Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 20

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - New Statesman

Dass die Nato wieder gestärkt dasteht, ist vielleicht weniger eigenes Verdienst als das der Ukraine, überlegt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, denn schließlich sei die Nato davon ausgegangen, dass Russland seinen Nachbarn in drei Tagen überrollt. Und überhaupt: Hat das Militärbündnis einen Plan, zum Beispiel in Bezug auf China oder Amerikas zunehmend dysfunktionale Politik? Und hat Europa einen Plan? "Wenn Amerika mit seiner mehr oder weniger offenen Strategie, Russland auszubluten, Erfolg hat, warum sollte das ein Zeichen für eine Neuausrichtung auf die europäische Sicherheit sein und nicht das Gegenteil? Wenn die USA bereit sind, Risiken einzugehen, um Russland als strategischen Konkurrenten zu schwächen, dann vermutlich, um sich besser auf China konzentrieren zu können. Und das wirft die größere strategische Frage auf: Stehen Europas Interessen in Bezug auf China im Einklang mit denen der USA und was hat die Nato damit zu tun? Solange die aktuelle Krise den Fokus auf Werte und Prinzipien legt - Demokratie gegen Diktatur - kann man eine Meistererzählung der freien Welt gegen den Autoritarismus von Xi Jinping und Putin konstruieren. Aber in anderer Hinsicht braucht es eine ziemlich glühende Fantasie, um Frankreichs versprengte koloniale Besitztümer im Indopazifik als gleichwertig mit Amerikas Anteil am Glacis zu betrachten, das aus Japan, Südkorea und Taiwan besteht. Deutschland seinerseits unterhält weiterhin enge wirtschaftliche Beziehungen zu China. Wie Herbert Diess, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, offen gesagt hat: 'Wenn wir unser Geschäft auf die etablierten Demokratien beschränken, die etwa sieben bis neun Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und dabei noch schrumpfen, dann gäbe es eindeutig kein tragfähiges Geschäftsmodell für einen Automobilhersteller... Wenn Sie nicht in China sind, haben Sie ein Problem. Wenn Sie in China sind, haben Sie eine Chance.' Für Berlin wäre ein Wechsel von einem Energiekrieg mit Russland zu einem Handelskrieg mit China ein wirtschaftlicher Worst Case."

Magazinrundschau vom 15.03.2022 - New Statesman

Putin ist nicht Stalin, betont der britische Historiker und Stalin-Biograf Simon Sebag Montefiore, und das nicht nur weil Stalin sowohl in seinen Verbrechen als auch in seinen Verdiensten größer war. Die Gemeinsamkeiten erschöpfen sich recht schnell: "Stalin und Putin teilen die Ansicht, dass eine auf Zwang gestützte Autokratie die beste Art sei, Russland zu regieren. 'Russen brauchen einen Zar', befand der Marxist Stalin. Das glaubt auch Putin, der für sich gern den Mystizismus und Pomp zaristischer Großartigkeit in Anspruch nimmt. Beide teilen eine Obsession für die Geschichte. Immer wenn Putin Historiker trifft, fragt er, wie die Geschichte ihn beurteilen werde. Als der frühere amerikanische Botschafter in der Sowjetunion, W. Averell Harriman, Stalin zur Einnahme Berlins gratulierte, erwiderte er: 'Ja danke, aber Alexander I. nahm Paris.' Doch die Unterschiede fallen ebenso ins Auge. Stalin war ein Georgier, geboren unter dem Namen Dschugaschwili. Der in Leningrad geborene Putin betonte in den ersten Tage seiner Invasion in die Ukraine: 'Ich bin Russe.' Stalin war ein fanatischer marxistischer Internationalist; Putin glaubt an den Exzeptionalismus der 'Russischen Welt', die mit dem Übertritt von Wladimir dem Großen zum orthodoxen Glauben im Jahr 988 ihren Anfang nahm. Er verachtet die marxistische Ideologie und glaubt, dass mit Lenins Revolution das russische Imperium zertrümmert wurde. Der Kommunismus steht ihm fern, er setzt auf einen Kreml-KGB-Kapitalismus. Stalin, der sich nicht für Geld interessierte und nur eine Reihe von Uniformen besaß (auch wenn er gern in komfortablen Villen residierte), wäre abgestoßen von der Vulgarität der Yachten und Flugzeuge der russischen Superreichen."

