Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2026 - Bühne

"Chronoplan" am Staatstheater Mainz. Bild: Andreas Etter.


"Der Chronoplan", eine Oper von Julia und Alfred Kerr, wird am Staatstheater Mainz vom Regisseur Lorenzo Fioroni uraufgeführt, mehr als neunzig Jahre nach ihrer - unvollständigen - Niederschrift. Musikalisch wurde einiges von Norbert Biermann hinzugefügt, weiß der eher unzufriedene Jan Brachmann in der FAZ, in der launigen Geschichte um Albert Einstein und eine Zeitreisemaschine hat zudem der Regisseur Teile des Textes geändert: So "können uninformierte Opernbesucher schwer entscheiden, was das Werk und was spätere Deutungen sind. Die Werkgestalt kennen wir nicht. Und in die Werkgestalt einzugreifen, wenn man die Oper erstmals auf der Bühne zur Diskussion stellen will, ist nicht hilfreich, wenn bislang gar keine Rezeptionsgeschichte vorliegt. (…) Demonstrativ behandelt die Regie von Fioroni den 'Chronoplan' als Vorahnung des Nationalsozialismus, arbeitet jedoch kaum Figurenbeziehungen durch. Was Gabriel Venzago mit dem Philharmonischen Staatsorchester macht, ist zwar farbenreich, aber meistens so laut, dass man kaum einen Singenden hört."
 
Bernhard Uske ist in der FR wortreich gegenteiliger Meinung: "Die Inszenierung liegt in den Händen Lorenzo Fioronis, der den Stoff nicht überpolitisiert und als 'Am Vorabend von...'-Operndokument verengt. Die Anspielungen auf die kommende mörderische Diktatur sind präzise gesetzt (Einsteins Gast Max Liebermann trägt nicht mehr und nicht weniger als den Judenstern) und nicht wie so oft bei solchen Stoffen durch obligate Hakenkreuzbinden-Inflation sowie Marschkolonnentritte vergleichgültigt."
 
Auch Nachtkritiker Michael Laages ist nach Mainz gereist und entdeckt musikalisch Bekanntes wie Neues: "Das Mainzer Haus fährt alles auf, was das Theater leisten kann - vor allem, um mitzuhalten mit der Musik. Manches darin hat sich Julia Kerr ahnungsvoll angeeignet. Wenn Richard Strauss kurzzeitig wichtig ist beim Promi-Ball zu Beginn, lädt sie den Klang des Orchesters (in Mainz von Gabriel Venzago geleitet) ein bisschen auf nach Art des Komponisten. Und ab und an ist vorstellbar, dass die Komponistin auch im Kontakt mit Kurt Weill gestanden haben könnte - dessen stilbildende 'Mahagonny'-Oper mit Brechts Text entstand etwa zeitgleich mit dem 'Chronoplan'. Aber ebenso unüberhörbar ist eben auch, dass Julia Kerr in ganz und gar eigenen musikalischen Stimmungen komponiert hat. Und die Sprache des Partners und Librettisten ist ohnehin und wie immer bei Alfred Kerr extrem eigen."
 
Weiteres: Philipp Theison trauert in der FAZ um den Theaterregisseur Dieter Giesing, der im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Eva Illouz philosophiert in ihrer Rede zum 75. Geburtstag des Münchner Residenztheaters, abgedruckt in der SZ, zum Theater und dessen Verhältnis zu Wahrheit und Wirklichkeit.
 
Besprochen werden: Johan Simons' 'Antigone' am Berliner Ensemble (Welt), Claudia Bauers Inszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Frankfurt (FAZ, FR, Nachtkritiktaz, SZ), Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff", inszeniert von Luise Voigt am Thalia Theater (Nachtkritik), Voltaires "Candide", überarbeitet von Soeren Voima, Regie führt Volker Lösch
(Nachtkritik), Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" unter der Regie von Nurkan Erpulat am Gorki-Theater (Nachtkritik, Tagesspiegel) und Lisa Stieglers Inszenierung von Simone de Beauvoirs "Ein sanfter Tod" am Münchner Residenztheater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2026 - Bühne

Szene aus "Die Möwe" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Lucie Jansch

