Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 41 von 65

Magazinrundschau vom 10.01.2012 - Elet es Irodalom

In literarischen Zeitschriften Ungarns findet seit einigen Monaten eine Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft des politischen Gedichts statt. Die meisten ungarischen Autoren hatten sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten von politischen Themen abgewendet. Dennoch sieht der Kritiker Sandor Bazsanyi einen Ausgangspunkt für die politische Dichtung: "Nach meiner für den persönlichen Gebrauch formulierten Auffassung von politischen Gedichten sprechen diese gegenüber der jeweiligen Gemeinschaft die im 'hier und jetzt' gegebene Situation an, und dabei sollten sie, wovon sie sprechen, mit möglichst direkten Mitteln, also so genau wie möglich, gar leidenschaftlich beim Namen nennen. [...] Und so sollte nach meiner Ansicht die ungarische politische Dichtung von heute sein: Bildhaft, aber nicht kosmologisch; direkt, aber nicht propagandistisch; gewichtig, aber nicht ideologisch; und vor allem: leidenschaftlich, aber nicht borniert."

Magazinrundschau vom 20.12.2011 - Elet es Irodalom

Vor wenigen Tagen ist in Budapest ein Essayband ("Szemben az arral" - "Gegen die Strömung") von Adam Michnik erschienen, dem Herausgeber der linksliberalen polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Aus diesem Anlass sprach der ungarische Publizist und Polonist, Andras Palyi, der die Essays von Michnik für das Buch zusammengestellt und übersetzt hat, mit Michnik. Auf Palyis Frage, was der Nährboden des im Buch beschriebenen neuen Populismus ist, antwortet Michnik: "Es wird immer deutlicher, dass die gewohnte Grenze zwischen Links und Rechts verschwindet, die Gesellschaft von heute ist anders gegliedert. Die Nostalgie nach dem Kommunismus verflicht sich zunehmend mit den Phrasen des leidenschaftlichen Antikommunismus, die radikale Rechte versteht sich immer öfter mit den Vertretern des konservativen kommunistischen Parteibetons, die natürlich auch vor manchem Opportunismus nicht zurückschrecken. Wir sind Zeugen einer gewissen kapitalismusfeindlichen Gemütswelle - besonders in Polen, aber nicht nur dort -, die die Wurzel allen Übels in den Neureichen, in den Oligarchen sieht. Womit ich nicht sagen will, dass die Oligarchen Heilige sind, ganz im Gegenteil, aber diese Logik des Affekts, diese vielsagende Suche nach dem Sündenbock, die mit der Infragestellung der rechtsstaatlichen Grundlagen und der Geringschätzung der Demokratie einhergeht, mit der Überzeugung, dass wir irgendwie ausgeraubt wurden und es unser natürliches Recht ist, die Diebe zur Rechenschaft zu ziehen - all das ist stets die Wiege des totalitären Denkens gewesen und ist es auch heute."

Magazinrundschau vom 06.12.2011 - Elet es Irodalom

Als "Talibanisierung" bezeichnet die Soziologin Maria Vasarhelyi den Angriff der Orban-Regierung auf das kulturelle Erbe des Landes. Aber auch die Linken und Liberalen sind nicht unschuldig, meint sie. "Sie haben es seit einem Jahrhundert zugelassen, aus Nation und Vaterland ausgeschlossen zu werden. Ob aus geistiger Trägheit, Feigheit oder aufgrund irgendwelcher Schuldgefühle undefinierbaren Ursprungs nehmen sie es mit gesenktem Kopf hin, dass ihnen ihr Ungarntum, ihre Verbundenheit mit Nation und Vaterland abgesprochen wird. Diese hasserfüllte Spaltungspolitik hatte das Land in die schrecklichsten Tragödien des 20. Jahrhunderts geführt, und sie ist es, die Orbans Rechte auch heute zusammenhält."

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - Elet es Irodalom

Die Ernennung der bekennenden Rechtsradikalen György Dörner und Istvan Csurka an die Spitze des Budapester Uj Szinhaz (Neues Theater) ist nach Ansicht des Theaterkritikers Tamas Koltai nur zum Teil den politischen Zuständen in Ungarn zu verdanken. Die andere Ursache ist die altbackene Auffassung der ungarischen Theaterszene (die freie Szene ausgenommen) vom "öffentlichen Theater" sowie der Opportunismus, mit dem sie sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten - offenbar aus Angst, auf dem freien Markt ihre Rolle als Wertevermittler einzubüßen - zu sehr von der Politik beeinflussen ließ (einen ähnlichen Standpunkt vertrat kürzlich auch Arpad Schilling, Gründer des unabhängigen Kretakör-Theaters, mehr dazu hier). Das künftige "Hinterland-Theater" von Dörner und Csurka sei die erste Frucht dieses Opportunismus, meint Koltai: "Man könnte sagen, dass wir es verdient haben [ein Theater an die Rechtsradikalen zu verlieren]. Zumindest tragen wir eine Mitschuld daran, dass es soweit kommen konnte. Vielleicht war diese Schmach notwendig, um endlich klar zu sehen."
Stichwörter: Freie Szene, Theaterkritik

