Bücherbrief

Körper, Birnen und Lektüre

04.10.2020. Dorothee Elmiger zündet Erkenntnisblitze in der Zuckerfabrik, Ben Lerner erzählt mit Witz und Schärfe von der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, Jean-Paul Dubois pirscht sich auf aufreizend leisen Sohlen an einen Hell's Angel heran und Uta Ruge erzählt mikroskopisch und welthistorisch vom Leben auf dem Land. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Oktober.
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Weitere Anregungen finden Sie in in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Dorothee Elmiger
Aus der Zuckerfabrik
Carl Hanser Verlag. 272 Seiten. 23 Euro

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Als "Wunderkammer", Rausch und Festmahl preisen die KritikerInnen Dorothee Elmigers Romanessay, der uns von Zuckerrohrplantagen über Kolonialismustheorien bis zum Nachdenken über den weiblichen Körper, Birnen und Lektüren führt. Man braucht ein wenig, um sich in dem verworrenen Dickicht aus Tagebuchnotizen, Gedächtnisschnipseln, Fiktionen und Fakten zurecht zu finden, räumt Zeit-Kritiker Björn Hayer ein, aber mit jeder Krauchbewegung erkennt er die tieferliegende Ordnung der Dinge: Alle Figuren verbindet eine grundsätzliche Sehnsucht nach "Ekstase oder Erlösung". Als originell, argumentierend, zugleich erzählend, psychologisch und weitschweifig beschreibt Paul Jandl in der NZZ das kaleidoskopartige Buch, in dem historische, soziologische, theologische und private Notizen einander befruchten. Im Dlf Kultur verspricht auch Jörg Magenau reiche Lesefrüchte, Gedanken und Beobachtungen über Filme, Orte oder Themen wie Sklaverei, Max Frisch oder die Kaschnitz. Hier entstehen "Erkenntnisblitze", versichert er. "Eine Feier des schwelgenden Lesens", freut sich Marlen Hobrack in der taz.

Ben Lerner
Die Topeka Schule
Roman
Suhrkamp Verlag. 395 Seiten. 24 Euro

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Die US-Wahlen stehen an, das Land ist gespalten wie nie zuvor. Als Vorgeschichte des gesellschaftlichen Bruchs lesen die KritikerInnen diesen Roman des amerikanischen Schriftstellers und Lyrikers Ben Lerner, der dem jungen Adam folgt, der in Topeka zur High School geht und im Debattierclub lernt, wie wichtig rhetorische Versiertheit auch in Bezug auf den gesellschaftlichen Status ist. Für SZ-Kritiker Felix Stephan ist der Roman über die Orientierungslosigkeit weißer, privilegierter US-Männer in den Neunzigern die "great american novel", auf die alle gewartet haben. Wie Lerner ohne große Sentimentalitäten und mit den Fugees, Windows 95, Humor und einem scharfen Blick auf die sprachlichen Gewohnheiten der Zeit eine Epoche auferstehen lässt, um heutige Verwerfungen zu erklären, dabei Politrhetorik, psychoanalytische Sprache, Rap und Jungmännerslang mixt, findet FAZ-Kritiker Kai Sina stark. Die Poesie der Sprache bewundert auch ein so reizüberfluteter wie faszinierter Frank Schäfer in der taz, während Wieland Freund (Welt) hier lernt, wie Amerika seine Sprache verlor.

Cemile Sahin
Alle Hunde sterben
Roman
Aufbau Verlag. 239 Seiten. 20 Euro

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Mit ihrem Debütroman "Taxi" (als Taschenbuch bestellen) über den Umgang einer Mutter mit dem Kriegstod ihres Sohnes -  noch im kleinen Korbinian Verlag erschienen -  sorgte die Künstlerin Cemile Sahin für Furore: Die KritikerInnen lobten das Subversive, rasend Komische, Irrwitzige des Textes. Ihr zweiter Roman "Alle Hunde sterben" ist anders - und doch ähnlich und vor allem genauso gut, versichern die KritikerInnen. Sahin erzählt in neun Episoden von neun verschiedenen Figuren, die in einem "Hochaus im Westen der Türkei" leben und vom türkischen Militär drangsaliert, zur Flucht gezwungen, gefoltert werden. Es gibt auch Hoffnung und Menschlichkeit in diesem Roman, aber keine Erlösung, schreibt ein tief beeindruckter Niklas Maak in der FAS, "weil die Erlösung nur eine politische sein könnte; das ist vielleicht das Politische an Sahins Kunstwerken (zu denen sie auch die Bücher zählt): Sie zeigen etwas, was es so noch nicht zu sehen gab, und sie machen den Deckel nicht wieder zu". Für taz-Kritiker Jens Uthoff ist vor allem interessant, "was Sahin bewusst auslässt": nämlich die Türkei als Land und sämtliche Kontexte. Es gibt nur einen Militärapparat und "Terroristen". Ihr Roman sei keineswegs einfach eine Geschichte über die Unterdrückung der Kurden in der Türkei, erklärt Sahin dann auch im Dlf-Kultur. Sie habe vor allem beleuchten wollen, wie Gewalt dargestellt werden kann. Und das zeigt sie mit ganz neuen literarischen Formen, versichert Maak in der FAS.

