Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 42 von 65

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - Elet es Irodalom

Seit März läuft in Budapest ein Strafverfahren gegen die mutmaßlichen Täter einer Serie von Morden an Roma in den Jahren 2008 und 2009 (mehr auf Deutsch bei Pester Lloyd). Das Echo des Prozesses ist jedoch nicht vergleichbar mit den Reaktionen in Norwegen auf das Massaker, das Anders Breivik anrichtete, findet der Publizist Andras Vagvölgyi B.: "Nach der anfänglich großen Aufmerksamkeit seitens der Medien scheint sich die ungarische Presse an dem Prozess zunehmend zu langweilen, und die ungarische Gesellschaft erst recht. Von einer katartischen Erschütterung in der Seele der gesamten Gesellschaft, die das künftige Zusammenleben von Roma und Mehrheitsgesellschaft fördern würde, gibt es keine Spur. ... Der skandinavische Krimi ist zum Leben erwacht, doch die skandinavischen Gesellschaften lassen es sichtlich nicht dabei bewenden und setzen sich damit auseinander. Bei uns, so scheint es, interessiert sich kaum jemand für so etwas."
Stichwörter: Breivik, Anders, Norwegen, Roma, Pest

Magazinrundschau vom 23.08.2011 - Elet es Irodalom

Seit einigen Wochen findet in den ungarischen Zeitungen (des liberalen Spektrums) eine Debatte darüber statt, mit welchen Chancen eine neue Regierung nach der Orban-Regierung (nach 2014 oder - gar viel - später, unter außergewöhnlichen Umständen früher) die Rückkehr zur demokratischen Normalität wird meistern können bzw. inwieweit ihre Hände durch die jetzigen Weichenstellungen der Orban-Regierung gebunden sein werden. Mehrere Teilnehmer der Debatte betrachteten die Existenz eines "anderen Ungarns" (das der Orban-Anhänger), das über eigene Symbole, Tabus und Ikonen verfügt, als Gegebenheit, weshalb eine neue Regierung ihre Macht allein durch einen Konsens mit diesem Teil der Gesellschaft sichern könne. Die Journalistin Julia Levai meint jedoch, dass es solch ein anderes Ungarn, solch eine grundsätzlich andere Kultur innerhalb des Landes gar nicht gibt: "Jenes 'andere Ungarn', auf das sich die Fidesz-Partei - und nun auch ihre Kritiker - als eine homogene, isolierte Welt berufen, ist aus soziologischer Sicht nur ein künstliches Gebilde. Es ist das dramatische Ergebnis eines Prozesses, in dessen Verlauf ein lockeres Konglomerat üblicher, schotterartiger Denkweisen durch einen politischen Willen (im Sinne seiner egoistischen Ziele) zwar zu einer politischen Einheit strukturiert wurde und diesem nun dient, ohne aber dabei wahrhaftig homogen und kulturell (also durch humanisierende Kraft) eingebettet zu sein oder irgendwelche Bindemittel aufzuweisen. Die Existenz solch eines ideologischen Gebildes muss nicht zwangsläufig zu seiner Anerkennung führen, wie manche Fidesz-Kritiker meinen - vielmehr weist dies auf einen ganz anderen Zwang hin: Darauf, dass das Land eine durch eine falsche Trennlinie aufgezwungene, unnatürliche Dualität ertragen muss. Warum sollte dieser Zwang auch noch durch einen politischen Kompromiss verstärkt werden?"
Stichwörter: Normalität, Fidesz, Ikonen

Magazinrundschau vom 02.08.2011 - Elet es Irodalom

Sandor Kepiro war während des Zweiten Weltkriegs als Offizier der ungarischen Gendarmerie am Massaker von Novi Sad beteiligt, bei dem über 3.300 Zivilisten (vor allem Serben und Juden) ermordet wurden. Im Mai 2011 wurde dem jetzt 97-Jährigen in Budapest der Prozess gemacht, der in erster Instanz mit einem Freispruch endete (mehr dazu hier). Den Rechtsanwalt Laszlo Bodolai hat das Mitleid mit dem "alten, kranken Mann" ebenso erschreckt wie die generellen Zweifel vieler Ungarn am Sinn eines Prozesses nach so vielen Jahren. Hätten nicht auch die Kritiker zu den Toten gehören können? "Es wäre naiv zu glauben, dass das nur anderen zustoßen kann. [...]. Und wenn die Boulevardpresse während des Prozesses nicht nur einen gebrochenen alten Mann gezeigt hätte, der aus dem Krankenhaus vor Gericht zitiert wird, sondern auch das aufgedunsene Gesicht des erschossenen und in die Donau geworfenen Ehepaares Steinenberg oder das an die Wand gespritzte Gehirn der kranken und bettlägerigen Iren Weisz nach ihrem Kopfschuss, so würden auch jene, die den Prozess jetzt als 'sich selbst legitimierendes Festival des Holocaust-Business' verhöhnen, viel weniger Zustimmung finden."

