Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 34 von 65

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - Elet es Irodalom

Eine neue historische Dokumentarserie mit dem Titel "Szabadság tér '89" (Freiheitsplatz '9) ist beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen als gigantisches Vorhaben, über ein Jahr zur besten Sendezeit gestartet worden. Jeweils vierzig Minuten lang strebt die Sendung "die Öffnung der Akten des Systemwechsels von vor fünfundzwanzig Jahren" an und soll den Weg zu den ersten freien Wahlen zeigen. Das Historische Institut und Archiv zur Erforschung des Systemwechsels und das Institut des 20. Jahrhunderts sind fachliche Berater, moderiert wird sie vom Intendanten des Senders, Philip Rákay. Antal Siba von der Zeitschrift Élet és Irodalom sah sich die ersten drei Sendungen an und ist nicht gerade begeistert: "Die Sendung hat Seminarcharakter. Der ständige Experte der Sendung ist der Historiker László Tőkéczki, seine Aufgabe formuliert der Moderator so: 'Der Herr Lehrer hilft uns dabei, dass wir ein Jahr lang den Wald vorm Baum sehen'. (...) Noch papierner wird's dadurch, dass manche Definitionen mit Schreibmaschinengeräusch untermalt auf ein vergilbtes Stück Papier projiziert werden. Warum das wichtig ist, weiß niemand, doch aus der Sendung wird statt wissenschaftlicher Wissensvermittlung ein unendlich einseitiges politisches Glaubensbekenntnis. Sie will nicht die Akten der Vergangenheit aufschlagen, sondern ein antikommunistisches Gefühl vermitteln."

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - Elet es Irodalom

Drei Artikel setzen sich mit dem "Mahnmal der deutschen Besatzung Ungarns am 19. März 1944" (Entwurf) auseinander, das am 19. März in Budapest enthüllt werden soll. Für József Mélyi ist das Mahnmal, das den Erzengel Gabriel darstellt, der von einem Reichsadler niedergerungen wird, schon jetzt ein "Schandfleck". Schon die Planung - das Mahnmal wurde nicht ausgeschrieben, sondern ohne Diskussion beim Bildhauer Péter Párkányi in Auftrag gegeben - sei "lügnerisch und absurd. So wird auch die Skulptur selbst sein, die gegenüber dem sowjetischen Mahnmal stehen wird. Das sowjetische Mahnmal kann die Regierung weder schlucken noch ausspuken - darum stellte sie ihm zu Beginn ihrer Herrschaft die Figur von Ronald Reagan als absurden Mitbewohner gegenüber. ... Beim Überqueren des Platzes werden die Blicke nach unten gerichtet sein, damit der Zynismus, die Geschichtsverfälschung und die politische Profitgier uns nicht ins Gesicht schlagen."

Sechsundzwanzig ungarische Historiker protestieren in einem öffentlichen Brief gegen das Mahnmal: "Das Mahnmal verfälscht eine wichtige Periode unserer Geschichte und relativiert die Ereignisse des Holocaust. Nach der Beschreibung sollte das Mahnmal 'an alle Opfern erinnern'. Doch das Mahnmal basiert auf einer Verfälschung der Geschichte und kann somit seine Mission nicht erfüllen. Das Mahnmal zeigt die Opfer des Holocaust zusammen mit den kollaborierenden Tätern in Opfergemeinschaft und verunglimpft damit die Erinnerung an die Opfer. Am ungarischen Holocaust waren ungarische Ämter und Behörden aktiv beteiligt. Das Mahnmal schiebt die Verantwortung ausschließlich auf die Deutschen und auf die 'Pfeilkreuzlerküken' der deutschen Armee. In Wahrheit spielten die Pfeilkreuzler bei den Deportationen vom Sommer 1944 keine Rolle."

Magazinrundschau vom 14.01.2014 - Elet es Irodalom

Gibt es Unterschiede zwischen der amerikanischen und europäischen jüdischen Literatur, fragt sich der Schriftsteller Gábor T. Szántó mit besonderem Augenmark auf die jüdische Literatur der "kleinen" zentral- und osteuropäischen Literaturen: "Die moderne europäische jüdische Literatur - könnten wir mit etwas Ironie sagen - entsteht in den USA. (...) Sie ist für viele eine unbequeme, komplizierte Erscheinung. Sie bricht die herrschenden Kategorien auf und schafft neue Narrative. Und wenn sie im postkolonialen, multikulturellen Westen störend und schwerlich anerkannt ist, dann ist das in Osteuropa, wo heute noch viele an Assimilation glauben und nicht wenige von homogenen nationalen Kulturen träumen, noch mehr der Fall. (...) In den kleinen Literaturen aus Mittel- und Osteuropa ist es für jüdische Schriftsteller ein existentielles Dilemma, ob sie die jüdische Selbstreflexion auf sich nehmen, weil sie das von breiten Leserschichten aber auch von einer verständnisvollen und regen Literaturrezeption isolieren kann."

