Bücherbrief

Einladung an die Waghalsigen

14.10.2025. Die Buchmesse steht vor der Tür - aber wir haben schon mal eine Auswahl ausgezeichneter Bücher für Sie zusammengestellt: Dorothee Elmiger begleitet eine Theatergruppe im tropischen Regenwald. In Ozan Zakariya Keskinkilics Sprachkunstwerk "Hundesohn" erleben wir die verheerende Verliebtheit eines schwulen Muslim. Der irakisch-schweizerische Schriftsteller Usama Al Shahmani erzählt vom verdrängten Schicksal irakischer Juden. Eva Illouz blickt auf linken Antisemitismus. Reinhard Bingener und Markus Wehner warnen vor dem "Stillen Krieg", den Russland gegen Europa führt.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Dorothee Elmiger
Die Holländerinnen
Roman
Carl Hanser Verlag, 160 Seiten. 23 Euro

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Die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger steht mit ihrem schmalen Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis - und wenn es nach FAZ-Rezensent Andreas Platthaus geht, verdient sie ihn auch: Denn er hält das Buch für den "besten Roman dieses Bücherherbstes". Erzählt wird die Geschichte einer Schriftstellerin, die der Bitte eines Regisseurs folgt, mit ihm und seiner Theatergruppe im tropischen Regenwald ein Stück über das rätselhafte (und verbürgte) Verschwinden und Sterben zweier Niederländerinnen zu inszenieren. Vor allem aber dreht sich der Roman um die Frage, wie von etwas erzählt werden kann und darf, das man nicht selbst erlebt hat. Mit Referenzen auf Benjamin, Lacan, Adorno oder Milo Rau umkreist Elmiger diese Frage auf "höchstem Niveau", bescheinigt ihr Carsten Hueck im Dlf. Auch taz-Kritikerin Julia Hubernagel findet die Verweise auf Kulturgeschichte, Philosophie, Zeichentheorie, Kolonialismus und Antike extrem spannend. Platthaus zieht gar den Vergleich zu Joseph Conrads "Herz der Finsternis", nur mit verschobenem Fokus: Hier geht es um psychische statt physische Gewalt, und um weibliche Erfahrung statt um koloniale Männerfantasien, meint er und empfiehlt diese Expedition ins "klaftertiefe, abyssische Nichts" als "große neue Literatur". In der FR ermutigt Judith von Sternburg zur Lektüre: Diese Expedition in den "Mahlstrom des Lebens" ist eine "Einladung an die Waghalsigen", und auch Dlf-Kultur-Kritiker Maximilian Mengeringhaus stimmt in das Lob ein. NZZ-Rezensentin Nadine Brügger wird indes nicht nur durch die permanent verwendete indirekte Rede an die "Grenzen des Erträglichen" geführt. 

Raphaela Edelbauer
Die echtere Wirklichkeit
Roman
Klett-Cotta Verlag. 448 Seiten. 28 Euro

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Die Österreicherin Raphaela Edelbauer hat sich einen Namen als Expertin für komplexe, auch abseitige Stoff gemacht - und auch ihr jüngstes Werk reiht sich da ein: Im Mittelpunkt steht die im Rollstuhl sitzende Programmiererin Byproxy, die mit vier als Aletheia bezeichneten Philosophiestudenten ein Terror-Attentat plant: In ihren Augen ist die poststrukturalistische Theorie (der "Krebs der Postmoderne") für Phänomene von Fake News bis Orban verantwortlich und die Welt soll das endlich wissen. Sie leiden an der Auflösung des Wahrheitsbegriffs, den Foucault, Derrida und Co. zu einem rein subjektiven erklärt hätten. "Im besten Sinne seltsam" findet Zeit-Rezensent Adam Soboczynski den Roman, der zwar ein bisschen theoretische Kenntnis voraussetzt, aber nicht nur durch Wagemut besticht, sondern auch den "Maschinengewehr-Schreibstil" der Terrorgruppen der Siebziger in die technikgesättigten 2020er Jahre überträgt. Für den Welt-Kritiker Richard Kämmerlings ist der Roman spätestens dann ein "Sieg der Fiktion", wenn sich die Erzählung schließlich als "Post-Truth" zu erkennen gibt. Und im Dlf mag Oliver Pfohlmann ohnehin den Edelbauer-typischen Mix aus "Sprachlust" und "originellen Vergleichen, Wortschöpfungen und Austriazismen". In der ARD-Sendung "Titel, Thesen Temperamente" spricht Edelbauer über ihren Roman. 

