Efeu - Die Kulturrundschau

Eine grandiose Kapitulation vor den Gefühlen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2020. Die NZZ berauscht sich an der Sinnlichkeit in den Skulpturen von Auguste Rodin und Hans Arp. Die FAZ bewundert, wie der libanesische Tänzer Alexandre Paulikevitch den Bauchtanz befreit. Der Freitag lernt, dass Berlin auch als Filmkulisse für Paris, Moskau oder Mexiko taugt. Und die SZ schmilzt dahin, wenn Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão in Schweizer Mundart singen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2020 finden Sie hier

Kunst


Auguste Rodin, Meditation ohne Arme oder Die innere Stimme, um 1894. © musée Rodin. Hans Arp: Torso-Garbe, 1958 © ProLitteris.

Die Unterschiede zwischen Auguste Rodins schroff-schrundigen Skulpturen und Hans Arps polierten Oberflächen sind offensichtlich, viel spannender sind aber die gemeinsamkeiten dieser beiden Künstler, entdeckt NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Schau "Rodin/Arp" in der Fondation Beyeler, die er als sinnliches Seherlebnis ersten Ranges preist. Beide gingen vom Fragment, vom Bruch aus: "In Arps sich sanft emporschraubender 'Schattenfigur' von 1960 lässt sich mit etwas kühner Phantasie sogar das sich umschlingende Liebespaar von Rodins 'Der Kuss' herauslesen, als wäre es hier ummantelt von einem organisch-weichen Kokon, gebildet aus der wabernden Energie der eigenen Liebesglut. Das organisch Vegetabile von Arps Plastiken mit ihren fließenden Silhouetten und knospenden Brüsten spricht dabei im Grunde ganz Rodins Sprache, denn alles hier 'keimt und blüht von innen nach außen', um es nochmals mit dessen Worten zu sagen. Was bei Rodin reduktiv-abstrahierende Figürlichkeit ist, die immer wieder aus dem roh belassenen Steinsockel herauswächst, wird bei Arp zu biomorph-figürlicher Abstraktion, die den menschlichen Körper stets erahnen lässt."

Weiteres: Till Briegleb blickt in der SZ auf die Finanzlage der Kunstgalerien, die bisher zwar offenbleiben konnten, aber von ihrer eher älteren Kundschaft nicht gerade überlaufen wurden. Mit dem harten Lockdown gehen jetzt aber auch die Galerien in die Zwangspause, meldet Daniel Völzke auf Monopol. Ingo Arend begrüßt in der taz, dass Bärbel Hedinger und Michael Diers mit einer Monografie die Künstlerin Mary Warburg aus dem Schatten ihres Mannes Aby Warburg holen.
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Bühne

Lena Bopp stellt in der FAZ den libanesischen Tänzer Alexandre Paulikevitch vor, der den Bauchtanz von seinen erotischen und orientalischen Klischee befreien will: "Auch wenn er geschminkt, mit langen, offenen Locken und oft in enganliegenden Trikots auftritt, geht es in seinem Tanz nicht darum, offensiv sexuelle Reize auszustrahlen. Das Bühnenwesen, in das sich Paulikevitch verwandelt, ist komplexer, natürlich ein sexuelles Wesen, aber auch ein fühlendes, denkendes, politisches, soziales Wesen, ein Kämpfer, ein Opfer von Gewalt in einer Gesellschaft der Tabus. Den Bauchtanz will der Solotänzer befreien, indem er seine Schönheiten und Freiheiten in ein neues Konzept von zeitgenössischem Tanz integriert." Hier eine Kostprobe - und ganz und gar nicht erotisch, wie Paulikevitch dem Priester versicherte:



Missmutig hat Welt-Kritiker Manuel Brug auf arte Calixto Bieitos Berliner "Lohengrin"-Inszenierung verfolgt, bei der ihn besonders Startenor Roberto Alagna enttäuscht, der berühmterweise vor zwei Jahren sein Bayreuth-Debüt abgesagt hatte: "Gerade das schwebend zarte, auch transzendent unwirkliche Gralssilber ist seine Sache nicht mehr." Hervorragend fand Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung dagegen Vida Miknevičiūtė als Elsa von Brabant. Im Tagesspiegel fühlte sich Ulrich Amling mit Bieitos Inszenierung wie in einem Großraumbüro, "dessen Insassen sich partout nicht ins Homeoffice verabschieden wollen. Gut bekommt ihnen das nicht, Anzeichen von Stubenkoller wie nervöse Ticks und übersprunghaftes Grimassieren sind unübersehbar."

