Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2025 - Bühne

Burgtheater - Herr Puntila und sein Knecht Matti.
Bruno Cathomas, Annamária Láng © Tommy Hetzel


"Brecht hätte es gefallen" - so resümiert Martin Lhotzky in der FAZ eine gelungene Aufführung des "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Wiener Burgtheater. Die von Antú Romero Nunes verantwortete Inszenierung überzeugt dank einer "teils atemberaubend" gestalteten Kulisse (Matthias Koch) sowie einer hervorragenden Besetzung: "Überzeugend besoffen kommt Bruno Cathomas als Puntila auf die Bühne, muss nicht einmal lallen, um den Unterschied zwischen mindestens drei Promille Blutalkohol und maximal einem Promille deutlich zu machen. Gruseliger wird er, wenn er den nüchternen Kapitalisten spielt. Da fährt er schon mal eine Art Gabelstapler zu wortwörtlich ungeahnter Höhe auf, er freilich immer ganz oben, um das 'gemeine Volk', das im angeheiterten Zustand nur aus Freunden, Kumpels und Brüdern besteht, eindrücklich zu erniedrigen." Marie-Luise Stockinger als Eva wiederum "trippelt wie eine Pantomimin mit ausufernd-schlenkernden Armen und Beinen durch die Szene".

Wenig an haben die Tänzerinnen und Tänzer des Stücks "Masterwork For Six Dancers" von Emese Cuhorka und Csaba Molnár, das Marcus Hladek für die FR beim Tanzmainz-Festival begutachtet hat: "Fast bis splitternackte Tänzerinnen und Tänzer - und gleich darauf womöglich geistliche Musik? Das hatte was." Insgesamt hat sich der Resezensent gut amüsiert mit diesem humorvollen Stück: "Allmählich variierten sich Bewegungsrepertoire und Bilder so, dass es einem postmodernen Marsch durch die Kulturgeschichte glich: altägyptischer Blick auf den Menschen als Pose hier, Anriss indischen Tempeltanzes dort, Kavallerieattacke zwischen Friedrich dem Großen und Wildwest in einem späteren Bild. Ein Hauch Asien oder Spanien kam im übergroßen Fächer zum Tragen, hinter dem sich ein Paar der intimen Nähe erfreute, an anderer Stelle dann diverse Stöcke, die ihrem Tänzer etwas Vogelscheuchenhaftes gaben oder andere zum Staksen brachten."

Außerdem: Der Tagesanzeiger berichtet von einer russischen Balletttruppe, die in Schweden unter falscher, nämlich ukrainischer, Flagge auftrat. Ein Aprilscherz der nachtkritik sorgt für Ärger, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung; beim Berliner Ensemble kann man über die fingierte Nachricht, das Haus plane, seine Maskenabteilung abzuschaffen, nicht lachen. Ester Slevogt teilt uns in der nachtkritik mit, bei welchen Themen Kritiker mit murrenden Kommentatoren unter den Artikeln zu rechnen haben. Besprochen wird Beat Furrers Oper "Das große Feuer" am Opernhaus Zürich unter der Regie von Tatjana Gürbaca (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2025 - Bühne

Szene aus "L'invisible". Foto: Monika Rittershaus

Es sollte die letzte vollendete Oper des im vergangenen Jahr gestorbenen Komponisten Aribert Reimann bleiben, nun gab Regisseurin Daniela Löffler an der Oper Frankfurt mit "L'Invisible" über die Allgegenwärtigkeit des Todes ihr Musiktheaterdebüt und das gelingt prächtig, findet Wolfgang Fuhrmann in der FAZ: "In der wunderbar ernsten, kargen, phantastischen Inszenierung von Daniela Löffner … werden die Szenenübergänge, die Reimann fließend komponiert hat, zu Transformationen: Aus dem Bühnenhimmel senken sich mit Schilf und Gras bewachsene große Erdschollen herab, aus denen lange Wurzeln herabhängen; Fabian Wendling hat diese Symbolik von surrealer Präzision erfunden. Und der vielleicht großartigste Einfall Reimanns, in diesen Zwischenspielen drei Engel des Todes als Countertenöre auftreten zu lassen, wird in den beigen, blassen Erscheinungen von Iurii Iushkevich, Tobias Hechler und Dmitry Egorov, vereint in der makellos eisigen Schönheit unerbittlich strahlenden Gesangs, zum Ereignis." In der FR jubelt auch Judith von Sternburg: "Feinfühlig führt der Abend vor, dass wir unser Leben dicht entlang an einer Horrorgeschichte führen. Wir sollten trotzdem in die Natur hinauswandern und picknicken, unsere Lieben so gut beschützen, wie es geht, uns dem Tod entgegenstellen."