Usama al Shahmani
In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
Roman
Limmat Verlag. 224 Seiten. 26 Euro

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Die Folgen des Nationalsozialismus für die Gesellschaft des Iraks wurden nie aufgearbeitet, hielt der irakisch-schweizerische Schriftsteller Usama Al Shahmani vor einiger Zeit im SWR-Kultur-Interview fest. Um ein verdrängtes Kapitel der Geschichte, nämlich das Schicksal der irakischen Juden, geht es in seinem neuen Roman: Der Protagonist Gadi reist in das ehemalige jüdische Viertel Betawin in Bagdad, um dort die Asche seines Vaters zu verstreuen. Hier taucht er nicht nur in die Vergangenheit seines Vaters ein, sondern in die Geschichte der ältesten jüdischen Community Bagdads. taz-Kritikerin Eva-Christina Meier lobt dieses spannende und reichhaltige Buch: Al Shamani, der selbst 2002 vor Saddam Hussein aus dem Irak floh, verbindet eine "geradlinige, präzise" Sprache mit Mitteln der traditionellen arabischen Literatur, so Meier. Er schildert die politischen Zerwürfnisse, die arabische Nationalisten, ganz vorne dabei der Mufti von Jerusalem Amin al-Husseini, durch ihre Kooperation mit dem Dritten Reich und Verbreitung von antisemitischer Hetze im Irak in den dreißiger und vierziger Jahren hervorriefen. Diese gipfelten in einem Pogrom in Bagdad im Jahr 1941, nach dem zahlreiche Juden nach Israel auswanderten. Auch Dlf-Kritiker Oliver Pfohlmann ist beeindruckt von der Lektüre dieses zutiefst humanistischen Buches und froh, dass Al Shahmani seinen trauernden, um Antworten ringenden Helden Gadi am Ende doch eine Art Erlösung erleben lässt. Petra Pluwatsch stimmt in der FR in das Lob ein. 


Ozan Zakariya Keskinkilic
Hundesohn
Roman
Suhrkamp Verlag. 219 Seiten. 24 Euro

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Wenn man die Kritiken zum Debütroman des Lyrikers und Politikwissenschaftlers Ozan Zakariya Keskinkilic liest, kann man sich nur wundern, warum es dieser Roman nicht wenigstens auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat: Für SZ-Kritiker Gustav Seibt ist der Roman ein so "mitreißendes wie anstrengendes" Sprachkunstwerk über eine "verheerende Verliebtheit": Erzählt wird die Geschichte von Zakariya, einem jungen schwulen Muslim mit türkischen Vorfahren in Deutschland, der versucht, zwischen Sommern in Adana und seiner Liebe zu Hassan seinen Platz in der Welt zu finden. Hassan nämlich lebt in der Türkei, geradezu "litaneihaft" wird die Vorfreude auf das Wiedersehen in verschiedenen poetischen Formen, Dialekten, Idiomen und Chats beschworen, erklärt uns Seibt, hingerissen von diesem gewaltigen Sprachstrom. Und wie hemmungslos explizit Keskinkilic über schwulen Sex schreibt, ohne dabei "schlüpfrig" zu werden, beeindruckt Seibt außerdem. Mehr als Prosa-Liebesgedicht denn als Roman sieht taz-Kritiker Ekkehard Knörer das Buch, das zwar auch politische Gegenwart von den Kriegen in der Ukraine bis Gaza widerspiegelt, vor allem ein Kunstwerk ist, "das vibriert, schwebt, schwingt" und "wunderbar musikalisch durch Wiederholungen rhythmisiert" ist. Auch FAS-Kritiker Tobias Rüther bewundert die poetische Verarbeitung von Themen wie Identität, Maskulinität und Homosexualität. In der Zeit ist Jolinde Hüchtker beeindruckt, wie leichthändig Keskinkilic Gott und den Geliebten, Beten und Ejakulieren gleichberechtigt nebeneinander stellt. Das geht so gegen alle Klischees, dass "Hedonisten wie Heilige" sich gleichermaßen provoziert fühlen dürften, freut sie sich. Im Dlf ist auch Jan Drees ausnahmelos begeistert.