Besprochen werden außerdem eine Wiener "Tosca" mit Anna Netrebko (Standard) und Lydia Haiders Splatter-Fantasie "Am Ball" im Wiener Schauspielhaus (Standard).
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Literatur

Erste Nachrufe auf John le Carré hatten wir bereits gestern, jetzt ziehen auch die restlichen Feuilletons nach. "Angesichts von jemandem, der wie John le Carré ein Meisterinszenierer der eigenen Biografie war, wirkt der Moment seines Abtretens von der Bühne in diesem kritischen Moment der britischen Nachkriegsgeschichte wie ein letzter geschickter Regiegriff - oder ein Akt tiefer Resignation", hält Gina Thomas in der FAZ fest. Er war ein Meister der Schattierungen, der die historische Last eines Jahrhunderts auf seinen Schultern trug und in seine Romane einfließen ließ, schreibt Sonja Zekri in der SZ: "Wenn John le Carré in den letzten Jahren im Londoner Stadtteil Hampstead Besucher zum Tee empfing - er tat es nicht oft - dann saßen Jahrhunderte mit am Tisch, die Bösewichter (Kim Philby), die Opfer (des Krieges, des Brexit), vor allem aber die Uneindeutigen. Sie bildeten - auch in seinen Büchern - die größte Gruppe. Wer den schlecht gekleideten Melancholiker George Smiley als literarischen Superhelden etablieren konnte, der musste ein absolutes Gehör für menschliche Zwischentöne haben, auch, aber nicht nur in der Spionage. Es gibt nicht viele, die Grautöne so zum Leuchten bringen konnten."

Von Huldigungen, dass man beim ehemaligen Geheimdienstangestellten le Carré etwas über die tatsächliche Wirklichkeit des Spionagegeschäfts erfährt, rät Dominic Johnson in der taz dringend ab: "Ein großes Missverständnis, wenn man ihm selbst glaubt. Über seinen ersten Erfolg 'The Spy Who Came In From The Cold' sagte er einst: 'Wäre es wahr, wäre es nie veröffentlicht worden, ich war ja noch im Dienst. Meine Dienststelle ließ es zu, weil es die Wahrheit nicht wiedergab und keine Geheimnisse verriet.'" Bitter findet es Paul Ingendaay in der FAZ, dass le Carré, wie so viele Autoren, die man einst unter "Genreliteratur" einsortierte, aber längst im Literaturkanon angekommen sind, nie den Nobelpreis erhalten hat: "Wann kommt das Nobelpreiskomitee in der Gegenwart an?"

Haug von Kuenheim erinnert sich auf ZeitOnline an Begegnungen mit le Carré in den 70ern. Andreas Conrad erinnert im Tagesspiegel an John le Carrés Verhältnis zu Berlin, wo er den Bau der Mauer miterlebt hat. Weitere Nachrufe schreiben Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Sylvia Staude (FR) und Andreas Platthaus (FAZ).

Weitere Artikel: Kevin Junk schreibt in einem großen 54books-Essay über queere Literaturgeschichte, queeres Leben in der Gegenwart und die Selbstzensur der deutschen Literatur. Ronald Pohl ruft im Standard eine Dürrenmatt-Renaissance aus. Gregor Dotzauer widmet sich im Tagesspiegel der neuen Ausgabe des deutsch-niederländischen Lyrikmagazins Trimaran. In der Welt erinnert Tilman Krause an Heinrich Manns Flucht vor den Nazis. Jürgen Rauscher verabschiedet sich in der FAZ vom Lyrikmagazin Fixpoetry, das mangels finanzieller Unterstützung der Nutzer den laufenden Betrieb einstellt. Thomas Steinfeld schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Germanisten Theodore Ziolkowski.