Ungarn schwimmt in der dumpfen, alles verschlingenden und exklusiven Gegenwart, hat keine Ahnung von seiner Vergangenheit und schlägt seinen Weg blind ein, ohne irgendeine Vorstellung in Richtung Zukunft ein, erklärt der Medienwissenschaftler Peter György in seiner bitteren Abrechnung mit der "Heimat". "Wenn es keine Vergangenheit, keine kollektive Erinnerung gibt, dann kann die Freiheit der Politiker den Alltag zu einem Albtraum werden lassen. Zeugen dieser Entwicklung sind alle, die im heutigen Ungarn noch wissen wollen, was mit uns geschehen wird, und die das Land nicht verlassen wollen wie so viele heutzutage. Das Land ohne Vergangenheit - Ungarn - ist lächerlich und führt eine unwürdige Existenz; der liberale Rechtsstaat schwindet wie auch die Solidarität - und all dies geschieht aus einer Laune heraus, ohne jegliche Notwendigkeit, nur, um den Triumph des Willens zu beweisen."

Magazinrundschau vom 26.07.2011 - Elet es Irodalom

Kürzlich ist in Ungarn W. G. Sebalds "Die Ringe des Saturn" erschienen. Der Literaturwissenschaftler Imre Kurdi sieht den gesamten Text als ein äußerst komplexes Raum-Zeit-Labyrinth, in dem sich der Autor hin- und herbewegt. Dieses Umherirren sei dennoch alles andere als zufällig, da sämtliche Punkte des Labyrinths von einem einzigen Fluchtpunkt bestimmt werden - der Melancholie: "Wohin wir in Raum und Zeit auch gelangen, wir sehen und erfahren überall und zu jeder Zeit immer dasselbe: die immer neueren Formen der stets unveränderten, sozusagen universalen Melancholie. Diese werden in oft anekdotischen und parabelhaften Erzählungen zum Ausdruck gebracht, und zwar mit vorsichtiger Selbstironie, wohl wissend, dass die Darstellung der Geschichte stets auch die Verfälschung der Geschichte ist. Und standhaft rührt die Reflexion an den Gründen dieser Melancholie: An der Skepsis bezüglich der rationalen Erkennbarkeit und Durchschaubarkeit der Welt, an der absurden Zwecklosigkeit der rationalen und dennoch kontraproduktiven Anstrengungen des Menschen, an der universalen Erfahrung der Vergänglichkeit."
Stichwörter: Labyrinth, Sebald, W.g., Raum+zeit

Magazinrundschau vom 19.07.2011 - Elet es Irodalom

Kaum ist die ungarische EU-Ratspräsidentschaft vorbei, macht Ministerpräsident Viktor Orban ernst und baut die Republik ganz nach den Bedürfnisse der eigenen Partei um. Die Zerschlagung der kritischen Presse nimmt konkrete Formen an: knapp 600 Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien wurden entlassen, weitere 400 sollen folgen (mehr bei der Süddeutschen und der Welt). Für die Journalistin Julia Levai steht fest, dass es sich bei diesem Vorgang um eine totale ideologisch-politische Säuberungsaktion handelt; sie war zu erwarten, wurde gut vorbereitet und angekündigt. Unerwartet war jedoch die erniedrigende Methode des Rauswurfs durch den so genannten Mediendienstleistungs- und Vermögensfonds MTVA, in dem die öffentlich-rechtlichen Medien des Landes konzentriert worden sind: Die Mitarbeiter müssen einzeln vor die MTVA-Funktionäre treten, die sie erst seit einigen Wochen kennen oder gar noch nie zu Gesicht bekommen haben. "Es steht außer Frage, dass die für die Umsetzung des Regierungsprogramms zuständige Institution mit dieser von ihr als innovativ genannten Aktion alles und jeden niedertrampeln will. Was sie tut, zielt darauf ab, die als Feinde angesehenen Mitarbeiter nach Möglichkeit und bewusst gegeneinander auszuspielen und mit sorgfältig platzierten Minen jeden weiteren Schritt unmöglich zu machen. Sie entschied sich für den Krieg und wählte dessen rücksichtsloseste Form. Währenddessen redet ihr Sprecher einerseits von Gerechtigkeit und Kooperation und droht andererseits den Journalisten, die seiner Institution aggressives Verhalten vorwerfen, mit einer Anzeige."
Stichwörter: Orban, Viktor

