Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3635 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 364

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2025 - Bühne

Mit Blick auf die Schauspielhäuser in Hamburg und Magdeburg will Jakob Hayner in der Welt den Glauben ans Theater noch nicht aufgeben. Inszenierungen aus beiden Häusern sind zum Berliner Theatertreffen eingeladen, das Hamburger Theater gilt seit der Intendanz von Karin Beier ohnehin als "aufregendstes Theater der Republik", meint er. Vielleicht liegt's an Beiers Lust an der Konfrontation, glaubt Hayer, der mit der Intendantin gesprochen hat: "Beier sorgt sich, dass die Freiräume im Theater verschwinden. 'Das Problem ist, dass wir dazu neigen, zusammen mit dem Publikum vermeintlich korrekte Haltungen einzuüben. Dann nicken wir am Ende alle freundlich im Gleichtakt der gemeinsamen Gesinnung. Dabei ist Kopfschütteln im Theater viel notwendiger.'"

In der nachtkritik widerspricht Thomas Schmidt, der in Frankfurt Theatermanagement lehrt, Thomas Heskia, der ebenda die Berliner Pläne, die städtischen Bühnen in Berlin in gemeinnützige GmbHs zu verwandeln, begrüßte (unser Resümee): "Im Moment einer GmbH-Umwandlung geht die wirtschaftliche Verantwortung für jedes einzelne Theater vom Land Berlin vollständig auf die jeweilige Theaterleitung über, die, wenn sie als Geschäftsführer in das Handelsregister eingetragen wird, fortan für die wirtschaftliche Entwicklung haftet, also ein sehr viel höheres Risiko als bislang trägt. (...) Eine GmbH, die nicht sorgfältigst geführt wird und Insolvenz anmelden muss, kann jederzeit liquidiert werden durch das Land Berlin, das sich derzeit noch nicht traut, eines der Theater abzuwickeln, dann aber freie Hand hat, ein Theater aufgrund seiner Zahlungsunfähigkeit und seiner sogenannten 'unsicheren Zukunftsprognosen' aufzulösen." Er plädiert für ein "Kooperationsmodell und die rechtliche Umwandlung des Deutschen Theaters, des Gorki, der Volksbühne und der Parkaue in separate Stiftungen", die gemeinsam planen, Festivals organisieren und zusammen vermarktet werden.

Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Sabine Leucht den in Israel aufgewachsenen Bühnenbildner und Regisseur Ran Chai Bar-zvi, dessen Inszenierung von Albert Camus' "Caligula" beim Münchner Festival Radikal jung zu sehen sein wird. Andreas Busche gibt im Tagesspiegel einen Ausblick auf das im Berliner Maxim Gorki stattfindende Armenien-Festival, das mit Ausstellungen, Filmen und Theateraufführungen, den Folgen des Genozids am armenischen Volk nachspürt.

Besprochen werden das neue Gob-Squad-Stück "News From Beyond" im Frankfurter Mousonturm (FR), Christine Umpfenbachs Inszenierung "Offene Wunde. Ein dokumentarisches Theaterstück über das Attentat am OEZ" am Münchner Volkstheater (nachtkritik) und Enrico Lübbes Inszenierung von Nino Haratischwilis Stück "Kein Schicksal, Klytämnestra" sowie Moritz Sostmanns Inszenierung von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2025 - Bühne

Szene aus "Warten auf Godot". Foto: Jörg Brüggemann

Matthias Brandt ist derzeit als Estragon in Luk Percevals Inszenierung von Becketts "Warten auf Godot" am Berliner Ensemble zu sehen (unser Resümee). Im SZ-Gespräch mit Peter Laudenbach bekennt er, zwar nicht herausbekommen zu haben, worum es Beckett eigentlich geht, der Interpretation des französischen Autors Pierre Temkine, der glaubte, "Wladimir und Estragon seien zwei Juden auf der Flucht vor den Nazis im besetzten Frankreich, die auf jemanden warten, der sie über die Grenze bringt", hält er zwar für plausibel, aber man muss das deshalb nicht illustrieren, meint er: "Es gibt immer wieder Stellen im Text, bei denen man denkt, dass das so gemeint sein muss. Estragon erinnert sich an 'all die toten Stimmen', er spricht von den Millionen Toten. 'Ohne mich wärst du ein Häufchen Knochen', sagt Wladimir einmal zu Estragon. ... Natürlich kann man da an den Holocaust denken. (...)  Aber ich glaube nicht, dass man diese Lesart in einer Inszenierung irgendwie illustrieren muss, abgesehen davon, dass man mit einer Illustration des Holocausts sowieso sehr, sehr vorsichtig sein sollte. Jede Konkretisierung wäre bei 'Godot' eine Verengung, die vom Autor dezidiert nicht beabsichtigt ist."