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - Elet es Irodalom

Die Regierung versucht jetzt verstärkt, auch die ungarische Geschichte umzudeuten, kritisiert der Medienwissenschaftler Peter György. So will man etwa das 1953 erbaute "Volksstadion" abreißen, um die Erinnerung an den Fußball im Sozialismus auszulöschen: "Mit der Exzision des Volksstadions aus dem städtischen Gewebe wird nicht nur die Zeit des Sozialismus unsichtbar gemacht. Vielmehr wird hier jener Raum angetastet, der den Begriff der Heimat zu einer wahrnehmbaren, alltäglichen und zugleich historischen, reflexiven Erfahrung machen könnte. [?] Auf diese Weise zerstört sie gerade jene Heimat, die all die Menschen, die in einer von Risiko, Ängsten und Globalisierung geprägten Zeit leben müssen, besonders nötig hätten."
Stichwörter: Globalisierung

Magazinrundschau vom 15.11.2011 - Elet es Irodalom

Über die Großdemonstration vom 23. Oktober (mehr dazu hier) haben Fernsehen und Radio in Ungarn kaum und sehr einseitig berichtet. Die Soziologin Maria Vasarhelyi erinnert das an die Bemerkung des französischen Filmregisseurs Jean-Luc Godard, Kamerafahrten seien eine "Sache der Moral". Diese Bemerkung gelte nicht nur für die Filmkunst, sondern auch für die visuelle politische Berichterstattung in den Massenmedien: "Wo und wie ein Kameramann seine Kamera aufstellt und was er seinem Publikum mit diesen Bildern über ein Ereignis erzählt, ist in der Tat eine Frage der Moral. Die überwiegende Mehrheit der ungarischen Massenmedien hat dieses wichtigste moralische Gebot ihres Berufsstandes gebrochen und all das, was während der Demonstration geschah, verschwiegen, bagatellisiert oder bewusst verzerrt dargestellt. Jene Medien, die von 90 Prozent des Publikums empfangen werden und direkt oder indirekt unter dem Einfluss der politischen Macht stehen, haben getrickst, damit der Zuschauer oder Zuhörer auf keinen Fall erfahre, wie groß und aus welchen Leuten jene Menschenmasse besteht, denen das System nicht gefällt."

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - Elet es Irodalom

"Vater, du bist ein kluger Mann. Wie konntest du nur so blöd sein?", fragte der Sohn des bekannten ungarischen Wirtschaftswissenschaftler Janos Kornai seinen Vater, der bis 1956 Kommunist war. Adam Michnik hat die Autobiografie Kornais zeitgleich mit den Erinnerungen Sandor Marais und des polnischen Philosophen Adam Sikora gelesen. Was die drei Bücher verbinde, sei vor allem ein beispiellos aufrichtige Zeugnis über die kommunistische Zeit, schreibt Michnik: "Sie haben Aristoteles' Gedanken über die Tyrannei verstanden, die, so Sikora, 'gegenseitiges Misstrauen zu entfacht, da kein Despotismus gestürzt werden kann, solange die einzelnen sich nicht vertrauen'. Wir sollten uns diesen Gedanken gut einprägen, da die despotische Veranlagung der Mächtigen auch nach dem Ende der marxistisch-leninistischen Ideologie weiter existiert... Der tote Bolschewismus wird in Gestalt des Sozialnationalismus zu neuem Leben erweckt und kann sich zu einer Ideologie entwickeln, der ganze Menschenmassen mit sich reißt - die blutigen Balkan-Kriege sind der Beweis dafür. Auch wenn sich diese Ideologie der antikommunistischen Rhetorik bedient, so ist sie dennoch das vollkommene Spiegelbild des Kommunismus."

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - Elet es Irodalom

Der Budapester Bürgermeister Istvan Tarlos hat den für seine Nähe zur rechtsradikalen Jobbik-Partei bekannten Schauspieler György Dörner zum Direktor des Theaters Uj Szinhaz ernannt - obwohl dessen Konzept von einem nationalistischen Hatorszag-Szinhaz (Hinterland-Theater) mehr als fragwürdig ist. Der Schriftsteller Peter Esterhazy ist empört: "Eigentlich habe ich nichts daran auszusetzen, wenn einer meiner Mitbürger ein Nazi oder ein Neonazi ist, schließlich gibt es kein einziges Land in Europa, in dem es an solchen Leuten mangelt, und auch wir sind Europa. Und wenn er will [und wenn es eine Nachfrage gibt], soll er doch Theater machen. Allerdings sind uns jene, die diese Entscheidung getroffen haben, die Antwort schuldig, weshalb der Staat so etwas unterstützt. Wenn die Radikalen ins Parlament einziehen, müssen sie alles bekommen, was ihnen per Gesetz zusteht: Geld, Dienstwagen, Parteizentrale, was weiß ich - aber freundlich muss man zu ihnen nicht sein. Im Gegenteil: Die Abscheu ist das Mindeste, sie ist eine grundlegende patriotische Pflicht."
Stichwörter: Esterhazy, Peter, Geld, Neonazis