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Elet es Irodalom

"Die ungarische Kultur scheint eine Exportware von hoher Qualität zu sein", freut sich die Philosophiewissenschaftlerin Sarolta Deczki in ihrer Kritik über die Doppelausstellung zum Leben und Werk des ungarischen Avantgarde-Künstlers Lajos Kassak in der Berlinischen Galerie und der Moholy-Nagy-Galerie des Collegium Hungaricum Berlin (CHB). Die Ausstellung sogar Besuchern aus Ungarn Neues über eine zentrale Figur der ungarischen Avantgarde: "Das Ziel der beiden Ausstellungen ist es, eine bestimmte Schaffensperiode Kassaks im Kontext der zeitgenössischen internationalen Bestrebungen vorzustellen. Diese Periode ist aber (wie auch das ganze Leben Kassaks) von markanten und konsequenten politischen und gesellschaftlichen Stellungnahmen gekennzeichnet, die dem künstlerischen, redaktionellen und organisatorischen Schaffen ihren Stempel aufdrücken. Es ist nicht einfach, diese Komplexität ohne ein Gefühl des Überflusses darzustellen, allerdings setzten die Kuratoren ihr Konzept auf eine sehr elegante Weise um."

Magazinrundschau vom 21.06.2011 - Elet es Irodalom

Der Roman "Die große Reise" des spanischen Schriftstellers Jorge Semprun hatte in Ungarn zahlreiche Fans, das wusste auch Semprun, der in seinem Buch "Federico Sanchez verabschiedet sich" (Federico Sanchez vous salue bien) schrieb: "In Paris bin ich niemand, in Budapest bin ich jemand". Csilla Kiss erinnert an den kürzlich verstorbenen Autor: "Was den Leser seiner Werke vielleicht am meisten ergreift, ist das alles durchdringende Erlebnis der Freiheit. Der Freiheit, die für Semprun in jeder politischen und existenziellen Unternehmung entscheidend ist, und die nicht von Gefängniszellen oder Stacheldraht eingeschränkt wird. Der Freiheit, die sich in erster Linie in einer Wahl und in der Verantwortung für eine Entscheidung manifestierte: als er sich auf die Seite einer eindeutig als gut betrachteten Sache stellte, und auch dann, als diese moralische Eindeutigkeit beschädigt war und er die Wahl, die er getroffen hatte, überprüfen musste - gerade, um sich selbst als moralisches Wesen zu bewahren."

Seit 1993 führt das Budapester Institut für Gesellschaftsforschung Tarki Untersuchungen zur Migrationsbereitschaft aus. Jetzt ist die Bereitschaft in der ungarischen Bevölkerung, das Land für eine kürzere oder längere Zeit zu verlassen, innerhalb eines Jahres von 13 auf 17 Prozent gestiegen. Endre Sik, Soziologe und Leiter der Forschungsreihe, findet das gar nicht so schlimm, weil die Angst vor Migration gerade im Misstrauen gegenüber allem Fremden und Neuen begründet liegt, "das für uns so typisch ist und das verhindert, dass die ungarische Kultur ein bisschen offener wird und besser in die Nachbarschaft, in Europa und die Welt integriert wird. Das kann einer Regierung zwar kurzfristig einige Probleme bereiten, weil mehr Menschen das Land verlassen, langfristig tut es den Ungarn aber gut, weil wir offener werden und über mehr Ressourcen verfügen werden."
Stichwörter: Semprun, Jorge