Szene aus "Piratenrepublik". Foto: Stephan Walzl

Wer Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Krise der westlichen Demokratien sucht, blicke nicht auf die Politik, sondern auf die städtischen Bühnen, meint Stefan Grund, der für die Welt Jakob Weiss' Adaption des Joseph-Roth-Romans "Hotel Savoy" am Staatstheater in Schwerin und  Łukasz Ławickis Uraufführung seiner "Piratenrepublik" in der Exerzierhalle in Oldenburg gesehen hat. Besonders Lawickis Inszenierung nach David Graeber, der in seinem Essay "Piraten" die basisdemokratischen Piratenkönigreiche auf Madagaskar vom frühen 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert beschwor, überzeugt Grund. Die Zuschauer dürfen nach einem Wahlduell zwischen den Präsidentschaftskandidatinnen, der linken Liselotte Meyer und der rechten Frauke Stein wählen: "Dann verläuft die Inszenierung wie die Französische Revolution im Zeitraffer. Natürlich frisst die Revolution ihre Kinder. Obwohl die Besucher im Saal mit mehr als 80 Prozent Meyer wählen, wird durch Brief- und Onlinestimmen Stein zur ersten Präsidentin der Piratenrepublik. Meyer wird Vize. Basisdemokratische Elemente werden bald abgeschafft, aber weil die Wirtschaft brummt, wird das populistische Duo zweimal wiedergewählt."

Weitere Artikel: Warum das Staatstheater Kassel seine Schauspieldirektorin Patricia Nickel-Dönicke "mit sofortiger Wirkung" entlassen hat, ist nicht bekannt. Als künftige Intendantin des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten ab der Saison 2026/27 steht sie aber weiterhin fest, meldet der Standard. Im leider nicht frei verfügbaren Interview mit Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) spricht der Regisseur Ersan Mondtag über sein "Denkmal für einen ungekannten Menschen" und den Osten. Im taz-Gespräch mit Katrin Ullmann sprechen der Dramaturg Falk Richter und die Choreografin Anouk van Dijk über ihr aktuelles Stück "A perfect Sky", das sich dem Einfluss der Digitalisierung auf menschliche Beziehungen widmet.

Besprochen werden Katie Mitchells Inszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" an der niederländischen Staatsoper (FAZ) und Eneas Nikolai Prawdzics Inszenierung "Die Jahrtausendflut" an den Bühnen Bern (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2025 - Bühne

"Gesellschaftliche Relevanz heute kann nicht mehr nur von der Subvention abhängen", sagt der deutsche Opernintendant Alexander Neef, der seit 2020 als erster Deutscher die Pariser Oper leitet, im SZ-Gespräch mit Reinhard J. Brembeck. Sinkenden Subventionen müsse man durch das Anbohren anderer Quellen begegnen, meint er: "Wenn ich Einnahmen brauche durch Karten, Mäzenatentum, Sponsorship, muss ich mich der Gesellschaft öffnen. Ich muss mich besser erklären. Es gibt Häuser, die man subventionieren muss, damit sie existieren können. Und es gibt andere Häuser, die man ein bisschen mehr in die Verantwortung nehmen kann, weil sie die Kapazität haben, mehr einzunehmen." Die Pariser Oper baue zudem ein "endowment auf, ein Stiftungsvermögen. Das ist ein Kapital, das man nicht angreift. Es wird investiert und irgendwann ziehen wir aus diesem Kapital hoffentlich einige Millionen Euro an Zinsen, mit denen wir einige unserer Aktivitäten kofinanzieren können."

