproduktion "Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl" von Gore Verbinski mit Johnny Depp ("aus der Luft gegriffen"), "gut beobachtet und wahrhaftig" beurteilt er dagegen "The Housekeeper" von Claude Berri.

Nur in der Printausgabe: Oliver Sacks (mehr hier) beschreibt, wie Blinde sich ihre "Vorstellung erfinden", ein Text über das Schicksal eines Meisterwerks der Aborigines, ein Porträt von Sankt Petersburg, dem "300 Jahre alten Traum des Zaren", ein Überblick über neue TV-Produktionen und Lyrik von Lawrence Raab und Katha Pollitt.

Magazinrundschau vom 07.07.2003 - New Yorker

Diese Autoren zeigen "Krallen", lobt Walter Isaacson in seiner Rezension zwei Bücher aus dem Inner Circle des Weißen Hauses über die Clinton-Ära: Hillarys "Gelebte Geschichte" und "The Clinton Wars" (Farrar, Straus & Giroux") von ihrer "Eskorte" Sidney Blumenthal. Beide Autoren versuchten, die Sexskandale um Bill Clinton als Ergebnis einer "rechten Verschwörung" zu belegen. "Obwohl beide Bücher unterschiedliche Tonlagen anschlagen (...), stimmen sie in den gleichen Refrain ein. (...) Aber wo die meisten Memoirenautoren die Haltung milder Selbstentlastung einnehmen, sind diese Autoren nicht in der Stimmung für Zugeständnisse. Sie gehen vielmehr zum Angriff über. Ihre Aggressivität markiert eine zeitgemäße Weiterentwicklung im Ton und Stil von Erinnerungen von Leuten, die im Weißen Haus gearbeitet haben." Auch in den Kurzbesprechungen geht es diese Woche um amerikanische Politik, darunter in Robert Dalleks Biografie von John F. Kennedy und Ann Coulters (mehr hier) Studie "Treason", in der die Autorin Amerikas Kritiker am Krieg gegen den Terror direkte "Nachkommen der Sowjet-Sympathisanten" nennt.

Weitere Artikel: Jeffrey Tobin berichtet über einen veritablen Polizeiskandal, der sich in San Francisco aus einer Schlägerei in einer Imbissbude entwickelt hat. Claudia Roth Pierpont schreibt einen ausführlichen Nachruf auf Katherine Hepburn, zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Benefit of the Doubt" von Tobias Wolff.

Simon Scham stellt zwei "überraschende" Ausstellungen vergessener dänischer Meister vor: Hendrick Goltzius am Metropolitan Museum und Willem van Tetrode in der Frick Collection. Unter anderem durchaus belustigt zeigt sich Anthony Lane von "Terminator 3" unter der Regie von Jonathan Mostow ("Niemand könnte ihm seine Choreografie des Chaos abstreiten, und Schwarzenegger-Fans werden angetan sein, ihren Helden am Haken eines Krans baumeln zu sehen, während dieser durch ein Dutzend Schaufensterscheiben kracht.") Alex Ross denkt in einem Essay beispielsreich über die zunehmende (oder schon längst abgeschlossene?) Akademisierung des Pop nach. "Immer wieder ist Popmusik als Geschichte der Jugendrebellion beschrieben worden, in der sich jede Generation von der lähmenden Mittelmäßigkeit ihrer Vorgänger befreit. Wenn man diese Rebellionserzählungen aneinander reiht, heben sie sich gegenseitig auf."

Nur in der Printausgabe: ein Porträt der "Geheimwaffe" der Red Socks und "Baseball-Professors" Bill James, ein Text zur Frage, wer derzeit eigentlich das Öl im Irak kontrolliert, und Lyrik von Eamon Grennan und Philip Levine.

Magazinrundschau vom 30.06.2003 - New Yorker

In einer umfangreichen Reportage erzählt Peter Hessler, der lange Zeit in China gelebt hat, wie der größte Stausee der Welt am Jangtse entstand und künftig "die Vergangenheit" des Landes überfluten wird. Die Bevölkerung stehe dem Projekt mehrheitlich positiv - oder ins Unvermeidliche ergeben - gegenüber, die "Umsiedlungen" aus dem Staubereich werde von vielen durchaus als "Fortschritt" oder Gewinn gewertet. Hessler selbst hat auf seiner jetzigen Reise entlang des Jangtse dagegen vor allem "gespürt, dass das Timing für den Damm perfekt war (...). Den größten Staudamm der Welt zu bauen, erfüllte die Träume der Kommunisten, sie hätten das jedoch nie vor den Marktreformen, in den Zeiten der Isolation und des Chaos, geschafft. (...) Wenn die Menschen in Zukunft auf Chinas Wandlungsperiode zurückblicken, wird eins der bleibenden Monumente dafür eine riesige Menge toten Wassers mitten in China sein."