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - New Statesman

Mit Interesse liest John Gray Adam Rutherfords Buch "Control" über die Rückkehr der Eugenik, aber ganz einverstanden ist er nicht. Rutherford sei auf dem linken Auge blind, glaubt Gray. Nicht nur die Nazis hätten am Übermenschen gearbeitet, auch die Linke wollte die Menschheit verbessern, indem sie die Elenden abschaffte. Und anstatt die Gen-Projekte des Silicon Valleys ganz grundsätzlich in den Blick zu nehmen, starre Rutherford nur auf ein paar obskure Rassisten am Rande: "Der grundlegende ethische Einwand gegen die Eugenik besteht darin, dass sie einigen Menschen das Recht einräumt, darüber zu entscheiden, ob das Leben anderer lebenswert ist. Als Mitglied einer Intellektuellen-Dynastie, zu der auch der viktorianische Über-Darwinist TH Huxley und der Schriftsteller Aldous Huxley gehörten, hat Julian Huxley nie daran gezweifelt, dass eine verbesserte menschliche Spezies seiner eigenen hohen Intelligenz entsprechen würde. Aber nicht jeder hält den Intellekt für die wertvollste menschliche Eigenschaft. General de Gaulles Tochter Anne hatte das Down-Syndrom, und der berühmt-berüchtigte, zurückhaltende Soldat und Widerstandsführer nannte sie 'meine Freude', und als sie im Alter von 20 Jahren starb, weinte er. Die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen, mag für ein gutes Leben entscheidender sein als selbstverliebte Klugheit. An dieser Stelle kommt der Transhumanismus ins Spiel. Er ist in der Regel nicht rassistisch und beinhaltet in der Regel keinen kollektiven Zwang, sondern nur die freiwilligen Handlungen von Menschen, die sich selbst verbessern wollen. Aber wie die Eugeniker verstehen auch die Transhumanisten die Verbesserung der Menschheit als die Produktion von überlegenen Menschen wie sie selbst."

Magazinrundschau vom 01.02.2022 - New Statesman

Das stärkste Argument des Liberalismus war stets, dass nur offene Gesellschaften Innovationen und Wohlstand generieren können, doch China hat diese Annahme widerlegt, gesteht John Gray im Gespräch mit dem amerikanischen Konservativen Ross Douthat, der den Westen ebenfalls im Niedergang sieht. Eine Nachfolge für die kulturelle Hegemonie der USA ist Gray zufolge aber nicht in Sicht: "Die westliche Macht schrumpft sowohl in geopolitischer als auch in kultureller Hinsicht rapide. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ein neuer globaler Hegemon auftritt. China wird den Platz, den Amerika in der Welt besetzte, nicht einnehmen, auch weil es nicht von dem universalistischen Wertesystem angetrieben wird, das der westliche Liberalismus vom Christentum geerbt hat. Russland strebt kein globales politisches Projekt wie zu Sowjetzeiten an, sondern will sich wieder als Großmacht behaupten. Der Islam ist ein universalistischer Glaube, aber innerlich zu gespalten, um das, was von der westlichen Zivilisation übrig geblieben ist, systematisch herausfordern zu können. Auf absehbare Zeit wird es keinen Nachfolger für die amerikanische Hegemonie geben. Aber durch seinen wirtschaftlichen Einfluss auf Hollywood, Silicon Valley und die westlichen Universitäten wird China seinen kulturellen und politischen Einfluss weiter ausbauen. Auch Indien wird seine Kultur exportieren, teilweise durch den Erfolg seiner Diaspora, von der einer - Rishi Sunak - ein zukünftiger britischer Premierminister sein könnte. Russland, das wegen der abschreckenden Wirkung von Putins Autoritarismus gemeinhin als Kulturexporteur abgeschrieben wird, kann seine zivilisatorische Reichweite durch seinen wachsenden Einfluss auf das 'nahe Ausland' und die Eliten Kontinentaleuropas ausweiten. Keine dieser Entwicklungen wird auf das hinauslaufen, was Sie als 'eine rivalisierende Weltkultur' bezeichnen."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - New Statesman

