Katerina Poladjan
Goldstrand
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103971767
Gebunden, 160 Seiten, 22,00 EUR
ISBN 9783103971767
Gebunden, 160 Seiten, 22,00 EUR
Klappentext
An der bulgarischen Schwarzmeerküste entsteht in den 1950er Jahren ein Ferienort: Goldstrand, geplant als leuchtende Vision, als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Analytikerin in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt. Was tun mit den uneingelösten Versprechen der Vergangenheit?
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2025
Rezensentin Cornelia Geißler findet in Katerina Poladjans Roman vieles von deren Familiengeschichte, über die sie bei einem Treffen mit der Autorin in Berlin mehr erfährt. Poladjan, die in Russland geboren ist und mit ihrer Familie zuerst nach Rom, dann nach Deutschland emigrierte, erzählt darin vom Filmemacher Eli, der sich in seinem Schaffen und in seinen Therapiesitzungen an der Vergangenheit seiner Eltern und Großeltern abarbeitet. Wie Poladjan szenisch angelegte Erinnerungen, etwa die des Vaters an die Schiffsankunft in Odessa im Zuge der Emigration aus dem bolschewistischen Russland 1922, mit der faschistisch geprägten Vergangenheit der Großeltern überblende, die in deren altem Haus in Rom sichtbar wird, scheint die Kritikerin anspruchsvoll und gelungen zu finden. Es zeugt für sie außerdem von Poladjans selbst so ausgegebenem Lebensthema, der Frage nach der "Zuverlässigkeit von Erinnerungen". Außerdem findet Geißler spannend, wie die Autorin die Städte Rom und Odessa als Sehnsuchtsorte des Westens und des Ostens entwirft. Ein "dicht" erzählter Roman, der auf subtile Weise das "Scheitern von großen gesellschaftlichen Ideen" auf den Punkt bringt und mit der eigenen Biografie verbindet, lobt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.10.2025
Ganz überzeugt ist Rezensent Christian Mayer nach der Lektüre von Katerina Poladjans neuem Roman nicht. Zwar bewundert er ihr Gespür für "absurde Dialoge" und den leisen Tschechow-Ton, doch der monologisierende Regisseur Eli Fontana, ein "charmanter Schwätzer", gerät ihm mitunter zu ausschweifend. Poladjan lässt ihn in Therapiesitzungen und Rückblenden über Familie, Kunst und Vergeblichkeit reden - das ist komisch, aber auch ein bisschen "ermüdend", moniert Mayer. Stark seien die Passagen über Herkunft und das Erbe familiärer Kälte, schwächer die filmisch verschachtelte Struktur, die "wie ein unvollendetes Gemälde" wirke. Am Ende, so der Rezensent, dominiert das Theaterhafte, eine "Séance" der Erinnerung, die zwischen Melancholie und Ironie schwankt.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.10.2025
Für Rezensent Rainer Moritz ist es ein großes Rätsel, warum dieser Roman von Katerina Poladjan, "Meisterin des verknappten, andeutungsreichen Erzählens", nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Auf nur knapp 160 Seiten vermag es die Autorin, die großen Verwerfungen des Zwanzigsten Jahrhunderts nachzuzeichnen. Es geht um den Regisseur Eli, der bei seiner "Dottoressa" auf der Couch die Geschichte seiner Familie erzählt, unter anderem von der verschwundenen Tante Vera. Außerdem um Felix, Veras Bruder, der im Bulgarien der Vierziger Jahre Karriere als Architekt macht. Wie die Figuren von den Ideologien und Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts hin - und hergeworfen werden, schildert Poladjan mit ihrer unnachahmlichen "ins Magische" driftenden Sprache, schwärmt Moritz, und zwar ohne kommentierend oder wertend ins Geschehen einzugreifen. Ein sehr empfehlenswerter, komplexer Blick auf die Geschichte Osteuropas, versichert der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2025