Zu lesen ist die Erzählung "The Walk with Elizanne von John Updike, Hendrik Herzberg fragt sich anlässlich des neuen kanadischen Eherechts für Schwule, warum die USA nicht ein kleines bisschen mehr wie Kanada sein könnten, und (der Brite) Ian Frazier berichtet von Erfahrungen, die belegen, dass "alle Filmbilder von Amerika genau stimmen".

In seiner Rezension von Michel Houellebeqs Roman "Plattform" zeichnet Julian Barnes ein wunderbares Porträt des Autors und erklärt, was "unverschämte Kunst" auszeichnet: "... sie muss einen mit der Kraft ihrer Rhetorik und der Starre ihrer Verzweiflung überzeugen. Sie darf keine Zeit lassen für Reaktionen wie 'Moment mal, das kann nicht stimmen'."

Besprochen wird weiter eine "faszinierende" Studie über "Boogaloo" (mehr hier), die "Quintessenz amerikanischer Popmusik". Der Autor Arthur Kempton ventiliere darin "die Lebensläufe und Karrieren von Rhythm-and-Blues-Stars", darunter von Motown-Records-Gründer Berry Gordy (mehr hier und hier), "von fünziger bis zu den siebziger Jahren der erfolgreichste schwarze Plattenproduzent der Welt", erklärt Rezensent Hilton Als. Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter ein differenziertes Porträt der Militärakademie West Point (mehr hier) für das der - zunächst "militärkritische" - Rolling-Stone-Journalist David Lipsky mehrere Jahre recherchiert hat ("Von allen jungen Leuten, die ich getroffen habe, waren die West-Point-Kadetten - obgleich sie wirklich große Jammerer sind - am glücklichsten").

Nancy Franklin porträtiert den Schauspieler Tony Shalhoub, von dessen TV-Serie "Monk" jetzt die zweite Staffel läuft. Um Londoner Theaterpremieren geht es bei John Lahr ("His Girl Friday", "Elmina's Kitchen"), und David Denby sah im Kino "The Hulk" von Ang Lee und die Folgeproduktion: "Charlie's Angels: Full Throttle".

Nur in der Printausgabe: ein Text über den städtebaulichen Umgang mit dem Lincoln-Center, Überlegungen zur Frage, ob man mit dem Druck von Geldscheinen noch immer Popstars erzeugen kann, das Porträt einer vermutlich depressiven 19-Jährigen und Lyrik von Richard Wilbur und James Tate.

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - New Yorker

Die Zeitungsredaktion als Haifischbecken: Elizabeth Kolbert hat sich in der Redaktion der beharrlich als ehrwürdig geltenden New York Times umgesehen, und berichtet über Klatsch, Rivalitäten und die "chronische Unsicherheit", die das "Los" jedes Times-Reporters sei. Sie zitiert in ihrem Text unter anderem den einstigen Mirtarbeiter und heutigen Geschichtsprofessor Robert Darnton, der die Redaktion als einen "rigide hierarchisierten, fast neurotischen Ort des Standesbewusstseins" beschreibt. Demnach "besetzten" die Starreporter den vorderen Teil des Nachrichtenraums, während die jüngeren - die "greenhorns" - an dessen Ende verbannt seien. Darnton schrieb: "Ständige Unsicherheit erzeugt Verbitterung. Während die Reporter gegeneinander um die Anerkennung der Redakteure kämpfen, entwickeln sie eine regelrechte Feindseligkeit gegenüber den Männern am anderen Ende des Raums. (...) Sie fühlen sich vereint in einem 'Wir-gegen-sie-Gefühl', das sie in Saufgelagen und rüden Bürowitzen ausleben. (Ich erinnere mich an ein Geheimtreffen auf der Herrentoilette, wo einer der Reporter einige Techniken 'auf sie zu pissen' vormachte.)"

