Tobias Kratzer "ist das Beste, was der Oper passieren konnte", jubelt im Spiegel Sebastian Hammelehle über den frisch gebackenen Intendanten der Hamburger Staatsoper. Künstlerisch hat er sich "viel vorgenommen. Die Spielzeit eröffnet er mit 'Das Paradies und die Peri' (streng genommen keine Oper, sondern ein sogenanntes weltliches Oratorium), einem selten inszenierten Werk von Robert Schumann aus dem Jahr 1843. Darin geht es um ein engelsgleiches Fabelwesen, die Peri, das versucht, ins Himmelreich zurückzukommen. Ein weiterer Höhepunkt folgt im Februar 2026 mit der Uraufführung von 'Monster's Paradise' , einer neuen Oper der zeitgenössischen, in Wien lebenden Komponistin Olga Neuwirth. Das Libretto um eine Art Trump-Figur hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gemeinsam mit Neuwirth verfasst. Klassische Publikumsrenner sind auf Kratzers Premierenliste für seine erste Spielzeit kaum zu finden."
Thilo Komma-Pöllath, der sich für die FAS mit Kratzer unterhalten hat, ist besonders von der "Peri" begeistert: Es ist "ein Stück der Stunde", meint er, denn es geht um Krieg, Pandemie und um "die große Frage, ob eine ältere Generation in der Lage ist, Empathie zu zeigen mit der jüngeren." Zur Begrüßung und Kontaktaufnahme zur Stadt hat sich Kratzer auch was ausgedacht: Es "war es mir wichtig, die übliche Trennwand zwischen Darstellenden und Publikum durchlässig zu machen. Im Schauspiel hat man das oft, in der Oper aber sehr selten. Die Menschen, die in den Saal kommen, werden von den Darstellern direkt gefilmt. ... Der Zuschauer schaut auf die Bühne, die Bühne schaut aber auch zurück. Wir sitzen an diesem Abend alle im selben Boot, setzen uns mit denselben Fragen auseinander. Es gibt eine kontinuierliche Rückkopplungsschleife, keine einseitige Berieselung."
Paul Jandl hat für die NZZ die Beisetzung Claus Peymanns im Nieselregen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begleitet. Die war würdig, aber nicht so schön wie Peymanns Verabschiedung in Wien: "'Theater, das bin ich!' ist so ein Peymann-Satz, der sich in den letzten Tagen zum letzten Mal bewahrheitet hat. Seit Peymanns Tod sind über zwei Monate vergangen, aber da gab es eben auch noch das Protokoll des Wiener Burgtheaters. Der prägende Hausherr der Jahre 1986 bis 1999 war Ehrenmitglied, und das heißt: Als Leichnam dreht man noch eine Ehrenrunde um das Haus am Ring. Aber nur innerhalb der regulären Spielzeit. Im Sommer ist Pause. Also warten. Dann, am Montag: Pomp, wie ihn nur das katholische und theaterselige Wien kann. Aufbahrung im schlichten schwarzen Holzsarg auf der Burgtheater-Feststiege. Blumen, Fackeln. Die Fahrt des Sargs Berlin-Wien und zurück. Insgesamt 1.500 Kilometer, aber man stirbt eben nur einmal." In der Berliner Zeitungberichtet Wiebke Hollersen.
Besprochen werden Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater ("Obwohl Parks Formwille groß ist, gelingt es allen Darstellenden, ihren Figuren Individualität und damit sich selbst mitzugeben", lobt Egbert Tholl in der SZ, mehr hier), Max Frischs "Graf Öderland" in der Inszenierung von Claudia Bossard am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ) und Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne, die gestern schon die nachtkritikwürdigte ("Die Bildsprache und die szenischen Mittel der geschlossenen Welt des Vinge-Müller-Kosmos sind so hermetisch, dass sie nur von Inszenierung zu Inszenierung weiterwuchern können. Formal sind das Gesamtkunstwerk-Opern", staunt Peter Laudenbach in der SZ. "Schon jetzt einer der Höhepunkte der Theaterspielzeit", ruft Jakob Hayner in der Welt. Wozu Ibsen spielen, wenn man ihn nicht mehr erkennt, fragt sich hingegen FAZ-Kritikerin Irene Bazinger: "Personen ohne Gesicht und Stimme staksen wie ferngesteuert über die Bühne, und niemand weiß, woher und wohin", kurz: eine "brutale Show derRegie-Eitelkeiten").