Szene aus "Hospital der Geister". Foto: Armin Smailovic

Fürs Deutsche Theater in Berlin hat Jan-Christoph Gockel seine bereits in Graz gezeigte Adaption von Lars von Triers Krankenhaus-Horrorserie "Hospital der Geister" ausgebaut und mit Stars wie Ulrich Matthes und Wolfram Koch besetzt, bleibt insgesamt aber werktreu, freut sich Michael Wolf in der taz: "Gockel und seine Dramaturgin Karla Mäder folgen mit ihrer Fassung den kulturhistorisch bewanderten Bezügen des Originals. Im gedanklichen Hintergrund des um keinen Gag verlegenen Bühnengeschehens leuchten all die Rückschritte des Fortschritts und Fortschritte des Rückschritts auf." Auch Nachtkritikerin Esther Slevogt ist zufrieden mit der Inszenierung: "Einen besseren Stoff kann man aktuell wahrscheinlich kaum finden, um von den Wucherungen des Wahns in unserer Zeit und den immer neuen Wendungen zu erzählen, die die wie irre geworden agierende Protagonist*innen uns Zeitgenossen zumuten", meint sie.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf den im Alter von 81 Jahren gestorbenen Theaterdichter Lothar Trolle. Besprochen wird das Tanzmainz-Festival am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2025 - Bühne

Szene aus "Warten auf Godot" am Münchner Residenztheater. © Birgit Hupfeld

Ziemlich mitgenommen kommt Jürgen Kaube (FAZ) aus Claudia Bauers Beckett-Inszenierung von "Warten auf Godot" am Münchner Residenztheater. Bauer lässt Wladimir und Estragon als Clowns auftreten und Kaube muss erkennen: "Die Hölle ist eine Zirkus-Manege." Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl beim Kritiker, vor allem wenn er Michael Goldberg als Pozzo und Lukas Rüppel als Lucky zusieht: "Goldberg gibt in Anzug und Baseball-Kappe mit großem P den vollständig von sich selbst erfüllten Chef, der Kommandos desto mehr genießt, je absurder sie sind. Zwischendurch setzt er sich eine groteske Perücke auf und singt - auch böse Menschen haben Lieder - zu bunter Beleuchtung schwülstige Verse. Als Lucky aufgefordert wird, zu tanzen und zu denken - 'Ungezwungen!' lautete einst die paradoxe Weisung Hanns Dieter Hüschs -, sprudeln aus ihm in wilder Folge obszöne Gesten und Redekatarakte hervor, bevor er wieder schielend einfriert. Die Wahrheit über die Herrschaft liegt im Tourette der Unterdrückten."

Einen "Balanceakt zwischen Abstrusität und Komik" wagt Bauer hier und es funktioniert hervorragend, schwärmt Nachtkritikerin Susanne Greiner. "All das ist manchmal urkomisch, meistens aber hochgradig verfremdend und forciert die Absurdität der Situation eines ewigen Wartens im Nichts auf etwas, das vielleicht nicht einmal existiert. Mit dem Zirkusspiel wollen sich Wladimir und Estragon ihres Daseins versichern - auch wenn es weder Zeit noch Raum gibt: 'Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir existieren, nicht wahr?', fragt Estragon. 'Ja, ja, wir sind Zirkuskünstler', antwortet Wladimir." Gar nicht begeistert ist Peter Laudenbach in der SZ, der hier außer "viertellustigem" Klamauk keinen Mehrwert erkennen kann.

Szene aus "Die gerissene Füchsin" am Landestheater Linz. Foto: Reinhard Winkler

Eine Kinderoper ist das hier jedenfalls nicht, stellt FAZ-Kritiker Peter Blaha bei Peter Konwitschnys Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die gerissene Füchsin" am Landestheater Linz fest. Aus der Tier-Parabel wird hier ein ziemlich düsteres, aber beeindruckendes Stück über eine Welt voller Gewalt und Elend, in der die kleine Füchsin ums Überleben kämpfen muss: "Doch fehlt es keineswegs an Utopie. Die keimt vor allem in der Liebe der Füchsin zum Fuchs auf, und spätestens da erfährt die Entscheidung, sämtliche Hosenrollen des Stücks mit Männern zu besetzen, eine Rechtfertigung. Der geschmeidige Tenor von Seungjick Kim vereint sich nämlich aufs beste mit dem strahlenden Sopran von Carina Tybjerg Madsen. Den alten Männern des Stücks, die der Förster, der Schulmeister und der Pfarrer repräsentieren, tritt eine jugendliche männliche Kraft gegenüber, sodass auch ein Konflikt der Generationen mit anklingt."

