Im Centre-Pompidou-Ableger in Metz widmet sich die Ausstellung "Aerodream" (allerdings nur noch bis nächste Woche) der Aufbruchstimmung, die mit der Erfindung von Plastik und anderen polymeren Werkstoffen einher ging. Erst die Ölkriseinden Siebzigern ließ da buchstäblich die Luft raus, lernt man, denn es geht in dieser Ausstellung insbesondere um "die Kulturgeschichte des Aufblasbaren in der Industriegesellschaft" und das "Phänomen der pneumatischen Strukturen als dem angesagten Zukunftsmedium", schreibt Renata Stih in der taz. "Design war von eminenter Bedeutung für den neuen Lebensstil und der BlowChair, der bunte, transparente, aufblasbare Sessel von Lomazzi, D'Urbino und De Pas (1967) war das erste industriell hergestellte Möbel dieser Art. Er passte auch in kleine Wohnungen - die Luft konnte einfach abgelassen, das Objekt leicht verstaut werden. Auch in Werbung und Film wurde dieser neue Lebensstil propagiert."
Die Kunsthistorikerin Gabrielle Boller wirft für die NZZ einen Blick in die Geschichte der Arbeitsmode für Frauen. Vom feminin Zierlichen bis zur Textil gewordenen Kampfansage ist alles dabei. Mitunter "wandelten sich die Insignien weiblicher Garderobe vom Adretten zum Stählernen. ... Dass Damenhaftes durchaus furchteinflößend sein kann, zeigte beispielhaft Margaret Thatcher: Ihre Kostüme waren Festungen, ihre scharfkantigen Handtaschen gemahnten an Schlagwaffen, die sie auf bedrohliche Art vor sich hertrug - ganz in der Tradition der Queen, die in ihren schockfarbenen Outfits von giftigem Grün bis galligem Gelb keineswegs liebliche Weiblichkeit verbreitete."
Sehr dankbar ist SZ-Kritikerin Tanja Rest der Ethnologin GiuliaMensitieri für deren Buch "Das schönste Gewerbe der Welt" zur Lage der Modebranche. Hinter dem Schleier von Glitz und Glamour gähnt der Abgrund des Prekären: Schneiderinnen, die tagelang an einem 30.000-Euro-Kleid nähen, und magere 800 Euro dafür erhalten, Models, die ihre überschaubaren Honorare bei der Agentur abgeben müssen, die sie vermittelt haben. Den Raubbau am eigenen Dasein betreiben die so Ausgebeuteten vor allem wegen eines Traums, schreibt Rest: Dieser "steht auf vier Säulen: Schönheit. Status. Macht. Kreativität. Das, was alle wollen, in der Logik des Systems aber nicht erreichen können, allem Kaufen und Buckeln zum Trotz. Erschaffen und am Leben erhalten wird der Traum durch die Produktion von Bildern, an denen die Modearbeiter genauso wie die Konsumenten hängen wie Komapatienten am Tropf. Es sind Bilder, die niemals objektiv sein dürfen, weil alle ja sonst schlagartig aufwachen müssten. Darum bekommen nur jene Magazine die kostbaren Kleider fürs Shooting, die sie auch glanzvoll inszenieren. Darum bekommen nur jene Journalisten Interviews und einen guten Platz am Laufsteg, die keine unbequemen Fragen stellen."
Sicherlich, alles, was mit der Verbrennung fossiler Energiestoffe zu tun hat, steht derzeit nicht hoch im Kurs, entschuldigt sich Christian Zaschke in der SZ. Absolut aufregend findet er die aktuelle Automobil-Ausstellungim New Yorker MoMA aber eben doch: Zwar sind Autos "in der großen Mehrzahl ausgesprochen hässliche Gebilde. Aber dann steht man im Skulpturengarten des MoMA, einem der angenehmsten Orte Manhattans im Übrigen, und blickt auf einen Citroën DS 23 Sedan von 1973, und wer sich davon nicht im Inneren bewegen lässt, dem hat die Natur ein steinernes Herz in die Brust gepflanzt. ... Das Auto, wie wir es kennen, wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Dieses Wissen verleiht der Show eine melancholische Note."