Zu lesen ist des weiteren die Erzählung "Harvey's Dream" von Stephen King (mehr hier) und Besprechungen: Adam Gopnik las mehrere neue Biografien über Benjamin Franklin, Kurzbesprechungen gibt es unter anderem zu einer Studie über den berühmten englischen Landschaftsmaler William Turner. Alex Ross berichtet über das Festival Bang on a Can, auf dem eine lose Vereinigung von Komponisten und Musikern Musik machen wollen, die "zu funky für die Akademie und zu strukturiert für die Clubs" ist. Hilton Als bespricht eine Adaption von Studs Terkels Oral-History-Protokoll "Race: How Blacks and Whites Think and Feel About the American Obsession", Joan Acocella sah neue Choreografien des American Ballet Theater und des New York City Ballet und Anthony Lane stellt neue Filme vor: den britischen Horrorfilm "28 Days Later" von Danny Boyle und den Dokumentarfilm "Bonhoeffer" von Martin Doblmeier über den von den Nazis ermordeten Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer (mehr hier).

Nur in der Printausgabe: ein Text zu der spannenden Frage, ob man mit einer Wurmzucht reich werden kann, eine Reportage über den US-General Tommy Franks und die Zukunft des Militärs, ein Porträt des Regisseurs Ang Lee ("The Hulk") und dessen "inneres grünes Monster" und Lyrik von John Updike und Mary Karr.

Magazinrundschau vom 10.06.2003 - New Yorker

Viel zu lesen in dieser Doppelnummer. Unter der Überschrift "Was Helen Keller sah" setzt sich Cynthia Ozick in einem ausführlichem Text noch einmal mit den immer wieder auftauchenden Zweifeln an der "Echtheit" der Autobiografie der blinden Schriftstellerin auseinander. "Mindestens dreimal - im Alter von elf, dreiundzwanzig und zweiundfünfzig Jahren - wurde Helen Keller mit Anklagen, Zweifeln und offenem Unglauben überzogen. Sie war zugleich Zielscheibe von Skeptikern und Verehrern. Mark Twain etwa verglich sie mit Jeanne d'Arc (...) Die Geschichte ihres Lebens besteht nicht in ihren Verdiensten, nicht in den Lobreden, zu denen sie inspirierte oder den Auseinandersetzungen, die um sie tobten (echt oder gefälscht? Opfer oder ungerecht Behandelte?). Die überzeugendste Geschichte ihres Lebens, besteht in dem, was sie sagte: 'Ich beobachte, ich fühle, ich denke, ich habe Vorstellungen. (...) Blindheit hat keinerlei einschränkende Auswirkungen auf geistige Vorstellungskraft', bekräftigte sie wieder und wieder."

Weitere Artikel: Drei Autoren geben ihr Erzähldebüt: Heather Clay mit "Original Beauty", Lara Vapnyar mit "Love Lessons, Mondays, 9 A.M." und Daniel Alarcon mit "City of Clowns". In einem sehr sommerlichen Text erzählt David Sedaris (mehr hier), wie seine Familie in den sechziger Jahren ein eigenes Sommerhaus erwarb. Philip Gourevitch (mehr hier) untersucht noch einmal die (wahren) Motive für den Irak-Krieg, und Nick Paumgarten berichtet von der Party anlässlich des 40. Geburtstags der Beruhigungsdroge Valium. Von dessen Erfinder, Dr. Leo Sternbach (mehr hier), erfuhr er dabei, dass dieser eher Scotch bevorzugt: "Black Label. Oder Chivas Regal."

Besprechungen: Nancy Franklin lobt eine neue TV-Serie über das Eheleben mit dem beziehungsreichen Titel "Out of Order", David Denby hat dagegen an zwei neuen Filmen einiges auszusetzen: als "kunstvoll, aber gefühlstot" beurteilt er "The Italian Job" von F. Gary Gray mit Edward Norton, Mark Wahlberg, Charlize Theron und Donald Sutherland und "Friday Night" von Claire Denis hat ihn regelrecht "wütend" gemacht. Zu lesen sind außerdem Kurzbesprechungen, darunter neuer Romane von James Wood und Maile Meloy.

Nur in der Printausgabe: Jonathan Franzen erzählt von einer Begebenheit, die dem Untertitel nach zu schließen auf dem Dach einer High-School spielt, Roger Angel berichtet vom oder bedichtet den Darien Connecticut Def Poetry Slam, zu lesen ist die Erzählung "Gogol" von Jhumpa Lahiri und Lyrik von Nadia Herman Colburn, L. B. Thompson und Spencer Reece.