Szene aus "Peer Gynt" an der Volksbühne. Foto: Julian Röder
Nachtkritikerin Elena Philipp hat acht Stunden "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne durchgesessen und sich offenbar nicht gelangweilt. Wer will das Totaltheater von Regisseur Vegard Vinge, Bühnenbildnerin Ida Müller und Komponist Trond Reinholdtsen auch toppen? "Peer, der sich in seinem Teenie-Zimmer ausmalt, wie er den wilden Bock über den Gendingrat reitet, wird von seiner Mutter Aase in die Ecke geprügelt. 'Peer, du lügst!', jault sie schrill, so wie die Sau, auf der ihr Junge mit der Trollprinzessin davonreiten wird. Fast synchron zu ihren Schlägen dreschen die von der Technik eingespielten Brutalo-Western-Sounds auf Peer und das Publikum darnieder. Schwer atmend verlässt der Junge nach der Tracht Prügel das schnuckelige Papphaus - und haut wahllos einen vor der Bar sitzenden Gast von der Bank. Gewalt erzeugt Gewalt. Schlüssig, den 'Peer Gynt' als Coming-of-Age-Geschichte zu lesen. 'König, Kaiser will ich werden': jugendliche Allmachtsphantasien eines 'Gernegroß'. Beeinflusst ist der Knabe von Popkultur, daher die Filmplakate, die Ida Müller für eine instagrammable Ausstellung wandhoch ins Foyer gemalt hat. 'Taxi Driver', 'Rocky' oder 'Pulp Fiction' - alles nichts für schwache Mägen. Nur, dass Uma Thurman, lasziv auf dem Bett ausgestreckt, Hitlers 'Mein Kampf' liest."
Szene aus "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater. Foto: Arno Declair
Total hingerissen ist nachtkritiker Leon Frei am Münchner Volkstheater von Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter", das die Handlung in ein SciFi-Universum versetzt: "Es ist vielleicht die größte Leistung des Stücks, dass darin alles derartig hoffnungslos scheint, ja bretthart apokalyptisch - dass man der allgemeinen Verzweiflung angesichts der deprimierenden Gegenwart draußen vor den Theatertüren Ausdruck verleiht, und man doch am Ende kollektiv kathartisch summend in die Nacht hinaustritt." Park lässt die in die Prostitution getriebene Elisabeth, die in Horvaths Stück "aus Hoffnungslosigkeit stirbt", als Roboter weiterleben. "Ein Roboter, der anschließend von Stromkabeln zu Emotionen stimuliert wird, die Henriette Nagel mit so reduzierten Mitteln und doch so eindrücklich spielt, dass sie alle Blicke bannt. Und ist das nicht absurd? Fühlt man mit den sympathischen, singenden, lachenden und weinenden Robotern, mit diesen körperlichen, selbständigen, künstlichen Intelligenzen?"
Weitere Artikel: Moritz Rinkeerinnert sich im Tagesspiegel an seine späten Begegnungen mit Claus Peymann. Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit dem neuen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper Tobias Kratzer über seine Pläne.
Besprochen werden außerdem Yousef Sweids Solo-Performance "Between the River and the Sea" am Berliner Gorki-Theater (SZ), Paula Lynn Breuers Inszenierung von Guillaume Poix' Stück "Die Stille" am Zürcher Theater Neumarkt (NZZ) und zwei Premieren am Thalia Theater in Hamburg - Jorinde Dröses Inszenierung von Jarka Kubsovas "Marschlande" und Ran Chai Bar-zvis Adaption von Klaus Manns Roman "Frommer Tanz" (taz).