Jean-Paul Dubois
Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Seite
Roman
dtv Verlag. 256 Seiten. 22 Euro

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Es gibt so Romane, die in aller Unauffälligkeit eine Hymne nach der anderen auslösen - und solche sollte man mit Aufmerksamkeit zur Hand nehmen. In Frankreich ist Jean-Paul Dubois ein bereits bekannter und versierter Autor mit gut zehn Romanen in seiner Bibliografie. In Deutschland erscheint jetzt "Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise", weil er letztes Jahr den berühmtesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt erhalten hat. Der Roman handelt in einem reizvollen Setting von der Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch, oder, um genauer zu sein: eines unauffälligen Pastorensohns mit einem Hell's Angel in einer Gefängniszelle in Montréal. Alle loben, wie sich der Roman ins Gemüt einschleicht: "Auf fast aufreizend leisen Sohlen", sagt Rezensentin Katharina Teutsch in der FAZ. "Geradezu unfranzösisch" (hm, nicht gerade ein Kompliment für die Literatur des Nachbarlands), versichert Dina Netz im Deutschlandfunk. Eines noch: Angst vor der Maus in der Zelle hat in diesem Roman der Hell's Angel.

Gabriel Josipovici
Wohin gehst du, mein Leben?
Roman
Jung und Jung Verlag. 112 Seiten. 18 Euro

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Der in Nizza geborene, in Ägypten aufgewachsene und in England lebende und auf Englisch schreibende Gabriel Josipovici erzählt in seinem neuen Roman von einem Übersetzer, der nach dem Tod seiner ersten Frau mit seiner zweiten Frau von London nach Paris zieht und schließlich nach Wales. Soviel scheint sicher oder - fast sicher? So genau weiß es Rezensent Ulrich Rüdenauer in der SZ nicht: Josipovici erzählt nicht chronologisch, nie ist ganz klar, was wirklich und was fantasiert ist. Selbst an der Existenz der Ehefrauen und der Freunde, von denen der Protagonist auf langen Spaziergängen erzählt, scheint Rüdenauer manchmal zu zweifeln. Ausflüchte und Ungewissheiten sind das Thema Josipovicis, doch der Rhythmus der Prosa "erzeugt eine geradezu soghafte Wirkung, ohne dass wir auch nur ahnen, wohin es uns da zieht", beschreibt Rüdenauer seinen Lektüreeindruck. Sicher ist für ihn nur eins: Die Verzweiflung des Erzählers. Im Guardian oder einer anderen englischen Zeitung ist der Roman, der im Original vor zwei Jahren erschien, erstaunlicherweise nicht besprochen. Zu modernistisch vielleicht? Das glaubt im New Statesman jedenfalls Leo Robson, der sich auch mit dem Autor unterhalten hat, der ihm versichert: "Es gibt keine Agenda in dem was ich schreibe. Ich verabscheue jede Art von Kunst, die einer Agenda folgt."


Sachbuch

Geert Mak
Große Erwartungen
Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)
Siedler Verlag. 640 Seiten. 38 Euro

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2005 erschien "In Europa" (bestellen): ein Reisebericht des niederländischen Historikers Geert Mak und eine Bestandsaufnahme des Projekts Europäische Union, die kritisch, aber von Optimismus geprägt war. 25 Jahre später untersucht Mak noch einmal den europäischen Traum, und sehr viel geblieben ist nicht von seinen hoffnungsfrohen Erwartungen, erkennt bedauernd SZ-Kritiker Robert Prost, der dennoch einen "großartigen Überblick" über das heutige Europa gewinnt. Mak bereist die EU und "beschreibt Krisen und Helden" seit den 00er Jahren, "bis Leserinnen und Lesern klar wird, welche seltenen Möglichkeiten und Freiheitsräume hier bestehen - allerdings zeigt er auch auf, wo Europa seinem idealen Kern untreu wird", erzählt auf Spon Nils Minkmar, der die dichten und Großes an kleinen Details festmachenden Beschreibungen Maks lobt. Mak ist pessimistischer geworden, stellt auch Holger Heimann im MDR fest: "Aber das Schlusswort ist das nicht. Die Hoffnung, dass die Europäer durch Versuch und Irrtum langsam dazulernen, mag er nicht aufgeben." Auf Zeit online hat sich Fabian Busch mit Mak über dessen Buch unterhalten.

