Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2025 - Bühne

Szene aus "Caché" am Wiener Volkstheater © Marcella Ruiz Cruz

Als "Parabel über verdrängte kollektive Schuld und deren zerstörerische Kraft" ist Michael Hanekes Film "Caché" von 2005 heute noch hochaktuell, meint Nachtkritikerin Gabi Hift nach dem Besuch von Felicitas Bruckers Bühnen-Adaption am Wiener Volkstheater. Veraltet ist allerdings die Medienkritik im Film, zum Glück hat Bruckner hier ein "wahres Feuerwerk von Einfällen. Alles existiert hier gleichzeitig: Videorekorder und Videokassetten, Wandtelefone mit Hörern an Spiralkabeln, die sich bis zu 20 Meter dehnen lassen, flimmernde Schwarzweißvideos, aber auch drei riesige Monitore, auf denen das Bühnengeschehen übertragen wird, wie es heute Usus ist, und auf denen auch die Überwachungsvideos laufen. Fernsehsendungen, Erinnerungsszenen von George, Alpträume, Schnipsel aus alten Filmen, Material aus dem Originalfilm sind dort zu sehen. Die Bühne ist ein grandioses Konstrukt aus Verfremdungs- und Verzerrungsstilen: Es ist die Wohnung von George und Anne, aber aus einzelnen Modulen zusammengesetzt, die auf verschiedenen Ebenen liegen - verbunden durch eine steile Treppe, auf der alle wie aufgezogen auf und ab und auch mal rückwärts laufen." Egbert Tholl findet die Inszenierung in der SZ zu kühl, lobt aber die Schauspieler. 

Weiteres: Greta Haberer resümiert für die taz das Festival Tanznacht Berlin 25 in den Uferstudios. Besprochen werden Jan Philipp Glogers Inszenierung der Jura-Soyfer-Revue "Ich möchte zur Milchstraße wandern!" am Wiener Volkstheater (SZ), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Wildente" an der Berliner Schaubühne (SZ), das Stück "subjoyride" von Boglárka Börcsök und Andreas Bolm in den Sophiensælen Berlin (taz) und das Stück "Radikal Jung" des Theaterkollektivs Polyformers im Theater unterm Dach Berlin (taz) und Iván Fischers Inszenierung der Mozart-Oper "Don Giovanni" am Festspielhaus Baden-Baden (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2025 - Bühne

"So langsam, so leise." Foto: Jessica Schäfer.


Ein dementer Vater, seine prekär beschäftigte Tochter und eine verschwundene Kultur: Davon erzählt Luise Voigt in ihrer Inszenierung von Björn SC Deigners "So langsam, so leise" am Schauspiel Frankfurt in originellen Bildern, wie FR-Kritikerin Judith von Sternburg festhält. Dabei knirscht es "bedrohlich in Gebälk und Fundament, die Menschen im Gebäude hören und spüren es, und das Publikum hört und spürt es auch. Erstaunlich, wie stimmungsvoll, nämlich wie plastisch das in der Inszenierung von Luise Voigt vermittelt wird. Es reicht ein Lichtflackern, ein Innehalten, ein Haltsuchen."

Nachtkritiker Michael Laages findet die Bilder des Stückes, in dem auch eine Regenwolke in der Wohnung und ein zotteliger Hund ihren großen Auftritt haben, auf Dauer ein wenig zerfasert, wenn auch nicht kraftlos: "Motive und Strukturen in Deigners Geschichte sind ziemlich offen und deutlich markiert für die Bühne - im Neben- und Durcheinander der überwölbten Wirkungs- und Bedeutungsebenen aber verliert die Aufführung deutlich an Klarheit. Immer öfter entwickelt sich der Zusammenklang von Stimmen und Atmosphären deutlich stärker als die szenischen Vorgänge - und fast sind wir im Hörspiel angekommen."