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - Elet es Irodalom

Die ungarische Regierung will das Bildungswesen umbauen und von der kommunalen in die staatliche Kompetenz übertragen. Derzeit wird ein "Erziehungsgesetz" erarbeitet, das der Bildungsexperte Janos Szüdi im Interview mit Eszter Radai als nationalen Volks- und Umerziehungsplan bezeichnet: "Das Ziel der derzeit vorangetriebenen, totalen Verstaatlichung des Bildungswesens ist, Kontrolle über der Gesellschaft zu erlangen und zu behalten. In einem verstaatlichten Bildungswesen wird allein vom Staat bestimmt, wo und welche Schulen betrieben werden können, wer unterrichten darf und wer nicht, was und aus welchem Lehrbuch unterrichtet werden muss und welche Werte und Verhaltensformen die Schulen vermitteln beziehungsweise erzwingen müssen. Dies wird aus der Ablehnung des Prinzips 'Bildung als Dienstleistung' deutlich, indem die Bildung zu einer 'öffentlich-rechtlichen' Angelegenheit erklärt wird. Dies bedeutet nämlich nichts anderes, dass es außer dem Staat niemanden etwas angeht, was in der Schule passiert."
Stichwörter: Verstaatlichung

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Elet es Irodalom

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist in Ungarn eine ganze Reihe von erfolgreichen unabhängigen Theaterprojekten entstanden, die sich in einem ständigen Kampf gegen die Mandarine der etablierten Kulturszene befinden. Dies liegt auch an einem verpassten Generationenwechsel, der jüngeren Regisseuren wie dem Gründer des Kretakör-Theaters Arpad Schilling eine Position in den etablierten Theatern verwehrt hat. Dabei würde laut Schilling der ungarischen Kultur etwas mehr Wettbewerb durchaus guttun: "Eine Gesellschaft, die ihre eigene Kultur nicht als ein spannendes, mobiles, sich stets veränderndes Gebilde betrachtet, ist in einer Wettbewerbssituation zum Scheitern verurteilt. Von einer staatlich geförderten Kultur, die sich vom Gedanken der Konkurrenz abwendet, wird die bestehende gesellschaftliche Struktur scheinbar konserviert, in Wahrheit jedoch zerstört. Ohne Wettbewerb werden sich die nachfolgenden Generationen höchstens zu Verbrauchern entwickeln, zu echten Akteuren der Kultur jedoch nicht. Für die nachfolgenden Generationen ist der Widerstand eine identitätsstiftende, natürliche Tätigkeit. Heute müssen sie jedoch nicht nur dem von außen kommenden regulären Autokratismus widerstehen, sondern auch der von ihren Vorgängern geerbten Versuchung, sobald sie eine Position erhalten zu einem Despoten zu mutieren."

Teils als Antwort auf die aktuelle Finzanzkrise, teils als Reaktion auf das miserable Krisenmanagement der ungarischen Regierung, gehen etliche Intellektuelle in Ungarn wieder auf Distanz zum Kapitalismus. Der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Chef des ungarischen Bankenverbands, Peter Felcsuti, hält ihre Kritik, die keine wirkliche Alternative aufzeige, für den falschen Weg: "Durch diese Art des 'naiven' Antikapitalismus wird jedoch gerade jenes gesellschaftliche Kapital verringert, welches das Land benötigt, um gegen die quälenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme erfolgreich anzukämpfen und damit das zu erreichen, was zusammenfassend als Anschluss an das Zentrum der westlichen Welt und als Modernisierung bezeichnet wird. Durch die aktuelle Krise und die Suche nach einem Ausweg wird jedoch die Erosion dieses ohnehin schon dürftigen gesellschaftlichen Kapitals noch weiter beschleunigt, was wiederum zu einer Abwärtsspirale führen kann: Ungarn wird vom Zentrum noch weiter abgetrieben und zu einer jahrzehntelangen Stagnation an der Peripherie verurteilt. Der feinsinnige 'Antikapitalismus' der Schriftgelehrten, das Träumen von einem 'postkapitalistischen Neusozialismus' trägt kaum zur Verbesserung dieser Lage bei."