Stefanie Reinsperger in "Elisabeth!" Foto: Tommy Hetzel Was für ein Abend, staunt Jakob Hayner in der Welt, der im BurgtheaterStefanie Reinsperger dabei zugeschaut hat, wie sie Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Elisabeth!" den Sissi-Mythos dekonstruiert. Für ihn ist "Reinsperger die bestmögliche, ja die einzig mögliche Besetzung für diesen Monolog. Ihr körperliches Spiel ist wie ein ständiger Energiefluss, der den Text erfasst. Sie schlägt sich auf die Brust und kullert über die Bühne, sie schreit und weint. Sie nimmt die Zuschauer nicht nur mit, sie reißt sie mit. Geschickt bricht Reinsperger ihr eigenes Spiel immer wieder, die Fallhöhe zwischen Wiener Schmäh und Kommentarebene kann es locker mit den Achterbahnen auf dem Prater aufnehmen." Fallwickl macht die Zerrissenheit und die Ambivalenzen der Figur Sissi zwischen Schönheitswahn, herrschender Klasse und patriarchaler Unterdrückung so deutlich, dass es für den Kritiker die Verweise auf Gisèle Pélicot oder Imane Khelif nicht gebraucht hätte: "Weder zum Verständnis der Sisi-Figur noch der Gegenwart trägt das irgendetwas bei. Diese effekthascherischen Aktualitätssignale sind zum Ärgern und Fremdschämen. Zudem die Botschaft des Abends auch ohne überflüssige Querverweise ankommt."
Für Wolfgang Kralicek in der SZ ist Stefanie Reinspergers Performance ebenfalls das Highlight, ansonsten kann er an dem Stück wenig Gutes finden: "Fallwickls literarisch oft arg einfach gestrickteTexte sind so plakativ, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen. (…) (Sissis) Verhältnis zu ihrem Ehemann Franz Joseph und dessen Verhältnissen ('Wenn eine Frau sich nicht selbst kümmern will, besorgt sie eine, die es tut'), ihre fragwürdige Ernährung ('Saft aus sechs Kilo ausgepresstem Ochsenfleisch') und ihre radikalen Diäten (bei der Obduktion wurden Hungerödeme festgestellt) werden angesprochen, Kate Moss wird zitiert ('Nothing tastes as good as being skinny feels'). Und damit man auch ganz sicher versteht, was aus all dem abzuleiten ist, streut Fallwickl immer wieder Merksätze ein. Zum Beispiel: 'Wenn eine Frau sich im Spiegel anschaut, schaut sie sich mit dem Blick der gesamten Gesellschaft an.'" Diesen "Feminismus in einfacher Sprache" hätte der Kralicek nicht gebraucht. Eine weitere Besprechung liefert der Standard.
Weiteres: Esther Slevogt resümiert für nachtkritik das Berliner Theaterfestival FIND an der Schaubühne. Besprochen werden außerdem Puccinis Oper "Madama Butterfly" die im Festspielhaus Baden-Baden (FR-Kritikerin Judith von Sternburg hebt besonders die Sänger Jonathan Tetelman und Eleonora Burrato in den Hauptrollen hervor, FAZ), Wajdi Mouawads "Die Wurzel aus Sein", inszeniert von Stefan Bachmann am Burgtheater Wien (Nachtkritik, Standard), Tschechows "Die Möwe" am Thalia Theater Hamburg in der Inszenierung von Charlotte Sprenger (Nachtkritik), Thorsten Weckherlin inszeniert Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" am Landestheater Tübingen (Nachtkritik), Luk Perceval inszeniert Samuel Becketts "Warten auf Godot" im Berliner Ensemble (FAZ).
