Bei Joschka Fischer waren Turnschuhe noch freche Koketterie, in jedem Fall aber ein Regelverstoß. Mittlerweile haben sie alles durchsetzt, grämt sich der Schumachersohn Roman Bucheli in der NZZ: "Wenn Anne Will am Abend der Bundestagswahl in ihrer Talkshow weiße Sneakers zum graublauen Hosenanzug trägt, dann hat das nichts mehr mit Joschka Fischer zu tun, sondern allein mit einem unbekümmertenIndividualismus: Schaut her, wie locker ich drauf bin! Ihr Pech: Auch Lars Klingbeil, SPD-Generalsekretär, kam mit weißen Sneakers zum blauen Anzug in die Sendung. ... Schöner hätten sie nicht vorführen können, wie heute jeder Nonkonformismus zuverlässig in die Uniformität umschlägt. Das ist das Paradoxe an der angestrengten Individualität: Weil sie von der Stange kommt, ist sie sehr viel weiter verbreitet, als der Individualist glaubt und es ihm lieb sein kann."
Sabine von Fischer schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Gestalter RobertHaussmann.
Kännchen von Christa Petroff-Bohne. Bild: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Sehr löblich findet Bettina Maria Brosowsky in der taz die Überblicksausstellung zum Schaffen von ChristaPetroff-Bohne - "in ihrer sachlich modernen Grundhaltung" eine Autorität der DDR-Gestaltung - im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Mit Petroff-Bohne, einer Vertreterin einer "moderaten Moderne", die ihre Gestaltungslehre selbst "als Zusammenwirken von Hand und Auge bezeichnet", ist "eine wache Designtheoretikerin" zu entdecken, "die schon mal das ikonische, 1924 von Marianne Brandt entworfene Bauhaus-Teekännchen als Kunst bezeichnet - und nicht als gelungene Produktgestaltung."
Besprochen wird weiter die dreibändigen "Swiss Graphic Design Histories" (NZZ).
Sabine von Fischer führt in der NZZ durch die Ausstellung "Automania" im MoMA in New York, für die eine Handvoll schön anzusehender Autoklassiker, darunter die roteCitroënDS, über die Mauern des Museums in dessen Skulpturengarten gewuchtet wurden. "Kultstatus haben diese Autos seit langem, einst auf der Straße - nun im Museum. Zeigt das MoMA etwa schon eine Retrospektive oder sogar einen Nachruf auf das Zeitalter der Automobile? ... Als das Museum of Modern Art in New York 1951 zum ersten Mal Automobile ausstellte, gab es das Verkehrshaus der Schweiz noch gar nicht. Und die DS ebenfalls nicht, diese wurde dann 1955 beim Pariser Autosalon vorgestellt und sofort als Weltsensation gefeiert: Komfortable Polstersitze, schwenkbare Scheinwerfer und komplett versenkbare Scheiben, industrieller Schaumstoff und funktionelles Blech feierten die Modernität in formaler Perfektion."
Schriller und darin selbstbewusster ist niemand - und 100 Jahre alt ist sie kürzlich auch geworden: Sarah Pines verneigt sich daher tief in der NZZ vor Stilikone IrisApfel: Vielleicht ist Stil und Geschmack ja "das Gefühl eines winzigen elektrischen Schocks und das sodann entstehende Bewusstsein: Hier ist etwas Neues, anderes. ... Man kann unmöglich sich so anziehen wie Apfel, die zuzeiten wirkt, als krache sie unter ihren schweren Halsketten, Tüchern, Hutgebilden jeden Moment zusammen. Und vielleicht ist es das, was Mode ausmacht: Etwas ist anders und eigenwillig, aber es wirkt trotzdem toll - Apfel trägt Dolce-&-Gabbana-Echsenhosen zusammen mit einer Art Messgewand aus dem 19. Jahrhundert, Ketten aus Bärenklauen über Cocktailkleidern, Anstecknadeln aus ausgestopften Papageienköpfen, chinesische Tempelkleider, pinkfarbene Hosen von Lanvin, viel Selbstgenähtes."