Weitere Artikel: In der Welt würdigt Manuel Brug den Schweizer Choreografen Martin Schläpfer, der sich nach fünf Jahren mit Tschaikowskys "Pathetique" als Staatsopernballettdirektor aus Wien verabschiedet. Im FR-Interview mit Judith von Sternburg spricht der Schauspieler Christian Friedel über seine "Solaris"-Inszenierung am Schauspiel Frankfurt, für die er sich sowohl auf den Roman von Stanislaw Lem als auch auf den Film von Andrei Tarkowski bezieht. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann der amerikanischen Intendantin Pamela Rosenberg zum Achtzigsten. Esther Slevogt erinnert in der nachtkritik mit Blick auf den Fall Unseld an Eugen Eggerath, Bühnenmeister der Städtischen Bühnen Düsseldorf, der nach Konrad Adenauers Erlass aus dem Jahr 1950, dem zufolge kein Kommunist mehr in einer öffentlichen Einrichtung arbeiten durfte, nie wieder an einem Theater tätig sein konnte. Ebenfalls in der nachtkritik fragt sich der deutsch-italienische Theaterregisseur Nicola Bremer, ob das postdramatische Theater, das auf psychologisch motivierte Figuren verzichtet, unsere empathielose Gesellschaft widerspiegelt. Seine Idee: "Neben Inszenierungen, die Empathie fördern, könnten Theater gezielt Empathietraining-Workshops anbieten."

Besprochen wird Felicitas Bruckers Inszenierung von "Trommeln in der Nacht" nach Brecht - mit ergänzenden Texten von Şeyda Kurt am Schauspielhaus Bochum (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2025 - Bühne

Opernhaus Zürich - Die tote Stadt. Foto: Monika Rittershaus

Dmitri Tcherniakov bringt am Opernhaus Zürich Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" auf die Bühne. Robin Passon wird für die FAZ Zeuge eines "Musterbeispiels hochdramatischen Musiktheaters". Neben einer brillianten Besetzung überzeugen auch die Regieeinfälle. In Tcherniakovs "Bühnenbild schwebt einige Meter über der Drehbühne die Fassade eines Bürgerhauses. Durch die Fenster wird dem Publikum der Blick in Pauls karge Wohnung mit seiner 'Kirche des Gewesenen' gewährt, wo er versucht, sich Maries Geist zu erhalten. Das Publikum wird gezwungen, dem Beziehungsdrama voyeuristisch beizuwohnen und zuzusehen, wie die Sphäre vermeintlich schützender Häuslichkeit zu einer gefährlichen Isolationszelle wird. Die titelgebende Stadt hingegen verbannt Tcherniakov in die Imagination. Stattdessen spielt sich das zweite Bild auf der leeren Drehbühne ab." Ganz anders Christian Wildhagen in der NZZ: Er moniert die vielen Freiheiten, die sich die Regie herausnehme, sodass "einer der wenigen echten Opernkrimis der Musikgeschichte" nie voll zur Geltung kommen kann. Jede Menge "Handlungsstränge laufen in Ermangelung einer klaren szenischen Lösung ins Leere".

Weitere Artikel: Manuel Brug blickt in der Welt auf das Programm der Tiroler Festspiele in Erl, als deren Intendant derzeit Jonas Kaufmann fungiert. Wolfgang Behrens schreibt in der nachtkritik auf die Kämpfe zwischen Dramaturgie und Regie. Birgit Walter stellt in der Berliner Zeitung das Berliner Kriminal-Theater vor, das keine Fördermittel erhält und dennoch erfolgreich ist.

Besprochen werden Sandra Hüllers Regiedebüt "Penthesile:a:s" am Theater Halle (Welt, "Hier will die Schaubühne nicht einmal mehr moralische Anstalt sein, sondern gleich Heilanstalt.") und Mieczysław Weinbergs "Die Passagierin" am Theater Krefeld (die nmz-Kritikerin Claudia Irle-Utsch "hellwach und überaus variabel" gespielt findet).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2025 - Bühne

Szene aus "Warten auf Godot". Foto: Jörg Brüggemann

Wie soll man Samuel Becketts "Warten auf Godot" siebzig Jahre nach der Uraufführung in Paris auf die Bühne bringen? Genau so, wie es Luk Perceval am Berliner Ensemble mit Matthias Brandt und Paul Herwig in den Hauptrollen tut, applaudiert Jakob Hayner in der Welt. Perceval gibt der Tragikomik des Textes Raum, deutet nichts aus - und erzeugt dennoch Wucht, staunt Hayner: "Das liegt an den archetypischen Bildern von Gewalt, Verfolgung und Verzweiflung, die Beckett geschaffen hat und deren unnachahmliche Kraft Perceval wieder in Erinnerung ruft. Es sind die Bilder einer Menschheit in der Klemme, von Kain und Abel über den gekreuzigten Jesus bis zu Wladimir und Estragon. Der Klamauk wird bei Perceval nicht ausgespart, doch seine Regie erschöpft sich nicht darin, anders als beim ironisierenden Gestus des Poptheaters. Das Alberne gleicht einem Kontrastmittel, um das Grausame umso deutlicher hervortreten zu lassen."

