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Büchern der Saison vom
Herbst 2025, Marie Luise Knotts
Lyrikkolumne "Tagtigall", dem
"Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders
Literaturkolumne "Vorworte", der Kolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren
Bücherbriefen.
Literatur
Norbert GstreinIm ersten LichtRoman
Carl Hanser Verlag. 416 Seiten. 27 Euro
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Norbert Gstreins neuer Roman steht auf der
Shortlist für den Leipziger Buchpreis, und geht es nach den Kritiken, dürfe er ihn auch bekommen: Als "
Jahrhundertroman" von großer, teils brutaler Eleganz feiert Christoph Schröder in der
Zeit das Buch, das in drei großen Teilen vom Krieg erzählt. Wir folgen zunächst Adrian Reiter, der mit einer Axt
von seinem Vater verstümmelt wird, um ihn für den Ersten Weltkrieg untauglich zu machen, der dennoch zum Kriegsexperten wird, in den 1920er Jahren auf die Kriegsversehrten seiner Alterskohorte trifft, und schließlich 1935, inzwischen Lehrer in Salzburg, seinen Schüler Martin Baumgartner verführt, sich freiwillig als Soldat zu melden. In das Leben jenes Baumgartners, dem der zweite Teil des Romans gewidmet ist, schleicht sich Reiter mit "nüchterner Brutalität", bei dessen
Gräuelttaten schaut er gern weg, erzählt Paul Jandl in der
NZZ. Für
Dlf-Rezensent Jan Drees ist der Roman ein Meilenstein der Antikriegsliteratur, der zeigt, wie aus Nicht-Erfahrung eine
gefährliche Kriegsverherrlichung, eine Fixierung auf Gewalt und ein missverstandener Heroismus entstehen, die bis in die Gegenwart wirken. In der
FR lobt Judith von Sternburg die
innovative Struktur des Romans, etwa wenn Gstrein das Entsetzen der Kriege nur in Dialogen aufblitzen lässt. Auch
FAZ-Kritiker Andreas Platthaus feiert den Roman als formal sorgfältig gebautes, motivreiches Werk, das eindringlich Fragen nach Schuld, Davonkommen und spätem Neuanfang stellt.
Kristof MagnussonDie Reise ans Ende der GeschichteRoman
Klett-Cotta Verlag. 288 Seiten. 25 Euro
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Eine Geschichte der ganz anderen Art schenkt uns Kristof Magnusson und zwar eine, die die Kritiker reihenweise zum Lachen bringt. Oder wie
FAZ-Rezensent Oliver Jungen es ausdrückt: Diese Geschichte verspricht ein "
köstlich befellmütztes Lesevergnügen". Worum geht's? Ein erfolgreicher Schriftsteller, dem das Schreiben zunehmend öde wird, wird in den Neunzigern nach
Ende des Kalten Krieges auf einer
Gartenparty der russischen Botschaft von einem dem Frieden misstrauisch gegenüberstehendem Ex-Doppelagenten für einen großen Coup angeworben, bevor er schnellstmöglich untertauchen muss. Das ist spannend, hat Drive und Witz - wer braucht da noch Figurenpsychologie, denkt sich Jungen.
NZZ-Kritiker Paul Jandl gefällt besonders, wie Magnusson mit satirischer Zuspitzung zeigt, wie das "Böse" nach dem Ende des Kalten Krieges scheinbar nur noch
als Farce weiterlebt, sich aber rasch wieder stärkt und so die politische Gegenwart vorbereitet. "Spannend wie ein echter John Le Carré", schwärmt Florian Kaindl in der
SZ.
FR-Kritiker Martin Oehlen ist dankbar, dass es auch ein paar "
Entspannungszonen" gibt.
Dorota MaslowskaIm ParadiesRoman
Rowohlt Berlin Verlag. 160 Seiten. 24 Euro
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Dorota Maslowska war Rapperin, ist in Polen längst ein Literaturstar und hat auch hier eine veritable Anhängerschaft. Die abgehängten Figuren in ihrem neuen Roman nehmen uns mit in die
schmuddeligsten Ecken von Warschau, dorthin wo Familien im Plattenbau bei Pizza, Bier und Joints vom "erfüllten Leben ohne Gluten" träumen, wie Franz Haas in der
NZZ resümiert. Haas bewundert, wie die Autorin auf prall gefüllten 150 Seiten Schicksale verzahnt, das Seelenleben ihrer Figuren präzise, aber nie zynisch ausleuchtet und ein "
gleißendes Gesellschaftsbild" des modernen Polens vor uns erstehen lässt. Vor allem aber ist es der Sound, atemlos, derb und doch elegant "tänzelnd", der den Kritiker tief beeindruckt. Im
Dlf Kultur fühlt sich Meike Feßmann mitunter an David Lynch erinnert, wenn sich ein Studienabbrecher durch die Stadt vögelt oder eine Frau ihren Ex-Geliebten in Monster-Form verfolgt. Nur in der
FAS wird Susanne Romanowski nicht ganz glücklich: Zwar spürt sie die magische Wirkung der Geschichten und auch Olaf Kühls Übersetzung lobt sie. Die ein oder andere Erzählung gerät ihr aber zu plakativ.