Besprochen werden: "Crowd Control" von Oliver Zahn in den Sophiensaelen Berlin (taz), "Sanatorium zur Gänsehaut. Eine Entfaltung" von Ferdinand Schmalz, Regie führt Jan Bosse am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ), die Uraufführung von Marius Felix Langes Oper "Krabat" nach dem Roman von Otfried Preußler am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz (NMZ), das Doppelstück "Gier/Sonne" nach Sarah Kane und Elfriede Jelinek, inszeniert von Philipp Preuss am Staatstheater Saarbrücken (Nachtkritik), Schillers "Don Karlos", inszeniert von Henriette Hörnigk am Schillertheater Rudolstadt (Nachtkritik) und "Pseudorama", das das Duo Darum am Volkstheater Wien auf die Bühne bringt (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.09.2025 - Bühne

Szene aus "Ich möchte zur Milchstraße wandern" von Jura Soyfer am Volkstheater Wien © Marcella Ruiz Cruz

Einen schlafwandlerisch schönen Abend" erlebt nachtkritikerin Andrea Heinz mit Jan Philipp Glogers Einstands-Inszenierung "Ich möchte zur Milchstraße wandern" am Volkstheater Wien, der auf Texten des jüdischen Schriftstellers Jura Soyfer beruht, der 1939 im KZ Buchenwald ermordet wurde. Soyfer sah die Katastrophe heraufziehen: "In 'Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang' aus 1936 haben die Sterne des Sonnensystems beschlossen, die Erde mittels Kometen von einer Krankheit namens 'Menschheit' zu befreien." Am Anfang geht es der Kritikerin an diesem Abend zuweilen ein bisschen zu slapstickartig zu, aber dann "wird der Abend plötzlich ernsthaft. Wie Schlafwandler taumeln die Menschen über die Drehbühne, wollen nichts mehr, wissen nichts mehr, richten sich häuslich ein im Glauben, dass man ja eh nichts mehr ausrichten kann. Hier ist etwas zu spüren, eine Schwere. Trauer. Um das, was verloren scheint. (...) Am Ende steht Samouil Stoyanov in einer Kugel aus Alufolie, die ihn als Kometen ausweist, auf der Bühne und singt unter dem Glitzerlicht der Discokugel sein Liebeslied an die Erde. Er hat sie am Ende doch verschont, denn er hat sich verliebt in sie. Ob die Menschen diese rührende, arglose Liebe verdient haben? Man weiß es nicht."

In der FR berichtet Stefan Scholl, wie russische Regisseure versuchen, trotz Repression kritisches Theater zu machen: "Auch staatlich gefeierte 'Volkskünstler der Russischen Föderation' wie Konstantin Raikin oder Jewgenij Mironow winden sich jetzt bei Interviewfragen, warum sie noch kein Stück über die Spezialoperationskrieger inszeniert haben. Noch entziehen sie sich. 'Viele künstlerische Leiter heucheln verbal Ergebenheit', sagt eine Theaterjournalistin, die selbst nach Australien emigrieren möchte. 'Aber sie demütigen sich nur, um die schöpferischen Freiräume ihrer Truppen zu retten.'"
Stichwörter: Soyfer, Jura

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2025 - Bühne

Szene aus "Nachspiel": Foto: Anna Sorgalla

Nachdem Kay Voges vergangenes Jahr die AfD-Recherche von Correctiv auf die Bühne des Berliner Ensembles brachte (unsere Resümees) inszenierte er nun, als neuer Intendant des Kölner Schauspielhauses, ein "Nachspiel" zur Recherche ebenda. Aber boten die anderthalb Stunden, in denen Schauspieler Andreas Beck die medialen und juristischen Reaktionen resümierte, auch etwas Neues, fragt Alexander Menden in der SZ und antwortet: definitiv. "Die saftigste Passage ist ... der Nachvollzug eines internen Streits zwischen dem rechtsnationalen Publizisten Götz Kubitschek, dem AfD-Abgeordneten Maximilian Krah und dessen ehemaligen Social-Media-Berater Erik Ahrens. Dieser eskalierte im Laufe dieses Jahres, Ahrens wendete sich von seinen ehemaligen Mitstreitern komplett ab. Nun, und das ist die Pointe der Veranstaltung, hat Ahrens eine eidesstattliche, notariell beurkundete Versicherung unterzeichnet, in der er als Teilnehmer des Potsdam-Treffens erklärt, dass das von Sellner vorgestellte 'Remigrations'-Konzept auf 'ethnische Säuberungen bzw. Vertreibungen' auch von deutschen Staatsbürgern hinauslaufe - 'freiwillig oder unfreiwillig'. Ein interessantes und erhellendes neues Detail eines, detailreichen und komplexen, weitgehend verständlich aufgearbeiteten Sachverhaltes."

