Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 35 von 65

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Elet es Irodalom

Die Autorin Krisztina Tóth hat gerade nach 13 Gedicht- und Erzählungsbänden ihren ersten Roman veröffentlicht, "Akvárium". Im Interview mit Csaba Károlyi wünscht sie sich von der Kritik, die Schublade Frauenliteratur einfach mal zu ignorieren: "Ein Esterházy oder Parti Nagy werden niemals danach gefragt, wie sich die Tatsache, dass sie Männer sind auf ihre Werke auswirkt. (...) Sicherlich hinterlässt meine Weiblichkeit in meinen Schriften Spuren, wie auch jeder andere Umstand auch. Doch (männliche) Schriftsteller lesen wir selten aus Gender-Perspektive, wir gehen davon aus, dass dies die Grundlage ist. Ich hätte gerne, wenn dies auch bei Frauen der normale Fall wäre und nicht ständig thematisiert werden müsste."

Magazinrundschau vom 24.09.2013 - Elet es Irodalom

Drei Produktionen stehen im Wesentlichen für den internationalen Erfolg des ungarischen Films in den letzten Jahren: "Delta" von Kornél Mundruczó (Preis der Kritik in Cannes, 2008), "The Turin Horse" von Béla Tarr (Grand Prix der Jury der Berlinale, 2011), "Just the Wind" von Bence Fliegauf (Grand Prix der Jury, Berlinale, 2012). Sie alle handeln vom Ausgeliefertsein, von der Öde, von unterschiedlichen Formen des sozialen und existentiellen Elends und bestätigen damit die im Westen herrschenden Klischees, kritisiert Miklós Sághy: "Osteuropa wird darin als das Reich der bösen Mächte gezeigt, wo unter der verarmten Oberfläche zerstörerische und ungezügelte böse Mächte am Werk sind... Neben dem 'mystischen Bösen' wird der osteuropäische Raum als arm und unzivilisiert dargestellt, die Protagonisten werden als heruntergekommene Alkoholiker, die Häuser als auseinanderfallende Bruchbuden porträtiert."

Tamás Koltai begrüßt die Entscheidung des Wiener Burgtheaters, die Einladung des kürzlich berufenen neuen Intendanten des Budapester Nationaltheaters, Attila Vidnyánszky, zu einem neuen Theaterfestival abzusagen: "Wenn Vidnyánszky gut informiert oder konsequent wäre, hätte er das Burgtheater gar nicht erst eingeladen, denn es steht gegen alles, wofür das neue Nationaltheater steht, mit seinem rosa Kitschtheater und der Ablehnung von Realismus. Ein Ensemble einzuladen, das die Stücke von Nitsch, Schlingensief, Jelinek, Kušej, Steman usw. spielte und spielt, ist Zynismus. Vidnyánszky redet mit gespaltener Zunge, und hält das Fachpublikum für blöd."

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - Elet es Irodalom

Péter Nádas beschreibt in einem umfangreichen Essay in 12 Punkten die Stärken und Schwächen des Demokraten: "Seine Gutgläubigkeit und sein Vertrauen in die Vernunft gibt der Demokrat auch in einer noch so verzweifelten Situation nicht auf. Aus diesem Grunde nimmt er jedoch auch Entwicklungen immer zu spät zur Kenntnis, die er schon frühzeitig hätte ansprechen müssen. Wenn die öffentlichen Räume von populistischen Redner und fundamentalistische Ideologen beherrscht werden. Oder ihm schweigende Oligarchen mit Massen von Sklaven bereits an den Hals gehen. Das geliebte Volk, welches die Demokratie wollte, will jetzt diejenigen, die mit starker Hand für Ordnung sorgen im Freudenhaus. Sie werden schon diese schlampigen, trägen und gebrechlichen Nutten von Demokraten maßregeln. Wenn die Mehrheit dies jetzt so will, das Volk seinen eigenen Tyrannen wünscht, dann kann der Demokrat diese großartige Willenserklärung nicht missachten."