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - New Yorker

In einem wie immer brillant recherchierten Artikel untersucht Barry Werth, wie die amerikanische katholische Kirche die Psychiatrie schon seit Jahrzehnten zum Schutz von Priestern benutzte, die Kinder missbrauchten. Werth stützt sich dabei vor allem auf Veröffentlichungen des Psychotherapeuten und ehemaligen Priesters Richard Sipe, der sich ausführlich mit diesem Thema befasst hat. "Wenn ein verirrter Priester sich zu sehr schämte, einem anderen Priester zu beichten, wurde er dazu aufgefordert, dies einem Laienpsychiater gegenüber zu tun, der ihn nicht aus moralischen Gründen verurteilen würde und nicht darüber sprechen durfte (...) Sipe schrieb 1996 in einem Bericht über drei Fälle: 'Psychiatrie und Psychologie wurden dazu benutzt, den anstößigen Kirchenmann zu behandeln, Skandale zu vermeiden und das Rechtssystem zu beschwichtigen, wenn der Betroffene mit dem Gesetz in Konflikt geriet.'"

Weitere Artikel: Hendrik Hertzberg kommentiert die Versuche, Bagdad wieder "zum Laufen" zu bringen. Simon Schama rezensiert eine Biografie über George Nathaniel, Viscount Curzon, den ehemaligen britischen Vizekönig von Indien, dessen Frau bekanntlich einer Schildkrötensuppe ihren Namen gab (Farrar, Straus & Giroux). Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, die sich in dieser Woche allesamt mit Publikationen zur Antike beschäftigen. Haruki Murakami (mehr hier) steuert seine Erzählung "The Folklore of Our Times" bei.

John Lahr bespricht zwei Theaterstücke: Athol Fugard's "Master Harold' . . . and the Boys" und "I Am My Own Wife", Doug Wright's Adaption der Lebenserinnerungen von Charlotte von Mahlsdorf. Alex Ross berichtet über die Aufführung von Liszt's letzter, unvollendeter Komposition, dem Oratorium "Sankt Stanislaus" auf dem May Festival in Cincinnati. Anthony Lane schließlich sah den Zeichentrickfilm "Finding Nemo" von Andrew Stanton. Zu hören sind darin Geoffrey Rush als Pelikan und Willem Dafoe als ein "ozeangestählter Schlägertyp von Fisch namens Gill".

Nur in der Printausgabe: ein Porträt des Lyrikers Robert Lowell (mehr hier), ein Bericht von der Weltmeisterschaft der Tierpräparatoren (mehr hier), ein Text über die Probleme, ein zeppelinartiges Luftschiff namens "blimp" zu fliegen, und Lyrik von Donald Hall, Stanley Moss und Michael Longley.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - New Yorker

Einen schönen Einblick in die Filmmaschine Hollywood gibt Tad Friends Porträt des Geschäftsmanns Roy Lee, der - erfolgreich - versucht, "Asien nach Hollywood" zu bringen. "Was Lee für seinen Lebensunterhalt tut, klingt ziemlich einfach, aber in Hollywood hatte daran bisher einfach noch niemand gedacht. Er schaut sich Videos von allen Filmen an, die jemals in Asien gedreht wurden, pickt sich die größten Hits raus und verkauft dann im Namen der asiatischen Vertriebe 'Remake-Rechte' an US-Studios, die dann amerikanische Big-Budget-Spektakel daraus machen. Begonnen hat er mit dieser Arbeit, nachdem er im Jahr 2001 einen japanischen Horrorfilm namens 'Ringu' gesehen hatte, in dem es um ein Videoband geht, das jeden tötet, der es anschaut. Mit Lee als Mittelsmann kaufte Dream Works die Remake-Rechte für eine Million Dollar, und die Produktion 'The Ring' wurde im letzten Herbst zu einem Überraschungserfolg, der mehr als 129 Millionen Dollar einspielte."

Zu lesen ist des weiteren die Erzählung "The Accident" von Gao Xingjian (mehr hier) und Besprechungen: Adam Hochschild stellt eine Publikation über die Afrikaforscher David Livingstone und Sir Henry Morton Stanley vor ("Into Africa: The Epic Adventures of Stanley and Livingstone", Doubleday), John Updike rezensiert den Roman "Mortals" (Knopf) von Norman Rush, außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter die Lebenserinnerungen von Betsy Blair, der Ehefrau von Gene Kelly und später von Regisseur Karel Reisz.