Der Herbst wird ledern in der Frauenmode, stellt Tillmann Prüfer in seiner Stilkolumne im Zeitmagazin fest. Nur gar so viel Empowerment sieht er darin nicht: "Vielleicht ist die in Leder geschlagene Frau vielmehr eine Männerfantasie der starken Frau: Diese Kleider tragen wahre Kämpferinnen, die gefährlich sind, aber dennoch nach einem noch stärkeren Mann rufen."
Mit der von ClaudiaSchiffer kuratierten Schau "Capivate! - Modefotografie der 90er" im Düsseldorfer Kunstpalast unternimmt SZ-Kritiker Alexander Menden eine nostalgische Zeitreise in das "in der Rückschau vielleicht unbeschwerteste Nachkriegsjahrzehnt" (wer damals im Osten lebte und von Arbeitslosigkeit oder rechstextremen Übergriffen betroffen war, sieht das vielleicht anders). In der Modefotografie war es die Zeit eines neuen, selbstbewussten Glamours, wie die Supermodel-Fotostrecken von HerbRitts belegen: "Auf solchen Gruppenbildern fanden Frauen zusammen, die jede für sich seit den ausgehenden 80ern allmählich Star-Status erlangt hatten - gleichsam eine Super-Group der Modewelt. Sie hatten die Kategorien 'Laufsteg', 'kommerziell' und 'Editorial', in die Modemagazine weitgehend namenlose Models bis dahin einteilten, aufgebrochen und durch ihre eigene Persönlichkeit ersetzt. .... Das, was Glamour ist, jene 'scharfe Mischung aus Projektion, Verlangen, Bewunderung und Ambition', erlebte in den Neunzigern eine Blüte, denen die Düsseldorfer Schau mehr als angemessen Rechnung trägt."
In der FRpräsentiert Judith Kohl ihre schönsten Fundstücke bei der BerlinFashionWeek.
"Sie lebt, die Berliner Mode", ruft Marina Razumovskaya in ihrem taz-Resümee der Berlin Fashion Week. Die durch Corona induzierte Jogginghosen-Verwahrlosung samt des gesunkenen Bedarfs für Ausgehmode hat der Branche freilich ziemlich zugesetzt - nur Reaktionen darauf fand Razumovskaya nicht, stattdessen unverdrossen viele neue, fraglos schöne Entwürfe, etwa von Alisa Menkhaus' StudioSusumu Ai: Diese "Mode nimmt Elemente aus der japanischen Tradition, aber deutet sie oft in etwas Funktionelles um. Ihre Schnitte sind schlicht und elegant, mit vielschichtigen, transparenten Blusen aus japanischer Baumwolle oder traditionellem Chirimen Stoff oder Variationen des traditionellen an der Taille gebundenen Obi-Gürtels. Alle Stoffe sind in Japan hergestellt, produziert wird im Weddinger Studio in Berlin. Alisas Kollektionen verbinden auf zauberhafte Weise die Kimono-Tradition mit ihrer starken Betonung der Umhüllung und feine, das Feminine betonende Akzente. Es entstehen Kleider, deren Feminität und Freiheit auch für die Postcorona-Europäerin tragbar werden."
Nach vielen Jahren des Wartens und Hinhaltens öffnet sich in der Münchner Pinakothek der Moderne nun endlich die stets verschlossene Milchglastür und offenbart das "X-Depot", einen neuen, bis an die Decke prall gefüllten Design-Schauraum. Da "schießt das Auge wie eine Flipperkugel hin und her", staunt Laura Weißmüller in der SZ: "etwa zur quietschgelben aufblasbaren Plastikgiraffe links unten. Rüber zur skizzenhaft schlanken schwarzen Karbonliege in der Mitte und hoch zum poppig runden WCinMoosgrün. In der obersten Etage gibt es Stühle aus elegant geschwungenem Bugholz, aus Plastik, Stahl und Korb zu entdecken. Dazwischen futuristische Fahrräder, elegante Faltboote, eine tragbare Badewanne und leuchtend bunte Tankstellen-Logos." Und auch einige historische Korrekturen gibt es: Es gibt mehr Entwürfe von Frauen zu sehen: "Barrierefreiheit endet hier nicht beim Einbau eines Aufzugs."