Im Aufmacher des New Statesman malt John Gray die "Dämmerung des Westens" in unnachahmlich düsteren Farben. Der Abzug aus Afghanistan war nur ein Symptom. Der Westen glaubt längst nicht mehr an sich selbst, ausgehöhlt vor allem von einem Diskurs der Moderne, der die Solidarität (linke Version) und Tradition (rechte Version) zersetzte und in die Abgründe der Postmoderne mündete: "Einander scheinbar feindlich gesonnen haben Neoliberalismus und progressives Denken ihre gemeinsame Wurzel in der Privilegierung der individuellen Entscheidung gegenüber anderen menschlichen Werten. Gemeinsam erodieren sie die sozialen Bindungen, die der Einzelne braucht, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das Ergebnis ist eine akute Form der Anomie. Der esoterische Liberalismus der Sprachpurifizierung, der die Kontrolle über viele amerikanische Universitäten und Institutionen übernommen hat, kann als ein Versuch verstanden werden, wieder eine Art Solidarität im entstandenen Chaos zu schaffen. Vor allem die Universitäten sind Bühnen von Kampfsitzungen im maoistischen Stil, während die Medien Agitprop betreiben. Fast alle amerikanischen Institutionen sind politische Kriegsschauplätze. Unter diesen Bedingungen erscheinen Versuche, amerikanische Ideen der Regierungsführung zu exportieren als Globalisierung amerikanischer Geistesstörungen." Gray rät den westlichen Ländern den Rückzug auf sich selbst, den sie ja angeblich längst angetreten haben.

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - New Statesman

Noch ist Europa weit entfernt von Australien, doch auch in der nördlichen Hemisphäre werden die Waldbrände von Sommer zu Sommer verheerender, warnt der Klimaforscher Tim Flannery mit Blick auf die Brände in Griechenland, Portugal oder auch Sibiren und sieht ein Zeitalter der Megafeuer heraufziehen "Da die Feuer immer stärker genährt werden, werden die Brände größer und heißer. Manche werden so groß, dass sie selbst das Wetter verändern. Die australischen Brände des Schwarzen Sommers 2020 speisten sich aus einer noch nie dagewesenen Menge an Brennstoff, den das trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen geschaffen hatte, sie wuchsen zu einem Feuer heran, wie es das zuvor noch nie gegeben hat. Vor dem Jahr 2000 brannten in einem schlechten Jahr etwa zwei Prozent der gemäßigten Laubwälder Australiens. Doch im Schwarzen Sommer 2020 gingen 21 Prozent in Flammen auf. Das ist ein Anstieg um das Zehnfache - in einem einzigen Jahr. Jede Wirkung des Feuers wurde durch sein Ausmaß noch verstärkt. Mehr als 400 Menschen, von denen einige viele Kilometer vom nächsten Feuer entfernt lebten, starben an Rauchvergiftung. Die Schäden an der Infrastruktur, einschließlich der Häuser, waren beispiellos und es wird viele Jahre dauern, bis sie beseitigt sind. Einige Gemeinden werden sich möglicherweise nie wieder vollständig erholen. Und als die Flammen schließlich durch sintflutartige Regenfälle und enorme Überschwemmungen gelöscht wurden, wurde giftige Asche in solchen Mengen in den Ozean vor Ostaustralien gespült, dass die Meeresumwelt verwüstet wurde, was zu einem Massensterben an den vorgelagerten Riffe führte."