Katerina Poladjan
Goldstrand
Roman
S. Fischer Verlag. 160 Seiten. 22 Euro

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Nur hymnische Kritiken gibt es für den neuen Roman der in Moskau geborenen deutschen Schriftstellerin Katerina Poladjan, der uns ein Jahrhundert lang quer durch Europa führt. Und das auf ganz besondere Art und Weise: Filmregisseur Elia begibt sich aufgrund einer Krise auf die Couch einer Psychoanalytikerin, der er seine gesamte verwinkelte Familiengeschichte erzählt. Beginnend im Jahr 1922 bei der Flucht aus Odessa erzählt er von seinem Großvater, der an der Trauer um eine verschollene Tochter fast vergeht, von seinem bulgarischen Vater, der als Architekt realsozialistische Bauten an den Goldstrand an der Schwarzmeerküste setzte oder von der unehelichen Schwangerschaft seiner italienischen Mutter. Wie Poladjan von den Therapiesitzungen in die "Weiten" der europäischen Geschichte blendet, dabei "Kulturtechniken des Films und der Psychoanalyse" verbindend und Fiktion und Realität überblendend, findet der NZZ-Kritiker Paul Jandl so brillant wie vergnüglich. Auch Jörg Plath kennt in der FAZ nur wenige, die so leicht von existenzieller Verzweiflung und den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts erzählen können wie Poladjan. "Auf wundersame Weise befreiend" erscheint dem taz-Kritiker Carsten Otte der Ton  - und in den Reflexionen, Theaterimpulsen und wilden Bildern erkennt er Anleihen an Heiner Müller, Gramsci und Calvino. Kunstvolle Szenen, raffinierte Perspektivwechsel, Dialoge voller Witz und Melancholie machen den Roman für Judith von Sternburg (FR) zu einer "verlockend schimmernde Perle des Spätsommers".


Sachbuch

Eva Illouz
Der 8. Oktober
Suhrkamp Verlag. 103 Seiten. 12 Euro

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Eva Illouz hat diesen schmalen Essay in Frankreich schon vor Monaten publiziert. Einige der ganz aktuellen Entwicklungen kannte sie zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht - aber ihre Diagnose bleibt bestehen und wurde in den deutschen Feuilletons breit diskutiert. Es gab zwei Schocks für Illouz - das macht schon der Titel klar, denn darum heißt das Buch "Der 8. Oktober". Der erste war das Massaker der Hamas, der zweite war die abgrundtief beschämende Reaktion der westlichen Linken auf die Hamas-Pogrome. Der "Genozid"-Vorwurf gegen Israel wurde schon in den Tagen unmittelbar nach dem Massaker geschmiedet. Höchst prominente linke und auch einige jüdische Autoren und Autorinnen wie Masha Gessen und Judith Butler setzten den Gazastreifen lächerlicherweise mit den Judenghettos der Nazis gleich und bezweifelten, dass israelische Frauen vergewaltigt worden waren. Ein Musterbeispiel für kluge, analytisch präzise linke Kritik an linkem Antisemitismus und Antizionismus ist der Band laut Marko Martin in der Welt. Ein starkes und durchaus notwendiges Buch, lobt im Dlf auch Catherine Newmark, die die stringente Argumentation bewundert. Sonja Zekri in der SZ findet hingegen, dass Illouz vereinfacht. Die Autorin wurde in der Presse auch oft interviewt - hier alle Links. Illouz stellt die richtigen Fragen, findet Ulrich Gutmair in der taz, wenn ihn auch nicht alle ihre Antworten gleichermaßen überzeugen. Er empfiehlt als ergänzende Lektüre Adam Kirschs Essay über den "Siedlerkolonialismus", dessen Definition mit der Zeit so verändert wurde, dass nicht mehr nur die ursprünglichen Eroberer, sondern auch die heutigen Bewohner der entsprechenden Gegenden als Siedler gelten. Ebenfalls zum Thema: das Streitgespräch zwischen Hamed Abdel-Samad, der Israel des Genozids beschuldigt, und Philipp Peyman Engel, dem Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen. Und Marina Chernivskys Essay "Bruchzeiten - Leben nach dem 7. Oktober", der sich mit den oft indifferenten Reaktionen der Mehrheitsgesellschaften auseinandersetzt.