Der Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Omer Meir Wellber unterhalten sich im Zeit-Interview mit Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker über ihre künstlerischen Pläne für die Oper Hamburg. Omer Meir Wellber hofft, dem Orchester mehr Identität verleihen zu können: "Ein Thema ist die Persönlichkeit des Orchesters, und das ist ein Problem. Ich will, dass das Hamburgische Staatsorchester wieder wird, was es ist: ein deutsches Orchester mit einem deutschen Klang. Das bedeutet nicht, dass das Orchester diesen Klang nicht hat, aber die Prioritäten im Musikbetrieb sind derzeit andere. Alles ist so international. Und ich bin gegen jede Form von Internationalismus. Das technische Niveau von fast allen guten Orchestern auf der Welt ist enorm hoch, viel höher als früher. Aber sie klingen fast alle gleich. Das ist schade. Früher wusste man beim ersten Ton, sitze ich in Moskau im Konzert oder in Paris oder in New York. Das meine ich mit Persönlichkeit, mit Identität, mit Individualismus. Den haben wir verloren."
Außerdem: Robin Passon resümiert in der FAZ den Saisonauftakt an den Schweizer Bühnen.
"Gute Nacht, Herr Direktor" verabschiedet sich Christoph Ransmayr vom Theatermann Claus Peymann, dem das Wiener Burgtheater eine fulminante Trauerfeier widmet. Mittendrin Ransmayr, dessen Abschiedsgruß an Peymann in der FAZ abgedruckt ist: "Ach, Herr Direktor, Sie waren nicht nur ein ausdauernder Gefährte auf dem Weg ins Gebirge, sondern für so vieles zu haben, sogar für eine Verfluchung des Theaters! (…) Gleichgültig, ob ich mich diesseits oder jenseits des Bühnenportals wiederfand - am Ende eines Abends spürte ich stets den Drang, den kürzesten Weg ins Freie zu nehmen. Auch Sie, Herr Direktor, schienen diesen Weg ins Verschwinden manchmal zu bevorzugen, keiner im Theater wird schließlich dramatischer, großartiger unsichtbar als der Held eines Stücks in der Kulisse." Peymann stand dem Burgtheater zwischen 1986 und 1999 vor. Außerdem berichtet in der FAZ Andreas Platthaus von der Wiener Trauer-Sause.
Bei SZ-lerin Christine Dössel, die ebenfalls vor Ort war, liest sich das alles ein bisschen nüchterner: "Es war eine bewegende Trauerfeier, eine ohne falsche Lobhudeleien. Was hier gelang, war eine zu Peymann passende Konzentration auf das Wesentliche: nämlich auf die Sprache und die Akteure. Also auf die, die auftreten, die spielen und sprechen. Der amtierende Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann ließ in seiner persönlichen Rede schon auch den 'Dinosaurier' und 'Patriarchen' Peymann aufscheinen, nicht nur den Theaterverführer, auf dessen Plakat zur 'Hermannsschlacht' einst der gültige Satz stand: 'Theater ist schöner als Krieg'." Für Zeit Onlineist Peter Kümmel vor Ort.
Weitere Artikel: Patrick Wildermann besucht für den Tagesspiegel die Vorabpräsentation der Artisten-Show "Alizé", die ab dem 20. November am Theater am Potsdamer Platz aufgeführt wird. Für die BlZ ist Birgit Walter vor Ort. Ebenfalls in der BlZfreut sich Michael Maier darüber, dass sich in Zürich die Oper ein Wochenende lang dem Volk öffnet. Auf Backstage Classicalhofft Axel Brüggemann, dass die Theater in unmoralischen Zeiten wieder moralische Anstalten werden.
Besprochen werden außerdem zwei Produktionen am Hamburger Thalia-Theater, mit denen Christiane Lutz in einem SZ-Doppelverriss kurzen Prozess macht: Jarka Kubsovas "Marshlands" ("schwummrig, zu grell, konturlos. Und: nicht lustig") und Anne Lenks "Was ihr wollt"-Inszenierung ("Ein bisschen Genderfluidität hier, ein bisschen Queerness da, was bei Shakespeare ja kein rasend neuer Ansatz ist."), außerdem Valentin Schwarz' Kleist-Doppel "Penthesilea & Der zerbrochene Krug" am Deutschen Nationaltheater Weimar ("Sogar Thüringer Bratwürste fliegen durch die Luft", freut sich Manuel Brug in der Welt), das von Ivan Uryskyi inszenierte ukrainische Stück "Die Hexe von Konotop", das an der Berliner Urania gastiert (FAZ), "Der Hauptmann von Köpenick", inszeniert von Sebastian Hartmann am Staatstheater Cottbus ("eine große Harlekinade", lobt in der taz Torben Ibs), "Jesus Christ Superstar" in Andreas Homokis Inszenierung an der Komischen Oper Berlin, die den alten Flughafen Tempelhof bespielt ("Erstklassige Musical-Darsteller singen sich die Seele aus dem Leib", feiert Eleonore Büning in der NZZ) und Peter Wittenbergs "Eichmann vor Gericht" am Landestheater Linz (Standard).