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - New Statesman

Der Krieg in Afghanistan ist vorbei, für uns im Westen jedenfalls. Nach 20 Jahren Aufbauarbeit, mit Geld in der Höhe (auf heutige Verhältnisse umgerechnet) des Marshallplans für Deutschland - wie konnte der Einsatz in einem derartigen Desaster enden? Westliche Halbherzigkeit und eine Korruption, die Teile der afghanischen Elite zu Großgrundbesitzern in den Golfstaaten werden ließ? So jedenfalls denkt der britische Historiker Adam Tooze: "Das charakteristische Merkmal des modernen Afghanistans ist die ungleiche Entwicklung und die große Ungleichheit. Die sechs Großstädte Kabul, Mazar, Dschalalabad, Herat, Kundus und Kandahar sind eine Welt für sich im Vergleich zu den anderen 28 Provinzen des Landes. Kritiker des Hilfssystems bezeichnen Afghanistan als 'Rentierstaat'. Die westliche Hilfe, die in ein hierarchisches und balkanisiertes soziales und politisches System fließt, hat zur Entstehung von Parallelwirtschaften geführt. Die Eliten haben das Wachstum für sich monopolisiert, während die Menschen am unteren Ende der Gesellschaft das Nachsehen haben. Die Taliban stützen sich auf eine solide Organisation, auf ihr Engagement und auf eine umfangreiche Schattenwirtschaft. Aber was ihre Bewegung letztlich am Leben erhält, ist das Elend auf dem afghanischen Lande und die Wut vieler junger Männer gegen die allgegenwärtige Korruption und Ungerechtigkeit. ... Die grandiosesten Pläne der USA für Afghanistan sahen das Land als eine wichtige Station auf einer 'Neuen Seidenstraße' vor. General Petraeus und ein 'Tigerteam' im US Central Command (CentCom) sahen in Afghanistan ein wichtiges Glied einer transkontinentalen Handelsroute. Handel und Wirtschaftswachstum sollten die Lücke füllen, die nach dem Ende der amerikanischen Truppenverstärkung entstand. Am 20. Juli 2011 begrüßte die US-Außenministerin Hillary Clinton in einer Rede in Indien die CentCom-Initiative Neue Seidenstraße. Doch die Idee wurde nie umgesetzt. ... Es war China, das die Vision der Neuen Seidenstraße mit seiner 2013 beschlossenen Belt and Road Initiative (BRI) aufgriff. Aber Chinas BRI umgeht Afghanistan und überlässt es den Amerikanern."

Ido Vock knabbert noch an der Tatsache, dass amerikanische Regierung und die Medien die Realität derart unterschätzt haben, dass sie noch am 12. August glaubten, Kabul könnte sich noch drei Monate gegen die Taliban halten: "Die Regierung Biden wird sich auch fragen lassen müssen, ob der Abzug einer historisch niedrigen Truppenstärke - nur rund 3.500, was einem Höchststand von rund 110.000 im Jahr 2011 entspricht - den Zusammenbruch des afghanischen Staates wert war. Die Verbündeten der USA, die in Afghanistan waren, werden sich fragen, ob es richtig war, dem amerikanischen Beispiel zu folgen und ihre Truppen ebenfalls abzuziehen."

Lynne O'Donnell erzählt von ihrer Flucht aus der Provinz Balkh, die von einer Gouverneurin regiert wurde (sie, ihr Ehemann und der Fotograf Massoud Hossaini flohen mit O'Donnell). Dabei kamen sie auch durch Bamiyan, dessen frisch ernannten Gouverneur O'Donnell interviewte: "Er ließ in unser Gespräch fallen, dass die Taliban, die einen Bezirk in einem abgelegenen Tal kontrollieren, Listen aller Mädchen und Frauen verlangt hatten und sie mit jungen bewaffneten Aufständischen verheiraten wollten. Die Geschichte, die Massoud und ich berichteten, bestätigte die erschreckenden Gerüchte, die seit Beginn des Vormarsches der Taliban im Mai im Umlauf waren. Es gab enorme Gegenwehr. Taliban-Sympathisanten und Trolle beschuldigten uns der Lüge, der Erfindung, der Fake News - und das, obwohl wir über ein halbes Dutzend Quellen sowie Video- und Fotomaterial von unseren Gesprächspartnern verfügten."

