Heinz Strunk

Ein Sommer in Niendorf

Roman
Cover: Ein Sommer in Niendorf
Rowohlt Verlag, Hamburg 2022
ISBN 9783498002923
Gebunden, 240 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Heinz Strunk erzählt eine Art norddeutsches "Tod in Venedig", nur sind die Verlockungen weniger feiner Art als seinerzeit beim Kollegen aus Lübeck. Ein bürgerlicher Held, ein Jurist und Schriftsteller namens Roth, begibt sich für eine längere Auszeit nach Niendorf: Er will ein wichtiges Buch schreiben, eine Abrechnung mit seiner Familie. Am mit Bedacht gewählten Ort - im kleinbürgerlichen Ostseebad wird er seinesgleichen nicht so leicht über den Weg laufen - gerät er aber bald in die Fänge eines trotz seiner penetranten Banalität dämonischen Geists: ein Strandkorbverleiher, der Mann ist außerdem Besitzer des örtlichen Spirituosengeschäfts. Aus Befremden und Belästigtsein wird nach und nach Zufallsgemeinschaft und irgendwann Notwendigkeit. Als Dritte stößt die Freundin des Schnapshändlers hinzu, in jeder Hinsicht eine Nicht-Traumfrau - eigentlich. Und am Ende dieser Sommergeschichte ist Roth seiner alten Welt komplett abhandengekommen, ist er ein ganz anderer …

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.06.2022

Rezensent Benedikt Herber kann nur vermuten, ob Heinz Strunk endlich ein Kandidat für Literaturpreise werden würde, gelänge es ihm, weniger auf Sound und Pointen zu setzen als auf seine Figuren. Einstweilen gibt sich Herber mit dem guten alten Strunk-Sound zufrieden, mit Tempo und "irrwitzigen Bildern", wenn der Autor seinem durchaus etablierten Helden ins Schreibexil an die Ostsee folgt, wo der Held freilich grandios scheitert, wie Herber feststellt. Dass Strunks Bücher mehr sind als Comedy, erkennt Herber daran, dass der Autor ein ums andere Mal die Lebenslügen der Bourgeoisie offenlegt, indem er Außenseiter und Gescheiterte ins Licht rückt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 18.06.2022

Rezensentin Katharina Herrmann geht kühl mit Heinz Strunks Roman ins Gericht; einer weiteren Variation seines für die Kritikerin erstaunlich erfolgreichen Lieblingsthemas: der weiße Mann in der Krise. Dieses Mal zieht ein ohnehin schon misanthropisch veranlagter Jurist drei Monate in ein Haus an der Ostsee, um ein Buch zu schreiben, und wird dort unter dem Einfluss seines alkoholkranken Vermieters vollends zum Ekel, fasst Herrmann zusammen. Dabei werden typischerweise der verfallende männliche Körper des Protagonisten, vor allem aber weibliche Körper beäugt, was für Herrmann allzu oft in die bloße "Aufzählung von Unästhetischem" mündet - ganz zu schweigen davon, dass viele der Frauen vom Protagonisten als "hässlich" und daher als ihm noch unterlegen wahrgenommen werden, moniert die Kritikerin. Am Ende dürfe das kriselnde männliche Ego dann doch in den "Hafen" einer Frau einlaufen, weil diese ihn sexuell befriedigen und bemuttern kann, so Herrmann kopfschüttelnd. Dass hier wieder einmal nur der weiße Mann als "Seismograf" für gesellschaftliche Probleme "wahr- und ernstgenommen" werde, während alle anderen vernachlässigt werden, frustriert die Kritikerin merklich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2022

Rezensent Edo Reents schließt sich Richard Kämmerlings an und vergleicht Heinz Strunk mit Thomas Mann. Unfassbar eigentlich, aber Reents entdeckt tatsächlich eine Geistesverwandtschaft, wenn Strunk seine Schriftsteller-Figur an der Ostsee seinem eigenen Verfall entgegengehen lässt. Auch wenn beide stilistisch Lichtjahre voneinander entfernt sind und Strunk, anders als Mann, laut Rezensent kondensiert und rafft, was das Zeug hält, in der "meisterlichen" Figurenzeichnung sieht Reents wiederum eine gewisse Verwandtschaft zum großen Romancier. Darüber hinaus aber bietet Strunk gewohnt großartig erzählte Abstürze und Peinlichkeiten, meint er.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.06.2022

Rezensentin Erika Thomalla hält den Vergleich von Heinz Strunks Roman mit Thomas Manns "Tod in Venedig" für Unsinn. Allenfalls schafft Strunk mit seiner Trinker-Figur, die in ihrer Ostsee-Klausur vergeblich versucht, ein Schriftsteller zu werden, eine Negativfolie zu Manns Künstlergeschichte, meint sie. Allerdings hat Strunk den Vergleich laut Rezensent gar nicht nötig. In Sachen Elendsbeschreibung macht dem Autor keiner was vor, findet Thomalla. Wie Strunk den Abstieg seines Helden in die finsteren Tiefen dysfunktionaler Beziehungen und verkommener Milieus schildert, protokollarisch, mit treffsicherem Sound, scheint der Rezensentin allemal lesenswert.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 04.06.2022

Rezensent Richard Kämmerlings vergleicht Heinz Strunks "todesnahe Sommergeschichte" mit Thomas Manns "Tod in Venedig" und stellt fest: Vom Drang nach Selbstaufgabe erzählen beide sehr gekonnt. Allerdings ist Strunk laut Kämmerlings der bessere Elendsschilderer. In wenigen Sätzen und  Dialogen und so präzise wie komisch erfasst er die ganze Trostlosigkeit einer abwärtsdriftenden Existenz, Beschleuniger Alkohol und die langsam sich ausbreitende "Lust am Untergang" inklusive, erklärt Kämmerlings. Ein Buch für Fans, die den Spagat zwischen Witz und Brechreiz aushalten, meint er.