Szene aus "Così fan tutte" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller. An Mozarts Oper "Così fan tutte" haben sich schon viele Regisseure die Zähne ausgebissen, meint FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner. Aber mit ihrer klugen Inszenierung, die einige "überkommene Details" des Librettos aktualisiert, hat die französische Regisseurin Mariame Clément an der Oper Frankfurt alles richtig gemacht: "Etienne Pluss hat ihr auf der Drehbühne zwei identische Räume mit einem schäbigen Zwischengang geschaffen, in denen eine von Bianca Deigner mit modischen Accessoires üppig ausgestattete Hochzeitsgesellschaft der Gegenwart im Grunde permanent gegenwärtig ist, als prächtiger Chor auch das Soldatenlied anstimmt, oder auch nur stumme Zeugenschaft des absurd-verwirrenden Spiels um Liebe, Treue, Ehe und Verrat ablegt." Außerdem wäre da noch Thomas Guggeis als "Dirigent mit einem nahezu somnambulen Verständnis aller Nuancen dieser vielschichtigen Partitur mit ihren unterschwelligen Stimmungen und Emotionen."
Auch Judith von Sternburg ist in der FR sehr angetan, wie man hier dem "Irrsinn der Liebe, der Anziehungskraft und der Lust, etwas zu erleben, zuschauen kann."
Weiteres: In der SZ fragt Dorion Weickmann, warum gerade die Welt des Balletts so anfällig für toxische Verhaltensweisen und Skandale ist. In der FAZ resümiert Hubert Schulz die Ruhrtriennale, mit der Abschluss-Inszenierung des Stücks "Guerinica, Guernica" durch das Theaterkollektiv FC Bergmann. In der tazbespricht Dorothea Marcus das Stück. Besprochen wird Matthias Schulz' Inszenierung der Strauss-Oper "Der Rosenkavalier" am Opernhaus Zürich (NZZ, SZ) und Laurent Pellys Inszenierung von Verdis Oper "Falstaff" am La Monnaie in Brüssel (VAN) und Antú Romero Nunes "Hamlet"-Inszenierung am Theater Basel (NZZ).
"Antigone" am Schauspiel Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld. Am Schauspiel Frankfurt wird Sophokles' "Antigone" gegeben, Selen Kara inszeniert und fügt Textausschnitte aus Anna Gschnitzers Drama "Ich, Antigone" hinzu, um die Geschichte der inzest- und machtdurchrüttelten Thebener Herrschaftsfamilie zu erzählen, der nun der tyrannische Kreon vorsteht, gegen den sich Antigone auflehnt. Tilman Spreckelsen ist in der FAZ durchaus angetan: "Die Inszenierung hat Züge eines Kammerspiels auf großer Bühne, sie zittert oft vor Anspannung und ist in anderen Passagen, besonders am Ende, nicht frei von Pathos. Vor allem aber lässt sie ein Ensemble in einem Zusammenspiel glänzen, wie man es lange nicht gesehen hat. Auch dieses von Respekt geprägte Miteinander ist womöglich die Antwort auf die Frage nach der angemessenen Haltung gegenüber den Kreons dieser Welt."
In der FRfindet Judith von Sternburg besonders die schauspielerische Leistung herausragend: "Annie Nowak ist keine klassische Heroine", doch gibt sie "der Titelheldin eine Individualität, die rührt und überrascht und ihre Mission - auch den verstoßenen der beiden toten Brüder anständig zu begraben - umso zwingender erscheinen lässt. Nowaks Antigone mag ein bisschen pubertär sein, gereizt gegen den Onkel Kreon vielleicht schon vorher, aber ein pathetisches Heldinnenende dürfte das Letzte sein, was ihr vorgeschwebt hat. Sie ist nicht stramm und rigoros, nicht rechthaberisch. Zittert ihre Stimme nicht sogar? Aber sie macht nicht mit." Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla kann sich dem Lob nur anschließen: "Annie Nowak scheint sich am schwersten mit der auferlegten Regelhaftigkeit zu tun. Sie, die dann am meisten strahlt, wenn sie improvisierend über die Stränge schlagen darf. Genau deswegen ist sie hier womöglich am genau richtigen Platz, als eine, der man die Nötigung der Unterordnung anmerkt."