"Tolles Ensembletheater" mit gelungenen Aktualisierungen sieht Nachtkritiker Andreas Schnell in Yana Ross' Tschechow-Inszenierung "Die Möwe" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Vor allem die zweite Hälfte findet Schnell eindrücklich, wenn Ross Wolfgang Herrndorf-Texte mit einbaut. Hier "kommt der Tod ins Spiel, die Endlichkeit dieses Lebens ohne Erfüllung, dessen relative Hoffnungslosigkeit schon im Kern dieser Gesellschaft angelegt sein mag: Ein Traum aus 'Arbeit und Struktur' leitet den zweiten Teil des Abends ein: Hunde, die nur auf die Mutter hören, deren Lächeln dem Träumenden Angst macht. Immer wieder hört man sie im Theater bellen. Scheint am Ende noch so etwas wie die Möglichkeit von Glück auch für Kostja und Nina aufzuscheinen, die in der verzweifelten Gesellschaft ihren Tanz vom Anfang wieder aufnehmen, ist das Ende wie es Tschechow ersann (...) Während die anderen einfach weitermachen, stürzt sich Kostja, der sein Leben doch tanzen will (...) am Ende in den Abgrund. 

Wir brauchen jemanden, "der uns wieder aus dem ideologischen Bevormundungstheater herausführt und uns mit seiner 'Gesinnungskunst' verschont", fordert Lotte Thaler in der FAZ mit Blick auf deutsche Opernbühnen. Das gegenwärtige Regietheater habe mit seiner programmatischen Verachtung für das ursprüngliche Werk und seinem zwanghaften Drang nach Aktualisierung ausgedient. Als Vorbild für eine neue Form des Theaters könnten die Überlegungen des Theatertheoretikers Adolphe Appia dienen, der zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts Wagner aktualisieren wollte, schlägt Thaler vor. Er forderte zum Beispiel "ein minimales Bühnenbild, das nicht illustriert, sondern symbolisiert. Selbst Wagners eigene Regieanweisungen haben nichts mehr zu melden: 'alles, was Wagner hinzufügt, ist irrelevant'. Ausschlaggebend für den Regisseur ist allein die Partitur, sie enthalte 'per definitionem die theatralische Form'."

Weiteres: Wo sind "die Brünnhilden und Siegfriede, denen man wirklich gern und angstfrei zuhört?" fragt Manuel Brug in der Welt und beklagt einen Mangel an der Herausforderung gewachsenen Wagner-SängerInnen. In der taz berichtet Dorothea Marcus vom Festival Modaperf in Kamerun, organisiert von Performer Zora Snake. Besprochen werden Ivo van Hoves Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" an der Comédie Francaises (FAZ), Joana Tischkaus Choreografie "Runnin" im Frankfurter Mousonturm (FR) und Jorinde Dröses Stück "Iconic" mit Mareike Fallwickl, lynn t musiol und Jacinta Nandi (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2026 - Bühne

In der FAZ berichtet Frauke Steffens von massiven Sparmaßnahmen an der New Yorker Met. Der Deal mit Saudi Arabien, der der Met 200 Millionen Dollar über einen Zeitraum von acht Jahren in Aussicht stellte, steht in Frage steht: Ob aus haushaltspolitischen Problemen in Saudi Arabien - oder weil die Kritik an der dortigen Menschenrechtslage plötzlich doch vernommen wurde, ist nicht ganz klar. Jedenfalls überlegt Intendant Peter Gelb, nicht nur Mitarbeiter zu entlassen, Stellen in der Verwaltung zu streichen und "die Gehälter der bestbezahlten Führungskräfte" zu kürzen - auch sein eigenes, das 1,4 Millionen Dollar pro Jahr beträgt, weiß Steffens. Auch über den Verkauf der beiden riesigen Wandgemälde von Marc Chagall in der Met wird nachgedacht.