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - Elet es Irodalom

Eszter Rádai sprach mit dem Medienrechtler Gábor Polyák, der unter anderem auch als möglichen Kandidat für die Leitung der neuen ungarischen Medienbehörde im Gespräch stand, über die Entwicklung der Medienlandschaft in Ungarn seit 2010. Besonders regimefreundlich äußert er sich nicht: "Man kann von einer Balkanisierung oder Berlusconisierung, vielleicht Putinisierung sprechen. Der Medienmarkt hat sich völlig verändert. Es tauchen zunehmend Unternehmen auf, die offen mit der Regierungspartei in Verbindung stehen. Vor allem auf jenen Kanälen, die Massen erreichen. (...) Als Beispiel gilt der landesweite Radiomarkt. Hier gibt es ein regierungsnahes Unternehmen mit Monopolstellung, das auch andere Medien in seinem Portfolio hat. Die Radiosender spielen Musik, Politik spielt keine Rolle, sie sind aber hervorragend dazu geeignet, mit den staatlichen und nichtstaatlichen Einnahmen die politischen Teile des Medienimperiums ungehindert zu finanzieren."

Magazinrundschau vom 26.11.2013 - Elet es Irodalom

Der Politiker György Giczy beklagt die wachsende Skepsis gegenüber der EU in Ungarn: "Das nüchterne nationale Bewusstsein wurde gegen die Selbstüberschätzung eingetauscht: Unsere Regierung belehrt den Westen über 'die Idee von Europa'. Keine Nation auf diesem Kontinent hat aber ein Privileg hierauf, denn 'die europäische Idee' besteht in der Anerkennung der Gemeinschaft der hier lebenden Völker... Die Europaskeptiker dagegen leiten seit der Wirtschaftskrise ihre kritische Haltung nicht aus den Mängeln der europäischen Idee ab - soweit geht nur unsere Regierung! -, sondern aus der Kraftlosigkeit der Gemeinschaft … Selbstverständlich kann man das mangelnde europäische Engagement im Westen kritisieren und nicht nur ökonomisch, sondern auch geistig die Zeichen des Untergangs deuten ... Es ist möglich, aber es lohnt sich nicht. Denn unsere Aufgabe ist es nicht, eine idealisierte europäische Vergangenheit vom heutigen Europa einzufordern, sondern das zukünftige Europa aufzubauen."

József Mélyi feiert die Ausstellung "Fragmente" des Malers und Bildhauers István Geller in der Budapester Galerie 2B. Sie zeigt Fragmente einer Stadt: "Alles hier ist: Fossilien, Grundrissfragmente, enigmatische Zeichen. Den Bildern und den feinen Reliefs fehlt eine Sache: Die Lebendigkeit der Geschichte."

Magazinrundschau vom 19.11.2013 - Elet es Irodalom

Der erste Spielfilm von Mátyás Prikler aus Bratislava mit dem Titel "Köszönöm, jól" ("Danke, gut", mehr hier) läuft seit kurzem in den Kinos. Kritiker vergleichen die Filmsprache des talentierten jungen Regisseurs bereits mit der Filmkunst von Béla Tarr und John Cassavetes. György Báron gerät ins Schwärmen: "Nach langer Entbehrung gibt es wieder einen starken, ernsthaften, ungarischen Erstlingsfilm. Auch wenn er slowakisch ist. (...) Es sind keine fröhlichen Geschichten, doch Selbstmitleid sucht man hier vergebens. Kühl aus der Ferne, mit feiner Ironie folgt Prikler den Lebensstationen seiner Helden. Ein so natürliches Dasein kennen wir ansonsten von den jungen rumänischen Filmemachern, doch das Weltbild des jungen Priklers ist weniger katastrophisch."

Magazinrundschau vom 12.11.2013 - Elet es Irodalom

János Széky hat einiges auszusetzen an dem Porträt, das Anne Applebaum im New Yorker von dem ungarischen Politiker Csanád Szegedi zeichnete: "Eine zauberhafte Story: ein 'rechtsextremer' Politiker entdeckt seine jüdischen Wurzeln, er bessert sich und konvertiert. So liest sich das aus der Perspektive von Journalisten und Zeitungslesern in einer normalen Demokratie. Ein Antisemit sieht ein, dass er sich geirrt hat, die Weltordnung ist wiederhergestellt. Es wird aber nicht klar, warum dieser extreme Fall gerade in Ungarn passieren konnte, obwohl dies für uns äußerst lehrreich wäre. (...) Szegedi ist nach seiner Entdeckung kein demokratischer Politiker geworden, er zog sich vielmehr in sein Privatleben zurück, konvertierte zum Judentum, bereute seine Sünden und bat um Entschuldigung. Sein Fall ist ein gutes Beispiel dafür, dass im heutigen System das ungarische Judentum nur in zwei Rollen Schutz von der Regierung erfährt: als Religion und als Vertreter der Holocaust-Opfer. Als integrierter Teil eines vom Staate unabhängigen, an Marktfreiheiten und liberalen Umständen interessierten, westlich orientierten, ungarischen städtischen Mittelstandes aber nicht."