Paul Goldberger würdigt zwei neue Kulturbauten: das Contemporary Arts Center von Zaha Hadid in Cincinnati und das Richard B. Fisher Center for the Performing Arts von Frank Gehry in Bard College, das einhundertzwanzig Meilen nördlich von New York am Hudson zu besichtigen ist. Peter Schjeldahl stellt eine Malevich-Retrospektive im Guggenheim-Museum vor, und Joan Acocella porträtiert den jungen Choreografen Rennie Harris.

David Denby lobt schließlich "Capturing the Friedmans" von Andrew Jarecki. Der "außergewöhnliche" Dokumentarfilm über einen ehemaligen Lehrer und seinen jüngsten Sohn, die wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs von Schulkindern verurteilt wurden, sei "eine Meditation über Perversion und Wahrheit und einer der herzerreißendsten Filme, die je über eine amerikanische Familie" gedreht wurde.

Nur in der Printausgabe: das Porträt einer Wissenschaftlerin, die "neutrinos" jagt, ein Text über die Frage, wie Gertrude Stein und Alice B. Toklas die deutsche Besatzung überlebt haben, und Lyrik von W. S. Merwin, Robert Pinsky und Lucie Brock-Broido.

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - New Yorker

Sehr lehrreich, aber durchaus speziell, ist ein Artikel von Jeffrey Toobin, der über die Kämpfe um die Ernennung von Richtern durch den Präsidenten informiert. "Stärker noch als Ronald Reagan versprach George W. Bush in seinem Wahlkampf eine ideologische Umformung der Bundesjustiz, die 665 Bezirksrichter, 179 Appellationsrichter und neun Richter am Obersten Bundesgericht umfasst, die alle eine Lebensstellung haben. (...) Im vergangenen Jahr sagte er (Bush) öffentlich: 'Wir müssen gute, konservative Richter in die Gerichte berufen, die vom Senat der Vereinigten Staaten anerkannt sind."

Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Cryptology" von Leonard Michaels und eine ziemlich atemlose Glosse über Rauchen (besser: Nichtrauchen) in New York. Hendrik Hertzberg kommentiert die Querelen in der "Times" als Folgen des Fälschungsskandals.

James Wood lobt eine Studie über die Entstehungsgeschichte der englischen King James Bibel im frühen 17. Jahrhundert, deren Texte noch heute Bestandteil der englischen Liturgie sind. "Adam Nicolsons wunderbares Buch 'God's Secretaries' (HarperCollins) ist auf eine Weise populärwissenschaftlich wie populärwissenschaftliche Bücher eben sind: eher spielerisch als gelehrt, aber gleichwohl gebildet, elegant geschrieben, leidenschaftlich und erfrischend fußnotenfrei. Es ist auch mit Liebe für die Sprache der King James Bibel geschrieben. Nicolson ist geradezu entzückt von ihrer Wortgewalt - 'Englands Entsprechung zu der großen Barockkathedrale, die es niemals gebaut hat' - wie er es nennt. Und seine Begeisterung ist ansteckend." Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter eines Romans von Frederick Turner über den Kornettisten und Jazz-Komponisten Bix Beiderbecke ("1929", Counterpoint), in dem auch Al Capone, Bing Crosby, Maurice Ravel und Paul Whiteman auftauchen.

John Lahr sah die zwei neuen Einakter "Writer's Block" von Woody Allen und "Cavedweller" von Kate Moira Ryan. Über Allen schreibt er: "In den Achtzigern und Neunzigern beschrieb Allen als Spezialist für den Zusammenbruch ein überdrehtes Amerika; jetzt, wie er in 'Writer?s Block' verstohlen eingesteht, ist auch die Erschöpfung ein Thema für ihn geworden." Nancy Franklin erklärt, warum die Dokumentarfilmserie "Independent Lens" ein gutes Beispiel dafür ist, was "Fernsehen wertvoll" macht. Und Anthony Lane bespricht die Filme "Down with Love" von Peyton Reed mit Renee Zellweger und Ewan McGregor und eine restaurierte Fassung von Jean-Luc Godards (mehr hier) "Eine Frau ist eine Frau" von 1960.

Nur in der Printausgabe: ein "Letter from India", der über gewaltbereite nationalistische Hindus informiert, ein Porträt von Roger Ailes, dem Chef von Fox News (mehr hier), ein Erlebnisbericht über eine Autofahrt, eine Glosse über Spams (sprich: Mailmüll) und Lyrik von Charles Wright und Jayanta Mahapatra.