Nussaibah YounisfundamentalösRoman
Unionsverlag. 384 Seiten. 24 Euro
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Zimperlich geht es auch im Roman "fundamentalös" der britischen Irak-Expertin Nussaibah Younis nicht zu: Die Tochter eines irakischen Vaters und einer pakistanischen Mutter erzählt zwar eine Geschichte, die nahe an ihre eigene angelehnt ist, aber die Entscheidung gegen ein Memoir und für einen Roman erlaubt ihr literarische Freiheiten, weshalb
NZZ-Kritiker Rainer Moritz ihre Entscheidung klug findet. Wir folgen der Kriminologin Nadia, die wegen ihres Liebeskummers London verlässt und bei einer Mission der UNO im Irak 2018/18 versucht,
IS-
Frauen zu deradikalisieren, dabei aber vor allem auf
woke Vorgesetzte, Korruption, Sex und Alkohol und nicht zuletzt ziemlich
undankbare Schützlinge trifft. Dass Younis mit Tempo und ohne Pathos erzählt, findet Moritz schon ziemlich beeindruckend. Dass sie aber zudem widersprüchliche Figuren zu zeichnen vermag, "westliche Rechthaberei" aufs Korn nimmt und noch
an Sitcoms geschulten Witz unterbringt, erscheint ihm geradezu grandios.
NilaAuf den Straßen TeheransBastei Lübbe Verlag. 144 Seiten. 20 Euro
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Gibt es einen aktuelleren Roman? Zwar ist vieles, was die junge iranische Autorin hier beschreibt, schon wieder von den jüngsten Ereignissen überholt worden, räumt Susan Vahabzadeh in der
SZ ein. Doch wenn die als Nila zeichnende Schriftstellerin hier vom
Alltag des Widerstands, von Internetsperren, Gerüchten über Gewalt und allgegenwärtiger Bedrohung erzählt, liest die Kritikerin das Buch auch als
Denkmal für alle Demonstrierenden im Iran. Dass die Autorin ihre Erlebnisse mit der Lebensgeschichte der Theologin und Frauenrechtlerin Tahere verschneidet, stellt die Proteste dort in eine "lange Tradition", erkennt Vahabzadeh. Nila beleuchtet historische Ereignisse, wie die von den USA und dem UK orchestrierte Niederschlagung der Regierung des Premiers Mossadegh, ebenso wie den fatalen Volksaufstand, der die Mullahs an die Macht brachte. Sie erzählt von Folter und Vergewaltigungen und von Müttern, "die an den
Gräbern ihrer Kinder tanzten". Ein
Gespräch mit der Übersetzerin Asal Dardan finden Sie im
Dlf Kultur.
Sachbuch
Florian FreistetterDie Farben des UniversumsCarl Hanser Verlag. 256 Seiten, 24 Euro
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Wer kein Teleskop zur Hand hat, dem sei unbedingt zu diesem Buch geraten, das uns all die leuchtenden Farben des Universums vor Augen führt. Der Astronom Florian Freistetter nimmt uns mit zum rostroten Mars, zur weißen Sonne oder
quer durch grüne Galaxien und erklärt nicht nur, woher diese Farben kommen, freut sich Volkart Wildermuth im
Dlf Kultur. Er reichert das Buch auch mit vielen schönen Anekdoten und spannenden Hintergrundinfos an. Wer wusste etwa, dass man Daten "einfärben" muss, um sie zu verstehen, dass es eine Farbe namens "Cosmic Latte" gibt - und was sind orangefarbene Zwerge? Nach dieser äußerst unterhaltsamen Lektüre hat man Lust, noch tiefer in die Welt der Astronomie einzutauchen, versichert der Kritiker.
Barbara HonigmannMischkaDrei Porträts
Carl Hanser Verlag. 112 Seiten. 22 Euro
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Jüdisch sein in der DDR muss eine ganz eigene Erfahrung gewesen sein. Barbara Honigmann arbeitet diese Geschichte seit vielen Büchern auf. Hier nun erzählt sie, emphatisch begrüßt von den Kritikern in allen Zeitungen, die Geschichte einiger
jüdisch-kommunistischer Freunde, denen sie in der DDR und in Moskau begegnete, und das führt zu einem Blick in einen Abgrund, den man die Geschichte selbst nennen könnte. Marko Martin zitiert in der
Jüdischen Allgemeinen einen Satz, in dem diese historische Erfahrung zusammenschießt: "Eine neue Topografie eröffnete sich mir, die Ortsnamen
Workuta,
Kolyma,
Magadan fügten sich nun zu denen, die ich mein ganzes Leben vorher gehört hatte,
Auschwitz,
Theresienstadt,
Buchenwald, sowie die Flucht- und Emigrationsrouten nach England, nach Amerika, nach Palästina, nach Shanghai." Paul Jandl spricht in der
NZZ von einem "Nebeneinander aus wahnhaften Systemen", in dem die Menschen um ihren Verstand ringen - aber alle Autoren heben auch die Wärme und den Witz der Protagonisten und der Erzählerin hervor.
Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das LebenDie Scham muss die Seite wechseln
Piper Verlag Gebunden. 256 Seiten. 25 Euro
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Gisèle Pelicots Geschichte ist ein Alptraum - man muss sie hier nicht noch mal erzählen. Aber die Art und Weise, wie sie damit umging, ist epochal und wird wohl für alle Zeiten den Blick auf männliche Gewalt gegen Frauen verändern. Für ihre Memoiren haben die Verlage eine gewaltige Vermarktungsmaschinerie in Gang gesetzt. In 22 Ländern erschien das Buch gleichzeitig - Pelicot wollte es so. Doch
jenseits des Getöses ist das ein packendes Buch, versichern die Rezensentinnen: Martina Meister, um sie stellvertretend zu nennen, liest das Buch in der
Welt atemlos, und zwar weil Pelicot klar und deutlich benennt, was ihr zugestoßen ist, dabei nie Voyeurismus bedient - dafür aber umso mehr Stärke und Resilienz beweist, staunt Meister. Und so liest die Kritikerin von dem Moment, in dem Pelicot von den brutalen Vergewaltigungen erfuhr, vom folgenden Prozess, Ablehnung aus Teilen der Öffentlichkeit und durch zwei ihrer drei Kinder, aber auch immer wieder davon, wie Pelicot dagegen ankämpfte, dem Hass zu verfallen oder
als Opfer wahrgenommen zu werden. Alle Rezensentinnen betonen vor allem zwei Dinge: die autobiografische Tiefe, die Pelicot dem Buch gibt, und die Zweispältigkeit, die sie im Blick auf ihren Ehemann zulässt. Er war ein Monster, aber eines, das sie liebte, bevor sie wusste, dass er eines war.
Judith KesslerKann denn Liebe Sünde sein?Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz
Nicolai Verlag. Gebunden. 200 Seiten. 24 Euro
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1924 schrieb er "Bubi, lass uns Freunde sein", einen der ersten Schlager, der homosexuelle Liebe thematisierte. 1933 emigrierte er nicht. Und in der Folge schrieb er Schlagertexte, die
selbst heute noch in aller Ohren sind. Den titelgebenden natürlich, aber auch "Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n", die kriegsmüden Deutschen aufmunternde Titel wie "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" und "Davon geht die Welt nicht unter", und nach dem Krieg "Wir wollen niemals auseinandergeh'n" oder "Mama". Die Frage,
wer Bruno Balz war, stellt sich also zu Recht. Ein Homosexueller, von den Nazis verfolgt, der von Zarah Leander bei Goebbels aus dem Gefängnis geeist wurde, was dieser mitmachte, weil die Nazis Balz für ihre
Durchhaltefilme brauchten! Besprochen ist das Buch bisher nur einmal in den von uns ausgewerteten Medien. Über den Schöpfer ist eher weniger bekannt, informiert Tilman Krause in der
Welt. Daher kommt Kesslers sachkundiges und zugleich einfühlsames Buch gelegen, so der zufriedene Kritiker. Eine
ausführliche Kritik gibt es noch in den
kulturbuchtipps: Die Autorin "lässt die Mechanismen der NS-Kulturpolitik sichtbar werden, ohne dass ihr Buch zu einer Abhandlung darüber würde", lobt Ralph Krüger, dem gut gefällt, wie Kessler
persönliche und politische Geschichte verschränkt. "Zugleich beleuchtet sie die Widersprüche der Nachkriegszeit, in der Balz' Kunst zwar weiterlebte, sein Name aber verschwand. Dass sie diese Leerstelle nicht nur benennt, sondern auch nachempfindbar macht, ist eine ihrer größten Leistungen."
Evan OsnosYacht oder nicht YachtNachrichten aus der Welt der Ultrareichen
C.H. Beck Verlag. 315 Seiten. 20 Euro
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Der Mann kann schreiben, das ist schon mal ein großer Vorzug gegenüber griesgrämigen linken Theoretikern, die
das Thema "
Superreiche" sonst gern beackern. Das Buch besteht aus sechs Reportagen, die der Autor für den
New Yorker geschrieben hat. Sie "verbindet der Wunsch nach
klaren Fakten, nicht nach Abstraktionen", schreibt Evan Osnos in seinem Vorwort. Er hat, ebenfalls anderes als linke Theoretiker,
die Anschauung gesucht und begleitete etwa einen berühmten Rapper zu einer Geburtstagsparty für Oligarchenkinder. Wer es wirklich in den
Bezos-Musk-Zuckerberg-Club geschafft hat, besitzt eine viele Millionen teure Yacht, lernt Nana Brink im
Deutschlandfunk. Auf der die Superreichen, die auch jede Menge politische Macht haben, sich gleichzeitig vor kommenden Krisen zu schützen versuchen. Superprepper gewissermaßen. Brink, die das Buch mit einigem Gewinn gelesen hat, kann all das kaum glauben.