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - Elet es Irodalom

Seit den ersten einschlägigen Erhebungen aus dem Jahre 2008 wird deutlich, dass nur 40 Prozent der befragten jungen Ungarn Demokratie als das beste politische System betrachten. Eine immer stärker anwachsende Gruppe an den Universitäten und Hochschulen befürwortet sogar explizit die Diktatur, ergaben Studien der Forschungsgruppe "Aktive Jugendlichen" der MTA. Andrea Szabó, Leiterin der Forschungsgruppe, bietet im Interview mit Eszter Rádai eine Erklärung an: "Die jungen Ungarn möchten Konsens. Konsens, Einheit und einheitliches Denken ... Sie hassen Diskussionen, denn da müssen sie ihren Standpunkt verteidigen, und sie lernen nicht, wie sie ihren Standpunkt verteidigen können. In der Schule lernen sie nur, dass Konflikte schlecht sind. Konfliktmanagement wird in Ungarn nicht gelehrt."

Es könnte auch daran liegen, dass viele junge Ungarn, die anders denken, ihr Land am liebsten verlassen. Das gilt übrigens auch für Ungarn in Rumänien, laut einer in HVG zitierten Studie, die nicht mehr nach Ungarn, sondern viel lieber nach Deutschland oder Österreich emigrieren.
Stichwörter: Hochschulen, Rumänien, Hvg

Magazinrundschau vom 29.10.2013 - Elet es Irodalom

Dass Terézia Mora den Deutschen Buchpreis 2013 erhalten hat, freut begreiflicherweise auch die Ungarn. Mit László J Győri spricht sie über ihren Roman "Das Ungeheuer", mit dem sie die Härten der Arbeitswelt geißeln will, und über den besonderen Status der ungarischen Literatur in Deutschland: "Es ist in Deutschland bekannt, das in Ungarn Bücher erscheinen, die auch für das deutsche Publikum interessant sind. Darüber muss man sich freuen, das ist nicht selbstverständlich. Wir müssen den bedeutenden Autoren wie Kertész, Esterházy und Nádas dankbar sein. Sie bereiteten den Weg für die anderen vor. (…) Wir sind unverändert beliebt, nur unsere Regierung ist es nicht. Aber die Ungarn werden nicht mit ihrer Regierung verwechselt. (…) Man weiß hier, dass ein Land eine Regierung bekommen kann, die für niemanden gut ist."

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Essayist Iván Sándor reflektiert einen kürzlich erschienenen Essay (mehr) von Péter Nádas über die Stärken und Schwächen des Demokraten und diagnostiziert für die ungarische Gesellschaft einen Mangel an liberaler Tradition. "Warum konnte sich der Liberalismus im zwanzigsten Jahrhundert nicht zu einer Kraft formen, welche das Schicksal des Landes längerfristig hätte beeinflussen können? In erster Linie, weil er ausgegrenzt und unterdrückt wurde. Doch auch nach 1990 rechneten seine Vertreter nicht mit den historisch-kulturellen Reflexen und dem mentalen Zustand der Gesellschaft. Sie überschätzte seine kurzfristige Beleibtheit. Er formulierte ideelle Ziele, ohne dass es dafür wirklich eine breite Unterstützung gab. Die Angebote sind am Unverständnis der andere Traditionen gewohnten Gesellschaft gescheitert."

Und György Konrád meint in einem Artikel über die Meinungsfreiheit: "Obwohl für den Intellektuellen die Gedankenfreiheit das Wichtigste ist, ist es in Ungarn in der letzten Zeit Mode geworden, sich vom Geist der Freiheit abzuwenden oder sich von vornherein über sein anstehendes Verschwinden zu erschrecken, es dabei als gegeben zu akzeptieren. Das verwirrte Volk hat es nicht begriffen, wie leicht dieser, unser gemeinsamer Schatz, die Freiheit verloren gehen kann. Real gab es einen politischen Stimmungswechsel, der in einer von einem Führer dominierten autoritären Herrschaft mündete. Als wären die demokratischen Instinkte und Sensibilitäten meiner Landsleute verunsichert, scheint es so, dass die Mehrheit die eigene Niederlage begrüßt."