Der amerikanische Regisseur R.B. Schlather inszeniert derzeit die Oper "Amor vien dal destino" des italienischen Barock-Komponisten Agostino Steffani an der Frankfurter Oper. Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erzählt er, wie er sich der Oper, deren Komponisten er gar nicht kannte, näherte. Aber auch Schlather berichtet, wie sehr er die Veränderungen in den USA, wo er ebenfalls inszeniert, spürt: "O ja. Allgemein gesagt, sieht es mit der Kulturfinanzierung in den USA zunehmend dürftig aus. Anders als in Deutschland basiert das meiste auf privater Philanthropie, es herrschen aber zunehmend Verunsicherung und Chaos. Nehmen Sie nur die Nachricht, dass die Washington National Opera das Kennedy Center verlassen wird. Alles läuft darauf hinaus, dass Kompanien den Mut verlieren, künstlerisch etwas zu riskieren. Es geht dann um die Frage: Wie kommen wir überhaupt durch die nächste Spielzeit? Wie bekommen wir das Haus voll, wie halten wir die Geldgeber?"

Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Irene Bazinger zum Tod des im Alter von 85 Jahren verstorbenen Theaterintendanten Bernd Wilms. Besprochen werden Malte Schlössers Stück "Wer nicht gegen sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht" im TD Berlin (taz) und Miriam Ibrahims Inszenierung "Mogli oder this way is not the way to the waterfall (wirklich nicht) von Ralph Tharayil an den Bühnen Bern (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2026 - Bühne

Tipi am Kanzleramt: Frau Luna 
© Barbara Braun / TIPI AM KANZLERAMT

Beschwingt verlässt Tagesspiegel-Autorin Gunda Bartels Bernd Mottls Inszenierung der Paul-Lincke-Operette "Frau Luna" im Berliner Tipi am Kanzleramt. Das 1899 verfasste Libretto imaginiert eine Mondfahrt, das Bühnenbild "persifliert den Trashhorror piefiger Fernseh-Operettenshows der Siebziger". Eine Wiederaufführung zur rechten Zeit: "Gesungene Raumfahrer-Fantasien, wie sie das Lied 'Schlösser, die im Monde liegen' beschreibt, klingen im noch jungen Jahr 2026, das von imperialistischen Ideen viel handgreiflicherer Art geprägt ist, rührend naiv. Umso wertvoller ist es, die mit überkandideltem Witz aufgepulverte Kraft einer Unterhaltung zu spüren, die jedes martialische Marschieren zersetzt."

Katja Kollmann fragt in der taz: Ist das Royal Classical Ballet, das derzeit durch Deutschland tourt, eine Tarnorganisation, hinter der sich das russische Staatsballet verbirgt? Letzteres tritt seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 hierzulande nicht mehr auf. Rimma Wachsmann Beniashvili, Produzentin der Show, bestreitet, im Dienste Putins zu stehen. Aber Zweifel bleiben: "Als 'Administration' aufgeführt sind dort Wachsmann Beniashvili als Producerin - und neben ihr als General Director niemand geringeres als Ljudmila Titova. Titova ist eine sehr bekannte Primaballerina - und eben auch Generaldirektorin des russischen Staatsballetts Moskau. Eine ganze Reihe SolistInnen scheint auf beiden Seiten der Grenze aktiv zu sein. Dazu passt, dass beim Veranstaltungskalender des Staatlichen Russischen Balletts Moskau in den ersten Monaten des Jahres gähnende Leere herrscht. Die Kalender des Royal Classical Ballet sind zur selben Zeit pickepackevoll."

Tom Mustroph interviewt für die taz Nurkan Erpulat, dessen letzte Inszenierung - Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" - am Gorki Theater diesen Samstag Premiere feiert. Als zentrale Figur der postmigrantischen Theaterszene zieht er eine positive Bilanz seiner Zeit am Haus: "Theater ist eine Identifikationsmaschine. Und die war, obwohl sie sich selbst als fortschrittlich begriffen hat, auf diesem Auge, also dem für die Wahrnehmung einer postmigrantischen Wirklichkeit, blind. Es braucht andere Protagonisten, um diese bis dahin nicht erzählten Geschichten zu erzählen, Protagonisten auf der Bühne und hinter der Bühne. Die gab es damals nicht. Vor 400 Jahren hat Shakespeare schon gesagt, dass wir die Gesellschaft widerspiegeln müssen auf der Bühne. Dieser Spiegel war in Deutschland ziemlich krumm. Das hat sich geändert. Da war das Gorki ein Vorreiter."

