
In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist in Ungarn eine ganze Reihe von erfolgreichen
unabhängigen Theaterprojekten entstanden, die sich in einem ständigen Kampf gegen die Mandarine der etablierten Kulturszene befinden. Dies liegt auch an einem verpassten Generationenwechsel, der jüngeren Regisseuren wie dem Gründer des
Kretakör-Theaters Arpad Schilling eine Position in den etablierten Theatern verwehrt hat. Dabei würde
laut Schilling der ungarischen Kultur etwas mehr Wettbewerb durchaus guttun: "Eine Gesellschaft, die ihre eigene Kultur nicht als ein spannendes, mobiles,
sich stets veränderndes Gebilde betrachtet, ist in einer Wettbewerbssituation zum Scheitern verurteilt. Von einer staatlich geförderten Kultur, die sich vom Gedanken der Konkurrenz abwendet, wird die bestehende gesellschaftliche Struktur scheinbar konserviert, in Wahrheit jedoch zerstört. Ohne Wettbewerb werden sich die nachfolgenden Generationen höchstens zu
Verbrauchern entwickeln, zu echten
Akteuren der Kultur jedoch nicht. Für die nachfolgenden Generationen ist der Widerstand eine identitätsstiftende, natürliche Tätigkeit. Heute müssen sie jedoch nicht nur dem von außen kommenden regulären Autokratismus widerstehen, sondern auch der von ihren Vorgängern geerbten Versuchung, sobald sie eine Position erhalten
zu einem Despoten zu mutieren."
Teils als Antwort auf die aktuelle Finzanzkrise, teils als Reaktion auf das miserable Krisenmanagement der ungarischen Regierung, gehen etliche
Intellektuelle in Ungarn wieder auf
Distanz zum Kapitalismus. Der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Chef des ungarischen Bankenverbands, Peter Felcsuti,
hält ihre Kritik, die keine wirkliche Alternative aufzeige, für den falschen Weg: "Durch diese Art des '
naiven'
Antikapitalismus wird jedoch gerade jenes gesellschaftliche Kapital verringert, welches das Land benötigt, um gegen die quälenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme erfolgreich anzukämpfen und damit das zu erreichen, was zusammenfassend als Anschluss an das Zentrum der westlichen Welt und als Modernisierung bezeichnet wird. Durch die aktuelle Krise und die Suche nach einem Ausweg wird jedoch die Erosion dieses ohnehin schon dürftigen gesellschaftlichen Kapitals noch weiter beschleunigt, was wiederum zu einer
Abwärtsspirale führen kann: Ungarn wird vom Zentrum noch weiter abgetrieben und zu einer jahrzehntelangen Stagnation an der Peripherie verurteilt. Der feinsinnige 'Antikapitalismus' der Schriftgelehrten, das Träumen von einem '
postkapitalistischen Neusozialismus' trägt kaum zur Verbesserung dieser Lage bei."