Emre Akal hat am Münchner Action-TheaterRainer Werner Fassbinders erstes Bühnenstück "Katzelmacher" inszeniert. Und er hat es verlegt, schreibtnachtkritikerin Dorte Lena Eilers: der Rassismus wird nicht mehr am "proletarischen Rand der Gesellschaft" verortet, sondern im Parkett. "Das 'Inland Empire', welches Akal in seiner 'Katzelmacher'-Überschreibung zu durchmessen sucht, speist sich aus diversen Fragmenten westlicher Mittel- und Oberschichtsozialisation. Zehn Mal wird sich das Höllentor an diesem Abend lärmend öffnen und schließen. Zehn Mal werden wir mit Szenen konfrontiert, die sich an einer grotesken Mischung aus Netflix- und Game-Ästhetik orientieren", und jedesmal tritt der griechische Gastarbeiter Jorgos auf, ohne Text, eine reine Projektionsfigur für die Fremdenfeindlichkeit. Alles zusammen sorgt dafür, dass "wir, auf unseren 40-Euro-Plätzen sitzend, vollgesogen mit bildungsbürgerlichem Kapital, das Problem nicht in andere Schichten exportieren. Fühlen wir uns gemeint? Schwer zu sagen."
In der SZ ist Christiane Lutz begeistert, hat aber einen kleinen Kritikpunkt: "Wo sich Fassbinders Jorgos am Ende selbst abfällig über die Ankunft eines neuen, eines türkischen Gastarbeiters äußert, und somit den nicht unbedeutenden Punkt macht, dass jeder rassistische Dinge sagen kann, dass man sich selbst also nie davor gefeit wähnen sollte, bleibt dieser Fremde unbefleckt. ... Jeder kann hier Opfer werden - Täter allerdings nicht. Das zu übersehen, kann man dem Regisseur aber auch als Einziges vorwerfen. Ansonsten: Natürlich klingelt es pausenlos im Kopf. Diese Sätze, man kennt sie, man hat sie gehört, zuletzt im Wahlkampf."
Reinhard J.Brembeck berichtet in der SZ von einer Probe zu Mussorgskys Oper "Chowanschtschina" bei den Salzburger Osterfestspielen: Simon McBurney inszeniert, Esa-Pekka Salonen dirigiert. Letzteren kann Brembeck zu einem kurzen Gespräch abfangen: "Alle in dieser Oper, sagt er strahlend, seien unsympathisch, niemanden würde man mögen. Selbst Marfa sei zwar beeindruckend und kraftvoll, aber nicht sympathisch. Nur die Musik ist sympathisch. Die Hauptfigur sei aber der Chor und damit das russische Volk. Viele der Chorstücke sind religiös gefärbt, da dränge sich die Parallele zum heutigen Russland auf, wo Wladimir Putin eine enge Symbiose mit den vom Patriarchen Kyrill angeführten Orthodoxen eingegangen ist." Heute abend ist Premiere.
Weiteres: In der nachtkritikberichtet Katrin Ullmann von der Antrittspressekonferenz Sonja Anders', der neuen Intendantin des Hamburger Thalia Theaters. In der Weltwürdigt Manuel Brug den Choreografen Martin Schläpfer, der sich mit einem Ballettabend als Leiter des Wiener Staatsballetts verabschiedet. In der FAZ schreibt Wiebke Hüster zu Schläpfer. Frank Hilbrich wird neuer Generalintendant am Musiktheater im Revier, meldet die FAZ. Besprochen wird außerdem noch Verdis "Don Carlos" am Theater Hagen (nmz).
"Robin Hood" am Schauspielhaus Zürich. Foto: Inès Manai.
Nachtkritikerin Valeria Heintges ist nicht restlos überzeugt von Sophia Al-Marias Stück "Robin Hood", das Wu Tsang und ihr Kollektiv Moved by the Motion am Schauspielhaus Zürich inszeniert haben. Obwohl sie die Idee, die Figuren als Tiere statt als Menschen zu zeigen, durchaus reizvoll findet: "Fantasievoll ausgestattet hüpfen und tänzeln die Tiere nun über die Bühne. Auf der reihen sich zu Beginn kunstvoll die Weizenhalme zu Zäunen auf; ähnlich weizenhalmbesäumt sind die Schilde, die Robin Hood und Little John als Tarnung vor sich hertragen. Im Hintergrund tauchen die Berge im nebligen Abendlicht auf, wachsen riesige (projizierte) Bäume in den Himmel, zacken Neonröhren als Blitzlichter. (…) Das ist alles ganz nett, krankt einzig allein an der Geschichte, die doch sehr sentenziös daherkommt ('Freiheit kann nicht bestehen ohne Achtsamkeit') und vor allem sprachlich deutlich humorvoller und politisch weniger korrekt hätte sein dürfen. Dann wäre der Spaß vollkommen gewesen."