Uta Ruge
Bauern, Land
Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang
Antje Kunstmann Verlag. 480 Seiten. 28 Euro

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Der Untertitel des Buchs sagt eigentlich schon alles: "Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang". Uta Ruges Buch, aus dem wir im Perlentaucher vorgeblättert haben, ist zugleich mikroskopisch und welthistorisch übergreifend. Seinen Reiz hat es im Wechsel der Perspektiven, in der Reflexion der großen Geschichte in der privaten und umgekehrt. Die Bauernaufstände kommen vor, die Rolle der Bauern in den heutigen Medien (sie fühlen sich missverstanden!), der Klimawandel, die "Vermaisung", und wie die alten Frauen in Ruges Kindheit Stühle vor sich herschoben, weil es noch keine Rollatoren gab. Das Buch ist in der Presse mit Begeisterung aufgenommen worden: Für Andrea Seibel in der Welt ist es ein dichtes, kluges und empathisches Buch über eine für uns alle lebensnotwendige Daseinsform. FAZ und SZ loben es als glänzende, erfrischend anregende Lektüre. Ruge ist auch in einem ARD-Beitrag porträtiert worden, aber die Mediatheken sind nicht fähig, das Video online zu halten.

Johny Pitts
Afropäisch
Eine Reise durch das schwarze Europa
Suhrkamp Verlag. 461 Seiten. 26 Euro

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Fünf Wintermonate lang reiste der britische Autor, Fotograf und Journalist Johny Pitts durch Europa, an jene Orte, wo afropäische Kultur gelebt wird. Pitts nimmt uns mit in französische Banlieues, Favelas am Rande von Lissabon, nach Stockholm oder Berlin, trifft auf Rassismus und Armut und erkennt, dass Europas Gegenwart noch immer von der kolonialen Vergangenheit geprägt ist. "Fulminant" nennt in der Zeit Andreas Eckert, Professor für die Geschichte Afrikas an der Berliner Humboldt-Universität, diese Reportage, die er dem Thema geschuldet mit zunehmend gedämpften Gefühlen liest. Pitts klärt ihn darüber auf, dass es nirgends besonders gute Aussichten auf Solidarität von Migranten untereinander, auf echte Integration und ein wirkliches Gehörtwerden gibt. Der liberale Diskurs des nicht-rassistischen Selbstverständnisses in Europa, so der hochbeeindruckte Kritiker, ist vor allem eines, er ist blind. Auf die Eindringlichkeit der im Buch versammelten Bilder weist zudem br-Kritikerin Marie Schoeß hin.

Benjamin Moser
Susan Sontag
Die Biografie
Penguin Verlag. 928 Seiten. 40 Euro

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In diesem Jahr wäre Susan Sontag 87 Jahre alt geworden, kein Grund also für ein Jubiläum - und dennoch gibt es gleich drei Neuerscheinungen zu annoncieren. Sontag prägt die Geisteswissenschaften eben bis heute, sagt die Literaturkritikerin Susanne Mayer im Dlf-Kultur-Gespräch. Wer wirklich alles über Susan Sontag wissen will, dem empfiehlt sie Benjamin Mosers "monströse" Biografie. Sie staunt, wie der Autor die riesige Materialfülle in "minutiös herausgearbeiteten Themenfeldern" bündelt und mit seinem psychoanalytischen Ansatz in Sontags Inneres eindringt. Auch FR-Kritiker Arno Widmann haben die knapp 1000 Seiten nicht abgeschreckt: Moser schreibt kritisch, analytisch, der Autorin zugewandt, so versteht der Leser Sontag besser und auch die USA, das Schreiben, das Schweigen und die Bedeutung der Bilder, meint er. Zum Besten, was je über Sontag geschrieben wurde, gehören für Widmann auch Sigrid Nunez' Erinnerungen "Sempre Susan" (bestellen). Unter dem Titel "Wie wir jetzt leben" (bestellen) sind zudem gerade Erzählungen von Susan Sontag auf Deutsch erschienen.

Howard Eiland, Michael W. Jennings
Walter Benjamin
Eine Biografie
Suhrkamp Verlag. 1021 Seiten. 58 Euro

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Walter Benjamin gehört neben Hannah Arendt zu den großen Heiligen linker Intellektueller, vor allem in Deutschland, aber auch Frankreich und Amerika. In letzter Zeit mag sein Nimbus ein bisschen gelitten haben. Die heute modischen "Critical Theories" von Gender bis Queer beziehen sich eher auf Foucault und Derrida. Die vorliegende monumentale Biografie hat bisher noch kein ganz großes Echo gefunden, wohl auch, weil sie auf Englisch bereits im Jahr 2014 erschienen ist. Warum soll man ihn heute noch lesen, fragte damals Stuart Jeffries im Guardian: Klar, allein schon weil er der wichtigsten Pionier des Nachdenkens über Medientechnologien war. Die deutsche Ausgabe wurde bisher erst von Christian Thomas in der FR besprochen, eher distanziert muss man sagen, auch weil die Autoren Howard Eiland und Michael W. Jennings mit Benjamins hermetischer Seite, so scheint es, nicht so viel anfangen können. Aber die beiden Autoren liefern ja auch die Chronologie der täglichen Realität von Benjamins Leben und Werk und einen detailreichen Blick auf das "Lebenswerk einer gewaltigen intellektuellen Anstrengung" in seiner "beklemmenden Totalität", so Thomas.