Außerdem: Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper München, denkt in der FAZ über die Zukunft der Oper nach, die es seiner Meinung nach nur geben wird, "wenn Erbe nicht als Besitz verstanden wird, sondern als Aufgabe". Viel konkreter wird er nicht. Judith von Sternburg unterhält sich in der FR mit Claudia Bayer, der Regisseurin der Neuinszenierung von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" am Schauspielhaus Frankfurt. Unter anderem geht es um die Frage: Ist das Publikum in Zeiten von Trump nicht eh schon Härteres gewöhnt? Wolfgang Behrens schreibt auf nachtkritik über die Kämpfe von Dramaturgen mit ihresgleichen.

Besprochen werden Brigitte Jacques-Wajemans Inszenierung von Wassili Grossmans "Vie et Destin" im Pariser Théâtre de la Ville (FAZ: "flüssig verwirklicht... mitunter eine Spur zu formalistisch") und "Die Unruhenden", inszeniert von Christoph Marthaler nach Kompositionen Gustav Mahlers an der Staatsoper Hamburg (nmz: "Witzig, heiter und komisch ist das alles").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2026 - Bühne

Szene aus "Schwanensee".© Kyiv Classic Ballet. 

Eine "Erinnerung an die Dauerhaftigkeit der Kultur" auch während schwerster Krisen sieht Tagesspiegel-Kritikerin Yulia Valova in der "Schwanensee"-Aufführung des  Kyiv Classic Ballets im Admiralspalast in Berlin. Im Gespräch sieht die künstlerische Leiterin Tetiana Holiakova eine unsichere Zukunft auf das Ensemble zukommmen, auch wenn der Krieg einmal vorbei ist: "Seit Beginn des russischen Angriffskrieges haben sich Dutzende Vertreterinnen und Vertreter des Theater- und Ballettmilieus den Streitkräften der Ukraine oder der Territorialverteidigung angeschlossen. Nicht alle sind zurückgekehrt. Unter den Getöteten sind der Solist des Nationalopernballetts der Ukraine Artem Datsyschyn, der im März 2022 an den Folgen von Verletzungen starb, die er bei russischen Angriffen auf Kyjiw erlitten hatte. Sowie der verdiente Künstler der Ukraine, Oleksandr Schapowal, der im Herbst desselben Jahres an der Front fiel. 'Wenn wir über die Zukunft des Balletts sprechen, müssen wir ehrlich daran erinnern, zu welchem Preis diese Zukunft erkämpft wird', betont Holiakova."

Besprochen werden Thorsten Lensings Theaterabend "Tanzende Idioten" bei den Berliner Festspielen (FAZ), Tony Rizzis Stück "Endless Love/Endless Life" im Frankfurter Gallus Theater (FR), Vincent Schlarbaums Inszenierung von "Morgen ist (vorläufig) immer da" in der Box im Schauspiel Frankfurt (FR) und Caroline Anne Kapps Inszenierung von Thomas Manns Novelle "Mario und der Zauberer" am Theater Bremen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2026 - Bühne

"Die Wörter sind böse". Bild: Birgit Hupfeld.


Wolfgang Menardi inszeniert Rolf Dieter Brinkmanns Hörspiel "Die Wörter sind böse" am Schauspiel Köln, mit direkt fünf Brinkmanns, die auf Köln, auf Deutschland, auf das Leben an sich schimpfen. Nachtkritiker Martin Krumbholz hält fest: "Das Erstaunlichste an diesem Abend ist die enorme Ernsthaftigkeit, mit der er seine Agenda vorträgt, oft lippensynchron mit dem eingespielten Original-Hörspiel. Kaum einmal wird gelacht, trotz Köln-Sülz und all dem lokalmasochistischen Schabernack eines hochempfindsamen Künstlers. Formale Probleme hätten ihn nie so stark interessiert, hat Brinkmann einmal freimütig bekannt. (…) Es geht nicht um Form, es geht um die (ungebrochene) Aussage: Alles Scheiße."
 