Mangoldblätter in einer Vase von Constance Spry circa 1935. Foto: Reginald Malby / RHS Lindley Collections
Miss Betsan Horlicks Hochzeit mit Mr. John Coats am 31. Oktober 1933 in der Kathedrale von Southwark war ein gesellschaftliches Ereignis. "Aber es waren die Blumen, die die Show stahlen", erzählt Rachel Cooke im Guardian anlässlich einer Ausstellung zu der Blumendesignerin Constance Spry im Garden Museum in London. "Horlick, in weißem Samt gekleidet, trug einen Strauß strahlend blauer Enziane in eine Kirche, die mit 12 Fuß hohen Ständern aus grünen Hortensien und Pampasgras geschmückt war. Ihre Brautjungfern glichen in ihrer Masse einer Ansammlung menschlicher Säulen, und ihre unwahrscheinlich riesigen Sträuße aus Aronstab und Eukalyptus schienen an ihrem Äußeren fast Wurzeln geschlagen zu haben. Wie die Vogue aufgeregt berichtete, war das alles 'völlig neuartig'. Diese Blumen waren das Werk von Constance Spry, einer Blumendesignerin, die damals so in Mode war, dass keine gesellschaftliche Veranstaltung ohne sie auskam. ... Wie die jüngste Ausstellung des Gartenmuseums zeigt, gelang es ihr nicht nur kurzzeitig, ein paar Leute mit zu viel Geld davon zu überzeugen, dass Mangold in der richtigen Vase wunderschön aussehen kann (die Herzogin von Kent bat Spry einmal, ihre charakteristischen Grünkohlblätter aus einem Arrangement zu entfernen, mit der Begründung, dass ihre Mutter, die ehemalige Großfürstin Jelena Wladimirowna von Russland, zu Besuch sei 'und es vielleicht nicht verstehen würde')."
Die Leggins sind wieder da, beziehungsweise waren ja nie wirklich fort, glossiert Tillmann Prüfern im ZeitMagazin. Ursprünglich strikt für Männer vorgesehen, erfreuten sie sich lange Zeit insbesondere bei den Frauen großer Beliebtheit. Doch "auch bei den Männern sind Leggins nun wieder beliebt. Gern in der Form der Radlerhose. Oder auch als enge, lange Leggins, über die meist eine legere kurze Sporthose gezogen wird. Da ist sie also wieder, die männliche Lust am eigenen Bein. Hinzu kommt, dass Leggins auch sehr bequem sind. Das machte sie zu den großen Corona-Gewinnern. Als man nicht mehr aus dem Haus konnte, trug offenbar die ganze Welt Leggins."
Weiteres: Die FAZ hat Claudius Seidl Besprechung der Ausstellung zu MartStam im Museum der Dinge in Berlin online nachgereicht (mehr zu der Ausstellung bereits hier und dort).
Klassischer Dreiteiler von Comme des Garçons Homme Plus / Rei Kawakubo, Suit, Autumn/Winter 2009. Collection of The Kyoto Costume Institute, photo by Takashi Hatakeyama
Gute Modeausstellungen findet man in Deutschland nicht oft, aber "Dress Code" in der Bundeskunsthalle Bonn gehört definitiv dazu, versichert Catrin Lorch in der SZ. Nur die Texte zur Ausstellung darf man nicht lesen. Gezeigt wird der "enorme Einfluss von japanischen Couturiers auf Avantgarde und Mainstream". Und der begann - nach Issey Miyake - mit den ersten Kollektionen von Rei Kawakubos Comme des Garçons und Yohij Yamamoto in Paris, die Kleider wie Körper dekonstruierten: "Wer sich jetzt in der Ausstellung aufmerksam die geometrisch zerschnittenen Röcke, die durch Tüll und Einlagen verbuckelten Umrisslinien, die zusammengeklitterten Stoffe von Junya Watanabes Kostümen ansieht, erkennt, wie sich hier eine absolute Modernisierung anbahnt. Am Ende steht John Gallianos Entwurf eines schulterfreien Abendkleides in Tarnmuster-Drillich, aber auch die beuligen Skater-Hosen und Bomberblousons, die auf der Street-Fotografie zu sehen sind, mit denen die Bundeskunsthalle die Präsentation rahmt. Als Vergleich für diesen epochalen Wandel eignet sich eigentlich nur der enorme Schub, den die Malerei der Moderne durch Japan erfahren hat, ziemlich genau ein Jahrhundert zuvor."
Anne Feldkamp erinnert im Standard an LouisVuitton, der vor 200 Jahren geboren wurde: "7,6 Milliarden Euro Gewinn verzeichnete LVMH im ersten Halbjahr 2021. Kein Wunder, dass der Marke zum Feiern zumute ist."
Birgit Jürgenssen, Untitled, 1975In einer von MaurizioCattelan und MartaPapini kuratierten Ausstellung in der Wiener Galerie Hubert Winter treffen die österreichische Künstlerin BirgitJürgenssen (1949-2003) und die italienische Designerin CinziaRuggeri (1942-2019) aufeinander, schreibt Brigitte Werneburg in der taz: Letztere "zielt mit ihren Objekten und Entwürfen auf den architektonischen Raum, wie die zwei mal ein Meter messende schwarze Samthand gleich zu Beginn der Schau zeigt. ... Wahrscheinlich funktionieren Ruggeris einfache Formexperimente auch jetzt so gut, weil wir mehr denn je erleben, wie sehr - je nach der geschlechtlichen Identität des Menschen - dieser Auftritt, mit den Freiheiten, die er sich nimmt, und den Grenzen, die er wahrt, den libidinösen und kommunikativen Zusammenhalt unserer patriarchalen Gesellschaft irritiert. Jürgenssen interessieren die kollektiven Fantasien der Mode, ihre untergründigen, unheimlichen Quellen, ihr totes, morsches Material, ihre Raubzüge am schönen Tier."