Davon wusste man schon seit August, winkt indes Jakob Hayner in der Welt ab, den das Stück nicht nur als "Werbeblock für ein AfD-Verbot" nervt: "Mit müder Stimme und im Gestus des Naiven erzählt Beck, dass er 'scheißewütend' gewesen sei, als sowohl bei Übermedien als auch in der Zeit kritisch über die Correctiv-Recherche berichtet wurde. Das klingt vor allem enttäuscht, dass aus dem eigenen Lager nicht nur Applaus kam. ... Selbst das Prinzip Zweifel, von dem man annehmen könnte, es wäre die Voraussetzung aller kritischen Geisteshaltung, wird dann folgerichtig als rechte Strategie bezeichnet." "Eine neue Dimension von politischem Theater", erlebte hingegen Dorothea Marcus in der taz.

Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch mit Ueli Bernays zum Einstand ihrer Intendanz am Zürcher Schauspielhaus sprechen Pinar Karabulut und Rafael Sanchez über die Vorteile einer Doppelintendanz, Intendanten, die zugleich inszenieren und die geplante Rückkehr zum klassischen Theater. Sanchez sagt: "Provokation - das war in den neunziger Jahren. Jetzt haben wir 2025, wir sind gesättigt mit Provokation. Provokation ist langweilig."

Besprochen werden außerdem Simon Solbergs Inszenierung "Die Odysee" nach Homer am Theater Bonn (nachtkritik) und Falk Richters Inszenierung "Pride" am Staatstheater Hannover (nachtkritk).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2025 - Bühne

In einem lesenswerten Welt-Artikel legt Manuel Brug dar, wie sich die Golfstaaten mit kräftigen Finanzspritzen in die westliche Klassikwelt einkaufen. Allen voran Saudi-Arabien, das die New Yorker Met mit 100 bis 200 Millionen Dollar unterstützen wird, die dafür drei Stücke nach Riad sendet. Und natürlich Katar, das die Osterfestspiele Salzburg künftig massiv sponsern wird: "Die kulturelle Vernetzung dient dem Whitewashing des kleinen Emirats, das gleichzeitig Weltfrieden stiften möchte, aber das Politbüro der Hamas luxuriös in Doha leben lässt und alle Brandherde im Nahen Osten finanziell massiv befeuert. Dazu gehört auch das vorwiegend mit sehr gut bezahlten europäischen Musikern bestückte Qatar Philharmonic Orchestra, 2007 gegründet von einem ehemaligen Manager des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Es konnte sich bis heute nicht so recht einen internationalen Namen erspielen. Für Osterfestspiel-Intendant Nikolaus Bachler kein Problem: Er erlebte bei seinen Besuchen 'Freude und Offenheit' in dem Golfstaat, unser kritisches Bild sei 'veraltet'.

Weitere Artikel: Derya Türkmen begleitet für die taz die Proben zu dem von Mizgin Bilmen am Stadttheater Diyarbakir mit kurdischen Frauen inszenierten Theaterstück "Jîn - Jinên Azad" (mehr hier). Bei Backstage Classical zieht Guido Krawinkel eine gemischte Zwischenbilanz der Ruhrtriennale. In der Herbst-Kulturbeilage der Zeit porträtiert Christine Lemke-Matwey den Tenor Jonas Kaufmann. Peter Kümmel blickt auf die kommende Theatersaison. Eva Menasse bekennt ihre Faszination für Johann Strauß. Besprochen wird Jens Harzers Debüt mit Oscar Wildes "De profundis" am Berliner Ensemble (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.09.2025 - Bühne

Marco Goecke ist wieder da - als Ballettdirektor in Basel und Feuilleton-Aufmacher in der SZ. Die Hundekotattacke gegen die Kritikerin Wiebke Hüster ist zwar schon auch Thema im Gespräch, das Dorion Weickmann mit dem "Ausnahmetalent" führt; Hüsters Name freilich wird im Text nicht einmal erwähnt (siehe auch hier). Stattdessen darf Goecke darlegen, wie ihm die Angelegenheit beim Selbstmarketing geholfen hat: "Die Presse hat Schlagzeile nach Schlagzeile rausgehauen und Klicks ohnegleichen kassiert - gutes Geschäft. Ich bin bekannter als je zuvor. Meine Mutter rief neulich an und erzählte von einem Vorabend-Quiz, wo die Frage lautete: 'Wie hat der Choreograf Marco Goecke eine Kritikerin attackiert - mit einer Ohrfeige, Rotwein oder …' Alle Kandidaten wussten Bescheid. Das hat sich eingebrannt."

