Mit den Temperaturen und den Sonnenstichgefahren steigt auch die Popularität von Kopfbedeckungen, um das Schlimmste abzuwenden, schreibt Silke Wichert in der NZZ, dies allerdings nicht völlig ohne Sorge: "Wenn wir nun in den Sommermonaten von der hutlosen wieder zur behüteten Gesellschaft zurückkehren, wird es immer schwieriger, herauszustechen. Man sieht die Kakofonie aus möglichst schreienden Kreationen, Seidentüchern und immer neuen Logo-Kappen bereits vor sich: eine Mischung aus Galopprennbahn und Grundschulausflug. Die eine Hutmode, wie sie noch in den zwanziger Jahren üblich oder bei Männern bis in die fünfziger Jahre möglich war, wird es in unserer überindividualisierten Gesellschaft nicht mehr geben. Kommen dann wenigstens einige der alten Kulturtechniken zurück? Das Grüßen mit dem Hut vielleicht?"
Der Modeschöpfer IsseyMiyake ist tot. Er "strebte nach Perfektion", schreibt Michele Coviellio in der NZZ, "aber nicht nur nach der optischen. Seine Kleidungsstücke mussten mehr erfüllen. Sie sollten leicht sein, angenehm zu tragen, Reisen in Koffern und Waschmaschinen aushalten. Nicht einmal knittern sollten sie. Und das, obwohl sie mit vielen gewollten Falten gestaltet waren. Er wickelte Stoffe zwischen Papierschichten ein und legte sie in eine Wärmepresse. Die plissierten Kleidungsstücke behielten so dauerhaft ihre akkordeonartigeForm. Er ließ sie an Tänzern testen, um zu überprüfen, wie gut sich diese darin bewegen konnten. Wer sie trug, sprach von seidenartigemGefühl." Und wissen Sie noch, der Rollkragenpullover von SteveJobs? Dreimal dürfen Sie raten, wer den gestaltet hat.
Links das alte, rechts das neue (seit 2012) Logo für Yves Saint Laurent
Serifen gehen in immer mehr Markenlogos zum Teufel und Spielereien reihenweise flöten. Auch sonst herrscht im CorporateDesign zunehmend Minimalismus. Maximal bedauerlich findet Gerhard Matzig von der SZ diesen nachgeschoben wirkenden Moderne-Trend: "Der eigentliche Grund, warum tradierte Logos und Signets in den vergangenen Jahren oft so auffallend drastisch angepasst werden, zumeist auf dem Ticket des Minimalismus reisend, liegt auch in der Digitalisierung. Logos müssen auf immer komplexeren Kanälen und in unterschiedlichen technisch-medialen Umfeldern ausgespielt werden. Simplizität ist hilfreich. Zudem geht es auch um die Aufmerksamkeitsökonomie: Abstrakte Darstellungen kann das menschliche Hirn leichter interpretieren - als komplexe Informationen. Von Netflix über Microsoft und Ebay sind es vor allem auch die Tech-Unternehmen, die sich derzeit schubweise versimpeln."
Im Bereich der Taschen ist allerdings derzeit Maximalismus angezeigt, bemerkt Tillmann Prüfer in seiner Stilkolumne für das ZeitMagazin: Dafür wird sie nicht "als vollgestopfter Sack mitgeführt, sondern allenfalls andeutungsweise gefüllt, weitgehend leer. So, als wäre sie ein weiteres Kleidungsstück. Sie deutet das Raumgreifende bloß an. ... Mit solch einer Tasche wird signalisiert, dass die Frau jederzeit auf wirklich Großes vorbereitet ist. Ständig wird mit überraschenden Gelegenheiten in einer Welt voller Möglichkeiten gerechnet. Dazu kommt, dass eine große Tasche ein Stück weit nachhaltig ist. Denn wer eine Maxibag mit sich führt, braucht sich bei der restlichen Kleiderwahl keine Mühe mehr zu geben."
Werksentwurf (Tobie Hatfield), Go FlyEase, 2021. Foto: Pinakothek
Die Ausstellung "20 Jahre Pinakothek der Moderne" spiegelt anhand von 21 Designobjekten - eines für jedes Jahr - unter anderem auch unsere Gegenwart wider, schreibt Johanna Schmeller in der taz: "Covid und Co. mit UV-Licht killen, einer verkniffenen Gesellschaft mit zentimetergroßenPlastik-Gedächtnisstützen den Weg zu mehr Toleranz weisen, und dann dieser Schuh namens 'Go FlyEase', der perfekt sitzt, wenn der Bauch im Lockdown zu groß zum Schnürsenkelbinden geworden ist. Man schaut sie sich an, findet Querverbindungen und fragt sich verwundert, ob es wohl diese Dinge sind, die von uns einmal bleiben werden." Die Objekte der letzten Jahre zeigen "die Momentaufnahme einer um die eigene Gesundheit, Unterhaltung und zuletzt auch ums Überleben besorgten Gesellschaft."