Patrick Bahners sieht für die FAZ in Köln auch Kriegs- und Deutschlandkritik eines Unversöhnlichen: "'Hinten fährt 'ne Straßenbahn vorbei in einen Vorort. Schleppt wieder Menschen weg." Das Bild ist frappant, aber der Sache nach ist die Verschleppung als logistische Vorstufe des Völkermords hier Versatzstück einer Kulturkritik, die den Wiederaufbau als Fortsetzung der kriegerischen Vernichtung deutete. Ganz konventionell ist in diesem Zusammenhang Brinkmanns Polemik gegen die autogerechte Stadt."
 
Dass Constance Debrés Roman "Love Me Tender" auch auf der Bühne funktioniert, hätte sich SZ-Kritikerin Yvonne Poppek nicht vorstellen können, aber Regisseurin Felicitas Brucker beweist ihr in den Münchner Kammerspielen das Gegenteil. Die Protagonistin hat viel mit der Autorin gemein und steigt aus ihrem bisherigen Leben, ihrer Familie aus, von Brucker wird das Erleben auf drei Darstellerinnen verteilt: "Jede von ihnen hat ihre eigene Qualität, sodass sich ein geschickter, doppelter Effekt ergibt. Einerseits ist die Hauptfigur in viele Facetten gegliedert. Da lässt Katharina Bach einmal die Härte spüren, die Angriffslust als letzte Verteidigungsstrategie, im nächsten Moment spült Annette Paulmann Wärme und trockenen Witz auf die Bühne, schließlich vereint Jelena Kuljić so Gegensätzliches wie eine harte Panzerung und große Zerbrechlichkeit. (…) Durch dieses permanente Changieren ergibt sich ein Zweites - und das ist dann die kongeniale Bühnenübersetzung für das, was auch Debré in ihrem Roman vollzieht: Ein privates Erleben wird als gesellschaftliches Phänomen begriffen und in die Zeit übersetzt."
 
Weiteres: Sylvia Staude interviewt für die FR die israelische Choreografin Naomi Perlov, die im Tanz Zuflucht findet.

Besprochen werden:  "Ukrainomania" am Wiener Volkstheater von Jan-Christoph Gockel (taz), Christoph Marthaler inszeniert Gustav Mahlers "Die Unruhenden" an der Hamburger Oper (taz), Thorsten Lensings "Tanzende Idioten" im Haus der Berliner Festspiele (Zeit), "3 Schwestern. Eine Kosmologie" am Schauspiel Zürich, Barbi Markovićs Tschechow-Überschreibung, Regie führt Christina Tscharyiski (Nachtkritik, NZZ), "Die Wahlverwandtschaften" frei nach Goethe am Theater Basel, inszeniert von Leonie Böhm (Nachtkritik), der Ballettabend "Timeframed" am Zürcher Opernhaus (NZZ), Armin Petras' "Napoleon" am Staatstheater Saarbrücken (Nachtkritik) und "Kafkas Traum", geschrieben und inszeniert von Andreas Kriegenburg am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2026 - Bühne

Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer und Jens Harzer in "Antigone" am BE. Foto © David Baltzer

"Das kriegt man so nirgendwo sonst zu sehen. An keinem Theater des Landes. In keinem anderen Medium der Welt. Diese Hingabe. Diese Präzision. Dieses Risiko. Das ist die höchste Kunst, die schwerste Gewichtsklasse: Sophokles' 'Antigone' in Hölderlins Fassung. Nahezu unverändert. Nahezu unbeirrt", ruft ein begeisterter Simon Strauß in der FAZ. "Im Grunde ist es ein lyrischer Abend", notiert nachtkritiker Christian Rakow über Johan Simons' Inszenierung am Berliner Ensemble, die mit drei Schauspielern auskommt: Jens Harzer, Constanze Becker und Kathleen Morgeneyer. "Als Bastelnde begegnen sie einander, filigrane Handarbeiter, die sich still in sich zurückziehen und an ihren Figuren falten, um sie reihum herzuzeigen. Und wir, das Publikum, sitzen kaum atmend dabei, kaum einen Hauch wagend, staunend vor diesem Origami einer griechischen Tragödie."