Außerdem: Judith von Sternburg unterhält sich in der FR mit dem Autor Ferdinand Schmalz, dessen Stück "Sanatorium zur Gänsehaut" am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wird. Janis El-Bira macht sich auf nachtkritik Gedanken zur derzeit in der Theaterszene allgegenwärtigen Spardebatte. Tom Mustroph telefoniert im Tagesspiegel mit dem Regisseur Thomas Ostermeier, es geht um dessen Inszenierung der Ibsen'schen "Wildente" an der Schaubühne Berlin.

Besprochen werden Max Emanuel Cenčićs Inszenierung der Francesco-Cavalli-Oper "Pompeo Magno" beim Festival Bayreuth Baroque (van, "Man taucht ein in ein zeitloses Welttheater und wird Teil davon.", siehe auch hier), Keir McAllisters von Jochen Nötzelmann-Stahl inszeniertes Zwei-Personen-Stück "Das ist keine Bank" im Kulturhaus Frankfurt (FR, "arg hüftsteif") und Antú Romero Nunes' "Hamlet" am Theater Basel (FAZ, "ein kluger Abend, dessen Bedächtigkeit aus jeder Szene spricht und sich damit doch selbst oft im Weg steht", siehe auch hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2025 - Bühne

Szene aus "Pompeo Magno" bei Bayreuth Baroque © Clemens Manser Photography

Was für ein Spektakel! Werner M. Grimmel ist in der FAZ hingerissen von Max Emanuel Cenčićs Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Pompeo Magno" aus dem Jahr 1666, die das Festival Bayreuth Baroque eröffnete. Es geht um den Feldherrn Pompeo, der nach seinem Sieg über König Mitridate dessen Gattin Issicratea und ihren Sohn Farnace nach Rom verschleppt - daraus entsteht "ebenso unterhaltsames wie vielschichtiges Welttheater", das der Regisseur "szenisch kongenial auf Helmut Stürmers Breitwandbühne bringt, die keine Zweifel aufkommen lässt, dass das alte Rom hier nur als historische Kulisse und Namenslieferant für Geschehnisse im Venedig zur Entstehungszeit der Oper dient. Die Dogenrepublik spiegelt sich im Glanz und inoffiziell auch im Elend von Cäsars Imperium. Über feudalem Ausblick auf die Lagune prangt der Markuslöwe zwischen Butzenscheiben. Eine veritable Gondel gleitet im Hintergrund unter verzierten Steinbalkonen vorüber. Permanent halten kurzweilige Parallelaktionen das Publikum optisch und akustisch auf Trab."

Weiteres: Kathrin Ullmann unterhält sich für die taz mit Klaus Schumacher, Leiter des Hamburger Jungen Schauspielhauses. Besprochen werden Stephanie Mohrs Inszenierung von Daniel Kehlmanns neuem Stück "Ostern" im Theater in der Josefstadt und Stefan Bachmanns Inszenierung von Ferdinand Schmalz' Stück "Bumm Tschak" am Burgtheater Wien (FAZ), Nicolai Sykoschs Inszenierung von "Mephisto" nach Klaus Mann am Staatsschauspiel Dresden (taz), das Theaterprojekt "Der Bus ist abgefahren" (eine "theatrale Busfahrt") in Chemnitz (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.09.2025 - Bühne

"De Profundis." Bild: Jörg Brüggemann.