Besprochen werden außerdem Werner Bräunigs Romanfragment "Rummelplatz" als Oper im Theater Chemnitz, inszeniert von Ludger Vollmer und Jenny Erpenbeck (FAZ, Nachtkritik), Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik), Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner", inszeniert von Jan Friedrich am Theater Magdeburg (Nachtkritik), Pınar Karabulut und Rafael Sanchez inszenieren "Like Lovers Do" von Sivan Ben Yishai und Beat Sterchis Roman "Blösch" am Schauspielhaus Zürich (SZ), Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar", inszeniert von Andreas Homocki an der Komischen Oper Berlin (taz, SZ) und Milo Raus "Die Seherin" an der Berliner Schaubühne (taz).
Szene aus "Blösch". Foto: Krafft Angerer Rafael Sanchez eröffnet die Ära der neuen Intendanz Karabulut/Sanchez am Schauspielhaus Zürich mit einer Adaption von Beat Sterchis Bauernroman "Blösch" - auf Schweizerdeutsch, mit Chalet, Hund, Jodlern und Ländlerkapelle. "Meinen die das ernst?" fragtnachtkritiker Tobias Gerosa und bläst die Backen auf. Dabei hat das Stück offensichtlich Potential: "Kühe sind hier alle immer wieder, schließlich ist der Titelheld Blösch die Leitkuh des wortkargen Bauern Knuchel. Ihr gilt die erste Bemerkung - 'Himmelheilanddonner!', dass sie schon wieder nur ein Stierenkalb auf die Welt bringt - und auch die letzte, dass ihr ungenießbares Fleisch nur noch entsorgt werden könne. Blösch begrüßt als erste den spanischen Gastarbeiter Ambrosio, der als Melker bei der Bauernfamilie Knuchel anheuert, und als sie später in den Schlachthof geführt wird, ist das für Ambrosio der Anlass, die für Fremde wie ihn unwirtliche Schweiz wieder zu verlassen. Das umreißt die beiden Welten des Romans und auch der Theaterfassung, sie ist explizit aufgeteilt in Bauerntheater und Schlachttheater."
Weiteres: Jakob Hayner trifft sich für die Welt mit der Theaterregisseurin Lena Brasch, die über Antisemitismus, Familie und Arbeit spricht.
Im van Magazin stellen Kai Hinrich Müller und Rebecca Schmid Marc Blitzsteins Oper "Parabola and Circula" vor, die 96 Jahre nach ihrer Entstehung am kommenden Sonntag beim Musikfest Berlin uraufgeführt wird. Das Besondere an "Parabola and Circula": Es ist "eine Oper, die im Zeichen der Geometrie steht, mit dem Herz und Schmerz typischer Opernhandlungen versehen ist und beides in bemerkenswerter Weise zusammenführt. In einem Land abstrakter Formen wird die tragische Geschichte zweier geometrischer Figuren erzählt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Parabel (Parabola) und Kreis (Circula), den Adoptiveltern von Rechteck (Rectangula) und Punkt (Intersecta). Sie leben glücklich vereint, verlieren sich aber am Ende der Oper mit dem Tod Circulas. Zelebrieren sie zunächst eine perfekte Beziehung, kommt nach und nach der Zweifel in ihr Leben - in Diskussionen mit ihren Freunden Prism, Linea und Geodesa, die über das Beziehungsglück der beiden urteilen. Es beraube sie der Selbstständigkeit, ihr Liebesverhalten sei zudem bedrückend für den modernen Geist. Aus dem wachsenden Zweifel Parabolas wächst ein schwarzes pyramidenähnliches Projektil, das Circula am Ende tötet. Der Vorhang fällt."