Szene aus "Penthesile:a:s" © Falk Wenzel

Als klassische "Penthesilea" nach Kleist in Bochum fand Simon Strauss (FAZ) Sandra Hüller großartig. Wenn sie allerdings nun ihr Regiedebüt mit der genderneutralen Version "Penthesile:a:s" der französischen Szenenschreiberin MarDi im Theater Halle gibt, kann Strauss nur gähnen: MarDi will Geschlechter in ein "einziges, heldenloses Wir" auflösen und träumt von einer "postheroischen, posterotischen" Gesellschaft: "Hüller, die mit ihrem Regiedebüt offenbar einen moralpolitischen Punkt gegen den männerdominierten Betrieb machen will, inszeniert das Ganze etwas hilflos als hörspielhafte Collage. Ihr geschlechtergerechtes Ensemble sitzt erst vor Mikrophonen und bewegt sich dann abwechselnd in eine statussymbolisierende Mittelstandsküche, in der sich die Hände gewaschen und Suppe gekocht wird. Von einem wirklichen Geschehen kann nicht berichtet werden, stattdessen fallen durcheinander Theorie trompetende Sätze und ermüden den Sinn. Stell dir vor, eine 'Vulvenarmee' zieht in den Krieg, und keiner schaut hin." Eine "wagemutige Utopie" sieht hingegen Nachtkritiker Matthias Schmidt.

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Sabine Leucht sprechen die Dokumentartheatermacherin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Tunay Önder über ihr Stück "Offene Wunden", das bald am Münchner Volkstheater Premiere feiert und das sich dem Attentat vom 22. Juli 2016 im Münchner Olympia-Einkaufszentrum widmet. In der nachtkritik erinnert sich der Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild an Bruno Ganz.

Besprochen wird Harold Nobens und Michel De Cocks Adaption der "Madame Bovary" an der Brüsseler Monnaie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2025 - Bühne

Baldwin and Buckley, Foto: Christophe Raynaud de Lage  

"Bitte geben Sie uns nicht auf", ruft John Collins, künstlerischer Leiter der US-amerikanischen Theatergruppe Elevator Repair Service, dem Schaubühnen-Publikum entgegen, nachdem dort im Rahmen des FIND-Festivals sein Stück "Baldwin and Buckley at Cambridge" über die Debatte zwischen James Baldwin und dem Vordenker der Neuen Rechten in den USA, William F. Buckley, über die Bürgerrechtsbewegung aufgeführt wurde. In der taz erkennt Verena Harzer die Parallelen zwischen Buckley und Trump: "Dem Stück gelingt es, einige der Strategien zu entlarven, mit denen Trump die US-amerikanische Demokratie aushöhlt: die Ignoranz gegenüber Rassismus, Sexismus und allen anderen Formen der Diskriminierung von Benachteiligten, Ausgegrenzten oder Minderheiten. Die Produktion ist damit genau die Art von Kunst, gegen die Trump in den USA einen radikalen Kulturkampf begonnen hat."

In der nachtkritik findet der Kultur- und Nonprofit Governance lehrende Organisationsentwickler Thomas Heskia die Idee, die Volksbühne, das Gorki-Theater, das Deutsche Theater und das Theater an der Parkaue in gemeinnützige GmbHs zu verwandeln (unser Resümee), gar nicht verkehrt: "Solche Konstruktionen sind seit den 1990er-Jahren in Deutschland und Österreich weit verbreitet: Dutzende öffentliche Theater wurden seither erfolgreich in GmbHs überführt, ohne dass ihr Charakter als öffentlich getragener Betrieb fundamental in Frage gestellt worden wäre. (…) Die bereits damals vielfach geäußerten Befürchtungen vor Ausverkauf und Tarifflucht haben sich in der Regel nicht bewahrheitet."