Jens Harzer gibt am Berliner Ensemble mit Oscar Wildes "De profundis" sein Debüt - und die Kritiker sind hingerissen. Wilde hatte den langen, im Gefängnis verfassten Brief an seinen Liebhaber gerichtet und als künstlerisches Bekenntnis mit einem Bibelzitat betitelt. Für Simon Strauss in der FAZ richtet Harzer in seiner Rolle "die Pistole gegen sich selbst, den von der Gemeinschaft Ausgestoßenen, Verworfenen, gegen denjenigen, der einmal ein Großer war und nun ganz klein gemacht worden ist. 'Ich bin für die Ausnahme geschaffen - nicht für die Regel', ruft er sich ins Gedächtnis und zerbricht doch an dieser Maxime. Die Stille der Zelle, die Einsamkeit, die Scham - jetzt überwältigt sie ihn. Jetzt beißt er sich den Unterarm blutig, jetzt reißt er das verschwitzte Hemd auf: Kein Clown mit zerbrochenem Herzen, sondern ein Künstler mit zerschlagener Seele kauert da, dem man die Bücher und die Feste genommen hat. Dem nur noch das Leben bleibt, ohne all die guten und schlechten Geister, die ihn zum Schreiben verführt haben."

Nachtkritiker Janis El-Bira sieht im Spiel des Ifflandring-Trägers  einen "süchtig machenden Vorgang, wie dieser Schauspieler sich und uns Texte transparent zu machen versteht. Wie er momentweise fast aus dem Tritt zu kommen scheint, sich tatsächlich aber genau neben einen Satz stellt, um dessen rätselhafte Zeichen noch beim Sprechen verdutzt anzuschauen. Wort um Wort, als ginge ihm all das just eben zum ersten Mal durch den Kopf, während die Hände jene schönen Bewegungen unsicherer Redner vollführen, die ihre selbstgebauten Wortschlaufen in der Luft mitzeichnen. Das Premierenpublikum wird Harzer dafür am Ende fest und lautstark ins Herz schließen."

Peter Laudenbach macht in der SZ auf den Gefühlsreichtum von Wilde aufmerksam, den Harzer auf der Bühne verkörpert: "Harzer zeigt, wie Wilde die Verzweiflung auskostet, in den Schmerz stürzt, sich daraus befreit und an seiner Liebe festhalten will, weil sie sein letzter Halt ist. Die kostbare Sprachbehandlung, die fein nuancierten oder abrupt kippenden Gefühlszustände, der Rückzug nach innen, die Sehnsucht, die Explosion der Bitterkeit und das somnambule Wegträumen, das sind hier nicht so sehr Virtuositätsdemonstrationen, sondern lauter Anläufe, Wilde von innen heraus zu verstehen und zum Leuchten zu bringen." Auch der Tagesspiegel ist hingerissen.

Weiteres: Die Schauspielerin Julischka Eichel fordert weniger Sparzwang und mehr Lust an der Verschwendung (Nachtkritik). "Bumm Tschak oder Der letzte Henker" von Ferdinand Schmalz am Wiener Burgtheater, Regie führt Stefan Bachmann (Welt), Wolfgang Menardis Inszenierung "Opening Night" nach John Cassavetes am Staatstheater Mainz (FR), Sharon Eyals "Corps de Walk" am Hessischen Staatsballett Wiesbaden (FR) und Klaus Manns "Mephisto", inszeniert von Nicolai Sykosch am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2025 - Bühne

Claudius und Gertrude - hier in Gestalt von Fabian Dämmich und Thomas Niehaus - in Antú Romero Nunes' "Hamlet"-Inszenierung. Foto: Ingo Höhn


Am Theater Basel hat Antú Romero Nunes Shakespeares "Hamlet" inszeniert und dafür eine Neuübersetzung von Lucien Haug benutzt. Nachtkritikerin Reingart Sauppe ist begeistert: "Die Sprache, die der Schweizer Autor Lucien Haug für seine Hamlet Übertragung gefunden hat, ist eine umwerfende Mischung aus strengem Versmaß, wörtlichen Übersetzungen und alltagssprachlichen Pointen unserer Zeit. Flott und lässig, ohne platt zu werden, trägt der unterhaltsame und immer wieder verblüffend treffsichere Text maßgeblich dazu bei, dass dieser mehr als dreistündige Abend nie langweilig wird. Neben dem großartigen Schauspielensemble ist Lucien Haug der eigentliche Star dieses Baseler Hamlets. ... Und so vom Klassikersockel geholt, schickt der Regisseur den Hof von Helsingör in ein temporeiches, atemberaubendes Verwirrspiel, das auch vom Publikum einiges abverlangt. Nicht nur weil Rollen doppelt besetzt werden, sondern weil die maximale Verunsicherung das eigentliche Ziel dieser Inszenierung ist." Was vor allem deshalb so gut gelingt, weil die Rollen auch noch mal männlich, mal weiblich besetzt sind.