Szene aus "Les Amants magnifiques". Kostüme: Erick Plaza-Cochet für die Opéra de Massy 2017. Foto: Sigrid Colomyès
In diesem Jahr feiert Frankreich Molières vierhundertsten Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt das Centre national du costume de scène in Moulins einen Ausstellung mit knapp 130 Kostümentwürfen vom 19. Jahrhundert bis heute. Marc Zitzmann bestaunt die Pracht für die FAZ: "Für seinen 1986 in Lissabon aus der Taufe gehobenen 'D. João' ließ Jean-Marie Villégier den Kostümbildner Patrice Cauchetier für jeden der fünf Akte ein Outfit schaffen, das eine Facette der Figur beleuchtet: den Frauenjäger im Reisegewand, den goldglänzenden Aristokraten, den philosophierenden Gotteslästerer in Studententracht, den Schlossherrn im Schlafrock, endlich den schwarz geschniegelten Scheinheiligen. Das Kapitel 'Religion und Libertinage' befasst sich dann spezifisch mit den beiden Heuchlern Don Juan und Tartuffe. Die Tartüfferie des Letztgenannten versinnbildlichte Christian Lacroix 2017 mit einem fuchsienfarbenen Ensemble, dessen sinnlicher Seidentaft den Blick freigibt auf ein grob gestricktes Büßerhemd aus rauer, grauer Wolle."
Außerdem: Die für dieses Jahr geplante erste Ausgabe der Messe Design Miami in Paris fällt wegen Sicherheitsbedenken aus, meldet Ursula Scheer in der FAZ: "Offenbar werden Demonstrationen vom Typus der 'Gelbwesten'-Proteste oder andere Störungen befürchtet."
Ziemlich umgehauen bespricht Susanne Billig im Dlf Kultur den Bildband "Atemberaubende Mode aus Afrika" der Journalistin EmmanuelleCourrèges, die darin "die pulsierende Vielfalt der zahllosen Modeszenen" auf dem afrikanischen Kontinent beschreibt. Zu erleben ist "ein Fest der Farben, Stoffe und Schnitte, der Locations und selbstbewussten Inszenierungen. In städtischen Settings, aber auch auf Feldern und in Dörfern präsentieren Models aller Altersstufen die kühnen Entwürfe. 'Hybridität' lautet der interpretative Schlüsselbegriff, der im Buch auf die eine oder andere Weise immer wieder fällt. Die Mehrheit der Modedesignerinnen und -designer des Kontinents zeichne aus, betont die Autorin, auf je individuelle Weise unterschiedlichste Einflüsse zusammenzuführen - traditionelle Stoffe, Texturen und handwerkliche Techniken treffen auf SocialMedia, urbanVintage-LookundHauteCouture."
Die Spielzeugindustrie wolle weg vom Plastik und setzt mehr auf Nachhaltigkeit, nimmttazler Wilfried Urbe von der Spielwarenmesse Nürnberg als Erkenntnis mit. Doch "die meisten großen Hersteller seien da noch in einem Experimentierstadium, sagt der Chemiker Harald Käb. Er ist seit über 25 Jahren im Bereich biobasierte Kunststoffe tätig, hat den Europäischen Biokunststoffverband aufgebaut sowie geleitet und berät die Spielwarenmesse und den deutschen Spielwarenverband. Er sagt, dass die Vorreiter in der Vermeidung von Kunststoffen und dem Ersatz durch nachhaltigere und kreislauffähigere Stoffe vor allem die großen, namhafte Unternehmen wie beispielsweise Lego sind. Firmen wie diese hätten angekündigt, ab 2030 nur noch recycelbare Kunststoffe oder Kunststoffe aus nachwachsendenRohstoffen einsetzen zu wollen."
Mann trägt wieder Schmuck, ist Tillmann Prüfer aufgefallen. Das "mag verschiedene Gründe haben", schreibt er in seiner Stilkolumne im ZeitMagazin. "Vielleicht trauen sie sich wieder, sich zum Pfau zu machen, wie einst die Herren des Adels. Oder sie stellen einfach den Wohlstand ihrer gut verdienenden Frau aus."