Weitere Artikel: Im leider nicht frei verfügbaren Interview mit der Berliner Zeitung spricht Frank Castorf, der aktuell in Dresden Büchners "Dantons Tod" inszeniert, über Fatalismus, Revolution und Außenpolitik. Besprochen werden Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Mahin Sadris Kleist-Adaption "FC Prinz Homburg: Träume und Handgemenge" am Staatstheater Wiesbaden (FR, nachtkritik), Max Merkers Faust-Inszenierung am Bregenzer Landestheater (nachtkritik), Herbert Fritschs Inszenierung "Rauflust oder Fifty Shades of Green" am Theater Freiburg (nachtkritik), Sandra Hüllers und Tom Schneiders Inszenierung von MarDis Stück "Penthesile:a:s - Amazonenkampf" am Neuen Theater in Halle (nachtkritik), Fritzi Wartenbergs "Sisi"-Inszenierung am Wiener Burgtheater (NZZ, mehr hier) und Philipp M. Krenns Inszenierung des "Parsifal" mit Jonas Kaufmann in der Hauptrolle bei den Tiroler Festspielen in Erl, die Kaufmann aktuell auch als Intendant verantwortet (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2025 - Bühne

Es ist genau der richtige Zeitpunkt für Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker, sich mit dieser Saison aus dem Festspielhaus Baden Baden zu verabschieden, klang nach vielen Höhepunkten die aktuelle Neuproduktion von Puccinis "Madama Butterfly" doch schon ein wenig routiniert, meint Christian Wildenhagen in der NZZ. Auch die Inszenierung von Davide Livermore geht nicht auf, obwohl sich der Regisseur eine Rahmenhandlung einfallen lässt, in der sich Butterflys Sohn in Japan auf die Suche nach seinen Wurzeln begibt, seufzt Wildenhagen: "Gemeinsam mit der alt gewordenen Dienerin Suzuki erlebt er die wahre Geschichte seiner Mutter, die von seinem Yankee-Vater bloß zur Triebbefriedigung benutzt wird und aus Verzweiflung darüber am Ende der Oper das rituelle Seppuku vollzieht. Daraus hätte sich einiges machen lassen. Aber Livermore schreckt, wie leider häufig, vor genau der Zuspitzung zurück, durch die es auch für die Zuschauer schmerzhaft werden könnte."

Weitere Artikel: Im Tsp-Interview mit Markus Ehrenberg spricht Regisseurin Lydia Ziemke, deren Stück "geRecht 2" heute am Theater Aufbau Kreuzberg mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle Premiere feiert, über Migration, Gewalt und Justiz. In der FAZ gratuliert Wiebke Hüster dem schwedischen Choreographen Mats Ek zum Achtzigsten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2025 - Bühne

Salzburger Festspiele - Szene aus "Chowanschtschina" Bild: © Inés Bacher

"Was für eine Sängerin!" Jan Brachmann ist in der FAZ hin und weg von Nadezhda Karyazina, die in Simon McBurneys Inszenierung von Modest Mussorgskis Oper "Chowanschtschina" bei den Salzburger Festspielen die Rolle der Marfa übernimmt. Brachmann ist auch ansonsten sehr angetan davon, was McBurney mit Mussorgski anstellt; eine "Zumutung an Klarsichtigkeit" wurde ihm in Salzburg kredenzt. Aber ganz besonders glänzt eben doch Karyazina. Zum Beispiel, wie sie "im Schlussbild, den Liebestod mit Andrej im religiösen Wahn der kollektiven Selbstverbrennung der Altgläubigen vorwegnehmend, sich in kindlich arglose Helle, gut zwei Oktaven über den Schlünden der Wahrsagerei, aufschwingt, als sei die Verschmelzung sexueller Erfüllung mit größter Gottesnähe der Durchbruch in eine zweite Unschuld. Das alles ist so grausig wie bezaubernd." In der NZZ widmet sich Marco Frei zusätzlich der Parallelinszenierung desselben Stückes am Grand Théâtre in Genf unter der Regie Calixto Bieitos (siehe auch hier). McBurneys Inszenierung ist ihm etwas zu glatt geraten. Die Genfer Version hingegen streiche "heraus, wie sehr die russische Geschichte als grausames Kontinuum deutbar ist, das bis heute fortgeschrieben wird".