Ueli Bernays findet die Aufführung in der NZZ "wenig kontrovers - bestenfalls verträumt, schlechtestenfalls einschläfernd. Das liegt zunächst am deutschen Text, den die Schauspielerinnen und Schauspieler unterschiedlicher nationaler Herkunft je mit einem besonderen Akzent einfärben. Er erweist sich als behäbig und brav - von wenigen Witzen abgesehen. (...) Die beherzten Kinderlacher während der Premiere deuten darauf hin, dass die Produktion eher auf das jüngere Publikum zugeschnitten ist. Ältere Semester hätten sich Robin Hood vielleicht etwas heroischer, souveräner gewünscht."
Weitere Artikel: Die Nachtkritikerhaben ihre Top 100 der Inszenierungen der letzten 25 Jahre ernannt: Die Nummer Eins ist Frank Castorfs siebenstündige "Faust"-Inszenierung von 2017 an der Berliner Volksbühne. Antonia Munding porträtiert für den Freitag die Opernkomponistin Missy Mazzoli, die als erste Frau von der Metropolitan Opera engagiert wurde. Christian Wildhagen zeigt in der NZZ, welche Pläne Matthias Schulz als neuer Intendant für die Oper Zürich hat.
Mit "Elisabeth", geschrieben von der Autorin Mareike Fallwickel, inszeniert von Fritzi Wartenberg, kehrt die Schauspielerin Stefanie Reinsperger in einem Solo über die österreichische Kaiserin ans Wiener Burgtheater zurück - im Feuilletonaufmacher der SZ spricht sie mit Christiane Lutz über Feminismus, Sisi-Klischees und das Stück, in dem Sisi auf Frauen wie Gisele Pelicot oder Rosa Parks treffen wird. In Österreich berät ein sogenanntes Kulturkuratorium die Regierung in Entscheidungsfragen bezüglich Subventionen für Kulturinstitutionen. Dessen Mitglieder wurden von der Koalition aus FPÖ und ÖVP jetzt fast vollständig ausgetauscht, weiß der österreichische Journalist Reinhard Kriechbaum, der in der nachtkritik zudem berichtet, wie die FPÖ in der Steiermark drastisch das Kulturbudget kürzt und zunehmend auf Volkskunst setzt. Für die tazporträtiert Katrin Bettina Müller die französische Theatermacherin Caroline Guiela Nguyen, Intendantin des Théâtre National de Strasbourg, die mit gleich drei Stücken zu den Themen Migration und französische Kolonialgeschichte beim FIND-Festival an der Berliner Schaubühne eingeladen ist.
Theater Lübeck: Tristan und Isolde. Foto: Jochen Quast Albrecht Selge besucht zwei Opernaufführungen am Theater Lübeck und staunt auf van: beide super! Da wäre zum einen "Tristan und Isolde" unter der Regie von Stephen Lawless, der Wagners Werk konzentriert und ohne Spirenzchen auf die Bühne bringt: "Ans Sterben durch Liebe glaubt die Inszenierung nicht, Isolde singt ihr großes Finale mit Händen in den Manteltaschen - und muss danach erst den Todestrank schlucken. Lena Kutzner macht auch dies darstellerisch eindringlich, so wie in der ganzen Aufführung die genaue Figurenführung eine psychologische Präzision schafft, manchmal fast, als wär's Ibsen oder Tschechow. Auch der emotionalen Nähe zwischen Tristan und Kurwenal im dritten Aufzug wird hier mal wirklich Raum gegeben, sogar Umarmungen sind erlaubt."