Bei den OlympischenSpielen stahlen TelfarClemens' Sportdress-Entwürfe für die gerade mal drei aus Libera angereisten Sportlerinnen und Sportler wirklich allen die Show, freut sich Beate Scheder in der taz: "Ein neues Kapitel schlug Telfar damit auf, waren es bislang doch eher die großen Modenationen, die beim traditionellen Schaulaufen der Eröffnungszeremonie auf sich aufmerksam machten - Italien, wo seit 2012 Armani verantwortlich ist, oder die USA, die seit 2008 auf Ralph Lauren setzen, in diesem Jahr gemeinsam mit Kim Kardashian. Bemerkenswert sind die Designs von Telfar, zu denen auch die Sportuniformen des liberianischen Teams zählen, auch noch aus anderen Gründen, nämlich weil sie, wie alles von Telfar, keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern machen."
Männer zeigen im Sommer auf der Straße nicht nur selbstverständlicher als früher Wade, sondern in jüngster Zeit sogar wagemutig vielOberschenkel, stellt Hanno Rauterberg glossierend in der Zeit fest. Womöglich mag man "im öffentlich zur Schau getragenen Stachelbeerbein des Mannes ein Zeichen zunehmenderGenderfluidität erblicken", doch vielleicht stellt das Mehr an blasser Haut oberhalb des Knies auch eine "aktualisierte Geste alter Unbeugsamkeit" dar. "Nichts kann ihm, dem Kurzbehosten, etwas anhaben, nicht die Kälte, nicht die bürgerliche Konvention, erst recht nicht der spöttelnde Blick auf sein Storchen- oder Säbelbein. Den wachsenden Zwängen der Gegenwart begegnet er mit dem Mut zur Offenlegung, lieber untenrum frei als gar keine Freiheit."
Besprochen wird die Ausstellung "Mode schauen. Fürstliche Garderobe vom 16. bis 18. Jahrhundert" im Schloss Ambras in Innsbruck (Standard).
Der große Modefotograf F.C. Gundlach ist gestorben. "Mit hinreißendem Schwung inszenierte er die Mode als Ausdruck der Lebenslust, und die Pointe dabei war: es mochten Stars sein, die vor seiner Kamera standen, bekannt aus Film und Fernsehen, aber unnahbare Göttinnen waren sie nicht", schreibt Lothar Müller in der SZ. "Er hat das Kunststück fertiggebracht, zugleich Modefotograf und Dokumentarfotograf der Bundesrepublik in jener Epoche zu sein, in der sie aus der Nachkriegszeit heraustrat." Ab den 60ern machte sich bei Gundlach die Pop-Art bemerkbar, schreibt Bernhard Schulz im Tagesspiegel: "Die elegante Dame, das Wunschbild der fünfziger Jahre, war passé. Gundlach allerdings hatte seine Modelle immer schon mal in die raue Wirklichkeit von Hamburg oder West-Berlin gestellt, außerhalb des Studios mit seiner Dekoration."
In der FAZ erinnert sich Freddy Langer gerne an den Glamour des Jet Set, für den Gundlach unter anderem stand: "Seine Modelle ließ er über die Tragfläche eines Flugzeugs balancieren, über die Schwellen endloser Gleise stöckeln oder legte sie im geblümten Kleid in eine Blumenwiese, sodass sie darin verschwanden. Ein ums andere Mal gelang es ihm dabei mit raffinierten Einfällen die Vorgabe der Redaktion zu unterlaufen, die in überzeugter Spießigkeit festgelegt hatte: 'Brigitte ist ein braves Mädchen.' Das konnte ein Fleck weißer Haut sein, eine Narbe auf der Schulter, auch zwei Berge, die am Horizont spitz wie Brüste in den Himmel ragten." ZeitOnlinebringt eine Strecke, viele weitere großartige Fotos gibt es zum Stöbern auf Instagram.
Design aus Iris van Herpens Kollektion "Earthrise" Bei Dezeenstellt Alice Finney Iris van Herpen's Kollektion "Earthrise" vor, die die niederländische Designerin gerade bei den Pariser Haute-Couture-Schauen gezeigt hat. Teile der Kollektion wurden aus recyceltem Plastik gefertigt, das aus dem Ozean gefischt wurde: "Die Kollektion basiert auf den Themen Freiheit, Abenteuer, Erkundung und Furchtlosigkeit. Für van Herpen werden diese perfekt durch die Flüge der Weltmeisterin im Fallschirmspringen Domitille Kiger verkörpert. 'Als ich Domitille am Himmel fliegen sah, fühlte ich mich von ihrer Freiheit inspiriert, wie sie Abenteuer, Erkundung und Furchtlosigkeit verkörpert, die Elemente, die ich in der Mode erforschen möchte', sagt van Herpen. 'Man muss immer eine interessante Sprache finden, wenn man zwei sehr unterschiedliche Welten zusammenbringt; Haute Couture und Fallschirmspringen, sie verkörpern beide die traditionelle Symbolik des Fliegens; alles beiseite zu lassen, was einen am Boden hält', erklärt sie."