Außerdem: Lisa Kannengießer blickt in der SZ auf die Zeit zurück, als sich die Neunziger der Schulterpolster der Achtziger entledigten. Den Anlass dafür bietet eine Modefotografie-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast, die von ClaudiaSchiffer kuratiert wurde, mit der wiederum Johanna Pfund für die SZ spricht.
Gartengladiolen. Foto: 3268zauber unter cc-Lizenz bei Wikipedia
Robin Schwarzenbach (NZZ) macht einen Rundgang durch seinen Garten, wo gerade nicht nur Hibiskus und Amorphophallus titanum in die Höhe schießen: "Jetzt recken sie sich wieder. Und zeigen stolz, was sie haben. Sofern sie nicht schon schlappgemacht haben. Oder sich aus statischen Gründen kaum halten können. Je größer, je länger, je hochtrabender, desto instabiler. Dramen männlicher Existenz wiederholen sich im Blumenbeet. Von wegen Stehvermögen. Aber darüber spricht man nicht, denn unsere Vorstellung ist klar: Gladiolen stehen ihre Blume, natürlich, immer. Vor allem die obersten, länglichen Knospen wirken irgendwie . . . Darf man das schreiben? Sie wirken sehr potent."
Therapeutisch: Sessel in Beige und Grau von Patricia Urquiola für Andreu World. Foto: Salone del Mobile
Max Scharnigg konnte für die SZ die Möbelmesse in Mailand, den Salone del Mobile besuchen. Zwei mal war er wegen Corona ausgefallen, es sollte darum nicht einfach ein Salone sein, sondern ein "Supersalone". Das hat nicht so ganz geklappt, seufzt Scharnigg, Wohnatmosphäre wollte in den schmalen Korridoren nicht aufkommen. "Dazu kommt, dass die Designer bei ihren neuen Entwürfen eher leise Töne anschlagen und die Zeit etwas abgeklungen scheint, in der Farben, raumgreifende Formen und Materialien ausgereizt wurden. Ein neuer Sessel von Stardesignerin Patricia Urquiola für den Hersteller Andreu World etwa präsentierte sich in nahezu therapeutischen Farbkombinationen aus Beige- und Erdtönen, ein neuer Bürostuhl von Arper wurde ausschließlich in falben Herbstfarben gezeigt. Sehr defensiv und heilsam wirken diese Möbel, ihre Botschaft: Ruhe, bitte."
Außerdem: In der NZZerzählt Britta Hentschel von der vorsichtigen Modernisierung eines vierhundert Jahre alten Bauernhauses in Nidwalden.
Im NZZ-Interview erklärt die Vitra-Chefin Nora Fehlbaum ihr neues Bürokonzept: Die Inspiration "waren Klubs weltweit: Schachklubs, Debattierklubs, Fußballklubs. Im Zentrum der Idee stehen die Hingabe und die Begeisterung, mit denen die Menschen ihre Freizeitaktivitäten ehrenamtlich gestalten."
Maria Becker wandert für die NZZ durch das Zürcher Museum für Gestaltung, wo sechs Künstler oder Künstlergruppen sich aus dem Fundus des Museums bedienen durften, um sechs Räume einzurichten. "Entstanden sind kleine Geschichten über Lebenswelten, Funktionalität, Stilmythen und Warenproduktion", wie sie zum Beispiel Sarah Kueng und Lovis Caputo erzählen: "Die beiden Gründerinnen des Studios Kueng Caputo zeigen das Packmaterial, wie es zurzeit im Umlauf ist und tagtäglich anfällt: geformt aus Pappmaché und Plastik, geknüllt aus Lochkarton oder Papierschnipseln, geschäumt aus Kunststoffen, die sich um die Ware schmiegen oder sie mittels Luftkammern vor Stößen schützen. Säuberlich getrennt in Regalen platziert, gewinnen diese vielförmigen Dinge tatsächlich eine eigene Qualität, die umso reizvoller ist, als man darüber rätseln kann, was sie wohl transportiert haben und was sich in ihrer konkaven Innenseite abbildet."
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