Aber Lübeck kann nicht nur Wagner, sondern auch Anti-Wagner, freut sich Selge. Aufgeführt wird nämlich parallel noch Frank Martins Tristan-Variation "Der Zaubertrank Le vin herbé". Ein selten gezeigtes Stück, und auch hier überzeugt die von Jennifer Toelstede verantwortete szenische Umsetzung. Die Musik ist sowieso über jeden Zweifel erhaben: "Wollte man bei Wagner nach Verwandtschaften mit Martins Komposition suchen, wären klanglich am ehesten die ersten trüben Takte des Vorspiels zum dritten Aufzug zu nennen, bevor dort die Bläser einsetzen. Denn Martins 'Le vin herbé' verbleibt mit nur sieben Streichern sowie Klavier konsequent in einer Sphäre des unablässigen Seufzens, das manchmal zu Wellen wird. Statt Berauschung entsteht Andacht; und aus der Andacht eine andere Ebene von emotionaler Teilnahme am Los dieser Liebesleidenden, die nun schon so lange, lange tot sind."
Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein berichtet auf nachtkritik von einem politischen Puppentheaterspiel in den USA. Weiterhin setzt die nachtkritik ihr listicle zu den Top 100 Theaterabenden des 21. Jahrhunderts fort, diesmal sind die Plätze 50 bis 21 dran. Und schließlich weist Michael Wolf im nachtkritik-Spiralblock auf ein interessantes Experiment des Stadttheaters Konstanz mit einer Art kollektiven Intendanz hin. Im Standardporträtiert Margarete Affenzeller den Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger. Joans Kähler besucht für die taz die Gesprächsreihe "Maschinenraum der Zukunft" am Hamburger Schauspielhaus, die sich mit dem Thema KI beschäftigt. Ebenfalls in der tazbespricht Katja Kollmann ein Buch über Erwin Piscator.
Szene aus "Der Barbier von Sevilla" am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Maximilian Borchardt FR-Kritikerin Judith von Sternburg kann sich gar nicht entscheiden, welche Szene ihr in Nikolaus Habjans Puppen-Version der Rossini-Oper "Der Barbier von Sevilla" am Staatstheater Wiesbaden am besten gefällt. Klar, Habjan ist sowieso der "König" unter den Puppenspielern, schwärmt sie, aber hier hat er sich noch einmal selbst übertroffen. Ist der Höhepunkt, wenn die Puppe von Don Basilio über die Bühne fliegt, "während Young Doo Park zutiefst beschwingt die Arie vom Gerücht singt (eine völlig folgenlose Arie und doch eine der schönsten)"? Oder "ist am allerbesten, wenn der Figaro, der Schlingel, auf die Bühne hüpft, oder wenn der freche Almaviva auf die Bühne schleicht, und nie mehr will man ganz normal durch die Gegend gehen? Es dauert insgesamt einen Moment, bis man begriffen hat, dass die Puppen keine Beine haben und diese immer zu den Spielern oder Sängern oder Sängerinnen gehören."
Besprochen werden außerdem Simon Solbergs Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" am Theater Bonn (nachtkritik) und Robert Gerloffs "Blindekuh mit dem Tod" nach einer Graphic Novel von Anna Yamchuk, Mykola Kuschnir, Natalya Herasym und Anna Tarnowezka am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik).
Szene aus "Große Gewinne Schwere Verluste" am DT Berlin. Foto: Jasmin Schuller. Trotz aller Gesellschaftskritik und aller verlorenen Seelen, die der Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun in seiner Revue "Große Gewinne Schwere Verluste" am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne bringt, sieht SZ-Kritiker Peter Laudenbach Berlin hier "für einen Moment vor lauter Lebensfreude und Lebensmut leuchten" und ist Kamerun dafür ziemlich dankbar. Nicht durchgehend sympathisch, aber ziemlich unterhaltsam sind auch die schrägen Vögel, die auftreten, findet der Kritiker: "Manuel Harder hat den undankbaren Job, als James-Bond-Double im Bademantel ('Ich habe 168 Meilen rennend auf fahrenden Zügen verbracht.') und Real-Madrid-Fußballprofi namens Toni K. Männlichkeitsvorstellungen aus dem letzten Jahrhundert ein Loser-Denkmal zu setzen. Ayanda (Mercy Dorcas Otieno) will mit ihrem Ayanda Connection Point am liebsten die ganze Welt umarmen und alle mit allen verbinden, sozusagen die analoge Hippie-Antwort auf die Social-Media-Hölle. Das wäre arg unbedarft, würde sie nicht so schön singen, dass man sich sofort connecten möchte."