Warum gibt es immer noch Theatermacher, die sich nicht trauen, Leoš Janáčeks Stücke auf die Bühne zu bringen, fragt derweil Manuel Brug in der Welt. Klar, diesen "Neutöner" des 20. Jahrhunderts zu spielen ist anspruchsvoll - aber es lohnt sich: "Keine Janáček-Aufführung, von der Zuhörer nicht gepackt und begeistert werden. Von Janáčeks ganz eigener Art der Menschen- wie Milieuschilderung. Leoš Janáček gibt Tieren und Untoten, mürrischen Kleinbürgern und monströsen Schwiegermüttern stimmige Vokalgesten. Er zeichnet plastisch Wälder und Wirtshäuser, er ist emphatisch, aber er wird nie sentimental."

Besprochen werden außerdem eine Adaption von Heinz Strunks Roman "Ein Sommer in Niendorf" durch das Studio Braun am Deutschen Schauspielhaus (nachtkritik), Armin Petras Inszenierung von "Hamlet. Ein irres Rock-Vaudeville" am Staatstheater Cottbus (nachtkritik), Alejandro Quintanas Inszenierung von Nona Fernández' Stück "Molière - Der eingebildete Tote"am Theater Rudolstadt (nachtkritik), Maik Priebes Inszenierung von "Wege übers Land" nach Helmut Sakowski am Theater Neubrandenburg / Neustrelitz (nachtkritik), Antú Romero Nunes' Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Burgtheater Wien (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels Inszenierung von "Hospital der Geister" nach der Fernsehserie von Lars von Trier und Niels Vørsel am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Guy Cassiers Inszenierung von Racines "Bérénice" an der Comédie-Française (FAZ), Anna-Elisabeth Fricks Inszenierung des Stücks "Lethe - ein Abend verlorener Erinnerungen" am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken (taz) und die von Matthias Ulrich kuratierte Performance-Reihe "Body and Building: 2 Evenings, 2 Days (of Performances)" in der Frankfurter Schirn (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2025 - Bühne

Szene aus "Die Hexe von Konotop". Foto: Julia Weber


In der nachtkritik berichtet Verena Großkreutz vom ersten "Europäischen Theaterfestival" am Stuttgarter Schauspiel. Toll fand sie vor allem "Die Hexe von Konotop", eine Produktion des Ivan Franko Nationaltheaters für Schauspielkunst Kiew in der Regie von Ivan Uryvskyi. In dem satirischen, von Gesangseinlagen unterbrochenen Stück von 1833 gehts um Aberglauben, zwei Dorftölpel und drei Frauen, die als Hexen angeklagt sind und ihre Unschuld in einer "Wasserprobe" beweisen sollen: "Marina Dadaleva, Khrystyna Korchynska und Oksana Sydorenko singen und spielen das fantastisch, hintergründig und fein differenziert. Künstlerischer Höhepunkt des Abends ist ihre Darstellung des Ertrinkens: Ihre Körper winden sich, ziehen sich in sich zurück, um am Ende zu erstarren. Dazu bringen sie jeweils auf völlig unterschiedliche Weise ihre Stimmbänder zum Klingen: Erst singsangähnlich, dann immer gequälter, teils geisterhaft elektronisch verfremdet im Nichts verklingend. Nur die eine, die mit magischen Fähigkeiten ausgestattete Yavdokha, überlebt den 'Test', wird wiedergeboren (auch das drückt ihr Singen aus), erweckt später ihre ertrunkenen Freundinnen wieder zum Leben und rächt sich an den Männern. Ein starkes Bild weiblicher Selbstermächtigung am Schluss: Yavdokha im Sturm mit wehendem Haar." Tosender Applaus! Aber auch Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Coetzees "Elizabeth Costello" und Dušan David Pařízeks "Diptychon 1918/2022. Von Soldaten und Frauen auf der Flucht" kommen gut.