Keine Hitzewelle ohne obligatorischen Kommentar zur Herrenmode: Auch bei Temperaturen, in denen in anderen Ländern aus gutem Grund Siesta gemacht wird, hält Andreas Öhler fürs Büro am Dreiteiler fest, schreibt er im ZeitMagazin. "Wenn ich einer Katastrophe schon nicht ausweichen kann, will ich ihr wenigstens mit Grandezza gegenübertreten, um mir ein Restmaß an Würde zu bewahren. ... Gerade in schlechten Zeiten sollte man nämlich versuchen, eine halbwegs gute Figur zu machen. Mein Kleidungsstil hat mir jedenfalls in Krisen geholfen, Contenance zu wahren, als wäre das Rückgrat an der Krawatte aufgehängt." Es ist doch "ein grotesker Widerspruch: Während einerseits in den Unternehmen immer mehr auf sozialen Abstand - vor allem zwischen den Geschlechtern und in den Hierarchien - geachtet wird, soll nun gleichzeitig der ungezwungene Freizeitlook Einzug halten."
Außerdem: In seiner Modekolumne im ZeitMagazinerzählt Tillmann Prüfer die Geschichte der Cargohose, die gerade ein sanftes Comeback erlebt.
Das Berliner Bröhan-Museum ruft mit einer Ausstellung 99 weitgehend in Vergessenheit geratene Gestalterinnen der Moderne in Erinnerung, schreibt Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel und berichtet von zahlreichen aufregenden Funden, die sich hier machen lassen. "Querfeldein geht es durch Stile und Werkstoffgruppen, von den Malerinnen der Berliner Secession über die starke Frauenriege der Wiener Werkstätte bis zu den Töpferscheiben in Hameln oder Marwitz-Velten. MargareteSchütte-Lihotskys legendäre Frankfurter Küche, als erste Einbauküche der Welt, darf natürlich nicht fehlen. Aber auch die exquisite Produktpalette von Europas führenden Porzellanmanufakturen punktete mit dem Potential der weiblichen Belegschaft. Erst jetzt, in der Moderne, rückten die Frauen von bloßen Hilfskräften beim zierlichen Bemalen des 'weißen Golds' zu Formgeberinnen auf. ... Ob stilsicher innovativ oder gekonnt dem Zeitgeist entsprechend: die Bandbreite ist groß. Kein gemeinsamer Nenner, nirgends. Wie auch?
Achtung, Ansage: "Mode war niemals egaler als heute", schreibt Tanja Rest in der SZ: Überall nur unnützer Unfug für teures Geld und eine Branche ganz tief in der Identitätskrise, den Zeitgeist prägt man eh schon lange nicht mehr und umweltschädlich ist das alles auch noch. Aber dann begann eben doch die Haute-Couture-Show von Balenciaga und mit einem Mal steht für die Mode nichts als Zukunft im Raum - nicht weil man sämtliche Stücke gerne tragen will, sondern weil "die Show Gefühle weckte, die über die Mode selbst hinauswiesen. Existenzielle Gefühle. Und das ist etwas völlig Anderes." Zu sehen gab es "makel- wie genderlosen Menschenskulpturen" und sie "tragen Bluetooth-Boxen als Handtaschen und Ohrclips aus antiken Armbanduhren, was Programm ist. Denn nun kann man dabei zusehen, wie die Zeit rückwärts rast, von einer gedachten Zukunft in die Gegenwart, in die Dreißigerjahre und weiter ins Barock. ... Auf keinem Laufsteg der Welt sieht man Gesichter wie auf dem von Balenciaga. Vom Leben gezeichnet, und doch keiner Zeit, keinem erkennbaren Geschlecht zuzuordnen. Sie tragen diese Kollektion, deren Drama nun mehr und mehr entgleist, mit einer stillen, konzentrierten Würde, die einem das Herz zerreißt."
Wer erfand die Zukunft in der Mode, nur um sie dann nach Kräften finanziell melken zu können? Pierre Cardin, der vor hundert Jahren geboren wurde, erinnert Arno Widmann in der FR. "So sehr wir dazu neigen mögen, Cardins Entwürfe als typisch für seine Zeit zu lesen, so erinnern gerade sie uns daran, dass eine Epoche nicht von einer einzigen Richtung definiert wird, sondern eher von den sie charakterisierenden Widersprüchen, von den Konflikten, die sie austrägt. Die Blumenkinder, die Hippies waren das Gegenmodell zu Cardins Techno-Chic der sechziger Jahre. Gegen die große Verweigerung der Protestgeneration stellte Cardin den ungezügelten Konsumismus."