Rezensent Jörg Plath kennt nur wenige, die so leicht von existenzieller Verzweiflung und den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts erzählen können wie Katerina Poladjan. Ihr neuer Roman dreht sich laut Plath um einen Filmregisseur auf der Couch, der seiner Psycoanalytikerin von seinem Film über den Verlust der eigenen Tochter berichtet und dabei die Handlung reichlich ausschmückt - zu einer Familiengeschichte der Verlassenheit. Wie die Autorin diese Geschichte anlegt, in bildstarken, eher filmisch knappen Szenen, hat Plath vor allem deshalb so gut gefallen, weil im Text bisweilen Raum ist für Heiterkeit.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.09.2025
Ein Filmregisseur erzählt seiner Therapeutin von der verwinkelten Geschichte seiner Familie, die durch ganz Europa führt, so erklärt Kritiker Carsten Otte die Prämisse von Katerina Poladjans neuem Roman, den er für sehr gelungen hält. Der Regisseur Elia erzählt von der unehelichen Schwangerschaft seiner italienischen Mutter, von seinem bulgarischen Vater, der als Architekt realsozialistische Bauten an den Goldstrand gesetzt hat, von seinem Großvater, der in der Trauer um eine verschollene Tochter fast vergeht, erfahren wir. Otte freut sich, dass Poladjan in diesen Geschichten die Brüche eines europäischen Jahrhunderts zeigt, die nicht nur in der therapeutischen Gesprächssituation aufgehen, sondern auch in Reflexionen, Theaterimpulsen und wilden Bildern, inspiriert von so unterschiedlichen Autoren wie Heiner Müller, Gramsci und Calvino. Der Ton ist lakonisch bis heiter, was er "auf wundersame Weise befreiend" findet.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.08.2025
Rezensentin Judith von Sternburg schwärmt von Katerina Poladjans neuem Roman als "verlockend schimmernde Perle des Spätsommers". Erzählt wird von Eli, einem Regisseur in der Krise, der auf der Couch einer Dottoressa seine Familiengeschichte entfaltet - zwischen Rom, Odessa und dem bulgarischen Goldstrand. Poladjan liefert dabei "die Bilder doch eigentlich mit", so Sternburg: kunstvolle Szenen, raffinierte Perspektivwechsel, Dialoge voller Witz und Melancholie. Familienbande erscheinen hier "lose Konstrukte und doch die einzigen Netze, die ein Leben lang halten". Dass Elis Tochter seinen Film ablehnt, wird zur gnadenlosen Szene über Kunst und Vergeblichkeit. Für die Kritikerin ist das Buch Kino in Prosaform - leicht und verspielt, zugleich tragisch grundiert und mit "immensem Gespür für Details".
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.08.2025
"Wunderbar verschachtelt" findet Rezensent Paul Jandl den Roman von Katerina Poladjan, der auf eine filmische Reise in die Vergangenheit einlädt: "Kulturtechniken des Films und der Psychoanalyse" verbindend, lässt uns die Autorin an den Therapiesitzungen des älteren Regisseurs Eli teilnehmen, der bei seiner "Dottoressa" in Rom auf der Couch gedanklich in die Vergangenheit reist. Da geht es zum Beispiel an die bulgarische Schwarzmeerküste, wo der kleine Eli und sein Vater einst nach der verschwundenen Tante Vera suchten, lesen wir. Jandl gefällt es sehr gut, wie Poladjan, von den Therapiesitzungen in die "Weiten" der europäischen Geschichte blendet, indem sie die komplexe Familiengeschichte Elis auffächert, die 1922 mit einer Flucht aus Odessa beginnt. Geschickt überblendet die Autorin Fiktion und Realität, Vergangenheit und Gegenwart, so Jandl, so weiß man bald nicht mehr, was Wahrheit, was Film und was der Fantasie des Regisseur entsprungen ist. An diesem "Goldstrand des Fabulierens" streckt sich der Kritiker jedenfalls mit größtem Vergnügen aus.
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