Weiteres: Im Standard bedauert Margarete Affenzeller leise das Verschwinden des Programmhefts am Theater. In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Jürgen Hillesheim an Georg Soltis letzte Opernpremiere ("Falstaff") 1961 als Generalmusikdirektor in Frankfurt am Main: An der Inszenierung lässt sich ganz gut nachvollziehen, wie viele Nazis als Bühnenbildner, Intendanten, Regisseure damals noch in leitenden Positionen aktiv waren. Besprochen wird noch Constanza Macras' Choreografie "Back to the Present" an der Volksbühne (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2025 - Bühne

"In C" auf dem Tanzmainz-Festival. Bild: Andreas Etter.


Auf nach Mainz, ruft Sylvia Staude in der FR begeistert: Das Tanzmainz-Festival unter der Leitung von Honne Dohrmann hat mit dem Stück "In C" von Sasha Waltz & Guests begonnen. Das Stück, das auf einer Komposition von Terry Riley beruht, besteht aus 53 "Bewegungsphrasen", die von 13 Tänzern vielfältig kombiniert werden: "'In C' wirkt einerseits emsig, dabei aber auch lässig. Es ist ein Spiel, dem zuzusehen etwas Meditatives hat. Man kann versuchen, zum Beispiel eine einzelne Tänzerin und ihre Phrasenwechsel im Blick zu behalten. Man kann - schwierig! -, versuchen, alles im Blick zu behalten, das ganze schöne Gewusel. Oder man lässt dieses Stück an sich vorüberziehen, freut sich an seiner Munterkeit, nimmt gute Laune mit hinaus."

Weiteres: Für die Welt interviewt Jakob Hayner die Schauspieler Wolfram Koch und Jonas Sippel, die ab Morgen in Lars von Triers "Hospital der Geister" unter der Regie von Jan-Christoph Gockel auf der Bühne des Deutschen Theaters stehen. Judith von Sternburg interviewt die Regisseurin Daniela Löffner für die FR.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2025 - Bühne

Szene aus "Eichmann - wo die Nacht beginnt". Foto: Yoshiko Kusano

Der Frage nach dem Ursprung des Bösen widmet sich Roger Vontobel an den Bühnen Bern mit Stefano Massinis Stück "Eichmann - wo die Nacht beginnt" und Nachtkritiker Andreas Klaeui scheint vor allem von der Leistung der Schauspieler, die Eichmann und Hannah Arendt geben, beeindruckt: Claudius Körber "spielt das Böse als das Reguläre, er spielt nicht den Zynismus, der in der Eichmann-Figur angelegt ist, das macht den Zynismus umso größer. Immer bleibt er der kleine Junge, der einen guten Eindruck machen will, der Beste im System. Am Ende sind es opportunistische Karriere-Manöver, an denen die Massaker von Millionen Menschen hängen. Lucia Kotikovas Arendt geht dem mit Überlegenheit auf die Spur, sie betrachtet ihr Objekt wie ein Insekt, die unangezündete Zigarette in der Hand, umkreist ihre Fallstudie dozierend wie im Hörsaal, nagelt Eichmann fest mit unerbittlicher Präzision, wenn er sich in Whataboutismus und Euphemismen flüchtet, begegnet seiner opportunistischen Willfährigkeit immer mal auch mit Ironie. Die Kontrolle verliert sie einzig bei der Frage nach dem Beweggrund. Warum ging Eichmann den entscheidenden Schritt weiter?"

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch erklärt die argentinische Choreografin und Tänzerin Constanza Macras, deren Stück "Back to the Present" nun nach mehr als 20 Jahren wieder an der Volksbühne aufgeführt wird, was die Haushaltskürzungen des Senats für die Berliner Kultur bedeuten: "Ich habe in den neunziger Jahren in New York erlebt, was passiert, wenn der Kultur die Gelder gekürzt werden. Man konnte nur noch Arbeiten machen, die sich kommerziell verkaufen ließen - nicht das Beste für Kunst."