Peter Seiffert ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Der Tenor, meint Manuel Brug in der Welt, "war ein Wagner-Held wie aus dem Bilderbuch. Er kam, sang und siegte. Mit sparsamer Gestik und möglichst wenig Bewegung. Aber mit Allüre und Auftreten. Mit blonder Naturmähne, später auch mit Schnauz, der selbst für Lohengrin und Parsifal dranblieb. Mit dem Texte lernen tat er sich schwer, aber die Souffleure kamen gut mit ihm zurecht." Jürgen Kestings Nachruf in der Zeit zititert unter anderem Seiffert selbst, der keineswegs von seinen Wagner-Rollen verschluckt werden wollte. Für nmz ruft Wolf-Dieter Peter Seiffert nach, in der SZ Harald Eggebrecht.

"Winterstürme wichen dem Wonnemond":



Weitere Artikel: Hin und weg ist SZ-Kritikerin Dorion Weickmann vom Ballettabend "Wings of Memory" des Bayerischen Staatsballetts. Insbesondere das Schlussstück, Pina Bauschs "Frühlingsopfer", ist große Kunst, wurde bis jetzt aber nur sechs mal aufgeführt: "Schuld sind, lesen wir, die Kosten, die nicht zuletzt aufgrund der strikten Auflagen der Pina Bausch Foundation, die sich eine strenge Qualitätskontrolle auf die Fahne geschrieben hat, in die Höhe schießen." Philipp Lojak berichtet auf nmz von den Angriffen der Trump-Regierung auf die Kulturszene; unter anderem hat Lojak sich mit einigen betroffenen Musikern unterhalten. Shirin Sojitrawalla denkt auf nachtkritik über geglückte und weniger geglückte Regieeinfälle nach. Die inzwischen abgeschlossene Theaterabend-Bestenliste der nachtkritik wird wiederum von Jakob Hayner in der Welt kommentiert.

Besprochen werden Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" an der Düsseldorfer Oper am Rhein in der Inszenierung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck (FR, "Ein Coup, wenn auch mit Risiken und Nebenwirkungen"), Luc Percevals Fassung von "Warten auf Godot" am Berliner Ensemble (Zeit, "Die Verschiebung von der offenen Landstraße auf eine Bühne gibt dem Abend einen hübsch selbstironischen, aber auch heroischen Saum"), Lena Reissners "Heidi"-Inszenierung am Theater Neumarkt in Zürich (NZZ, "sehr viel Charme und Wärme") und Vasily Barkhatovs "Norma"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper (ND, "Unstimmigkeiten und Konstellationen, die jeglicher Logik widersprechen").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2025 - Bühne

Nach einem Treffen zwischen Berlins Bürgermeister Kai Wegner, der Staatssekretärin für Kultur, Sarah Wedl-Wilson und Vertretern der Bühnen und Orchester "sind die Ängste groß", berichtet Marie Frank in der taz: "Im Raum steht eine Umwandlung in eine gemeinnützige GmbH, wie beim Berliner Ensemble und der Schaubühne, oder in eine Stiftung öffentlichen Rechts nach dem Vorbild der Stiftung Oper in Berlin. Betroffen von den Planungen sind die Volksbühne, das Gorki-Theater, das Deutsche Theater, das Theater an der Parkaue und das Konzerthaus - allesamt ehemalige Osttheater." In Westberlin gibt es allerdings auch nur noch ein Ensembletheater, die Schaubühne. Dennoch: "Die Angst der Beschäftigten vor einem Stellenabbau ist mit Blick auf die Überführung der Opern in eine Stiftung nicht unbegründet. Nach jahrelangem Streit über den Unterhalt der drei Opernhäuser wurde 2004 ein Kompromiss geschlossen: Statt eines der Häuser zu schließen, sollte hinter den Kulissen gespart werden, indem die Deutsche Oper, die Komische Oper, die Staatsoper Unter den Linden, das Staatsballett Berlin und der Bühnenservice in der Stiftung Oper in Berlin zusammengeschlossen wurden. Laut Verdi wurden im Zuge dessen über 100 Menschen entlassen."