Talent zum Mörder? Nils Arztmann als anarchistischer Intellektueller, dem vor seiner bourgeoisen Herkunft graut, und Ehefrau (Johanna Mahaffy) in Sartres "Die schmutzigen Hände" an der Josefstadt Wien. Foto: Astrid Knie


Dass David Bösch im Wiener Theater in der Josefstadt Sartres "Die schmutzigen Hände" als mit viel Musik unterlegtes "Männlichkeitsdrama" inszeniert, findet Margarete Affenzeller im Standard recht stimmig: "Bösch beschäftigt in seiner Inszenierung weniger die Frage nach der moralischen Komponente eines politischen Mordes als die innere Zerrissenheit des jungen Mannes, der anno 1943 vor seinem eigenen Leben in den Untergrund flieht, um Sinn für sich zu finden. Auf der Bühne wird er dabei - zumal in Moana Stembergers Hipster-Aufmachung mit gelb-grünem Strickpulli - eine vollkommen zeitgenössische Figur, die die eigene (männliche) Unsicherheit mit der Schreckenstat vertreiben möchte. Mit großer Anspannung beglaubigt Nils Arztmann dieses Schwelen innerer Konflikte." In der nachtkritik ist Reinhard Kriechbaum voll des Lobs: "Das Wesentliche sind die psychologischen Entwicklungen, die Fußangeln des eigenen Denkens. Im Gegensatz zum nebeligen Sfumato, das die Bühne überzieht, wirf diese Regie mit einem sagenhaft akkuraten Ensemble scharfes Licht auf die Brüche scheinbar unverrückbarer Überzeugungen."

Besprochen werden außerdem Verdis "Otello" an der Staatsoper Wien (Standard), Stefan Bachmanns Inszenierung von Ferdinand Schmalz' Stück gegen den Rechtspopulismus "bumm tschak oder der letzte Henker" im Akademietheater der Burg (Standard, Welt) und Philip Venables' Opern-Revue "We are the lucky ones" bei der Ruhrtriennale Bochum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2025 - Bühne

Die nachtkritik stellt die Rede online, die Milo Rau am Dienstag bei der Eröffnung des "Down to Earth"-Festivals hielt und in der er unter anderem über die Rückkehr der archaischen Politik spricht. Rau erzählt, wie er im vergangenen Jahr einem für Kultur zuständigen ranghohen Vertreter der EU-Kommission den Plan vorstellte, ein neues europäisches Gesetz zum Schutz der Kunstfreiheit durchzusetzen. Der sicherte Unterstützung zu, machte dann aber klar, "wie das läuft in der Kommission': 'Wir schreiben Gesetze, und dann müssen wir hoffen, dass sie in den einzelnen Mitgliedstaaten angewendet werden.' Mit anderen Worten: Das Ende der Geschichte hat stattgefunden, aber leider nur in den liberalen demokratischen Institutionen. Und zwar nicht, wie Trump oder Putin sich das vorstellen, weil diese Institutionen von Schwächlingen bevölkert wären, sondern weil die Demokratie nun einmal auf den Prinzipien der Gewaltenteilung, des Föderalismus und der minimalen staatlichen Eingriffe basiert. Das ist das metapolitische Ungleichgewicht unserer Zeit".

Derya Türkmen trifft sich für die taz mit der in Duisburg geborenen Regisseurin Mizgin Bilmen, die in Diyarbakır im Südosten der Türkei am dortigen Stadttheater das Stück "Jîn - Jinên Azad" inszeniert hat, in dem sieben Frauen mit Gesang und Tanz - inspiriert von kurdischer Folklore und Pina Bausch -  kurdische Geschichte performen. Kurdisch sei bei Reisen in die Türkei in ihrer Kindheit zur "verbotenen Sprache" geworden, erzählt Bilmen. Entsprechend bedeute die Inszenierung "auf einer Bühne, auf der ihre Muttersprache bislang kaum selbstverständlich war" für sie eine Rückkehr: "'Diese Sprache im öffentlichen Raum und dann auch noch in Kombination mit Kunst zu verwenden, ist schon ein großer Akt des Widerstands', sagt sie."

Besprochen wird außerdem das Tanzfestival "Contextos" im Rahmen des Plataforma Festivals im Acud (taz).