Besprochen werden Beat Furrers kolonialismuskritische Oper "Das große Feuer" nach Sara Gallardos Roman "Eisejuaz" am Opernhaus Zürich (Zeit, VAN, Backstageclassical) und Nuran David Calis' Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Lied vom Rand der Welt", eine Neufassung von Johann Strauss' "Zigeunerbaron" im Wiener Museumsquartier (Standard) und Maximilian Schusters Inszenierung von Marius von Mayenburgs Kammerspiel "Nachtland" an der Landesbühne Nord (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2025 - Bühne

Opera Forward Festival - Codes. Foto: Michel Schnater

Joachim Lange besucht für die taz das Amsterdamer Opera Forward Festival. Hier wird der Versuch unternommen, die Kunstform Oper einem neuen, jüngeren Publikum nahezubringen und im Großen und Ganzen scheint dies zu gelingen. Besonders gefällt Lange "das von Gregory Caers mit 170 (!) Jugendlichen inszenierte Stück 'Codes'. Es ist faszinierend, wie hier die jungen Akteure einzeln und dann in kleinen und immer größer werdenden Gruppen nach ihren Bewegungs- und Ausdrucksritualen im Umgang mit unterschiedlichen Lebenssituationen suchen, dabei verschiedene Erfahrung machen und immer wieder in neue Bewegungsmuster übersetzen und dabei singen und auch sprechen. Man kann nur staunen, wie man eine solche Masse auf einer Bühne in ein Ensemble verwandeln kann, das mit seiner Kraft fasziniert - Einzelnen ihren Auftritt verschafft und am Ende alle in den Bann zieht."

Außerdem: Das Berliner Ensemble, berichtet der Tagesspiegel, spielt wieder Jorinde Dröse und Claude De Demos Stück "#Motherfuckinghood", das die beiden Regisseurinnen nach Mobbingvorwürfen gegen die Leitung des Hauses ausgesetzt hatten. Besprochen wird Tschaikowskis "Iolanta" in Evgeny Titovs Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard, "Coming-of-Age-Geschichte im Hyperkitsch").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2025 - Bühne

Szene aus "Das große Feuer" am Opernhaus Zürich.

Beat Furrer hat es am Opernhaus Zürich geschafft, ein Musiktheater über das Verhältnis des Menschen zur Natur auf die Bühne zu bringen, ohne eine reine "Öko-Oper" zu konzipieren, oder zu "zeitgeistig" zu werden, freut sich Kritiker Christian Wildhagen in der NZZ. Furrer hat sich den 1971 erschienenen Roman "Eisejuaz" der argentinischen Schriftstellerin Sara Gallardo zum Vorbild genommen und erzählt in "Das große Feuer" die Geschichte vom Anführer eines indigenen Stammes, der von spanischen Kolonisatoren bedroht wird. Auf einfachen Schwarz-Weiß-Schemata ruhe sich die Oper aber nicht aus, allein schon diese Hauptfigur, genannt Eisenjuaz, ist ein komplexer Charakter der zwischen animistischem Naturverständnis und dem Einfluss der Kolonisatoren, vor allem in Gestalt des Rassisten Paqui, hin- und hergerissen ist. Musikalisch findet Wildhagen das sowieso großartig: "In einer Art obligatem Soundtrack, der dem Stück eine zweite Ebene verleiht, macht er die Stimmen des Waldes, der Tiere, ja der Flüsse und Wolken hörbar, für die einer wie Paqui keine Ohren besitzt, die aber auch in Eisejuaz, zu dessen Kummer, mehr und mehr verstummen. So farbig und suggestiv tönt das, dass man ab und an die Augen schließen und bloß lauschen möchte."

Etwas anders sieht es FAZ-Kritiker Jan Brachmann, für den Furrer und Dramaturg Thomas Stangl einen seltsamen Spagat hinlegen, wenn sie im Programmheft betonen, "dass sie keinen billigen Exotismus wollen, dass sie keine kulturelle Aneignung betreiben, dass sie den Techniken und Prinzipien westeuropäischer Kunst treu blieben, letztlich dass sie keine Kolonialisten seien. Aber natürlich machen sie dabei das Schicksal eines indigenen Volkes, dessen Kultur und Lebensraum zerstört wird, zum Brennstoff ihrer eigenen Kunst, um ihr eine größere Dringlichkeit zu verleihen." Trotzdem kann Brachmann einigen Szenen ihre Intensität nicht absprechen: "Wenn die Frauenstimmen des Vokalensembles Cantando Admont, teils vierteltönig verdichtet, als Tierengel von Eidechse, Nandu, Gürteltier und Rokokokröte auf Eisejuaz einsingen, klirrend schrill, von den wortlos schreienden Holzbläsern der Philharmonia Zürich unterstützt, wird die Begegnung mit dem Heiligen als Erfahrung von Gewalt beschrieben."