Magazinrundschau vom 14.06.2011 - Elet es Irodalom

Der niederländische Philosoph und Schriftsteller Rob Riemen ist besorgt um die kulturellen und geistigen Werte Europas und hat daher 1994 das so genannte Nexus Instituut gegründet, das den europäischen kulturellen Diskurs pflegen und den Geist des Humanismus bewahren will; denn in letzter Zeit rückten die wirtschaftlichen, technischen und politischen Entwicklungen immer mehr in den Vordergrund, während der Humanismus, der Geist Europas in Vergessenheit gerate. Julia Varadi sprach mit Rob Riemen und bat ihn um ein Resümee: "Wir, die lediglich das Denken unterstützen, bringen nichts ein und erzielen keine konkreten Ergebnisse. Sicher ist aber auch, dass die materielle Welt ohne uns nichts erreichen kann. Diese beiden Segmente der Welt müssen einander versorgen: Sie uns mit Geld, wir sie mit geistiger Munition. Das ist der - fast schon triviale - Lauf der Dinge."
Stichwörter: Geld, Humanismus

Magazinrundschau vom 07.06.2011 - Elet es Irodalom

Seit 2010 ist der 4. Juni ein so genannter "Trianon-Gedenktag" - der Jahrestag des Friedensvertrags von Trianon im Jahr 1920, als Ungarn etwa Zweidrittel seiner Territorien und knapp ein Drittel der ungarischen Bevölkerung an die Nachbarstaaten verloren hatte. Aufgrund der fehlenden Aufarbeitung florieren Lügen und historische Mythen wie eh und je, was sich auch an einer Umfrage unter jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren aus dem Jahre 2009 zeigen lässt: Nur fünf Prozent der Befragten betrachten den Trianon-Vertrag als Ergebnis der repressiven Minderheitenpolitik der ungarischen Elite vor 1918. Mehr als die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass sich die Ungarn niemals mit den Verlusten von Trianon abfinden dürften. Offenbar lernen sie weder in der Schule noch in der Familie die wichtigsten Fakten, ihre Meinung wird daher von den Politikern geprägt, stellt die Soziologin Maria Vasarhelyi fest: "Der Eckpfeiler der politischen Identitätsbildung der Rechten ist das Mantra über das Unrecht von Trianon und die niemals ausgesprochene, aber stets angedeutete Option einer territorialen Revision - während die Stimme dieser aggressiven und unfruchtbaren Rhetorik vom leeren Schweigen der Linken nur noch verstärkt wird. Das unaufgearbeitete Trauma von Trianon und die damit verbundenen Irrglauben und Lügen werden seit einem knappen Jahrhundert von einer Generation an die andere weitergegeben. Allmählich gelangen wir aber in dieser Frage an einen Wendepunkt; als aussichtsreiche Alternative zur jetzigen autokratischen Macht wird sich in den kommenden Jahren allein eine politische Kraft durchsetzen können, die eine ausgereifte und mit den veränderten europäischen Verhältnissen im Einklang stehende Auffassung davon vertritt, wie Ungarn im 21. Jahrhundert mit dem Vertrag von Trianon und den Problemen der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern umgehen sollte."

Magazinrundschau vom 31.05.2011 - Elet es Irodalom

Während vor zehn Jahren "nur" der mangelnde Wahrheitsgehalt das zentrale Merkmal in den Ansprachen ungarischer Politiker war, so entbehren diese Reden mittlerweile jeglichen Sinn. Denn was keinen Sinn ergibt, kann man auch nicht verstehen, und was man nicht versteht, muss man eben glauben. Ganz besonders gilt das für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der beispielsweise (im Zuge der Verstaatlichung der privaten Rentenbeiträge Ende 2010, mehr dazu hier) behauptet hatte, "die ungarischen Rentner vor den Börsenhaien gerettet" zu haben. Der Zweck solcher vollkommen sinnloser Äußerungen ist, die väterlichen und gar überirdischen Kompetenzen des Führers zu unterstreichen, meint der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Imre Valcsicsak: "Wenn nun Viktor Orban vollkommen sinnlose Sätze sagt, hat dies eine ganze Reihe wichtiger Konsequenzen: Vor allem ist es nicht weise, seine Äußerungen zu interpretieren. Es ist nicht weise, ihn beim Wort zu nehmen oder sich damit zu beschäftigen, ob seine Behauptungen wahr sind oder nicht. Es ist auch nicht weise, gegen die Verwirklichung seiner Worte anzukämpfen. Weise ist meines Erachtens vielmehr, die eigentliche Funktion seiner Sätze zu finden und darauf hinzuweisen, was er mit diesen sinnlosen Sätzen bezweckt. Weise ist, gegen den Führerkult auf jede mögliche Art und Weise aufzutreten."