Auch Peter Laudenbach (SZ) ist begeistert, dass Simons die Hölderlin-Übersetzung verwendet, obwohl sie dunkel, unzuverlässig und streckenweise kaum verständlich sei. "Von Hölderlin stammt keine akkurate Übertragung, sondern eine Dichtung aus eigenem Recht, die in ihrer Bedeutung erst im 20. Jahrhundert erkannt worden ist. Es ist die geradezu körperhaft in den Raum gestellte Sprache, die Klarheit und Konzentration, mit der die Spieler Hölderlins rhythmisierte Sätze durchdringen, ohne ins Pathosdröhnen, oder, noch schlimmer, in die billige Ironisierung auszuweichen. Es ist diese Sprachbehandlung, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht."

Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegel sehr viel verhaltener: "Nirgendwo eine politische Anspielung, nichts Aktuelles, immer wieder hat man das Gefühl, dass die drei nach einem Ausstieg suchen - und das führt sie immer mehr hinein in das böse Spiel." Das ist bitter, aber auch sehr künstlich, findet er: "Der mörderische Theben-Clan hat Kunstblut in den Adern, malerisch verschmiert und abwaschbar." In der taz fragt sich Konrad Muschick bang, ob Antigones revolutionärer Eifer auch für Rechte ein Vorbild sein könnte.

Szene aus "Die Unruhenden" an der Hamburgischen Staatsoper. Foto © Monika Rittershaus


Szenenwechsel nach Hamburg. Statt das "Riesenklangmonstrum" "Die Unruhenden" nach Gustav Mahler auf der großen Bühne der Hamburger Oper zu spielen, inszeniert Christoph Marthaler in 130 Minuten Miniaturen auf Zimmerlautstärke in der Experimentalspielstätte Opera stabile: "Überschäumender Weltenhysteriker versus skurriler Schlafmusikant. Wie geht das zusammen? Sehr gut", versichert Manuel Brug in der Welt. "Dabei gibt es, und das macht die magische Spannung, ja die Faszination dieses so ganz leisen Abends aus, Mahlers berühmte Fernmusiken von weiteren, unsichtbaren Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters, dargeboten aus dem Off, zu hören: wehmütige, zart verwehende Floskeln und Fragmente. Der bisweilen Laute wird völlig gedimmt und dabei intensiviert. Ein seine Sinfonien erst suchen Müssender auf einer Reise hin zu den Klängen, die hier, scheinbar wie bei ihrer Entstehung, durch sein Gehirn zu mäandern scheinen: Gustav Mahler, der Ruinenbaumeister."

Das mit der Zimmerlautstärke gefiel auch nachtkritiker Tim Schomacker, "weil in ihr das Staunende der Figuren - wie sie wieder rausschauen, aus sich, herrlich! - seinen Ort hat. Dessen Grundruhe immer wieder gezielt gekappt wird. Bei Mahler gern mit Bläsereinsatz und stilistischer Unwucht. Bei Marthaler mit Unvorhergesehenem. Der Briefschlitz in knapp zwei Meter Höhe, durch den plötzlich Notenblätter herein flattern. Dass Ueli Jäeggis genüssliche Blutdruckmessung das Blutdruckmessgerät klanglich plötzlich in Lautsprecherlautstärke abbildet." FAZ-Kritiker Jürgen Kesting hingegen kann der marthalernden Inszenierung gar nichts abgewinnen. Er quälte sich durch die zwei Stunden, "die sich dehnten wie eine 'Götterdämmerung' in Bayreuth".

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Wolfgang Spielvogels performativer Recherche "Nicht zu fassen" in der Frankfurter AusstellungsHalle 1A ("nicht nur eine Anklage, sondern auch ein Klagegesang in dreizehn Teilen: Kaddisch für den Rechtsstaat, der aber keinen Trost für die Hinterbliebenen der Opfer ungeahndeter RAF-Mordanschläge bereithält - und da gibt es neben dem Buback-Attentat ja auch noch die Mordfälle Herrhausen und Rohwedder", schreibt ein beeindruckter Andreas Platthaus in der FAZ), Jan-Christoph Gockels "Ukrainomania - Revue eines Lebens" nach Joseph Roth am Volkstheater Wien ("Dieser Theaterabend funktioniert, weil er wie eine Improvisation abläuft. Manches erscheint zufällig und kühn-sympathisch, weil sich Gockel von keiner festgelegten Zeit, keiner abgeklopften Biografie leiten lässt", lobt Bernd Noack in der NZZ, nachtkritik), die Uraufführung von Caren Jeß' Stück "To My Little Boy", inszeniert von Marie Bues am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Bonn Parks Inszenierung von Wedekinds "Frühlingserwachen" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik) und Nele Schillos Inszenierung von Maria Milisavljevićs "Staubfrau" auf der Studiobühne des Theaters Oberhausen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2026 - Bühne