Weitere Artikel: In der Welt vergleicht Manuel Brug zwei Inszenierungen von Modest Mussorgskys Oper "Chowanschtschina": Calixto Bieitos am Théatre de Genève (wahrt klug die Mitte zwischen Überzeitlichkeit und aktuellen Anspielungen auf die Zustände im gegenwärtigen Moskau) und Simon Mc Burney in Salzburg (ein "eher lähmendes Fanal"). Michael Bartsch berichtet in der taz vom Theaterprojekt "Inside Outside Europe" in Chemnitz, das das Thema Migration verhandelt.

Besprochen werden Vasily Barkhatovs Inszenierung von Bellinis Oper "Norma" an der Staatsoper Berlin (FAZ), das Tanzstück "Anaconda" der israelischen Choreografin Reut Shemesh am Stadttheater Gießen (FR) und Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Sisi" am Burgtheater Wien (unser Resümee) (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2025 - Bühne

Stefanie Reinsperger in "Elisabeth!" Foto: Tommy Hetzel

Was für ein Abend, staunt Jakob Hayner in der Welt, der im Burgtheater Stefanie Reinsperger dabei zugeschaut hat, wie sie Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Elisabeth!" den Sissi-Mythos dekonstruiert. Für ihn ist "Reinsperger die bestmögliche, ja die einzig mögliche Besetzung für diesen Monolog. Ihr körperliches Spiel ist wie ein ständiger Energiefluss, der den Text erfasst. Sie schlägt sich auf die Brust und kullert über die Bühne, sie schreit und weint. Sie nimmt die Zuschauer nicht nur mit, sie reißt sie mit. Geschickt bricht Reinsperger ihr eigenes Spiel immer wieder, die Fallhöhe zwischen Wiener Schmäh und Kommentarebene kann es locker mit den Achterbahnen auf dem Prater aufnehmen." Fallwickl macht die Zerrissenheit und die Ambivalenzen der Figur Sissi zwischen Schönheitswahn, herrschender Klasse und patriarchaler Unterdrückung so deutlich, dass es für den Kritiker die Verweise auf Gisèle Pélicot oder Imane Khelif nicht gebraucht hätte: "Weder zum Verständnis der Sisi-Figur noch der Gegenwart trägt das irgendetwas bei. Diese effekthascherischen Aktualitätssignale sind zum Ärgern und Fremdschämen. Zudem die Botschaft des Abends auch ohne überflüssige Querverweise ankommt."

Für Wolfgang Kralicek in der SZ ist Stefanie Reinspergers Performance ebenfalls das Highlight, ansonsten kann er an dem Stück wenig Gutes finden: "Fallwickls literarisch oft arg einfach gestrickte Texte sind so plakativ, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen. (…) (Sissis) Verhältnis zu ihrem Ehemann Franz Joseph und dessen Verhältnissen ('Wenn eine Frau sich nicht selbst kümmern will, besorgt sie eine, die es tut'), ihre fragwürdige Ernährung ('Saft aus sechs Kilo ausgepresstem Ochsenfleisch') und ihre radikalen Diäten (bei der Obduktion wurden Hungerödeme festgestellt) werden angesprochen, Kate Moss wird zitiert ('Nothing tastes as good as being skinny feels'). Und damit man auch ganz sicher versteht, was aus all dem abzuleiten ist, streut Fallwickl immer wieder Merksätze ein. Zum Beispiel: 'Wenn eine Frau sich im Spiegel anschaut, schaut sie sich mit dem Blick der gesamten Gesellschaft an.'" Diesen "Feminismus in einfacher Sprache" hätte der Kralicek nicht gebraucht. Eine weitere Besprechung liefert der Standard.

Weiteres: Esther Slevogt resümiert für nachtkritik das Berliner Theaterfestival FIND an der Schaubühne. Besprochen werden außerdem Puccinis Oper "Madama Butterfly" die im Festspielhaus Baden-Baden (FR-Kritikerin Judith von Sternburg hebt besonders die Sänger Jonathan Tetelman und Eleonora Burrato in den Hauptrollen hervor, FAZ), Wajdi Mouawads "Die Wurzel aus Sein", inszeniert von Stefan Bachmann am Burgtheater Wien (Nachtkritik, Standard), Tschechows "Die Möwe" am Thalia Theater Hamburg in der Inszenierung von Charlotte Sprenger (Nachtkritik), Thorsten Weckherlin inszeniert Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" am Landestheater Tübingen (Nachtkritik),
Luk Perceval inszeniert Samuel Becketts "Warten auf Godot" im Berliner Ensemble (FAZ).