Besprochen werden unter anderem Anke Stellings "Grundlagenforschung" (Intellectures), Urs Faes' "Untertags" (NZZ), Clemens J. Setz' "Die Bienen und das Unsichtbare" (NZZ), Gerhard Wolfs "Herzenssache" (Freitag), der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Ernst Krenek (SZ) und Franco Morettis "Ein fernes Land. Szenen amerikanischer Literatur" (FAZ).
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Film

"Das Damengambit": In der Hauptrolle - Berlin, hier als Moskau. Im Vordergrund: die US-Schauspielerin Anya Taylor-Joy (Bild: Netflix)

Thomas Abeltshauser spricht im Freitag mit Stefan Wöhleke, der die Berliner Drehorte für die Netflix-Erfolgsserie "Das Damengambit" ausfindig gemacht hat. Dass Berlin Paris, Moskau, Las Vegas und Mexiko-Stadt spielen kann - lediglich ein paar Landstraßen-Aufnahmen mussten in Kanada gedreht werden, weil us-amerikanische Weiten im Brandenburger Umland dann doch an den Leitplanken scheitern -, hätten wohl selbst die engagiertesten Flaneure der Stadt nicht gedacht: "Wir waren selbst überrascht, wie gut die Locations hier funktioniert haben. ... Aber Berlin hat da in seiner architektonischen Vielfalt auch sehr viel zu bieten. Noch, denn durch den Neubau-Einheitsbrei geht mehr und mehr verloren" und "vieles in Berlin ist saniert oder so voller Modernismen, dass es unbrauchbar ist." Der Tip hat die Berliner Drehorte genau aufgeschlüsselt.

Besprochen werden Julia Harts "I'm Your Woman" (Tagesspiegel), die japanische Zeichentrickserie "Boogiepop" (online nachgereicht von der FAZ), David Finchers "Mank" (SZ) und die chronologisch montierte Neuschnittfassung von Gaspar Noés in der Originalfassung rückwärts erzählten Vergewaltigungs- und Rachedramas "Irreversible" von 2002 (SZ).
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Stichwörter: Berlin, Netflix

Musik

In der FR verneigt sich Arno Widmann vor Beethoven, dem "größten Propagandisten der Kunstreligion". Als dieser mochte er "die Religion gesucht haben und den Frieden mit der Welt. Aber er haderte weiter mit ihr und fand - zu unserem Glück - nicht wieder hinaus aus der Kunstreligion. ...  Der Klanggebirge aufeinander stapelnde und sie wieder zum Einsturz bringende Komponist war einer, in dem sich die Erbauer und Vernichter des Industriezeitalters gerne wiedererkannten. Beethoven, der Revolutionär, ist der Blick des 20. auf ihn. Glenn Gould erklärte einmal. Beethoven sei darum so faszinierend, weil er in jedem Moment beides sei: Traditionalist und Erneuerer. Er sei solange damit beschäftigt, sich die Tradition anzueignen bis er, wie von ihr getrieben, über sie hinaus schieße." Außerdem befragt sich in der FR der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil selbst zu Beethoven.

Weiteres: In der NZZ porträtiert Thomas Schacher das Schweizer Mondrian-Ensemble. Andrian Kreye ruft in der SZ die besten Jazzveröffentlichungen des Jahres aus, darunter auch Christian Scott aTunde Adjuahs "Axiom".



Besprochen werden die eben erschienene Blumfeld-Diskografie (Jungle World), neue Beethoven-Aufnahmen (taz), eine Neuaufnahme von Händels "Messias" (FAZ), das neue Album der Schweizer Rapperin Loredana, die im deutschsprachigen Raum derzeit am meisten Kohle macht (Tagesspiegel) und ein gemeinsames, in Schweizer Mundart aufgenommenes Album von Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão, das SZ-Kritikerin Christiane Lutz ziemlich begeistert: "eine grandiose Kapitulation vor den Gefühlen." Dem Charme der Musik, der Sprache und nicht zuletzt der grobkörnigen Super8-Aufnahmen dieses sommerlichen Liebesvideos entkommt man tatsächlich nicht:

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