Reinhard Bingener, Markus Wehner
Der stille Krieg
Wie Autokraten Deutschland angreifen
C.H. Beck Verlag. 362 Seiten. 20 Euro

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Der Begriff "hybride Kriegsführung" geistert seit einiger Zeit durch die Feuilletons. Aber was genau ist das eigentlich? Im Dlf-Interview machte der Journalist Reinhard Bingener neulich klar, wie vielfältig deren Formen sein können. Natürlich gehört dazu der "Cyber-War" im Internet, wie zum Beispiel Desinformationskampagnen oder Bots, die polarisierende Meinungen und Propaganda verbreiten. Aber, so erklärt Bingener, es gibt viele Formen des "stillen Krieges", die im öffentlichen Bewusstsein noch gar nicht so richtig angekommen sind, zum Beispiel das gezielte Lenken von Flüchtlingsbewegungen, die sogenannte "Weaponized Migration". Ein umfassendes Tableau all dieser Facetten, von Drohnenflügen über Sabotage bis zu Auftragsmorden, zeichnen Bingener und sein FAZ-Kollege Markus Wehner in ihrem neuen Buch zum Thema, dessen Lektüre SZ-Kritiker Nicolas Freund dringend empfiehlt. Sie zeigen dem Kritiker, dass gerade Putin seinen hybriden Krieg gegen den Westen schon längst begonnen hat, und wir, obwohl das Bewusstsein für die Gefahr langsam wächst, ziemlich hintendran sind mit unseren Sicherheitsmaßnahmen. Russland ist nicht nur ein Problem unter anderen, es betreibt einen Tiefenangriff auf unser Gesellschaftssystem, erklärt Reinhard Bingener im Interview mit dem Dlf. Wer wegen einzelner Drohnenüberflüge mit den Schultern zuckt, verstehe Putins Gesamtstrategie nicht.

Güner Yasemin Balci
Heimatland
Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie
Berlin Verlag. 320 Seiten. 24 Euro

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Die Journalistin und Filmemacherin Güner Yasemin Balci wuchs als Kind türkischer Gastarbeiter in den 1970er Jahren im Neuköllner Rollbergviertel auf, heute ist sie als Integrationsbeauftragte für den Bezirk tätig. Balci weiß also, wovon sie spricht, wenn sie in dieser autobiografisch geprägten Analyse skizziert, wie im Viertel mehr und mehr eine radikale Auslegung des Islam um sich greift. Leidtragende dieses vor allem von Zuwanderern aus dem arabischen Raum vorangetriebenen Prozesses sind in erster Linie Mädchen, betroffen sind aber auch Homosexuelle und Juden. Dabei schätzt der in der FAZ rezensierende Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, dass die Autorin aus der Perspektive einer "Minderheit der Minderheit" zu berichten weiß: die Balcis sind Aleviten und sprechen Zazaki. Zudem verbinde Balci gekonnt persönliche Erfahrungen mit ihren Einsichten aus ihrer Tätigkeit als Integrationsbeauftragte: das Staunen über andere Kindergeburtstage steht neben Berichten über Mordaufträgen zwischen Geschwistern, der leicht verklärte Blick auf den Rollbergkiez, in den die Familie irgendwann umzieht, neben Reflexionen über Atatürks ethnische Säuberung 1939. Balcis Blick ist scharf, ihr Stil leicht und pointenreich, ergänzt der Kritiker. Auch die SZ-Rezensentin Viola Schlenz empfiehlt das Buch, unter anderem jenen Wohlmeinenden, die aus falsch verstandener Toleranz oft sogar gemeinsame Sache mit illiberalen Einwanderern machen, etwa wenn es gegen Rassismus geht. Diesem lehrreichen Mix aus "leidenschaftlichem Plädoyer für den souveränen, wehrhaften Rechtsstaat, Gesellschaftskritik, Politikerschelte, Abrechnung mit dem autoritären Islam" und Kiez-Porträt, Autobiografie und Anekdotensammlung verzeiht die Kritikerin auch manche Redundanz. Nur die Dlf-Kritikerin Luise Sammann liest lieber die romantischen Passagen über das Aufwachsen in Neukölln als Balcis Kritik. In der ARD-Sendung "Titel Thesen Temparemente" spricht Balci über ihr Buch.