Weiteres: Egbert Tholl unterhält sich für die SZ mit dem neuen Intendanten der Hamburger Staatsoper Tobias Kratzer. Besprochen wird Christian Breys Inszenierung des Musicals "The Addams Family" am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2025 - Bühne

Szene aus "Bauern, Bonzen und Bomben" am Staatstheater Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

"Ein Sitten- und Unsittengemälde der späten Weimarer Republik" zeichnete Hans Fallada in seinem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben", den Tom Kühnel nun für das Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht hat, erklärt nachtkritiker Michael Bartsch und staunt, wie frappierend die Parallelen mit der Gegenwart sind. Die "Landvolk-Proteste" von 1929 lassen ihn an die Bauerproteste letztes Jahr denken, aber die Inszenierung führe auch "eindringlich" vor, "wie Filz, Egoismus und Amoral generell Radikalisierungen begünstigen": "Die angedeutete politische Kulisse lässt KPD und NSDAP als gleich schlimme Gefahren erscheinen. In dieser Agonie der Werte wird der Ruf nach einer irgendwie gearteten Staatsräson lauter, nach einer stabileren, womöglich eisernen Ordnung. Bestürzend, wohin das führt: Auf dem Tisch der Bürgermeisterin steht neben dem SPD-Aufsteller plötzlich die Hakenkreuz-Tischflagge." Nicht gerade optimistisch, aber dafür kann sich Bartsch an einem "durchweg hochklassigen" Ensemble erfreuen: "Es knistert ununterbrochen. Grandios infam, wie uns diese arroganten, lächerlichen bis insuffizienten Typen so vertraut vorkommen."

Besprochen werden außerdem Katharina Wagners Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Gran Teatre del Liceu in Barcelona (Eleonore Büning feiert in der NZZ Wagners Comeback als Opernregisseurin), Oliver Frljićs Inszenierung von "Frankenstein" nach dem Roman von Mary Shelley am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Julia Wisserts Adaption von Necati Öziris Roman "Vatermal" am Theater Dortmund (nachtkritik), Aureliusz Śmigiels Inszenierung von Yael Ronens und Shlomi Shabans Stück "Bucket List" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Mirjam Loibls Stück "Das Floß der Medusa" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Peer M. Ripbergers Inszenierung von seinem Stück "Die Sparmaßnahme" am Zimmertheater Tübingen (nachtkritik), Adam Linders und Ethan Brauns Konzertchoreographie "Tournament" auf dem Hamburger Kampnagel (FAZ), Karin Henkels Adaption von Tove Ditlevsens Roman "Die Abweichlerin" am Schauspielhaus Hamburg (FAZ), Michael Webers Inszenierung von "Hölderlin. HYPERION" in der Naxoshalle in Frankfurt (FR), Jan Friedrichs Inszenierung von "Das Ende von Eddy" nach Édouard Louis am Staatstheater Mainz (FR), Stas Zhyrkovs Inszenierung von Maryna Smilianets Stück "Willkommen am Ende der Welt" am Schauspiel Stuttgart (taz), Bülent Özdils Adaption von Andrei Tarkowskis Spielfilm "Der Spiegel" des Deutschen Staatstheaters Temeswar (taz) und Christoph Diems Inszenierung "Nosferatu" nach dem Film Friedrich Murnaus am Staatstheater Braunschweig "(taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2025 - Bühne

Szene aus "Alles ist erleuchtet". Bild: Tommy Hetzel.

Zehn Jahre nachdem Mina Salehpour Jonathan Safran Foers Holocaust-Roman "Alles ist erleuchtet" in Hannover auf die Bühne brachte, hat sie ihr Stück nun für das Wiener Burgtheater inszeniert, aber Nachtkritikerin Gabi Hift kann sie nicht gänzlich überzeugen: Sie vermisst "die Vielschichtigkeit und Fabulierlust des Romans, der immer dann, wenn die zu erzählende Wirklichkeit über das erträgliche Maß hinausgeht, zu den Sternen ausweicht, oder in wilde Sexgeschichten, zu Magie und philosophischen Weisheiten."

Besprochen werden Melanie Schmidts Inszenierung "Schräge Vögel" nach Aristophanes und Caren Jeß am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Christian Weises Inszenierung von Selina Fillingers Stück "Die Schattenpräsidentinnen" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik) und "Dirty Laundry. The TrashOpera" von Nicoleta Esinencu und teatru-spălătorie am Berliner HAU (nachtkritik).