"A Techno Ballet Odyssey". Foto: Yan Revazov


Ballett und Techno? Funktioniert ziemlich gut zusammen, erkennt Dorion Weickmann (SZ) dank der Berlin Ballett Company (BBC), die sich vom klassischen Ballett verabschiedet hat, Risiken eingeht - und ja, auch von der Stadt mit knapp 400.000 Euro Jahressubvention gefördert wird. Besser besucht als klassische Ballettstücke ist die Uraufführung von "A Techno Ballet Odyssey" im Hangar 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof in jedem Fall, stellt Weickmann fest: "Dort findet die Performance in echter Club-Atmosphäre statt. Ab sechs Uhr abends steht DJ Marco Nastič am Pult und schickt seine mit Wumms arrangierten Soundschleifen in die winterdunkle Halle. ... Die Show startet mittendrin, ohne großes Tamtam, als der umherstreifende Kameramann ein blondes Geschöpf aus dem Menschenmeer fischt und dessen Gesicht an die Wände ringsum wirft. Es handelt sich um einen androgynen Großstadt-Odysseus, der blitzartig eines der drei Podeste am Rand des Dancefloors entert, um mit einer schicken Circe den ersten Pas de deux des Abends zu absolvieren."

Die Theater versuchen derweil auf andere Weise ihre Häuser voll zu kriegen, bemerkt Nachtkritiker Georg Kasch: Immer häufiger setzen sie auf offene Foyers, auch um das Theater diverser und zugänglicher zu gestalten, so Kasch, der Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz besucht hat. Dumm ist die Idee nicht, findet er, denn: "Zentral liegen die meisten Theater. Oft bleiben ihre Foyers tagsüber ungenutzt. Leerer, beheizter, bereits öffentlich finanzierter Raum in Toplage - das schreit danach, sie für Menschen zu öffnen, die sie letztlich ohnehin bezahlen. Zumal es wenig echte Dritte Orte gibt. In jedem Café muss man früher oder später etwas bestellen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel unterhält sich Simone Kaempf mit dem Regisseur Johan Simons, der aktuell Sophokles' Tragödie "Antigone" am Berliner Ensemble inszeniert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2026 - Bühne

Zehn Tage vor der Premiere von Christoph Marthalers neuer Inszenierung "Die Unruhenden" an der Staatsoper Hamburg unterhält sich der Regisseur (zusammen mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf) im Zeit-Interview mit Florian Zinnecker darüber, warum in seinen Stücken und vor allem in den Proben immer viel gesungen wird: "Auf den Proben muss es aber mehrstimmig sein, damit die Leute aufeinander hören. Dieses Aufeinanderhören vermisse ich oft im Theater. Die Schauspieler haben ganz wunderbar ihre Texte drauf, und trotzdem spielen sie nicht richtig zusammen. Natürlich können nicht alle, die dabei sind, gut singen, manche treffen die Töne nicht, aber man muss sie trotzdem zum Singen bringen - oft können sie's doch, obwohl sie's gar nicht wussten. Josef Bierbichler zum Beispiel, im 'Wurzelfaust' am Hamburger Schauspielhaus. Ich dachte, was hat der denn für eine Stimme! Damit kann er gleich auf die Bühne!"