Magazinrundschau vom 03.09.2013 - Elet es Irodalom

Anlässlich des jährlich stattfindenden Schriftstellertreffens in Tokaj beschrieb am 19. August der Publizist János Csontos in der regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet die Entstehung des "neuen literarischen Kanons" der Wende und griff dabei direkt und namentlich die Schriftsteller Péter Nádas, Péter Esterházy und Lajos Parti Nagy an. Csontos warf ihnen vor, dass sie einen Pakt mit dem Chefideologen Kadars, György Aczél, eingegangen wären und dafür Publikationsmöglichkeiten und Geld erhalten hätten. Dafür sollten sie die "politisch wirklich unangenehmen" Schriftsteller an die Peripherie zu drängen. Peter Esterházy meint dazu gewohnt ironisch: "Wir müssen dankbar sein für die beflügelte Formulierung von Csontos. Dieser hat die träge Erinnerung bewegt. Ansonsten hätte ich gesagt, ich hatte mich nie mit Aczél getroffen, ich sah ihn in der Zeitung, im Fernsehen, doch so kommt die Erinnerung wieder, wie ich mich mit Nádas und Parti Nagy (von ihnen distanziere ich mich in aller Deutlichkeit) in einer Hütte traf, doch darüber möchte ich nicht weiter reden."

Und Peter Nádas schreibt: "Man kann über mich viel Schlechtes reden, und wenn jemand bei der Aufzählung nicht weiterkommen sollte, dann bin ich gerne behilflich. Aber mit gutem Herzen kann nicht wirklich gesagt werden, dass ich in irgendeinem System Kollaborateur gewesen wäre. Ich war ein freier Mensch und ich blieb ein freier Mensch. Csontos behauptet das Gegenteil. (...) Man kann nur wirkliche Ereignisse rekonstruieren. Wann hat uns Aczél zu sich gerufen? Und sind wir gemeinsam hingegangen oder getrennt? Denn soweit ich weiß, hat Esterházy Aczél nie getroffen, von Parti Nagy weiß ich es nicht (er war aber zu der Zeit auf dem Gymnasium). Was ich aber weiß ist, dass wir gemeinsam nirgendwo hingegangen sind. Wir hätten ja gehen können, jetzt bedauere ich es, das wir nicht einmal ins Freudenhaus gemeinsam gegangen sind, aber wir sind es nicht."

Magazinrundschau vom 27.08.2013 - Elet es Irodalom

József Tamás Reményi denkt über den Trend nach, das ermattende Interesse an Literatur mit popularisierenden Bühnenprogrammen neu zu beleben. "Ich frage meine Kollegen und Fachleute, deren Leben die Literatur ist: Können wir wirklich glauben, dass unter dem Titel "Lesepopularisierung" veranstaltete Straßenfeste und Zirkusdarbietungen neue Leser rekrutieren? Wenn ein Pál Závada singt, wenn ein János Háy musiziert, wenn eine Virág Erdős ihre für die oppositionellen Ohren so lieblich klingenden Zeilen erzählt, wird es dann mehr Leser für die Romane von Závada geben? Werden mehr Menschen begreifen, warum das Buch von Háy 'A gyerek' (Das Kind) ein Grundwerk der neueren ungarischen Literatur ist, oder dass Erdős eine Meisterin der lyrischen Kurzprosa ist? (...) Solange in den Schulen die zeitgenössische Kunst keinen Eingang findet, die Bibliothekare entlassen werden, die restlichen als kopierende Hilfsarbeiter den Mindestlohn erhalten usw. können Autoren 'jugendlich' trommeln und singen, wie sie wollen - ohne Leseerfahrung werden lediglich die altbekannten Fragen gestellt: 'Seit wann schreiben Sie?' 'Nun, seit langem'."
Stichwörter: Ungarische Literatur