Peter von Becker
"Ich bin ein Magnet für alle Verrückten"
Die Einstein-Protokolle - Sein Leben, seine letzte Liebe, sein Vermächtnis
Heyne Verlag. 256 Seiten. 24 Euro

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Nicht weniger als eine "Sensation" versprechen uns die Kritiker mit diesem vom ehemaligen Feuilletonchef des Tagesspiegels Peter von Becker herausgegebenen Buch. Erstmals werden hier Albert Einsteins Gedanken zu Wissenschaft, Politik und Liebe wiedergegeben, die dieser gegenüber seiner Freundin Johanna Fantova äußerte, die sie wiederum gewissenhaft protokollierte. SZ-Rezensent Helmut Mauró lernt neben dem originellen Erfinder auch einen "ganz isolierten" Menschen kennen, der sich selbst für "blöd" hielt oder über die Ehe spottete, sie sei das unglückliche Unterfangen, "aus einem Ereignis einen Zustand zu machen". Neben der intimen Nähe der Protokolle schätzt Mauro die Mischung aus bescheidener Sachlichkeit und scharfem politischem Blick, der sich zum Beispiel im Austausch mit der Geliebten über die McCarthy-Prozesse offenbart. Einstein sieht sich am Ende als "Magnet für alle Verrückten", der bis zuletzt über Weltfrieden und Gerechtigkeit nachdenkt, wie Mauro erklärt. Auch für die Zeit-Kritikerin Marlene Knobloch ist dieses Werk ein Einstein-Buch, auf das die Welt gewartet hat: Sie erfährt nicht nur Skurriles aus Einsteins Privatleben, etwa erotische Details aus dem Liebesleben mit Fantova. Vor allem staunt sie, wie relevant Einsteins Gedanken - mehrfach gelesen - auch für die Gegenwart sind: Ganz gleich, ob er Kommunismus oder Kapitalismus verurteilt, über Atombomben, Aufrüstung oder Pazifismus nachdenkt: Stets verhält sich er zur Politik wie ein Wissenschaftler, der seine Meinung ändern kann, sobald neue Variablen auftauche, so Knobloch. Sie lernt hier einen Intellektuellen kennen, "der nicht nur nachdachte, um selbst richtig zu liegen, sondern damit die Welt richtig liegt."

Uwe Schütte
Sternenmenschen
Bowie in Gugging
Starfruit Publications. 248 Seiten. 26 Euro

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Ein ganz besonderes Buch gilt es mit diesem Werk des Germanisten Uwe Schütte zu annoncieren - und es ist wahrlich nicht nur etwas für David-Bowie-Fans. Auch wenn es eine kaum bekannte Episode aus dem Leben des Musikers rekonstruiert: Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen besuchte Bowie gemeinsam mit Brian Eno im September 1994 die Niederösterreichische Landesnervenklinik Gugging, wo der Psychiater Leo Navratil dauerhospitalisierte Menschen mit besonderer künstlerischer Begabung behandelte und förderte. Begleitet wurden Bowie und Eno von der Fotografin Christine de Grancy, deren zurückhaltend dokumentarische Aufnahmen das Glanzstück des Bandes sind, wie die Kritiker versichern. Zu erfahren ist in Schüttes Essay zudem nicht nur allerhand über die Geschichte der Klinik, in deren Gebäude heute das Museum Gugging beheimatet ist und wo in den Dreißigern die Nazis Menschen mit Behinderung ermordeten, sondern wir lernen vor allem die Gugginger Künstler kennen, unter denen sich einige, darunter August Walla, Ernst Herbeck, Oswald Tschirtner oder Edmund Mach einen Namen machten. Bowie, der mit den psychisch erkrankten Männern Zeit verbrachte, ließ die Erfahrungen schließlich in sein Album "Outside" einfließen. Der Dlf-Kritiker Tobias Lehmkuhl hebt vor allem die Bezüge hervor, die Schütte auch zu Künstlern wie Yayoi Kusama und W.G. Sebald herausstellt. NZZ-Kritiker lernt Bernd Noack allerhand über die art brut, und auch Rose Marie Gropp (FAZ) und Stephanie Grimm (taz) können sich der Faszination des Buches nicht entziehen, wenn gleich beide Schüttes Ausführungen gelegentlich etwas zu "muskulös" finden. Im radioeins des rbb spricht Schütte über sein Buch.

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