Außerdem: Im Tagesspiegel unterhält sich die Schauspielerin Ursina Lardi über ihre Hauptrolle als Sterbende in Thorsten Lensings Inszenierung von "Tanzende Idioten" am Haus der Berliner Festspiele. Besprochen werden Matthias Pintschers "Das kalte Herz" an der Staatsoper Berlin (Zeit), Marius von Mayenburgs "Egal" an der Berliner Schaubühne (Zeit) und Kay Voges' Gameshow-Parodie "Du musst Dich entscheiden!" am Kölner Schauspielhaus (Zeit).
Stichwörter: Marthaler, Christoph

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2026 - Bühne

Die Auswahl fürs Berliner Theatertreffen steht - und wird eifrig kommentiert. Christian Rakow ist in der nachtkritik insgesamt recht angetan. Bevorzugt wurden, wieder einmal, nicht leicht zugängliche Stücke: "So erhärtet sich der Befund über die Jahre: Die Experten-Jury des Berliner Theatertreffens sucht stärker verschlüsselte Kunstsprachen. Das schwer Dechiffrierbare und komplex Auszudeutende ist klar im Vorteil. Die politische Wirklichkeit unserer Tage findet sich in der Auswahl denn auch eher punktuell in klassische Stoffe eingearbeitet: Jette Steckel verknüpft in diskreten Andeutungen den Künstlerroman 'Mephisto' mit dem Kunst(unfreiheits)verständnis der AfD. Jan-Christoph Gockel verschaltet Schillers Feldherren-Drama 'Wallenstein' mit der Geschichte des Söldnerführers Prigoschin und seiner 'Wagner-Truppe'." Dass Vinge/Müllers "Peer Gynt" fehlt, kann Rakow freilich nicht nachvollziehen.

Ein "trauriges Theatertreffen" prognostiziert Simon Strauß in einem kurzen, apodiktischen FAZ-Kommentar. Feige und dürftig ist die Auswahl in seinen Augen, punktuelle Abhilfe verschafft einzig die Frauenquote: "Hoffentlich nicht nur dank ihr sind Jette Steckels 'Mephisto' von den Münchner Kammerspielen, Pinar Karabuluts 'Il Gattopardo' aus Zürich und Florentine Holzingers Vulkan-Vulven-Werk 'A Year without summer' eingeladen. Dazu kommen die beiden nun länger als Newcomerinnen angepriesenen Lucia Bihler mit einer Thomas-Melle-Inszenierung aus Stuttgart und Leonie Böhm mit einer 'Fräulein Else'-Adaption. Im nächsten Jahr wechselt die Jury, dann wird die Auswahl hoffentlich ein bisschen aufregender." Weiterhin kommentieren Beate Scheder in der taz, Jakob Hayner in der Welt, Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, Ulrich Seidler in der Blz und Peter Laudenbach in der SZ.

Alvin Collantes als Bibingka © Gaia Bernabe-Belvis

Beate Scheder besucht für die taz die Tanztage Berlin, ein Festival für den Tanznachwuchs in den Sophiensälen. Im Zentrum gleich mehrerer Inszenierungen steht die alltägliche Realität von Performern, also: was es heißt, vor Publikum auf der Bühne zu stehen. Alvin Collantes etwa, der am Auftaktabend auftritt, "präsentiert sein Drag-Alter-Ego Bibingka. Süß wie der philippinische Reiskuchen, nach dem sie benannt ist, unwiderstehlich, mitreißend, sexy. Collantes präsentiert aber auch die Erschöpfung, zeigt sich keuchend, schwitzend, japsend, abgeschminkt, ohne falsches Haar und hohe Hacken, so überzeugend, dass es am Ende Standing Ovations gibt." Finanziell geht es den Tanztagen leider gar nicht gut, erfahren wir noch.

Weiteres: Jonas Wahmkow berichtet in der taz von einer anlaufenden Streikbewegung von Bühnenarbeitern an Berliner Theatern. Shirin Sojitrawalla wünscht sich in der nachtkritik für 2026 weniger Störgeräusche aus dem Publikum. Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ dem Tenor Ben Heppner zum 70. In der Welt kommentiert Manuel Brug die Entscheidung des Ensembles der Washington National Opera, das angestammte Haus, das womöglich bald Melania Trump Opera House heißen wird, als Reaktion auf die Trump'sche Kulturpolitik zu verlassen. Besprochen wird Matthias Pintscher und Daniel Arkadij Gerzenbergs "Das kalte Herz" an der Berliner Staatsoper (van).