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - Elet es Irodalom

Der junge Filmemacher, Dénes Nagy ( u.a. "Lágy eső - Sanfter Regen", dieses Jahr im Kurzfilmwettbewerb von Cannes) begleitet in seinem neuen Dokumentarfilm "Másik Magyarország - Das andere Ungarn", den bildenden Künstler Imre Bukta in seine Heimatregion. Lóránt Stőhr hat sich den Film angesehen und schreibt: "'Das andere Ungarn', so lautete auch der Titel der letzten Ausstellung von Imre Bukta in der Budapester Kunsthalle. Aus welcher Perspektive ist das hier gemeinte Ungarn anders? Vom Zentrum, von Budapest und den Städten her betrachtet, die mehr oder weniger die westliche Modernisierungstrends annahmen. Das Andere ist hier der Doppelgänger, das zurückgebliebene Ländliche. Imre Bukta ist in seiner vertrauten Umgebung ein Insider, so malt er authentisch das 'andere Ungarn'. Dénes Nagy könnte leicht den Fehler machen, sich als Katastrophentourist über das Elend in ländlichen Gegenden zu empören. Doch seine Empathie mit seinen Gesprächspartnern und seinem Hauptprotagonisten verhindern dies glücklicherweise."
Stichwörter: Empathie

Magazinrundschau vom 13.08.2013 - Elet es Irodalom

Am 6. August wurde nach mehr als zweijähriger Verhandlung in Budapest in erster Instanz das Urteil im Prozess über eine Mordserie an sechs Roma (mehr hier) gefällt: In drei Fällen wurden die Angeklagen zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Ein Vierter erhielt 13 Jahre Haftstrafe. András Vágvölgyi B. kommentiert das Urteil: "Bei der Begründung wies Richter László Miszori auf die Bedeutung des Urteils für die Prävention hin. (...) Das 'Gewaltmonopol des Staates' wurde nicht explizit erwähnt, doch wurde betont, dass gesellschaftliche Konflikten nicht durch die Selbstjustiz privater Brigaden gelöst werden dürfen. Bürgerkrieg ist nicht vertretbar. Lange Zeit hatte die Gesellschaft von diesem Prozess keine Kenntnis genommen. Nun wird darüber mehr berichtet. Die Frage bleibt, ob es eine nationale Katharsis geben wird. Ich bin nicht sehr optimistisch."
Stichwörter: Gewaltmonopol, Roma

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Elet es Irodalom

László J. Győri sprach mit der Historikerin Éva Gál über ihr Buch "Lejáratás és bomlasztás" ("Denunzierung und Sabotage", Corvina Verlag, Budapest 2013), welches die Praktiken der ungarischen Staatssicherheit gegen oppositionelle Intellektuellen rekonstruiert. Gál war persönlich betroffen, da ihr verstorbener Ehemann, der Historiker György Litván 1959 aufgrund seiner Beteiligung an dem Aufstand 1956 zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war. "1990 war es für jeden selbstverständlich, dass die geheimen Unterlagen der ungarischen Staatssicherheit veröffentlicht werden müssen. Für die Menschen war es in erster Linie interessant zu wissen, wer über sie an das Innenministerium berichtete. Heute wissen wir, warum dieses Gesetz nicht zustande kam: außer den Liberalen und dem damaligen Fidesz wollte keine andere Partei dieses Gesetz. Seit 1997 gibt es ein Gesetz, nach dem einige Akten mit gewissen Einschränkungen zugänglich sind. Kopien dürfen nicht gemacht werden, lediglich handschriftliche Notizen in einer begrenzten Zeit. Das Gesetz von 2003 verbesserte die Lage der Forschung, doch es ist immer noch weit vom optimalen entfernt. Vieles kann zwar rekonstruiert werden, doch die Lücken sind immer noch groß. Aufgrund dieser Lücken habe ich mich entschlossen zu schreiben. Es wäre sinnlos gewesen, als Verwandte und Beteiligte zu forschen, dann wären die wirklich relevanten Teile der Akten geschwärzt gewesen. Als Historikerin konnte ich das aber umgehen. 'Früher haben sie uns gelesen, jetzt lesen wir sie', hätte mein Mann gesagt."