Magazinrundschau vom 03.08.2021 - New Statesman

In einem Beitrag des Magazins behauptet John Gray, was uns an China und Russland ängstigt, seien in Wahrheit nur die finsteren Schatten des Westens selbst: "Westliche Ideologien beherrschen weiter die Welt. Xi Jinping pflegt eine Variante des integralen Nationalismus, der dem der Zwischenkriegszeit in Europa ähnelt, während Putin gekonnt leninistische Methoden einsetzt, um ein geschwächtes Russland wieder zur Weltmacht zu machen. Ideen und Projekte aus dem illiberalen Westen machen noch immer Weltgeschichte. Zugleich ist der westliche Liberalismus illiberal geworden … China und Russland, beide Rivalen des Westens, werden beherrscht mit Hilfe von Ideen, die westlichen Quellen entstammen (das gleiche gilt für Narendra Modis Nationalismus in Indien und einige islamistische Bewegungen) … Der Einfluss westlicher Ideen auf Chinas Führung zeigt sich etwa in der Bezugnahme auf den antiken griechischen Historiker Thukydides durch offizielle Sprecher. China, so lautet die Versicherung an westliche Besucher, werde nicht in die Thukydides-Falle gehen, also der Tendenz aufstrebender Nationen nachgeben, etablierte Mächte von ihrer dominanten Position zu verdrängen und Krieg zu verursachen … Das Studium westlicher Klassiker wird an Chinas Universitäten besonders gefördert. Die Texte werden oft im griechischen oder lateinischen Original gelehrt (anders als in Princeton, wo das inzwischen als rassistisch abgelehnt wird). Chinas meritokratische Intelligenzija ist bekannt für ihr tiefes Verständnis des westlichen politischen Denkens und der Werke von Tocqueville, Burke, Hobbes oder Foucault. Carl Schmitt gilt als Leitstern der politischen Entwicklung Chinas … Vor allem Schmitts Idee vom Souverän, der die Homogenität des Volkes befördert, scheint für die chinesische Führung attraktiv."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - New Statesman

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erzählt in einem epischen Artikel praktisch die gesamte (Wirtschafts-)Geschichte Chinas seit den Opiumkriegen und kommt gegen Ende, im interessantesten Part seines Artikels, auf das aktuelle Verhältnis Amerikas und des Westens zu Chinas zurück, das von einer Suche nach Verbindlichkeit auf "Wettbewerb" geschaltet worden sei. China selbst habe sich zwar nicht zu einem so aggressiven Akteur entwickelt wie Russland, Iran oder Saudi Arabien, aber nach innen ist das Land extrem repressiv, und nach außen verhält es sich ein dezidierter Nationalstaat, schreibt Tooze. "Nur hatte keine Nation je Chinas Größe." Der Westen, so Tooze, muss schon aus einem Grund weiterhin die Zusammenarbeit suchen: "Im November wird Großbritannien Gastgeber der UN-Klimakonferenz 2021 sein, bei der alle Augen auf China gerichtet sein werden. Das Land ist für 28 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und emittiert damit mehr als die gesamte OECD, die USA, Europa, Japan und der Rest zusammen. Es gibt keine Lösung für die Klimakrise ohne ein großes und teures Engagement Pekings. Nur China hat das nötige Gewicht, um die Energieexporteure der Welt, insbesondere Russland, dazu zu bewegen, sich auf den Ausstieg aus dem Öl vorzubereiten. Peking hält im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft der Menschheit in seinen Händen. "

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - New Statesman

Im vorigen Jahr wanderte Tim Parks den Weg nach, auf dem Giuseppe Garibaldi 1849 vor den französischen Truppen aus Rom fliehen musste (unser Resümee). Jetzt ist sein Buch "The Hero's Way" erschienen, und Jeremy Cliffe fragt sich beim Lesen, ob der italienische Nationalheld, der auch in Südamerika und Frankreich für die Freiheit kämpfte, heute ein Bürger von Nirgendwo oder von Überall wäre? Garibaldi war ein Mann mit braunen Augen, von denen jeder dachte, sie wären blau, lernt Cliffe: "Wenn sein Vermächtnis heute uneindeutig erscheint, liegt das daran, dass er in seinem Idealismus pragmatisch war. Der Marsch von Rom - sowie sein Scheitern und das darauffolgende Exil - zeigten Garibaldi und seinen Mitstreitern, dass sie, wie Parks es fasst, 'alles Reden von sozialer Umwälzung und Republik beenden müssen'. Als Garibaldi elf Jahre später in Sizilien landete, tat er dies mit einer Dosis Realpolitik, er unterstützte die Bourgeoisie und die Monarchie aus dem nordwestlichen Piemont. Garibaldi war ein republikanischer Revolutionär, der einen Deal mit dem Establishment machte; ein nationalistischer Internationalist und ein bescheidener, zurückhaltender Mann, der zu einer Ikone einer überschwänglichen Nation wurde. In seine Fußstapfen zu treten, heißt solche Paradoxe auszuhalten."