Nachtkritikerin Elena Philipp fühlt sich derweil nicht so gut unterhalten - ihr fehlt der Biss: "Wohltemperierte Wut auf die Verhältnisse und sanfter Selbsthass - das schmeckt schal wie Sekt, der auf der WG-Party zu lang im Plastebecher stand." FAZ-Kritikerin Irene Bazinger kann dem Abend wirklich gar nichts abgewinnen, selbst die Musik wirkt auf sie "eher schwabbelig und schleppend und angestaubt-punkig jedenfalls ist sie nicht".
Weitere Artikel: taz und nachtkritikresümieren das Eröffnungswochenende des "Festivals Internationale Neue Dramatik 2025 (FIND)" an der Schaubühne Berlin. In der FAZ berichtet Wiebke Hüster, wie es mit den Verhandlungen über einen Haustarifvertrag für die Tänzer der Bayerischen Staatsoper vorangeht - "schleppend".
Besprochen werden Saar Magals Inszenierung seines Stücks "Sakrileg" am Theater Essen (nachtkritik), Christoph Mehlers Inszenierungvon Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Saarländischen Staatstheater (nachtkritik), Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Isabella Sedlaks Inszenierung des Stücks "Between the River and the Sea" von und mit Yousef Sweid am Gorki in Berlin (nachtkritik), Nora Schlockers Adaption von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Julia Hölschers Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), die Performance "The Land Within" von Ioannis Mandafounis und DFDC im Bockenheimer Depot (FR), Milo Raus Inszenierung seines Stücks "Medea's Kinderen" an der Schaubühne Berlin (tsp).
Szene aus "Das Bildnis des Dorian Gray" am Music Box Theatre in New York. Foto: Marc Brenner. So "außergewöhnlich" findet SZ-Kritiker Boris Herrmann eine Performance von Sarah Snook am Music Box Theatre in New York, dass er sogar mal kurz die politische Krise vergisst, in der die USA stecken. Der Succession-Star übernimmt in Kip Williams Adaption von Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" nämlich alle fünfundzwanzig Rollen: "Mitunter sind bis zu sieben Snooks in sieben verschiedenen Rollen auf einmal auf der Bühne; diejenige aus Fleisch und Blut interagiert dann mit ihren digitalen Versionen, die auf Leinwänden und Bildschirmen durch die Szenerie schweben." Dabei seien "es aber eher die kleinen Momente, die wenigen ruhigen und intimen Szenen, die Nahaufnahmen, in denen diese Kunst ihre volle Kraft entfaltet. Wohl selten hat eine brennende Zigarette, an der nicht ein einziges Mal gezogen wird, einen solch bleibenden Eindruck hinterlassen. Je nachdem wie sie diese Zigarette in ihrer Hand hält, wechselt Snook in der atemraubenden Eröffnungssequenz ihre Identitäten."
Besprochen werden Jan Friedrichs Adaption von Kim de L'Horizons "Blutbuch" am Schauspiel Magdeburg (taz), Miriam Ibrahims Inszenierung von Penda Dioufs Stück "May Landschaften" über die Lyrikerin May Ayim am Theater Münster (nachtkritik), Manuela Infantes Inszenierung von "Was wir im Feuer verloren" am Theater Basel (nachtkritik), Stefan Schneiders Inszenierung von Alistair Beatons und Dietmar Jacobs' Komödie "Kardinalfehler" an der Frankfurter Komödie (FR), Lola Arias Inszenierung des Stücks "Los días afuera" im Mousonturm Frankfurt (FR) und Jan Bonnys Inszenierung seines Stücks "Eisenfaust" nach Johann Wolfgang von Goethes "Götz von Berlichingen" am Schauspiel Köln (nachtkritik).