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - Elet es Irodalom

Die Theaterkritikerin und Schriftstellerin Andrea Tompa erklärt im Interview mit Csaba Károlyi, wie schwierig es heutzutage in Ungarn ist, Theaterkritiken zu schreiben, weil die Politik jedes ästhetische Problem überdeckt: "Paradox ist, dass beim Theater große Geldsummen im Spiel sind und so sind auch die Machtdiskussionen beim Theater anders als in der Literatur. Theater dreht sich viel mehr um Macht, es gibt symbolische Gebäude. Es ist durchpolitisiert, so ist es sehr schwer, eine authentisch Meinung zu äußern. Ich sehe mir zum Beispiel die Aufführung eines unabhängigen Theaters an - ihre Förderung wird gerade zerbombt - und die Aufführung ist schlecht. Wie soll ich darüber schreiben? Oder die Rechtsradikalen demonstrierten gerade am Nationaltheater gegen ein Stück von Pál Závada, das mir auch nicht wirklich gefiel. Wie soll ich nun schreiben? In so einem Umfeld ist es unglaublich schwierig, über ästhetische Probleme zu sprechen."

Der Essayist und Kunsttheoretiker László F. Földényi stellt die Arbeit des Bildhauers Tamás Körösényi vor, dessen Werke gerade in der Budapester Kunsthalle Mücsarnok ausgestellt werden. "Im Frühling von 2010, kurz vor seinem bitteren Tod antwortete Körösényi auf die Frage, was Bildhauerei sei: 'Bildhauerei ist die Darstellung des menschlichen Denkens.' Das war auch das Leitmotiv seines Lebenswerkes. (...) Von der Konzeptkunst und minimalistischen Abstraktionen über Münzen und öffentlichen Plastiken bis hin zu Geisterskulpturen im Barockstil (Bild) - die große Ausstellung in der Kunsthalle umfängt eine riesige Anzahl von Arbeiten. Der Ton ist abwechslungsreich, man findet Humor, existentielle Aufmerksamkeit, Spielchen und philosophische Sichtweisen aber auch Tragik. Andererseits ist in jedem seiner Werke die tiefe reflektierende Aufmerksamkeit nicht zu übersehen, was auch in seiner Lebensführung präsent war. Bildhauerei war für ihn nicht nur Abbildung im Raum, sondern die Abbildung des Raumes."

Magazinrundschau vom 25.06.2013 - Elet es Irodalom

Zum hundertsten Geburtstag des ungarischen Dichters Sándor Weöres (Zsusanna Gahse sang ihm 1986 in der Zeit ein kleines Liebeslied) veröffentlichten Schriftsteller einen Strauß von Gratulationen. Der Dichter und Literaturwissenschaftler, Gábor Schein schlägt vor, Ungarn für einen Tag in Sándor Weöres umzubennen. "An der Grenze stünde ein Schild: 'Willkommen in Sándor Weöres'. An diesem Tag würden alle Einwohner und Besucher von Sándor Weöres dem Dichter ein wenig ähneln. Alle, die hier wohnen, würden ein Stück vom Genie des Sándor Weöres abbekommen. Gerade soviel, wie sie noch ertragen können. Was würde dann passieren? Nicht besonderes. Nur alles wäre ganz anders. Wie das aussehen würde, kann in dem Land, das nicht Sándor Weöres heißt, nicht gesagt werden. Wenn es möglich wäre, dann wäre es nicht nötig, dieses Land umzubenennen. Die Verhältnisse wären anders, der Blick des Landes und das Schweigen. (...) Wir sollen Ungarn wenigstens für einen Tag Sándor Weöres nennen, damit wir erfahren können, wer wir sind und wer wir durch ihn sein könnten."
Stichwörter: Schein, Gabor