"Leichter Gesang" mit Franziska Kleinert in Lila am Deutschen Theater Berlin. Foto: Jasmin Schuller
Am Deutschen Theater, wo FX Mayr Nele Stuhlers "Leichten Gesang" inszeniert hat, stimmt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) begeistert in den Publikumschor ein: "Das Publikum gibt sich Mühe, aber Franziska Kleinert, einer von vier ausgeliehenen Rambazamba-Stars, die zusammen mit drei DT-Ensemblemitgliedern auf der Bühne stehen, ist nicht zufrieden: 'Das war nicht gut. Nochmal.' Wer Kleinert kennt - und wer in Berlin täte das nicht? - wird spätestens beim zweiten Versuch mitsprechen. Sie ist eine Autorität. Mit fester Stimme. Festem Blick. Und einem Ingrimm, der seine Herkunft in der Spielwut nie verleugnen kann. Also nochmal: 'Stock im Po, Stock im Po, Stock im Po, Balsamico!'. Nein, es wird nicht besser." Toll, wie das DT "mit der akrobatischen Defragmentierung von verkrusteten Sinnhierarchien" aufräumt, freut sich Seidler. "Der Text ist wie aus einer interessant missprogrammierten Strickmaschine gefallen. ... Ein paar Bedeutungskrümel bleiben immer noch kleben und verbinden sich zu einer Textur, die irgendwie (manchmal auch mit Hilfe von gröbsten Kalauern) Neusinn oder Quersinn oder Fremdsinn oder Unsinn ergeben."
Weiteres: Die französische Regisseurin Mariame Clément spricht im Interview mit der FR über ihre Frankfurter "Così fan tutte"-Inszenierung und Frauen in der Oper: "Man sagt oft, 'Così' sei frauenfeindlich. Ich finde das nicht. Ich finde, es geht nicht darum zu beweisen, dass alle Frauen schlecht sind, sondern dass alle Frauen nicht anders sind als Männer. Also, dass Männer und Frauen gleich sind. Das hat für mich eine feministische Seite." Besprochen wird eine Ausstellung zur Geschichte des Festivals d'Avignon im Maison Jean Vilard (FAZ).
Weiteres: In der FAZ fragt Jürgen Kesting, ob die Intendanz von Tobias Kratzer der Hamburger Oper zu neuem Erfolg verhelfen kann. Andrea Pollmeier war für die FR auf der Wiesbaden Biennale, wo sie unter anderem Manuela Infantes Inszenierung von "Vampyr" gesehen hat. Besprochen wird Philipp Rosendahls Inszenierung von Ayed Akhtars Stück "Der Fall McNeal" im Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
Esther Slevogt macht sich in der nachtkritik Gedanken über das Tragische - beziehungsweise dessen weitgehende Abwesenheit im Theater der Gegenwart. Es mag Gründe geben, Kategorien wie "Schicksal" für überholt zu halten. Aber "ebenso wenig, wie der Realismus sich dafür interessiert, ob die Welt irgendwie real ist oder doch eher ein unfassbarer Albtraum, oder ob der Einzelne irgendetwas davon hat, dass die Philosophie (und der Kapitalismus) das Individuum für nicht existent erklärten, interessiert sich das Schicksal dafür, ob irgendwelche Checker oder Checkerinnen es für eine Angelegenheit halten, die tendenziell der Ideologiekritik zuzuführen ist. Es ist da, ereignet sich, produziert Ohnmacht oder Verzweiflung. Und die dunkle Aura des Tragischen eben. Für diesen Aggregatzustand aber gibt es im Theater kaum noch einen Ort, und auch kaum Bilder oder Formen, die das noch zu (anzu)fassen versuchen. Hier aber liegt vielleicht auch ein Unvermögen, eine Leerstelle." Ausnahmen, fährt Slevogt fort, gibt es zum Glück aber auch, früher etwa René Pollesch, jetzt Florentina Holzinger.
Außerdem: In der Welt ist Jakob Hayner sehr angetan davon, was Jan Philipp Gloger an seinen ersten Abenden am Wiener Volkstheater auf die Beine gestellt hat. Die tazbringt eine Doppelbesprechung zweier Stücke, die am Schauspiel Frankfurt die Saison eröffnen - Shirin Sojitrawalla ist weder von Ferdinand Schmalz' "Sanatorium zur Gänsehaut" noch von Björn SC Deigners "So langsam, so leise" allzu begeistert.