Kader Attous "Prélude" wird im Rahmen des Tanzmainz-Festivals aufgeführt, freut sich Sylvia Staude in der FR. Der "Pionier des künstlerischen Hip-Hop" erzählt darin von seinem Leben zwischen Boxen, Kunstschaffen und Camus-Lektüren: "Glücklicherweise wird der Tanz dabei nicht vernachlässigt. Kader Attou gibt sich gleich als Dirigent des Ganzen zu erkennen, gehorsam und rhythmisch springt das Ensemble zu Beethovens pa-pa-pa-paam von den Stühlen auf, auf denen es wartete. Doch wirken seine Armbewegungen, seine Interventionen auch selbstironisch. Er und das achtköpfige Ensemble (darunter zwei Frauen) scheinen auf Augenhöhe zu arbeiten und aufzutreten. (…) Sehr rhythmusbetont, fesch vorangaloppierend ist die Musik von Romain Dubois. Dabei Attous Choreografie - was die Modern-Dance-Elemente betrifft - eher schlicht, dafür ausgreifend. Aber im Tanz ist eine solche energiegesättigte Schlichtheit allemal wirksam. Führt sie doch gleichsam zurück zu den Wurzeln des künstlerischen Tanzes im Ritual."
Besprochen werden Leos Janaceks Oper "Die Ausflüge des Herrn Broucek" in der Inszenierung von Robert Carsen an der Staatsoper Berlin (FR) und Brigitta Muntendorfs Musiktheaterstück "Orbit" im Humboldt-Forum, das Peter Uehling in der Berliner Zeitung dann doch etwas zu "lau" mit dem Thema "Vergewaltigungen im Krieg" umgeht.
Szene aus "Ein Sommer in Niendorf". Bild: Thomas Aurin Bereits 2022 hatte sich Heinz Strunk mit seiner "Tod in Venedig"-Adaption "Ein Sommer in Niendorf" an Thomas Mann versucht, gemeinsam mit seinen Studio-Braun-Kollegen Rocko Schamoni und Jacques Palminger hat er das Buch jetzt mit Charly Hübner in der Hauptrolle auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gebracht und Jens Jessen (Zeit) ist ganz hingerissen von diesem Mix aus Christoph Marthaler und Helge Schneider: Es "ist die Größe dieses Theaterabends, dass er eben nicht nur alles veralbert - zum Beispiel die lächerliche Ambition des Dr. Roth, der Schriftsteller werden will und sich in Albträumen schon vor einem Verriss durch die Gruppe 47 fürchtet (besonders lustig dabei: Heinz Strunk als Martin Walser). Die wirkliche Tragik des Stücks liegt vielmehr darin, dass Roth sich von dieser Ambition und allen anderen Ambitionen am Ende verabschiedet und tatsächlich nur noch säuft ..."
Das italienische Bildungsministerium hat eine neue Lehrer-Richtlinie herausgegeben, die einen "neuen Humanismus" propagiert. Auch das Theater soll als Hilfsmittel zur "Herzenserziehung", wie es heißt, dienen. Simon Strauß sieht in zwei Inszenierungen schon die "neonationale Reflexe auf Melonis Made-in-Italy-Vision", wie er in der FAZ schreibt. Zum Beispiel in Paolo ValeriosInszenierung von Goldonis "Sior Todero Brontolon" im Teatro della Pergola in Florenz: "Unabhängig von jeder offen politischen Parteinahme zeigt die Inszenierung sich stolz auf kulturelle Traditionen, indem sie das Typische des italienischen Gesten- und Mienenspiels ostentativ herausstellt. Unterstrichen wird dieser Stolz auf die eigene Darstellungsform made in Italy dadurch, dass nicht nur die Schauspieler ihre Hände exzessiv zur lautmalerischen Kommunikation einsetzen, sondern zusätzlich auch noch Puppen steuern, deren Hände ebenfalls nach dem Handbuch italienischer Gebärdensprache gestikulieren."
Besprochen werden Aureliusz Śmigiels und Valentí Rocamora i Toràs Neuinszenierung von Yael Ronens Stück "Bucket List" über den 7. Oktober am Deutschen Theater in Göttingen (taz), ein Stück über Karajan und Bernstein am Broadway (NZZ), die Bühnenfassung von George Clooneys Film "Good Night, and Good Luck" im New Yorker Garden Theatre, bei der Clooney nicht nur als Dramatiker und Regisseur fungierte, sondern auch als ernsthafter Schauspieler überzeugte, wie Dirk Peitz in der Zeit anerkennt.
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